Samstag, 19. August 2017
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283.000 Jugendliche in Warteschleifen

Zusatzqualifikation "Staplerschein" -

Noch immer suchen viele Betriebe nach neuen „Azubis“, „Auszubildenden“ und „Nachwuchskräften“. Die Statistik der Bundesanstalt für Arbeit (BA) weist für den vergangenen Monat Septemper rund 43.500 freie Ausbildungsplätze aus. Doch wird es für viele Betriebe immer schwerer Nachwuchs zu finden. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (GB) hat die vorliegenden Daten in einer Kurzanalyse betrachtet und kritisiert den Blick der Spitzenverbände der Wirtschaft auf BA-Statistik und den gesamten Ausbildungsmarkt.

Ende September standen der BA-Statistik zufolge der Zahl der offenen Stellen rund 20.000 Bewerber ohne Lehrstelle gegenüber. Eine Relation, die die These vom „Fachkräftemangel“ zu unterstützen scheint: es gibt mehr freie Plätze als Bewerber.

Doch die Zahlen stimmen nicht!

Matthias Anbuhl, Abteilungsleiter des Bereichs Bildung, Qualifizierung und Forschung beim DGB weist nacht, die Zahlen sind grundfalsch. Viele Bewerber werden in der Statistik gar nicht erfasst. Er macht ganz andere Zahlen auf, denn viele junge Erwachsene stecken in zahllosen Maßnahmen im Übergang von Schule in den Beruf fest.

Das Märchen vom Azubi-Mangel

Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Eric Schweitzer, präsentierte im Sommer die Ergebnisse der Unternehmensbefragung „Ausbildung 2016“. Die Bewertung der Ergebnisse sorgt für die Grundwahrnehmung, „Unternehmen wollten ja ausbilden, sie fänden aber kaum noch geeignete Bewerber.“

Doch nur zwei Tage nach der DIHK-Präsentation erschien der „Nationale Bildungsbericht 2016“ mit profunden Daten zur Bildung. Dort kommen die Forscher zu einem anderen Ergebnis:

„Seit mehr als zwanzig Jahren liege bei den betrieblichen Ausbildungsplätzen das Angebot unterhalb der Nachfrage. Dass die steigenden Studierendenzahlen für den Sinkflug bei den Ausbildungsverträgen verantwortlich seien, sei in der „unterstellten
einfachen Kausalität unzutreffend“. Vielmehr sei das Schrumpfen der Berufsbildung „angebotsinduziert“, heißt es
im Fachjargon der Forscher. Im Klartext: Die Betriebe bilden nicht genug aus.“

„Die Geschichte vom bundesweiten Azubi-Mangel entpuppt sich bei Licht betrachtet als Märchen“, sagte Elke Hannack, stellvertretende Vorsitzende des Gewerkschaftsbundes (DGB) gegenüber dem SPIEGEL. Die DGB-Analyse zeigt zahlreiche Jugendliche sind ohne Ausbildungsplatz und werden gar nicht in den Daten berücksichtigt.

Erschreckende Zahlen vom Ausbildungsmarkt

Rund 20.000 junge Bewerber hängen in diesem Jahr völlig in der Luft, sie haben weder eine Lehrstelle noch eine Ersatzmaßnahme abbekommen. Nach den offiziellen Zahlen der hätten. Sie gelten nach den BA-Zahlen offiziell als „unversorgt“. Die Arbeitsagentur zählt aber nur diejenigen mit, die als „ausbildungsreif“ gelten. Anderen fallen unter den Tisch.

Die Hauptkritik des DGB: Zehntausende Jugendliche, die zwar formal ausbildungsreif sind, aber trotzdem noch keine Lehrstelle haben, gelten nach den BA-Zahlen als „versorgt“. Dabei hängen sie in einer Art Warteschleife, weil sie etwa Praktika oder berufsvorbereitende Maßnahmen absolvieren.

