Freitag, 22. September 2017
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700 Jahre Weißensee?

Das Dorf Weißensee - Postkarte undatiert

Runde Jubiläen entfalten eine magische Wirkung. Heimatkundler und Historiker werden zur Herausgabe von Kalendern und Büchern motiviert. Auch für die Inszenierung von Politik und Herrschaft werden runde Jubiläen genutzt. Besonders interessant wird es, wenn runde Jubiläen mehrmals im gleichen Jahrhundert gefeiert werden, und gravierende Unstimmigkeiten ins Auge fallen.

Das Dorf Weißensee - Postkarte undatiert
Das Dorf Weißensee - Postkarte undatiert, ohne Autor

700 Jahre Weißensee – zum Zweiten

Das siebenhundertste Jubiläum des Pankower Ortsteils Weißensee weckt ernste Zweifel, weil Großeltern und Urgroßeltern sich noch ganz dunkel erinnern können: „Haben wir das nicht schon einmal gefeiert?“.

Eine Festschrift aus dem Jahr 1937 in altdeutscher Frakturschrift trägt den Titel: „700 Jahre Weißensee“. Herausgeber war die damalige Bezirksverwaltung Weißensee.

Auch das neue, 76 Jahre später erschienene Buch „700 Jahre Weißensee – Geschichte“ von Joachim Bennewitz vom Weißenseer Heimatfreunde e. V. erinnert an das Jubiläum, und datiert es auf das Jahr 2013. Es ist übrigens der gleiche Autor, der bereits 1999 einen Literaturverweis auf die Festschrift von 1937 angeführt hat.

Für Lehrer, Schüler, Historiker und Museumsverwalter ist die Stadtgeschichte von Weißensee plötzlich zu einem schwierigen Thema geworden: „Wie soll man Geschichte erklären, wenn mehrere Geschichten existieren?“.

700 Jahre Weissensee - Festschrift aus dem Jahr 1937
700 Jahre Weissensee - Festschrift aus dem Jahr 1937

Die gute redaktionelle Absicht, zum Weißenseer Blumenfest 2013 einen Beitrag über 700 Jahre Weißensee zu schreiben, wandelte sich plötzlich in eine Forschungsaufgabe:

Wie sind die Umstände zu erklären? Gibt es stille Übereinkünfte, auch Ignoranz und Vergeßlichkeit?

Es wurde ein spannender Exkurs in die Geschichtsschreibung in Berlin, auch in Weißensee und in die Gründungszeit der Mark Brandenburg.

700 Jahre Weißensee im Jahr 1937

„Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 gingen diese mit ungeheurer Brutalität daran, sich
sich des verhassten „goldenen“ und besonders auch des „roten“ Berlin zu entledigen, um Platz fiür ein neues ‚braunes’ Berlin zu schaffen: „Diese Stadt werden wir umbauen. Das wird mein ganzer Ehrgeiz sein“, so notierte Goebbels im März 1933.“ ln den Jahren (1933-1934) errichtete der Nationalsozialismus die Diktatur und (1935-1938) konsolidierten die Nazis ihre Macht.“ So schreibt es der niederländische Historiker Krijn Thijs im Jahr 2008 in seiner Dissertation über die Berliner Stadtjubiläen von 1937 und 1987.

Das Jahr 1937 war ein besonderes Jahr: Die Reichshauptstadt diente als nationale „Kulisse“ der Herrschaftsinszenierung mit eindrucksvollen Großveranstaltungen, die die Außendarstellung Berlins prägen sollten. Höhepunkte waren die Olympischen Spiele 1936 und der Besuch Mussolinis 1937. Es waren nationale Angelegenheiten; nachdem Hitler etwa die Olympiade zur „Reichssache“ erklärt hatte, spielte dabei die Berliner Stadtverwaltung keine Rolle mehr.“

„Mit der dritten großen Inszenierung im Berlin jener Jahre ergriff die Stadtkommune ihre Chance zur Selbstentfaltung. Die 700-Jahr-Feier wurde von der Stadt ausgestaltet und war primär an die Berliner selbst gerichtet. Obwohl keine „Reichssache“, sollte auch sie selbstverständlich zur Konsolidierung der nationalsozialistischen Herrschaft beitragen.
Stadtoberhaupt Dr. Julius Lippert war als „alter Kämpfer“ der NSDAP und als „Staatskommissar mit besonderer Verwendung“ dem Berliner Oberbürgerneister übergeordnet worden, um die Stadtverwaltung zu „säubem“. Doch ein besonders mächtiges Oberhaupt war er nicht.
Berlin war als preußische Provinz der Gemeindeordnung entzogen und mächtige Parteiführer beanspruchten Einfluss in der Reichshauptstadt.

