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Adieu Amazon

Adieu AMAZON - Offener Brief an Jeff Bezos - 15.2.2013

Ein renommierter Kunst- und Literaturverlag aus dem oberbergischen Lindlar macht derzeit Schlagzeilen: mit einem Offenen Brief kündigt Christopher Schroer die Zusammenarbeit mit AMAZON. „Lieber Jeff Bezos, heute nehmen wir Abschied, wir kündigen unsere Zulieferer- wie auch Kundenkonten. Mit sofortiger Wirkung. Ohne Wenn und Aber und mit allen Konsequenzen.“ Mit diesem Schritt wird die Literaturwelt schlagartig auf die unfairen Handelsvorteile aufmerksam gemacht, die AMAZON für sich im Einkauf fordert. 55% Rabatt – das ist mehr als der stationäre Buchhandel bekommt!

Es ist Wunder, wenn bei diesen Einkaufskonditionen der Buchhandel heute aus dem Netz per Onlinehandel unter Druck gesetzt wird:
Waren im Wert von über 27 Mrd. € werden inzwischen jährlich im Onlinehandel versendet. Der gesamte Buchhandel setzte 2011 rund 9,6 Mrd. € um – das Internetgeschäft nahm davon 14,8% ein (Börsenverein des Deutschen Buchhandels).

Der stationäre Buchhandel ist in der Krise – vor allem die großen Buchhandelsketten THALIA, Hugendubel und Weltbild haben heute zu große Flächen – die nun notdürftig mit anderen Warenangeboten wie Geschenkartikel und Spielzeug ergänzt werden. Der örtliche Buchhandel kann sich dagegen vielerorts behaupten, muß aber z.T. sinkende Umsätze verkraften.

Das kalifornische Versandunternehmen AMAZON hat seinen Umsatzanteil in Deutschland erheblich ausgeweitet und von 3,5 Mrd. € 2011 auf über 3,85 Mrd. € in 2012 gesteigert – weitere Zuwächse werden nach Eröffnung eines zweiten Logistikzentrums erwartet.

Doch nun macht ein Kunst- und Literaturverlag aus den oberbergischen Lindlar auf sich aufmerksam: Christopher Schroer (* 1977 in Köln) ist schlichtweg der Kragen geplatzt, als er die jüngste ARD-Doku zum Thema Leiharbeit bei AMAZON anschaute. In einem Offenen Brief an Jeff Bezos macht er all seinem Ärger Luft und spricht damit vielen seiner Verleger-Kollegen aus der Seele.

Christopher Schroer hat sich als Verleger einen Namen gemacht und taugt zum Vorzeigeunternehmer. Nach Studium Mediengestalters für Digital- und Printmedien arbeitete er in einer mittelständischen Werbeagentur. 2006 war er als freiberuflicher Mitarbeiter im Verlag der Buchhandlung Walther König für die Gestaltung und Herstellung zahlreicher Kunstbücher mitverantwortlich. 2009 gründete er den Kunstbuchverlag DIE NEUE SACHLICHKEIT, den er 2012 in die CH. SCHRŒR GmbH eingliederte. Unter dem weitergeführten Imprint Die Neue Sachlichkeit erscheinen Kunstbücher, Monografien und Ausstellungskataloge. Literatur wird im Verlag CH. SCHRŒR publiziert.
Christopher Schroer erhielt einige renommierte Buch- und Designpriese: 2005 den Preis “Gute Gestaltung 2005″ in Bronze. Als Buchgestalter und -verleger wurde er für die Arbeit „Bundesrasenschau“ beim red dot design award: communication design 2011 mit einem red dot für die hohe Designqualität ausgezeichnet. 2012 wurde Christopher Schroer für die gleiche Arbeit beim German Design Award 2013, dem Premiumpreis des Rat für Formgebung, nominiert.

Der Offene Brief an Jefff Bezos dürfte viele ander Verleger ins Nachdenken versetzen. 55% Rabattforderungen von AMAZON – das verhagelt Verlagen das Geschäft – und schafft gegenüber dem stationären Buchhandel unfaire Handelsvorteile. Der hoch qualifizierte Beruf des Buchhändlers wird zudem durch Versandlogistik und Leiharbeit ersetzt – auch werden Straßen und Umwelt durch viele Versand-Fahrten belastet.

Die Brief könnte nun zum Umdenken in der Branche beitragen und Verleger und stationären Buchhandel näher zusammen rücken lassen.
Der Offene Brief wird nachfolgend dokumentiert:

“ CH. SCHROER GmbH – Literaturverlag – DIE NEUE SACHLICHKEIT Kunst | Buch | Verlag

Adieu Amazon: Offener Brief an Jeff Bezos
Datum: 15. Februar 2013

Lieber Jeff Bezos,

heute nehmen wir Abschied, wir kündigen unsere Zulieferer- wie auch Kundenkonten. Mit sofortiger Wirkung. Ohne Wenn und Aber und mit allen Konsequenzen.

