Mittwoch, 23. August 2017
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Alles ist arrogant!

TOUT EST ARROGANTE!

Kommentar /// – Der schreckliche Anschlag von Paris ist ein Anlass zum Nachdenken, und Innehalten. In einem ersten Kommentar habe ich um Bedenkzeit gebeten (Je suis Charlie 8.1.2015) – eine Zeit, die notwendig war, um Geschehnisse zu verstehen, Abstand zu bekommen – aber auch um schlimmen Entwicklungen auf die Spur zu kommmen.

Es ist keine Frage der Kunst- und Satirefreiheit, auch keine Frage der Pressefreiheit, die hier auf dem Spiel steht! Stattdessen stehen tiefe Grundfragen menschlicher Zivilisation, Grundfragen von Respekt, kultureller Achtsamkeit und auch grundlegender Toleranz auf der Tagesordnung.

Wir haben über 186 Kulturen auf dem Planeten Erde, und alle haben unterschiedliche Grade von Entwicklung erreichen können. Nicht nur Unterschiede prägen die Welt, sondern vor allem auch schwer überwindbare kulturelle Ungleichzeitigkeiten.

Die westlich geprägten Gesellschaften haben alle eine Trennung von Religion und Staat zum beherrschenden Entwicklungsmuster machen können – ein Weg, der in offene und multikulturelle Gesellschaften ebnet. Ein Weg, der Globalisierung fördert, der aber an den Rändern zu brutalen Interessengegensätzen und Konflikten führt.

Vor allem arabische und muslimische Kulturen sind in Ungleichzeitigkeiten gefangen – aus denen sie nicht „herausgebombt“ werden können. Zivilisatorische Prozesse erfordern Selbstbestimmung und Selbstverantwortung, Lernen und kulturelle Praxis

Die offenen westlichen Gesellschaften stehen heute in Gefahr einer grundlegenden Selbstüberschätzung, in der Gefahr, die eigene Entwicklung als überlegene und einzig wahre Entwicklung zu begreifen.

Ganz besondere Gefahr entsteht dabei durch falsches „Überlegenheitsbewußtsein“, das in der Auseinandersetzung mit anderen Kulturen und „Planetenbewohnern“ einen gefährlichen Irrsinn aufkommen lässt.

Respekt und Achtung verlieren plötzlich ihre bedeutende Kraft. Digitalisierung und Ökonomisierung sorgen für eine tiefe Umstrukturierung von Kultur, Mediengesellschaft und Ökonomie: „alles wird arrogant!“

Die durch den Neoliberalismus und Finanzkapitalismus geprägte Politik und Ökonomie sind zur Kultur geworden – sie beruhen auf Mustern grundlegender Arroganz, die sich vor allem auch gegen Arme und Schwache richtet.

Die Mißachtung von Persönlichkeitsrechten ist „arrogant“. Die Mißachtung von Menschenrechten ist „arrogant!“ Das digitale „Fern-Eleminieren“ von Feinden ist arrogant! Das Wort „Kollateralschaden“ ist abgrundtief arrogant!“ Und die digitale „Fernausbeutung per Internetökonomie “ ist in allen Tiefenwirkungen arrogant, leistungsfeindlich – und zerstört die Marktwirtschaft der Menschen.

Der „Krieg gegen den Terror“ ist eine bis in Hybris gesteigerte Arroganz, die nicht nur den Gegner entpersonalisiert, sondern mit der Totalität eines „Unkrautvernichtungsmittels“ ganze Erdteile in Kriegsgebiete und Wüstungen verwandelt.

Ist es nicht die „Höchstform der Arroganz“, wenn Drohnenpiloten fernab des Kriegsschauplatzes, gut geschützt, ergonomisch sitzend „Feinde“ ohne Möglichkeit von Gegenwehr bekämpfen?

Vor allem: Was passiert mit den Kriegsherren, wenn sie ihre arrogante Wirkung selbst nicht mehr verspüren können – wenn sie in eine unermeßlich arrogante Selbstgewißheit verfallen – und „Bombardieren“ zur alleinigen Form des „interkulturellen Dialogs“ wird?

Verwüsten sie mit ihrer Überheblichkeit nicht nur die Psyche der Drohnenpiloten, sondern auch Politik und Gesellschaft?

Weckt diese unermeßliche Arroganz nicht auch eine unermeßlich verzweifelte und hasserfüllte Gegenwehr? Eine Verzweiflung und Wut, die auch vor „Selbstmordattentaten“ nicht mehr zurück schrecken kann, um sich auszudrücken?

Sind Selbstmordattentate und Enthauptungen nicht eine Form der reaktiven Arroganz, die unsere westliche, bis zur Hybris gesteigerten Formen der Arroganz mit bis ins Letzte gesteigerter archaischer Arroganz beantworten?

Sollen wir die „in kultureller Unterschiedlichkeit und Ungleichzeitigkeit“ gefangenen Muslime zum uneingeschränkten Feind erklären? Oder sollten wir versuchen zu erkennen, dass sie Menschen sind, die durch unsere eigene übersteigerte und empfindungslose Arroganz auf das Tiefste verletzt und berührt werden?

Wird Satire aus westlichen Hauptstädten nicht in gleicher Weise zur Fernwaffe, wenn sie medial übertragen wird, wie eine „Hellfire-Rakete“, die auf eine Moschee abgeschossen wird?

Dürfen wir die universellen Menschenrechte mit ubiquitären und performativ wirkenden Medien und Internetmedien beständig verletzten, und auf arrogante Weise mißachten und beschädigen?

Müssen wir Muslime, die noch in tiefster Glaubensüberzeugung leben mit Krieg überziehen, nur weil sie sich einen säkularisierten Islam noch nicht vorstellen können?

Gebiert unsere Mediengesellschafteine nicht erst jene besondere gedankenlose Form der Arroganz, die sich praktisch grenzenlos und rücksichtslos ausbreiten kann?

Sorgt die unabsehbare, gedankenlose und sich der Selbsterfahrung entzogene Arroganz der westlichen Gesellschaften und Kriegsstrategen für genau die Angst und die psychologische Mechanismen, die ein offene Gesellschaft von innen heraus zerstören – und unendliche neue Arroganz zur Folge haben?

Gibt es einen Teufelskreis der Arroganz – der Terror und Terrorangst speist, und den „Krieg gegen den Terror“ und zur scheinbar einzigen und allerletzten Logik werden lässt?

Bedrohen wir uns als Menschheit selbst – durch unkontrollierte Arroganz und Haß?

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