Freitag, 20. Oktober 2017
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Abgefilmtes Theater

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Eine der Lieblingsideen von Kulturstaatssekretär Renner ist das Streaming von Theater-Premieren. Heute erschien dazu eine harte Kritik in der FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG 1.11.2014:

Abgefilmtes Theater: Verdammte Kamera

Autor Gerhard Stadelmaier wirft Renner vor, eine „Theater-Zerstörung“ eigener Art vor.

„Berlins Kultursenator hat eine Theater-Zerstörung ganz eigener Art vorgeschlagen, nämlich alle Premieren live zu übertragen: Warum das Fernsehen im Theater nichts verloren hat.

Gerhard Stadelmaier gefällt im witzigen Ton: „Berlins Renner also schlägt vor, dass die Premieren sämtlicher Berliner Theater dergestalt filmisch abzubilden wären, dass sie per „Livestream“ (was ungefähr mit „Lebendigkeitsstrom“ oder so ähnlich zu übersetzen wäre) auf handschweißverschmierten, ungefähr DIN-A4-großen, ganz flachen Glaskästen (vulgo: iPads) lebendigkeitsstrommäßig zu verfolgen wären. Also das, was man früher, in urvordenklichen Zeiten, als die Welt noch Fernsehen guckte, „Direktübertragung“ nannte.“

Stadelmaier befürchtet Schlimmes: „So dass niemand mehr ins Theater gehen müsste, die Häuser keine Einnahmen mehr hätten. Und der Senator den Bühnen das, was sie nicht mehr einnehmen, gleich von den Subventionen abziehen könnte: Berlin würde einen weiteren Einsparposten glanzvoll bewältigen! Dumm, aber sexy. Was freilich nur ein Nebeneffekt wäre.“

Tim Renner hat mit den Theatern eigentlich ganz andere Probleme.

Vom Verschwinden der Theater

Presse- und PR-Mitarbeiter der Theater senden in schöner Regelmäßigkeit Pressemeldungen aus, in den Kulturredaktionen der Medien werden rund 90% davon ungelesen und unpubliziert gelöscht. PR-Etats der Theater werden von Personalkosten aufgezehrt – ohne ausreichende Publizität, ohne Effekt.

So wird etwa das aus dem Forschungsetat finanzierte „bat-studiotheater“ in Prenzlauer Berg kaum noch öffentlich wahrgenommen. Die Hochschule Ernst-Busch lässt sich viele Theaterzuschauer bei den Probevorstellungen entgehen, die immerhin pro Ticket 10 € zahlen könnten.

Das Angebot, für 120 € im Jahr und 7,43 € pro Premiere (inkl. MWST) eine garantierte Veröffentlichung abzusichern, hat Renner noch nicht angenommen.

Er ist damit auch nicht allein: das Theater Unterm Dach hatte auf das Angebot von KULTUR IN PANKOW im Jahr 2012 nur eine Antwort bereit: „Dann nehmen wir Sie aus dem Verteiler“.

Auch die freie Szene ist reserviert und schreibt lieber im staatlich finanzierten Performing-Arts-Programm elektronische Papierkörbe und Facebook-Seiten mit schlechten „Fanpage-Kharma“ voll.

Flammendes Plädoyer für das Theater

Stadelmaier schließt mit einem flammenden Plädoyer:

„Und das Spiel- und Baumaterial für diese Welt liefern ihm die Schauspieler, die Dramatiker, die Bühnenbilder. In die er sich, „Sir, geben Sie Blickfreiheit!“, verlieren und verlieben darf. Deshalb ist das Theater (neben der Musik) die größte, genialste Menschheitserfindung. Kein Zufall naturgemäß, dass der Gott des Rausches und der Begeisterung seine dionysische Hand dabei mit im Spiel hatte.“

Er empfiehlt Renner, ins Theater zu gehen. – Ich empfehle dazu einen Blick hinter die Kulisse!

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m/s