Seit Jahren ist es uns als Verlag ein Dorn im Auge, dass Sie an kleine Zulieferer wie uns überzogene Rabattforderungen von 55% stellen. Nein, es muss ja, um mit dem Buchpreisbindungsgesetz konform zu sein, heißen: 50% Rabatt plus 5% Lagerkosten. Dass aber Waren, die nachweislich Durchlaufposten sind, auch ohne Lagerung diese 5% zusätzlichen Kosten verursachen, war uns schon immer unverständlich.

Auch haben wir akzeptiert, dass Sie mit luftigen Buchungstricks bei der Umsatzsteuer Ihren Gewinn maximieren; dass Sie von kleinen Zulieferern verlangen, Rechnungen zu stellen, die dann ins EU-Ausland versandt werden müssen; dass Sie sich vertraglich einen unglaublichen Skontorahmen einräumen lassen. Dass neue, frisch angelieferte Titel in Ihrem eigenen „Marketplace“-Anbieterkonto als Mängelexemplare auftauchen. Und dass Sie Kommissionswaren remittieren, die Sie nicht pfleglich behandelt haben und diese somit vom weiteren Verkauf ausgeschlossen sind.

Dass Sie Ihre Marktmacht gegenüber Ihren „Partnern“ rigoros ausnutzen, sollte wohl jedem klar sein: Lebendig erinnern wir uns an Ihre Aktion gegenüber den „Independent Publishers“ in Ihrem Heimatland, wo Sie neue Konditionen diktierten. Wer nicht mitzog, der wurde einfach ausgelistet, dessen Bücher waren urplötzlich nicht mehr verfügbar.

Aber, das haben wir hingenommen, zwar nicht ganz freiwillig, denn will ein Kleinverlag von Endkunden wahrgenommen werden, ist es zwangsläufig verpflichtend, bei Ihnen gelistet zu sein. Amazon macht sichtbar, und wer nicht bei Ihnen gelistet ist, der ist bei Endkunden auch nicht „seriös“ – oder: Was es bei amazon.de nicht gibt, gibt’s nirgends.

Wirtschaftlich trägt sich Ihr Geschäftsmodell für uns nicht. Hat es im übrigens noch nie. Zu überzogen sind Ihre Forderungen, wir fühlen uns nicht als Partner behandelt, sondern als Bittsteller, der bitte, bitte, bitte seine Bücher über Ihre Plattform vertreiben darf und zwar zu Konditionen und Verträgen, die Sie diktieren.

Nun aber bringt die aktuelle Berichterstattung das Fass zum Überlaufen: Sie behandeln Menschen wie Ware. Menschen, die in eine Notlage geraten sind, die Arbeit dringend brauchen. Diese Menschen, Ihre Arbeitnehmer, Ihr „Humankapital“ behandeln Sie mit genauso unfairen Praktiken, die Sie schon uns haben angedeihen lassen.

Auf eine Wiederholung der Vorwürfe verzichten wir an dieser Stelle, stehen diese noch im Raum und sind aufmerksamen Zeitgenossen durchaus in lebendiger Erinnerung.

Aber als Ergänzung sei hinzugefügt, dass unsere Ansprechpartner ebenfalls größtenteils nicht in Deutschland sitzen, sondern – so unser Verdacht – in Indien. Wie wohl hier die Menschen behandelt werden? Menschen, denen ein Staat weniger Schutz und Rechte gibt, als auf unserem europäischen Boden.

Respektvolles Wirtschaften, faire Umgangsformen und gegenseitige Rücksichtnahme in einer Geschäftsbeziehung halten wir für unabdingbar. Egal, ob es dabei um Kunden, Mitarbeiter, Zulieferer und Vertriebspartner geht.
Sie sind, waren es nie und werden es auch wohl zukünftig nicht werden: ein Unternehmen, das Menschen wie Menschen, das Verlage wie Partner, das Kunden wie Könige und Kaiser behandelt. Ein Unternehmen, welches sich u.a. dem Kulturgut „Buch“ verschreibt und soziale und ethische Grundsätze beachtet.

Wir können daher nur unsere Konsequenzen ziehen und sagen „Adieu!“. 
Und eigentlich sind wir froh darüber, einen so schwierigen Geschäftspartner los zu sein.

Mit freundlichen Grüßen,

Christopher Schroer

P.S. Allen unseren Lesern sei an dieser Stelle gesagt: Unsere Titel gibt es in jeder Buchhandlung. Schauen Sie mal wieder hinein, dort begegnen Ihnen Menschen mit einem Lächeln und einem guten Buch.“

Weitere Informationen:

http://www.chsbooks.de/adieu-amazon/

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m/s