Gauleiter Goebbels beherrschte die Berliner NSDAP, Speer war ab 1937 als „Generalbauinspektor“ unkontrollierbar und die Berliner Polizei unterstand dem kommissarischen preußischen Innenminister Hermann Göring. Lippert blieben nur die auf diese Weise eingeschränkten kommunalen Befugnisse. Dies änderte sich nicht, als er am 1. Januar 1937 endlich seinen schwer erkämpften Aufstieg zum „Stadtpräsidenten und Oberbürgermeister” feierte. Gleichwohl entschied Lippert sofort, ein Stadtjubiläum zu feiem – wohl um in diesem Kompetenzdschungel sein neues Selbstbewusstsein kundzutun.“
„Das Fest sollte das nationalistische Berlin etablieren und Lippert als ‚Führer‘ der Stadt installieren. Dabei sollte das Jubiläum vor allem „ein Spiegel der geschichtlichen Entwicklung Berlins werden.“

Postkarte: 700 Jahre Berlin 1237-1937
Postkarte: 700 Jahre Berlin 1237-1937 mit Schultheiß Marsilius und OB Dr. Lippert

Oberbürgermeister Lippert sah sich in der Tradition des ältesten damals bekannten Berliner Bürgermeisters, des Schultheißen Marsilius.

Thijs beschrieb auch, wie das Stadtjubiläum 1937 dazu diente, die „Stadtgemeinschaft“ zusammenzuschweißen, indem alle bedeutsamen Gruppen vom Schulkind bis zum Arbeiter und Handwerker angesprochen wurden: „Jedes Berliner Kind soll sich als Kind einer großen Familie fühlen, es soll wissen, was Berlin ist und wie es geworden ist, es soll stolz sein auf die Geschlechter, die vor ihm an dieser Stätte gearbeitet und gekämpft haben, um ihm die Heimat zu schaffen.“

Das Stadtjubiläum 1937 wurde zentral organisiert und diente der Integration aller Gruppen in die nationalsozialistische Volksgemeinschaft.

Um nicht den gefürchteten Separatismus der Berliner Bezirke zu fördern, widmete man sich insbesondere auch den 1920 nach Berlin eingemeindeten Bezirken. Die 1920 eingemeindeten Kommunen sollten die Gelegenheit bekommen, sich im Stadtjubiläum auf ihre lokale Identität zu besinnen.

„Aus dem üblichen Reservoir von Musikkapellen, Feuerwerks-, Sport- Tanz und Schützenfesten setzten die Stadtteile ihr feierliches Programm zusammen. Bisweilen hob eine Ausstellung oder ein Umzug ihre stolze Geschichte hervor und „vertiefte“ so den „Heimatgedanken“ nationalsozialistischer Prägung.

Die Bezirksfeste sollten nach dem Leitwort:“ wir alle gehören zur großen Mutter Berlin gestaltet werden“.

Während einige Berliner Bezirke kein Geld für große Festbeiträge hatten, fand in Weißensee ein umfangreiches Bezirksfest statt, mit „Ausschmückung der Ortseingänge“, „Verkauf einer Festschrift“, mit „Platzkonzerten auf dem Pistoriusplatz, am Luisendenkmal und in Hohenschönhausen auf dem Platz an der Berliner und Degnerstraße.“ Dazu gab es eine Abendveranstaltung der „Oranke-Ritterschaft“ und heimatkundliche Vorführungen auf dem Grundstück des ehemaligen Lehnschulzenhofes in Weißensee.

Das Fest wurde mit Kranzniederlegungen und Volksliedersingen der Schulchöre auf dem Pistoriusplatz eröffnet. Eine Heimatausstellung wurde im kleinen Saal des Berliner Kindl Bräu in der Berliner Allee 211-215 gezeigt. Der „Ständeumzug startete um 17:30 in der Große-Leege-Straße und führte zum Pistoriusplatz. Die Festansprache hielt der damalige Bezirksbürgermeister Dr. Axhausen.

