Sonntag, 22. Oktober 2017
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“Agenda 2015 – Das Politik-Briefing für Deutschland”

Tages-Spiegel-"Ei"

/// Glosse/// – Die Medienlandschaft hat sich beschleunigt. Für Tageszeitungen wird das Gesetz von Aufmerksamkeit und höchsten Zugriffszahlen zu einem wirksamen Treiber. Besonders bei preisgekrönten Medien setzt dann eine besondere Form von Beschleunigungswahn ein. „Was, wenn wir nicht nur „schneller als die Realität“, sondern auch noch schneller als die Politik sind?“

Ist das vielleicht eine völlig neue Möglichkeit, um Journalismus zu machen? Und wie lässt sich das denn „monetarisieren?“ – Schließlich kosten die journalistischen Edelfedern Geld, monatlich viel Geld! Urlaub & Spesen inbegriffen.

Politikbeschleunigende Kommentare (Politik muss ….), am besten viermal am Tag, von zwei Kommentatoren, und der Tagesspiegel steht dann bei allen Pageimpressions zum Thema bei Google ganz oben.

Die Idee der Beschleunigung schafft neue kreative Möglichkeiten, auch die Redaktion der Pankower Allgemeine Zeitung nutzt die Möglichkeiten, Dinge proaktiv zu benennen, zu kommentieren. Allerdings im bescheidenen Rahmen einzelner Gehirne, einzelner Autoren. Eigentlich wäre es schön, wenn noch mehr Autoren dazu kommen, das sagt sich jede Zeitungsredaktion.

Noch schöner wäre es, Original-Inhalte zu bekommen, „Premium-Content“, der dann von anderen Medien nachzitiert oder sogar abgekauft werden muß. Eine Wertschöpfungskette entsteht vor den Augen des Verlagscontrollers.

Was, wenn man das zum Eventformat macht? Wenn man quasi die Hauptstadt als riesige Quatschbude zur journalistischen Goldmine macht, und die regionale Konkurrenz in Qualität, Tempo und exklusiven Zugang schlägt, oder einfach abhängt?

Ein Event, einzigartige Referenten, nur einmal Fahrtkosten für An- und Abreise, viele Kontakte, Querverweise, Einladungen und Co-Kommentierungen … so ein Verlags-Event kann sich zur richtigen „sozialen Content-Goldmine“ auswachsen.

Am Besten, man macht es zu einem Konferenz-Format. Außerdem kann man so die PR-Etats großer Unternehmen anzapfen, und denen „PR“ ohne „PR-Verdacht“ anbieten. Sozusagen „exklusiven vorauseilenden und politikauslösenden „Proto-Journalismus“, mit exklusiven „Preview- und Erstaufführungsrechten“.

In einer kreativen Stadt, einer kreativen Gesellschaft und vor allem einer kreativen Wirtschaft wird „Proto-Journalismus“ zur neuen gesellschaftlichen Kraft. Lobby-Verbände haben das schon lange erkannt, aber Journalisten haben da bislang nicht so recht mitgemacht. Doch die Gesetze des Marktes, die Betriebswirtschaft und die hungrigen Mäuler in der Redaktion erzwingen eine Entgrenzung von alten ehrwürdigen Prinzipien.

Für eine Fachkonferenz ist es scheinbar politisch und journalistisch unanstößig – wie etwa eine alljährliche Elektromobility Summit. Doch ein vergangenes Beispiel zeigt: altehrwürdige Journalisten sind selbst bei Themen wie Elektromobilität plötzlich „ulkig“, zumal wenn es um Geld geht.

Wenn nun eine große Tageszeitung vom Größenwahn gepackt wird, und nicht mehr einzelne größenwahnsinnige Journalisten tätig werden lässt, die mit ihrem Namen für die eigenen Worte und Ideen einstehen, wird eine neue organisatorischen Grenze überschritten:

“Agenda 2015 – Das Politik-Briefing für Deutschland” – der Anspruch einem ganzen Land und der Politik „Bescheid“ zu sagen, wird nun in ein bezahltes Konferenz-Format gepackt. Ein paar Lobby-Verbände zahlen, und ein paar andere weniger strategisch denkende Teilnehmer geben die argumentative Staffage ab. Natürlich funktioniert das nur, wenn die Teilnehmer nicht wissen, wer in „Leadership“ macht, wer den „Empörungsgenuß“ sprudeln lässt, wer den Buffo gibt, und wer hinterher seine Budgets neu disponiert.

