Sonntag, 22. Oktober 2017
Home > Kultur > Adieu nach 20 Jahren „bat-studiotheater“

Adieu nach 20 Jahren „bat-studiotheater“

Prof. Peter Kleinert im Interview mit Holger Teschke im bat-studiotheater

Prof. Peter Kleinert verabschiedet sich vom bat-studiotheater. 20 Jahre lang leitete er das Theater und hat es schrittweise zu einem Repertoire-Theater der Hochschule für Schauspielkunst ausgebaut. Holger Teschke spricht mit Peter Kleinert über seine Erfahrungen, Abschied und Zukunftspläne.

Prof. Peter Kleinert im Interview mit Holger Teschke im bat-studiotheater

Holger Teschke: „Du bist seit über 20 Jahren Leiter des bat Studiotheaters und der Abteilung Regie. Wie hat sich das Regieinstitut in den letzten zwei Jahrzehnten entwickelt?“

Prof. Peter Kleinert: „Zunächst bin ich sehr stolz darauf, dass es uns gelungen ist, das bat von einer Spielstätte, in der ab und an mal Aufführungen stattfanden, in denen Schauspielstudierende unter der Regie ihrer Dozenten spielten, und in der Regiestudierende nur sehr beschränkte Möglichkeiten zu arbeiten hatten, zu einem Repertoiretheater zu machen, dass es sich immer mehr zu einem Theater der Studierenden entwickelt. Das verdanken wir sowohl der verbesserten Zusammenarbeit zwischen Schauspiel- und Regieabteilung als auch unseren Technikern, die sich zu einem hochprofessionellen, mit großer Effektivität arbeitenden Team entwickelt haben. Wir spielen jetzt durchschnittlich 120 Vorstellungen pro Spielzeit und das sind neben den Projekten der Regiestudierenden, den Aufführungen der Schauspiel-, Puppenspiel- und Tanzabteilung inzwischen auch viele freie „no budget“- Projekte, die Buschfeuer und die Sommerprojekte.

Als ich hier angefangen habe, war das Theater technisch recht einfach ausgestattet. Inzwischen wurde viel investiert:

Es wurden Züge eingebaut, eine mobile Bestuhlung, die es uns ermöglicht, den Theaterraum zu verändern, und wir haben eine hochmoderne Licht- und Tonanlage. So können wir unseren Studierenden annähernd professionelle Arbeitsbedingungen bieten, und das ist so gut wie einmalig für eine Theaterhochschule.
Was die Lehre angeht, so hat sich natürlich viel verändert,worauf ich hier aus Platzmangel nicht detailliert eingehen kann. Ich hatte das Glück, in all den Jahren mit einem Kollegium zusammen zu arbeiten, das sich stets streitbar, aber sehr produktiv der Tatsache gestellt hat, dass neue Generationen, dass Veränderungen in der Gesellschaft wie im Theater von uns verlangen, unsere Lehrkonzepte immer wieder neu zu überdenken und zu verändern.“

Holger Teschke: „Hand auf’s Herz: Kann man Regie wirklich lehren?“

Prof. Peter Kleinert: „Diese Frage treibt mich um, solange ich als Regiedozent tätig bin. Man kann das nicht lernen wie Apotheker oder Bauingenieur. Ich glaube, Voraussetzung ist das Talent der Studierenden, sich gegenüber unseren vielfältigen Angeboten nicht als Konsument zu verhalten, eigene Fragen zu formulieren, Erfahrungen zu reflektieren und sich mutig dem Diskurs über die eigene Arbeit zu stellen.

Regie kann man am besten lernen, indem man Regie führt. Diesem Grundsatz fühlt sich das Regieinstitut seit Anbeginn verpflichtet. Die gute Zusammenarbeit mit unserer Schauspielabteilung bei den Regieprojekten im dritten Jahr und bei Diplominszenierungen, die Zusammenarbeit mit der UdK bei der Werkstatt Neue Stücke und bei Szenenstudien, die Möglichkeit, professionelle Schauspieler zu engagieren, schaffen gute Bedingungen für die Regiepraxis. Wir bemühen uns darüber hinaus, Theorie und Praxis in ein spannungsvolles Verhältnis zu bringen. Da gibt es ebenso wie bei der Mentorierung und der kritischen Auswertung der Projekte sicher noch Reserven. Die Verhältnisse an den Theatern haben sich nicht erst seit 1989 immer wieder dramatisch verändert, die Anforderungen auch an Regisseure sind immer komplexer geworden.“

Holger Teschke:“Was muss eine gute Regisseurin, ein guter Regisseur heute können, um am Markt bestehen zu können?“

Prof. Peter Kleinert: „Ich glaube, um im Theater erfolgreich zu sein, braucht es vor allem den Mut, die persönliche Haltung zur Welt, zum Stück und zum Publikum auf originelle Weise sichtbar zu machen.
Dazu kommen sollten das Interesse und die Fähigkeit, ein Ensemble zu formen und mit diesem eine Arbeitsatmosphäre zu schaffen, in der die Schauspieler, ja das ganze Team sich schöpferisch, auf das gemeinsamem Ziel gerichtet, entfalten können. All das ist aber keine Garantie, überhaupt erst mal vom Markt aufgenommen zu werden.