Eine Stadt – mindestens drei Geschichten

Thijs stellte drei Geschichtsperspektiven nebeneinander und zeigte die unterschiedlichen Geschichtsbilder auf: drei solche Versionen der Geschichte Berlins, nämlich die nationalsozialistische der 1930er Jahre, die realsozialistische der l980er Jahre und die liberaldemokratische Erzählung der l980er Jahre.

Thijs bezog sich zuerst auf das Geleitwort des Berliner Stadtschulrats Dr. Hans Meinshausen im Oktober 1937 für ein kleines Übersichtswerk über die Geschichte der Reichshauptstadt: „Nur Menschen, die fest im Boden ihrer Heimat verwurzelt sind,können die tiefsten Gedanken der Bewegung der nationalsozialistischen Weltanschauung erfassen und sie gefühlsmäßig, ohne langes Erwägen und Überlegen, in ihrem Handeln und Lassen, in der Gestaltung ihres Lebens, verwirklichen.“ Meinhausen weiter: „Die Geschichte Berlins kann einem deutschen Strom verglichen werden, der, aus bescheidener Quelle entspringend, durch schicksalhafte Fügung deutschen Geschehens zu gewaltiger Breite angewachsen ist, um im Laufe der Jahrhunderte seine Bestimmung in diesem deutschen Geschehen erfülllen zu können.“

Knapp fünfzig Jahre später und knapp 500 Kilometer vom inzwischen geteilten Berlin wurde in Bonn Richard von Weizsäcker zum Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland vereidigt. In seiner Ansprache vor den Mitgliedern von Bundestag und Bundesrat in Bonn blickte er am l. Juli 1984 auf das ferne Berlin zurück, in dessen Westteil er drei Jahre als Regierender Bürgermeister gewirkt hatte.

Die Stadt sei zwar „Machtmittelpunkt der nationalsozialistischen Herrschaft“ gewesen und „Ausgangspunkt für den Weltkrieg und schließlich für den Holocaust“. Aber dennoch habe es „auch immer wieder und bis zuletzt tapfere und selbstlose Taten der Menschenhilfe und des Widerstandes“ gegeben. „Trotz Zerstörung. Teilung und isolierter Lage“. so Weizsäcker weiter. „ist Berlin der Platz geblieben‚ der uns – wie kein anderer – Maßstäbe für unser Denken rurd Handeln gibt. Bald nach dem Krieg wurde die Stadt unter notvollem Druck von außen zum Symbol der Freiheitsliebe der Menschen.“ „Die Geschichte dieser Stadt“, so meinte von Weizsäcker, „war immer geprägt von Weltoffenheit, Toleranz und Liberalität“.

Am 8. Februar 1985 erschien in Berlin eine Ausgabe der Tageszeitung Neues Deutschland, mit einer festlichen Ansprache zur Stadtgeschichte. Dem Redner zufolge „war die Geschichte Berlins stets mit dem Kampf zwischen Fortschritt und Reaktion, zwischen den Kräften des Friedens und denen des Krieges verbunden.“ Vortragender war Erich Honecker, Parteichef der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und Staatschef der Deutschen Demokratischen Republik. Nach seiner Ansicht fand „dieser Kampf“ in Berlin „seinen Höhepunkt in jener welthistorischen Entscheidung, die durch den Sieg der Antihitlerkoalition im zweiten Weltkrieg über den Faschismus, durch die Befreiung des deutschen Volkes von der braunen Barbarei gefällt wurde und an dem das Sowjetvolk den Hauptanteil hatte. (…) Erstmalig ist damit in der Geschichte dieser Stadt und in der Geschichte unseres Volkes der unheilvolle Kreislauf von Fortschritt und Reaktion durchbrochen, geschieht alles für das Volk, mit dem Volk und durch das Volk.“

Drei Stadtjubiläen wurden gefeiert

Drei versionen der Geschichte Berlins und drei Stadtjubiläen, die in unterschiedlichen Systemen gefeiert wurden:

– die 700 Jahrfeier die 1937 in der Reichshauptstadt gefeiert wurde
– die 750 Jahrfeier 1987, die in Ost-und West-Berlin getrennt begangen wurde.

