Freitag, 15. Dezember 2017
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Das digitale Debakel

Andrew Keen:
Das digitale Debakel

The Digital Revolution has not ...

Ein Aufsehen erregendes Buch ist Anfang dieser Woche veröffentlicht worden. Autor Andrew Keen, in Hampstead (London) geborener britisch-amerikanische Unternehmer, Autor und Internet-Kritiker geht mit der Internetbranche hart ins Gericht. Kernvorwurf: Die Technikbranche verdient riesige Summen, streicht aber Jobs. Die Idee des libertären Internet sei gescheitert, es brauche einen neuen Gesellschaftsvertrag.

The Digital Revolution has not ...

Über den Autor
Keen ist kein Nobody, er erwarb an der University of London einen Bachelor in Geschichte, studierte weiter an der Universität Sarajevo und schloss an der University of California, Berkeley mit dem Master in Politikwissenschaft ab.

Er lehrte an der US-amerikanischen Tufts University, Northeastern University (Boston) und University of Massachusetts. 1995 gründete er im Silicon Valley audiocafe.com.Er arbeitete für Medienunternehmen wie SLO Media, Santa Cruz Networks, Jazziz Digital oder Pure Depth. 2005 gründete er AfterTV. Heute lebt er mit seiner Familie in Berkeley (Kalifornien).
Andrew Keen schreibt einen Weblog und publiziert auch einen Podcast bei AfterTV.

In seinem Buch „The Cult of the Amateur“ (deutsch: Die Stunde der Stümper, Original 2007, deutsch 2008) kritisiert Keen mehrere aktuelle Entwicklungen des Internets, darunter auch freie, kollaborativ erstellte Webangebote wie Wikipedia. Keen wirft der Internetentwicklung unter anderem vor, durch Amateurinhalte die Kultur zu trivialisieren.
Sein neues Buch bewirbt er auf seinem Weblog: www.ajkeen.com .

Keen auf der DLD 15 am 18.-20.1.2015

Keen hatte kürzlich auf der DLD (Digital-Life-Design) Konferenz der Hubert Burda Media GmbH in München seine Thesen vorgestellt. Seine zentrale These: „The Internet is not the Answer!“ (Originaltitel: The Internet is not the Answer – Published Jan 6 2015)

Keen redete mit drastischen Worten. Apple hinterzog 2012 pro Stunde eine Million Dollar Steuern. Schuld daran sind nicht nur Unternehmen, sondern auch Nutzer und Regierungen, sagte er. Von Deutschland und der EU fordert Keen strengere Regeln. Die Idee des libertären Internet sei gescheitert, es brauche einen neuen Gesellschaftsvertrag. In direkt spricht er damit auch gegen die aktuellen laufenden Verhandlungen zum TTIP, denn Google kolonisiert auch unser Denken und besetzt mit seinen Bedienregeln unsere Begriffe. Allein an der Fehlinterpretation der „Klickaufmerksamkeit“ verdient Google Milliarden Dollar, weil Firmen und Selbsständige Klicks bereits als „mögliches Kundeninteresse“ interpretieren – und so den Boden für das „next Big-Business“ Big-Data bereiten.

„Das Internet bringt den Menschen mehr Demokratie, wirtschaftlichen Wohlstand und kulturelle Vielfalt. Es ist ein Raum der Transparenz, Offenheit und Gleichberechtigung. Ein Erfolg auf der ganzen Linie. Wer das glaubt, sagt Silicon-Valley-Insider Andrew Keen, liegt völlig falsch. Nicht die Gesellschaft profitiert von einer „hypervernetzten“ Welt, sondern eine elitäre Gruppe junger weißer Männer. Was ihnen immer mehr Reichtum beschert, macht uns in vielerlei Hinsicht ärmer.

„Das Internet vernichtet Arbeitsplätze, unterbindet den Wettbewerb und befördert Intoleranz und Voyeurismus. Es ist kein Ort der Freiheit, sondern ein Überwachungsapparat, dem wir kosten- und bedenkenlos zuarbeiten. Kurzum: Das Internet ist ein wirtschaftliches, kulturelles und gesellschaftliches Debakel. Andrew Keen liefert eine scharfe, pointierte Analyse unserer vernetzten Welt und zeigt, was sich ändern muss, um ein endgültiges Scheitern des Internets zu verhindern,“ – so heißt es im Verlagsprospekt.

