Montag, 21. August 2017
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150 Jahre Frauenbewegung 1865-2015

Gründung des Allgemeine Deutsche Frauenvereins 16.-18.10.1865

Vor 150 Jahren wurde anlässlich einer Frauenkonferenz vom 16.-18. Oktober 1865 in Leipzig der Allgemeinen Deutsche Frauenverein e.V (ADF) gegründet. Zwei Frauen initierten maßgeblich diese Konferenz, die heute auch als wichtige Geburtsstunde der deutschen Frauenbewegung in der Geschichte angesehen wird: Louise Otto-Peters und Auguste Schmidt.

Gründung des Allgemeine Deutsche Frauenvereins 16.-18.10.1865
Gründung des Allgemeine Deutsche Frauenvereins 16.-18.10.1865. Initiiert durch Louise Otto-Peters und Auguste Schmidt in Leipzig

Louise Otto-Peters (auch Luise Otto-Peters, Pseudonym Otto Stern; * 26. März 1819 in Meißen; † 13. März 1895 in Leipzig) war sozialkritische Schriftstellerin und wurde zur Mitbegründerin der bürgerlichen deutschen Frauenbewegung.
Bereits 1849 gab sie die erste Frauenzeitschrift heraus, und bereitete damit die öffentliche Diskussion um Frauenrechte und Teilhabe maßgeblich vor.

Auguste Schmidt (Friederike Wilhelmine Auguste Schmidt; * 3. August 1833 in Breslau; † 10. Juni 1902 in Leipzig) Lehrerin und Schriftstellerin. Sie engagierte sich vor allem für die Mädchenbildung und die Rechte von Frauen in der Berufsausübung.
1869 beteiligte sich Auguste Schmidt zusammen mit der Lehrerin Marie Calm (1831–1887) aus Kassel an der Gründung des Vereins deutscher Lehrerinnen und Erzieherinnen. 1890 hob sie in Friedrichroda zusammen mit Helene Lange den Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins (ADLV) mit aus der Taufe. Von 1894 bis 1899 fungierte sie als Vorsitzende des Bundes Deutscher Frauenvereine (BDF), einer Dachorganisation der bürgerlichen Frauenbewegung, zu dessen Gründerinnen sie ebenfalls gehörte.

Ziele des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins

Im damaligen bürgerlichen Zeitalter war Frauen Bildungsfreiheit und Berufsfreiheit verwehrt. Frauen aus dem Bürgertum standen damals nur die Berufe Gouvernante, Lehrerin, Gesellschafterin und allenfalls Heimarbeit offen. Frauen waren auch nicht zu höheren Bildungsinstitutionen zugelassen, sogar Abitur und Universitätsstudium waren ihnen verwehrt.

Bereits der erste Paragraph des ADV war eine Kampfansage an die enge bürgerliche Gesellschaft:

„§1 des ADF:
„Der Allgemeine deutsche Frauenverein hat die Aufgabe, für die erhöhte Bildung des weiblichen Geschlechts und die Befreiung der weiblichen Arbeit von allen ihrer Entfaltung entgegenstehenden Hindernissen mit vereinten Kräften zu wirken.

Der ADF forderte ein Recht auf Arbeit und die Einrichtung von Industrie- und Handelsschulen für Mädchen und gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Auch der Kampf für eine höhere Schulbildung mußte erst aufgenommen werden. Eine der wichtigsten Forderungen war der Zugang zum Abitur für Frauen.

Frauen-Zeitung Probe-Nr. 21.4.1849
Frauen-Zeitung Probe-Nr. 21.4.1849 –
redigirt von Louise Otto – Abb.: gemeinfrei

Geist der Zeit – Aufbruch aus tiefer Bedrückung

In welchem bedrückenden Zeitgeist die Frauen zu der Konferenz aufriefen, wurde auch in den Eingangsworten von Dr. Louise Otto-Peters deutlich, die die Versammlung eröffnete:

„Wenn ich es wage heute und hier das Wort zu ergreifen ohne das Talent der Rede, ja selbst das dazu geeignete Organ zu besitzen — so muß ich mich gleich im Voraus mit der Pflicht entschuldigen, die mir meine Stellung als Vorsitzende des Frauenbildungsvereins und des Comités, welches diese Frauenconferenz einberufen, auferlegt.

Allerdings muß ich sagen, dass zu dieser Pflicht auch das Bedürfniß des eignen Herzens kommt, der Drang, Ihnen Allen die Sie hier erschienen sind den tiefgefühltesten Dank dafür zu sagen in meinem eignen Namen, wie im Namen Derer, die sich hier mit mir schon längst zu gleichem Werke verbunden haben!“

Die Protokolle der 1. Frauenkonferenz sind vom Deutsche Textarchiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften digitalisiert worden, und können hier abgerufen und nachgelesen werden:
Deutsches Textarchiv – Korn, Philipp Anton: Die erste deutsche Frauen-Conferenz in Leipzig. Leipzig, 1865. Archivlink.