Dazu braucht es zusätzlich die Fähigkeit zum Selbstmanagement, das Talent, sich Netzwerke zu bauen und sich in bestehende einzubinden, und natürlich auch Glück.“

Prof. Peter Kleiner im bat-studiotheater  Foto: hfs-berlin.de

Holger Teschke: „Die Städte und Gemeinden befinden sich in permanenter Finanznot, das deutsche Stadttheater-System wird in Ost und West kaputtgespart. Wo siehst du Alternativen für unsere Absolventen?“

Prof. Peter Kleinert: „Als ich vor kurzem mal die Listen mit unseren Alumni der letzten 20 Jahre durchgesehen habe, war ich erstaunt, dass der allergrößte Teil unserer Absolventen immer noch erfolgreich an den Staats- und Stadttheatern unterwegs ist. Aber wahrscheinlich hast du recht, dass das in der Zukunft schwieriger wird. Die Schule bietet da eine gute Möglichkeit, sich auf eine solche Situation vorzubereiten: Die jungen Regisseure können hier Gleichgesinnte kennenlernen, Banden bilden und sich dann in der Freien Szene, mit den vorhandenen Fördermitteln und Netzwerken, etablieren. Das ist nicht einfach. Aber der Theaterberuf ist ja inzwischen eh wie viele andere künstlerischen Berufe ein prekärer.“

Holger Teschke: „Ebenso wie die Theaterlandschaft haben sich die Theaterhochschulen geändert und stehen in Konkurrenz zueinander um die begabtesten Bewerber, zunehmend auch in internationaler Konkurrenz. Was müsste sich in der Zukunft ändern, um unser Angebot weiter interessant für junge Regietalente zu machen?“

Prof. Peter Kleinert:“ Als ich anfing hier zu arbeiten, gab es nur sehr wenige Regieschulen. Inzwischen hat sich das Angebot vervielfacht und der Abschluss an einer solchen Schule gilt allgemein als Voraussetzung, um am Theater Regie zu führen. Und bei all den Schulen bildet sich ein Bewusstsein heraus, dass es wichtig ist, kenntlich zu machen, wofür die jeweilige Regieausbildung steht. Unsere Schule hat da mit ihrer praxisorientierten, auf inszenatorisches Handwerk gerichteten Ausbildung keine schlechten Karten. Was soll sich ändern, was können wir besser machen? Ich bin sicher, meinen Nachfolgern wird da einiges einfallen.

Obwohl ich glaube, ein gut bestelltes Feld zu hinterlassen, ist einiges im Ansatz stecken geblieben. Schon aus dem neuen Studiengang Dramaturgie erwachsen eine Reihe neuer Fragestellungen.
Lange schon diskutieren wir, wie wir aus 150 Bewerbern pro Jahr die 6 herausprüfen, die dann die Regieklasse bilden sollen. Mein Traum wäre, wenigstens zweimal im Jahr einen einwöchigen Workshop zu machen.“

Holger Teschke: „Du bleibst trotz deines Abschieds mit deinen Erfahrungen unserer Abteilung erhalten, wirst jetzt aber mehr Zeit für deine eigene künstlerische Arbeit haben. Welche Pläne hast du für die Zukunft?“

Prof. Peter Kleinert: „Ich habe in den vergangenen Jahren drei Inszenierungen mit Schauspielstudierenden gemacht, die für mich heute fast so etwas wie eine Trilogie darstellen: „Personenkreis 3.1“ am bat und „Nachtasyl“ und „Marat/ Sade“ an der Schaubühne.
Wichtig war mir, und das eint bei aller Unterschiedlichkeit alle drei Arbeiten, dass nicht nur das Stück, sondern auch die Produktion selbst zum Gegenstand des Theaterabends wurde.
Dabei waren mir Ensemblebildung und Improvisation wichtige Instrumente dafür, dass sich aus der Spannung zwischen Figur und Spieler für das Publikum die Aktualität des jeweiligen Stoffes erschließt. Da würde ich gern anknüpfen.
Ich habe in den letzten fünfzehn Jahren auch viel im Ausland gearbeitet, In Frankreich, Großbritannien, Italien, Österreich, zuletzt in Sydney „Die Dreigroschenoper“ und in Pittsburgh „Der gute Mensch von Sezuan“. Beide Brechtinszenierungen zusammen mit Jürgen Beyer. Das waren immer interessante Herausforderungen, denen ich mich auch in Zukunft gerne weiter stellen würde. Und natürlich würde ich mich freuen, wenn mich meine Kollegen einladen würden, ab und an wieder am Regieinstitut zu arbeiten.“

Das Interview wurde mit freundlicher Genehmigung der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin publiziert. www.hfs-berlin.de

bat-studiotheater
Belforter Str. 15
10405 Berlin-Prenzlauer Berg
www.bat-berlin.de

Save this post as PDF

m/s