10 Thesen, warum das Internet nicht die Antwort ist

Das Internet feiert seinen 50. Geburtstag. Es gibt keinen Zweifel, dass die digitale Revolution und die entstandenen Geschäfte die ganze Welt grundlegend verändert haben. Doch ist das Internet – das auch heute ein Störfaktor für Industiezweige wie die Medien, Transport- und Gesundheitswesen, Finanzen, Bildung und Wirtschaft ist – wirklich eine Wohltat für die Gesellschaft?

In seinem argumentiert Keen, dass die Netzwerkrevolution bis heute eine enorme Fehlentwicklung zurückgelegt hat. Hier sind die Gründe, warum das Internet nicht die Antwort ist:

1. Statt Macht und Reichtum zu verteilen, hat es riesige Monopole des 21. Jahrhundert, wie Google und Amazon, erschaffen.

2. Anstatt Arbeitsplätze zu schaffen, hat es 19 Billionen $ Internet-Startups wie WeChat erschaffen, die nur 55 Leute beschäftigen.

3. Wie die NSA-Leaks von Snowden aufgedeckt haben, hat das Internet nicht eine gesündere und transparente Gesellschaft geschaffen, sondern es hat unsere Privatssphäre zerstört und sowohl die Regierung also auch private Unternehmen in die Lage versetzt, uns alle zu jeder Zeit auszuspionieren.

4. Eher als Reichtum zu demokratisieren, hat die Silicon Valley Ökonomie von mehreren Billionen Dollar Startups wie Airbnb die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert.

5. Es gibt keine kulturelle Renaissance – die Online-Piraterie und der „freie“ Content der Blogsphäre und von Social Media haben Industriebetriebe in den Bereichen Musik, Zeitung, Fotografie und Bücher dezimiert.

6. Das Internet hat nicht die Zunahme von Demokratie bewirkt. Anonyme Netzwerke wie Reddit und 4Chan haben die Regeln des Mobs übernommen.

7. Nicht die Toleranz erhöhte sich, Netzwerke wie Twitter und Facebook, die zur Selbstdarstellung aufmuntern, verbinden sich zu einer Online-Epidemie aus Rassismus, Sexismuns und Mobbing.

8. Eher als eine kulturelle Renaissance hat es eine selfie-zentrierte Zeit des verhassten Narzissmus geschaffen, der sich in Netzwerken wie Instagram auslebt.

9. Die sogenannte „sharing economy“ von Netzwerken ist in Wahrheit die selbstbezogene Ökonomie von ethischen Herausforderern wie dem Unternehmer UBER CEO Travis Kalanick.

10. Das Internet zwingt uns alle kostenlos in „data factories“ zu arbeiten wie Tublr und Pinterest, während diese Unternehmen von unseren Daten reich werden, die wir Ihnen täglich zur Verfügung stellen.

The Next Web – Initiativen

Andrew Keen gehört zu einer ganzen Reihe von Kritikern, die sich zunehmend zu Wort melden und weltweit Initiativen für The Next Web propagieren und entwickeln. Auch in Berlin entwickelt sich diese Szene, die hinter verschlüsselten Servern und Protokollen „tagt“ und „arbeitet“. Die neuen Initiativen werden demnächst auch in der Rubrik #Neuland vorgestellt.

Deutsche Buchausgabe: Das digitale Debakel

Die deutsche Buchausgabe ist bei DVA als Sachbuch erschienen und wurde sogleich umfassend kommentiert. Der hektisch gesprochene Clip zum Buch und die schnelle Bildfolge rütteln auf, wie das gesamte Buch.
Keith Tare, einer der Gründer des Blogs TechCrunch brachte es auf den Punkt: „The Valley will never be the same!“ – Silicon Valley muß sich neu erfinden – oder es entsteht etwas Neues in einer ganz anderen Ecke der Welt!

Andrew Keen - Buchcover

Literaturhinweis:
Andrew Keen:
Das digitale Debakel

Warum das Internet gescheitert ist – und wie wir es retten können

Originaltitel: The Internet is not the Answer
Originalverlag: Atlantic Books
Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 320 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-421-04647-5
€ 19,99 | DVA Sachbuch

Weitere Informationen:

SPIEGELonline: Internetkritiker Andrew Keen: „Der Silicon-Valley-Übermensch ist ein Raubritter“
18.01.2015 – Interview: Christian Stöcker

Blogbeitrag: Richard Gutjahr: DLD 2015: Uber- vs. Unter-Menschen? 21.1.2015

Deutschlandradio Kultur: Wer von der Digitalisierung profitiert – Von Vera Linß – 17.01.2015

N-TV: 28.1.2015 Silicon Valley neue Wall Street?“Mark Zuckerberg ist ein Heuchler“
– Interview: Roland Peters

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m/s