Auch einige Männer waren damals anwesend: August Bebel war wohl die Leitfigur, die für die Verbindung von Sozialdemokratie und die Frauenbewegung sorgte, die bis heute fortbesteht. Der Philosoph Peter Carl Pius Gustav Hermann Freiherr von Leonhardi wurde zum Ehrenmitglied ernannt. Er war in der freireligiösen Bewegung engagiert. Leonhardi war Schüler und Schwiegersohn von Karl Christian Friedrich Krause (1781–1832), dessen handschriftlichen Nachlass er herausgab – und wurde von dessen sozialreformerischen Schriften und den pantheistischen und idealistischen Ideen des „Krausimo“ beeinflusst.

1849 übernahm Leonhardi eine Professur für Philosophie an der Universität Prag. Dort gab er die Zeitschrift Die Neue Zeit heraus und organisierte Philosophenkongresse. Er war mit Friedrich Fröbel befreundet und arbeitete eng mit Bertha von Marenholtz-Bülow und Louise Otto-Peters zusammen. Diese Verbindung sorgte so für weitere Reputation und akademische Relevanz.

Geschichte des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF)

150 Jahre wechselvolle Geschichte des ADF lassen sich kaum angemessen in wenigen Zeilen darstellen. Deshalb sollen hier nur wichtige historische Marksteine und Ereignisse in verdichteter Form genannt werden. Doch es gibt sehr wertvolle Zugänge zu Archiven, und so geben die Anmerkungen und Links wertvolle Hinweise für weitere vertiefte Recherchen.

Noch im Jahr 1865 breitete sich der ADF aus. Waren es zuerst vorwiegend Frauen aus Sachsen, und wenige zugereiste Frauen aus anderen Regionen Deutschlands, so folgte sehr schnell die Gründung zahlreicher Lokalvereine.
Zu den ersten Aktivitäten und wichtigsten Initiativen des jungen Verbandes gehörten die Herausgabe der Verbandszeitschrift die „Neuen Bahnen“.
Der ADF widmete sich insbesondere dem Petitionskampf um Berufstätigkeit und Bildung von Frauen. Es folgten praktisch 30 Jahre Kampf – bis endlich im Jahr 1896 ersten Abiturientinnen die Schule abschlossen. Unter Ihnen war z.B. auch Clara Zetkin, die spätere sozialistische Politikerin, Friedensaktivistin und Frauenrechtlerin.

Die Zeitschrift „Neuen Bahnen“, die von 1866 bis 1895 von Louise Otto-Peters und Auguste Schmidt gemeinsam betreut wurde, erschien bis einschließlich 1919 vierzehntätig, 1920 wurde sie dann durch die monatlich erscheinende Zeitschrift „Die Frau in der Gemeinde“ abgelöst.

Drei Strömungen in der Frauenbewegung

Im Laufe der Zeit bildeten sich drei wesentliche Strömungen in der Frauenbewegung heraus: die bürgerlich-gemäßigte Frauenbewegung um Henriette Goldschmidt (1825–1920), Louise Otto-Peters (1819–1895), Auguste Schmidt (1833–1902), Helene Lange (1848–1930) und Gertrud Bäumer (1873–1954) mit dem Allgemeinen Deutschen Frauenverein.
Dazu die bürgerlich-radikale Frauenbewegung um Minna Cauer (1841–1922) und Anita Augspurg (1857–1943) mit dem Deutschen Verband für Frauenstimmrecht. Als dritte Strömung formierte sich die sozialistische Frauenbewegung um Clara Zetkin (1857–1933). Der bürgerlich-gemäßigte Flügel trat vorrangig für das Kommunalwahlrecht und für eine Verbesserung der Bildungsmöglichkeiten für Frauen sowie für die Anerkennung der Erwerbsarbeit von Frauen ein. Der bürgerlich-radikale Flügel strebte das volle Frauenwahlrecht auf nationaler Ebene und das Recht auf Zugang zu den Universitäten an, und kämpfte teilweise auch gemeinsam mit den Sozialistinnen. Alle drei Strömungen verband der Wille zur Umgestaltung der Gesellschaft „auf neuer sittlicher Grundlage“.