Diese historischen Feste dienten der Selbstdarstellung und der Legitimation der Herrschaft in der Stadt. der Bestätigung städtischer Gemeinschaften, aber auch der Konstruktion und Aneignung der Stadtgeschichte.

Aus heutiger Sicht ist es die Aufgabe, hinter die Daten und Argumentationen zu schauen, und Geschichte insgesamt kritisch neu zu betrachten.

Gleichschaltung der Geschichtsschreibung im Nationalsozialismus

In der lesenswerten Untersuchung von Thijs zu den Berliner Stadtjubiläen ist besonders der Abschnitt interessant, in der er von der Entmachtung des Berliner Stadtarchivars Ernst Kaeder berichtet. Ernst Kaeder war Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei, verheiratet mit einer jüdischen Ehefrau.

Kaeder ging davon aus, das „die Gründung Berlins höchstwahrscheinlich 1230 oder 1231 stattgefunden habe“.
Oberbürgermeister Gustav Böß wollte jedoch wegen der wirtschaftlichen Krisenlage keine Feier um 1930 stattfinden lassen und drängte auf weitere Nachforschungen.
Ernst Kaeder riet dazu, die erste urkundliche Erwähnung der Schwesterstadt Cölln zum Anlaß zu nehmen. Damit wurde das spätere Jubeldatum 1937 vorprogrammiert und Kaeder gilt seitdem als Urheber der Idee.

Kaebers Verdienst war es, die Stadthistoriographie Berlins zu ordnen und von der Landesgeschichte zu separieren. Gleichzeitig sorgte er für ein wissenschaftliches Fundament und arbeitete mit namhaften Heimatforschern und Historikern zusammen.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann auch die Gleichschaltung der Geschichtschreibung durch den Nationalsozialisten Willy Hoppe, der noch Ende der zwanziger Jahre, wenn auch kontrovers, mit Kaeder zusammengearbeitet hatte.

Während Kaeder auch die Verbindung und Vereinbarkeit von geologischen, siedlungsarchäologischen und volkskundlichen Kenntnissen mit urkundlichen Material einforderte, setzten sich mit den Nazis in der Geschichtsschreibung jene Köpfe durch, die die „völkische Verfaßtheit der Großstadt“ und die „Reinheit des Berlinertums“ abgrenzen wollten.

Theodor Fontane und die Kaiserzeit

Sie stellten sich damit in eine Reihe mit Denkmustern, die insbesondere im Deutschen Kaiserreich ausgeprägt worden waren, und die noch früher bei Theodor Fontane als Gründungsmythen der Mark Brandenburg populär gemacht wurden.
Es war eine Zeit, die von übersteigerten nationalen Selbstbewußtsein, wirtschaftlichen Aufstieg, aber auch von Kolonialismus und beginnenden Rassenwahn gekennzeichnet war.

Erst wenn man hinter die Gründungsmythen und Erzählungen märkischer Landesgeschichte blickt, wird dafür der Blick frei, wie willkürlich und voläufig historische Gründungstage in der Vergangenheit gesetzt wurden.

Die Forschungsreise zur Aufklärung der Stadtgeschichte und zur Aufklärung der Gründungsgeschichte von Berlin und Weißensee steht auch vor neuen Fragen: Wann wurde Berlin gegründet? 1230? 1237? Oder gar schon 1150 – wie neuere Grabungen am Roten Rathaus in Berlin ergaben?

Auch in der Weißenseer Geschichte ist noch nicht alles so geordnet, wie es derzeit erscheint:

1313 schenkt der Ritter Borchadus (auch Bernhard) Grevelhout dem Vorsteher des Heiliggeist-Hospitals die Pacht von vier Hufen Land des Dorfes Wittenze = Weißensee mit der Bedingung, vierteljährlich eine Messe zum Seelenheil des Gebers zu lesen. Dieser Schenkungsbrief auf Pergament in Mönchsschrift war das älteste Dokument über Hospital und Kirche zum heilgen Geist, datiert vom 11.4.1313.