Die Lehrstellenbilanz des DGB sieht daher ganz anders aus: Rund 283.000 Jugendliche, die von der Bundesagentur für Arbeit als ausbildungsreif eingestuft wurden, haben keinen Ausbildungsplatz bekommen. Ihre Chancen auf einen erfolgreichen Berufsabschluss sind eher gering.

Der Bildungsbericht 2016 zeigt auch auf: „Seit mehr als zwanzig Jahren liegt bei den betrieblichen Ausbildungsplätzen das Angebot unterhalb der Nachfrage.

Auch mit einer neuen Mär wird aufgeräumt: „Dass die steigenden Studierendenzahlen für den Sinkflug bei den Ausbildungsverträgen verantwortlich seien, sei in der „unterstellten einfachen Kausalität unzutreffend“. Vielmehr sei das Schrumpfen der Berufsbildung „angebotsinduziert“, heißt es im Fachjargon der Forscher. Im Klartext: Die Betriebe bilden nicht genug aus.

Fehler im System: „Mehrheit wird in Ersatzmaßnahmen geparkt“

Im Bildungsbericht 2016 werden die Zahlen näher benannt. Von 270.000 Jugendlichen, die in den zahllosen Maßnahmen im Übergang von der Schule in die Ausbildung feststecken, hat die Mehrheit einen Hauptschulabschluss (47,7 Prozent) oder einen mittleren Abschluss (26,8 Prozent).
Auch bei den gewerblich-technischen oder den kaufmännischen Berufen, die von Jugendlichen mit Abitur oft nachgefragt werden, gibt es kein ausreichendes Ausbildungplatz-Angebot. Die Anstrengungen der Unternehmen seien „allenfalls halbherzig“, heißt es
im Bildungsbericht.
Für betroffenen Jugendlichen sind die Aussichten schlecht: „Die Mehrheit von ihnen wird in Ersatzmaßnahmen geparkt – und wird in den kommenden Jahren kaum eine Chance auf einen Ausbildungsabschluss haben“, kritisierte Hannack.

Rund 60.000 der Betroffenen sind auch der Bundesagentur für Arbeit bekannt: sie haben 2016 angezeigt, dass sie akut noch einen Platz suchen. Der DGB fordert, auch diese Jugendlichen müssten als „unversorgt“ eingestuft werden.

Die Gesamtbilanz 2016 fällt nach der DGB-Kurzanalyse ganz anders aus: Insgesamt bleiben in diesem Jahr mehr als 80.000 Bewerber ohne Ausbildungsplatz. Das übersteigt die Zahl der offenen Ausbildungsplätze von rund 43.500 deutlich.

„Von einem Bewerbermangel kann schon anhand dieser Daten folglich keine Rede mehr sein“, heißt es in der DGB-Analyse. Für Hannack erklärt sich so auch, warum in Deutschland insgesamt rund 1,2 Millionen Menschen im Alter von 20 bis 29 Jahren keinen Berufsabschluss haben.

Ernste Folgen für Arbeitsmarkt und Sozialsystem

Mit dem seit langer Zeit anhaltenden Mangel an Ausbildungsplätzen wird seit 20 Jahren Jahr um Jahr eine größere Hypothek aufgebaut:
Inzwischen sind rund 1,2 Millionen Menschen im Alter von 20 bis 29 Jahren ohne einen Berufsabschluss. Auf diese Menschen wartet ein Leben in prekärer Beschäftigung oder Arbeitslosigkeit. Sie werden kaum ihren Lebensunterhalt eigenständig finanzieren können.

DGB-Vize Elke Hannack fordert daher: „Diesen Jugendlichen ein Chance auf Ausbildung zu geben, wird zentrale Aufgabe der Bildungspolitik in den kommenden Jahren.“

Weitere Informationen:

DGB-Studie | 3.11.2016 | Von Azubi-Mangel keine Spur – Link
Wie die öffentliche Statistik die Lage auf dem Ausbildungsmarkt verschleiert

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m/s