Führerinnen der Frauenbewegung in Deutschland. Illustration aus Die Gartenlaube (1894)
Führerinnen der Frauenbewegung in Deutschland. Illustration aus Die Gartenlaube (1894) – gemeinfrei

Weg in die Kommunalpolitik

Ab 1905 begannen sich die Schwerpunkte der Verbandsarbeit auf die kommunalpolitischen Ebenen zu verlagern. Bildung wurde immer mehr zum Kernthema der Kommunalpolitik. Gerade in der wilhelminischen Zeit entstanden viele neue Schulen und auch

1921 waren im ADF 1200 direkte Mitglieder in 16 Ortsgruppen organisiert, dazu kamen in weiteren 50 angeschlossenen Vereinen ca. 14000. Anfang der 1920er Jahre kamen internationale Aufgaben hinzu und Mitte der 1920er Jahre erfolgte die Umbenennung des Verbandes in ‚Deutscher Staatsbürgerinnenverband‘.

Selbstauflösung als Schutz vor Nazifizierung – Neuanfang 1947
1933 entschieden sich Vorstand und Mitglieder des ‚Deutscher Staatsbürgerinnenverbands‘ für eine Selbstauflösung, um einer möglichen Instrumentalisierung durch das NS-Regime zu entgehen.
Erst 1947 nahm der Verband seine Arbeit wieder auf und 1949 wurde er in ‚Deutscher Staatsbürgerinnen-Verband e. V‘ zurück benannt. Die Nachkriegszeit stellte besondere Aufgaben: ein internationalen Studienheim wurde errichtet. Ferner wurde die Betreuung von Flüchtlingen aus der DDR übernommen und die Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen entwickelt.

1982: Ehrung „Frau des Jahres“

Im Jahr 1982 wurde die Ehrung der „Frau des Jahres“ eingeführt. Frauen, die besondere Dienste in Politik, Gesellschaft, Ehrenamt oder anderen Bereichen des Lebens geleistet haben, wurden seitdem vom Deutschen Staatsbürgerinnen-Verband e. V. ausgezeichnet.

Von 1994 hat der Verband bis heute verschiedene politische und gesellschaftliche Projekte, unter anderem „Zusammenwachsen. Frauen Fördern den inneren Zusammenhalt Deutschlands.“ oder „Integration und Berufsorientierung für Aussiedler“, auf nationaler und internationaler Ebene realisiert.

Am 3. Oktober wurde im Landesverband Berlin ein neuer Vorstand gewählt.

Aktuell hat der Deutsche Staatsbürgerinnen-Verband eine inhaltliche Neuausrichtung entschieden und widmet sich auf Grund der aktuellen politischen Lage dem Themenschwerpunkt Zuwanderung und den Belangen von Frauen internationaler Herkunft.

Frauenbewegung und „Die Geschichte des Sozialstaates“

Die Geschichte des Deutschen Sozialstaates ist durch die Frauenbewegung entscheidend mit geprägt worden. Seit dem Mittelalter entwickelte sich der Kampf der Menschen um die soziale Absicherung und um die Freiheit von Absolutismus und Diktatur. Dieser lange Kampf ist ein Teil der deutschen Geschichte. Der heute Sozialstaat ist historisch gewachsen hat sich bis zur heutigen Form mit unterschiedlichen Formen der sozialen Absicherung entwickelt.
War es anfangs die Armenfürsorge, Familien- und Nachbarschaftshilfe – so folgten in der Industriealisierung Einrichtungen der genossenschaftlichen Selbsthilfe sowie Stiftungen als Träger sozialer Einrichtungen. Erst sehr viel später übernehmen die Kommunen und später der Staat die Gestaltung der sozialen Sicherungssysteme übernehmen.

Als wichtiges Datum wird bis heute die Verkündung der sogenannten „Kaiserlichen Botschaft“ durch Reichskanzler Otto von Bismarck am 17. November 1881 als Grundstein für den deutschen Sozialstaat verstanden.

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat die Bilder und Dokumente zur Deutschen Sozialgeschichte in einem sehr wertvollen Internet-Angebot zusammengefaßt:
www.in-die-zukunft-gedacht.de .

Es ist eine gut aufbereitete Übersicht. Doch die Geschichte und die Einflüsse der Frauenbewegung hätten längst ein eigenes Kapitel verdient.

Wer die Geschichte der Frauenbewegung anschaut, wird sich auch ein anderes Datum setzen können! Ohne die 1. Frauenkonferenz in Leipzig vor genau 100 Jahren ist der moderne Sozialstaat eigentlich nicht denkbar.

Weitere Informationen und Links:

Deutscher Staatsbürgerinnen-Verband e. V.
Sandra Cegla
Rathausstr. 9
10178 Berlin

E-Mail: mail@staatsbuergerinnen.org
www.staatsbuergerinnen.org

Wikipedia – Auguste Schmidt

Wikipedia – Louise Otto-Peters

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