1833 erwähnte Adolph Friedrich Riedel in den „Diplomatische Beiträge zur Geschichte der Mark Brandenburg und ihr angrenzender Länder“ die erstmalige Erwähnung des Dorfes „Weißensee“ durch die Erwähnung eines Conradus de Widense im Jahr 1242.
Jüngst hat auch der Verein der Weißenseer Heimatfreunde einen Auszug aus dem „Copialbuch des Klosters Lehnin“ gefunden, in dem das Jahr 1242 bestätigt wurde (siehe auch Berliner Woche vom 18.12.2013).

Die Heimatforschung muß sich nun darauf vorbereiten, den Bürgern in Weißensee und Pankow zu erklären, wie es möglich ist, das in so kurzen Zeitabständen zwei siebenhundertjährige Jubiläen und im Jahr 2042 ein achthundertjähriges Jubiläum von Weißensee gefeiert werden können.

Szene aus dem Heidelberger Sachsenspiegel: dt. Ostsiedlung um 1300
Sachsenspiegel ( um 1300): Ein Lokator (mit Hut) erhält eine Gründungsurkunde. Unten: Lokator agiert im fertig gestellten Dorf als Richter.

Die wilden Wurzeln märkischer Geschichtsschreibung

Aufklärung bringt nur ein tieferer Einstieg in die Märkische Landesgeschichte: Das populäre Geschichtsbild von der Entstehung der Mark Brandenburg mit ihrem Gründungsmythos muß kritisch hinterfragt werden.
Dazu muß eine Forschungsreise in das Mittelalter unternommen werden, als die Zisterziensermönche den Landesausbau vorantrieben und die örtliche slawische Urbevölkerung in der Mark Brandenburg christianisierten.

Die Siedlungsgründungen nach deutschem Recht und norddeutscher Agrarverfassung wurden in Urkunden erfasst, das Datum für Dorf- und Stadtgründungen kann man meist auf dokumentierte Daten stützen.

Nicht alle Siedlungen wurden jedoch von den Zisterziensern und Lokatoren selbst erschlossen. Im einem maßgeblichen Umfang gelangten sie auch durch Schenkungen in ihren Besitz, waren also ältere slawisch geprägte Gründungen.

Da die slawische Urbevölkerung, die Elbslawen, keine ausgeprägte Schriftkultur besaß, sind aus der Zeit nur Funde und Artefakte, aber keine Urkunden zu finden. Die Elbslawen waren aber keinesfalls unterentwickelt, sondern verfügten auch über Hakenpflüge und betrieben Ackerbau.
Die Kleinräumigkeit slawischer Siedlungen, mit ausgesprochen gedrückter rechtlicher und sozialer Stellung (Kietze) hatte aber in der Geschichtsforschung zu einer abwertenden Beurteilung der Slawen geführt, die sich über die Jahrhunderte als Vorurteil weiter überlieferte.

Historiker haben sich bis in die jüngste Zeit mit der Formel „Gründung aus wilder Wurzel“ zufriedengegeben.

Mit modernen naturwissenschaftliche Analyse- und Datierungsverfahren wie C14-Datierung, Archäobotanik und Archäozoologie kann man heute aber auch noch älteren Spuren nachgehen. Mit der Altersbestimmung von Holz (Dendrochronologie) kann auch das Alter von Holzbauten und wiederverwendeten Holzbalken bestimmt werden.
Mineralogie, Geologie, Klimatologie, Phosphatanalysen liefern weitere Hinweise.

Die Entstehung von Weißensee als Straßendorf am Weißen See könnte ebenfalls bereits um das Jahr 1150 liegen, weil die alte Wegeverbindung zwischen Berlin (1150) und der östlichen Mark Brandenburg hier immer eine geomorphologisch optimale Lage war. m/s

Weitere Informationen:

Krijn Thijs: Drei Geschichten, eine Stadt: die Berliner Stadtjubiläen von 1937 und 1987
Dissertation. Mit Unterstützung der Niederländischen Organisation für wissenschaftliche Forschung (NWO)
und der Van Coeverden Adriani Stichting
2008 – Böhlau Verlag Köln Weimar

Sebastian Brather: Archäologie der westlichen Slawen: Siedlung, Wirtschaft und Gesellschaft im früh- und hochmittelalterlichen Ostmitteleuropa, Berlin 2001.

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m/s