Das Konferenzformat “Agenda 2015 – Das Politik-Briefing für Deutschland” wird zur Institution!

Die Intendanz und Intention aber bleiben unbenannt. Es entsteht ein Politik-Theater, ohne Intendant und ohne offen benannten Regisseur. Noch vor dem Volk wird die Politik und die Debatte besetzt. Journalistisch gelenkte Demokratie entsteht. „Agenda-Setting“ wird zum Lobby-Geschäft.

Lobbycontrol hat nun den Tagesspiegel offen angegriffen, und erzwingt damit eine Debatte. Eine Debatte, die ganz wichtig ist, die auch mit offenen Visier geführt werden muß.

Offenheit und Transparenz wären wichtig! „Sponsored by – und inspirated by – das ist ja durchaus zulässig! Es wäre auch wichtig, wenn Lobbys ihre Intentionen offen legen müssen, und sich nicht hinter getarnter „Zweckkommunikation“ verstecken können.

Und wenn der Verband der Chemischen Industrie Geld für mehr Chemiewissen im Alltag ausgeben will, dann bitte nicht nur für eine Zeitung! Ich melde mich gern als Chemiekritiker, weil in Diskussionen um Chemie auch der Spaß und Knalleffekt und Geschichten aus der Alltagswelt der rund 130.000 uns umgebenen Chemikalien nicht fehlen dürfen.

Von Asbest bis Zyanide, von Atmosphärenchemie bis zur Zuckerchemie gibt es viele brisante und amüsante Dinge zu vermelden – aber auch zu vermeiden!

Und dem Hauptverband der Deutschen Bauindustrie würde ich gern auch etwas über „Baubedarfsphysik“, den Geldbeutel des kleinen Mannes“ und die Pyrolyse von Styrol erzählen!

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Anmerkung der Redaktion
* Felix, qui potuit rerum cognescere causas = Glücklich, wer den Dingen auf den Grund sehen konnte.“ Vergil & Asterix

Die Idee, ein satirisches Format für die Pankower Allgemeine Zeitung zu schaffen, lag schon eine Weile in der Luft. Doch was ist heute Satire, was Realität? Die Grenzen sind fließend – und überall dort, wo sich unscharfe Konturen abzeichnen, lauern Fragen, tiefe Erkenntnisse – überraschende Antworten – manchmal auch Wortspiele.

Um etwas Bleibendes zu schaffen, sollte ein Format entwickelt werden, das einer Zeitungsente mindestens ebenbürtig ist.

Bizarres, Kurioses, läßliche Fehler, Denkfehler und Voreingenommenheiten und allzueinfache Denkmuster werden hier aufs Korn genommen. Ein Name für die Rubrik mußte her! Ein Name, der beschreibt, wenn etwas schiefgeht, wenn “ein Ei gelegt” wird.

Die Beschleunigung des journalistischen Formate im Internet, und die journalistische Hektik in der Aufmerksamkeitsökonomie fordern unerbittlich Tribut: alltäglich droht die Gefahr, ein Ei zu legen. Das “Ei” des Tages soll zum Thema werden!

Und so entstand die Idee für diese Rubrik: TAGES-Spiegel”Ei” *

*Disclaimer:
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, Medien, aktuellen Quellen, Links & Verweisen sind nie zufällig, sondern ausgewählt!

Weitere Informationen:

Lobbycontrol – aktuell

Tagesspiegel-Konferenz „Agenda 2015“ | Der Lobbyist kauft sich ein | Petra Sorge | 11. Dezember 2014 | Cicero

Schneller als die Realität | 18.5.2014 | Michael Springer | Pankower Allgemeine Zeitung

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