Sonntag, 20. August 2017
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Apfel-Festspiele in tausenden Variationen

Freiobst: Pflanzaktion in Pankow

Glosse /// – Das Jahr 2014 ist ein Apfeljahr! Die geschmackvolle und sortenreiche heimische Frucht bringt gewaltige Mehrerträge, eine rund 25% größere Ernte hängt an den Bäumen, und wird bis November zu Fallobst, wenn keine menschliche Hand das Unheil aufhält.

Europäische Apfelkrise?

Durch den russischen Importstop sind nach Schätzungen des Fruchthandelsverbandes zu viele Äpfel auf dem europäischen Markt. Die polnischen Apfelbauern exportieren nach Westen und nach Deutschland. Der Preis verfällt – und in Deutschland reichen die Erlöse nicht für die Kostendeckung der Löhne der Erntearbeiter. Für ein Kilogramm Äpfel bekamen Obstbauern vor einem Jahr noch etwa 40 Cent – aktuell sind es nur noch 20 Cent.

Damit wird aber kein Obstbauer froh, denn das deckt nicht die Kosten für die Ernte, auch nicht für Baumpflege, Düngung und ggf. Bewässerung.
Es ist ein „Preisproblem“, denn die heimische Apfelerzeugung in Deutschland deckt im mehrjährigen Durchschnitt jedoch lediglich ein knappes Drittel des Verbrauchs.

Der Apfel ist in Deutschland sehr beliebt: Äpfel wachsen auf 44 Prozent der Obstanbaufläche – insgesamt 31.738 Hektar. Und jeder Bundesbürger isst im Jahr durchschnittlich fast 70 Kilogramm Obst – mit dem höchsten Pro-Kopf-Verbrauch steht mit rund 26 Kilogramm der Apfel an erster Stelle. Auf Platz zwei folgt die Banane (elf Kilogramm).

Es müssen also Ideen her! Wie kann dem Marktpreisverfall entgegengewirkt werden?

Sollen Bündnis 90/Grüne ihre marktpreisverzerrenden Freiobst-Kampagnen einstellen? Oder brauchen Apfelbauern künftig eine neue Subvention, um die leicht verderblichen Äpfel besser lagern und veredeln können? Sollen künftig die Abwärmenutzung und die Herstellung von Trockenobst subventioniert werden?

Soll gar die Produktion von Apfel-Schnaps und Apfelwein angestoßen werden? – Oder bringt ein Keksriegelverbot an Schulen Abhlile, weil Schüler täglich mehr Äpfel essen müssen? Oder ist ein Aufbau einer neuen Kosmetikproduktion im ländlichen Raum ein Weg?

Apfelpolitik als Ausweg?

Auch die Idee, Äpfel und Außenpolitik zu verknüpfen, wurde schon formuliert: „An Apple a Day, keeps Putin away“ riet etwa unser Bundeslandwirtschaftminister Christian Schmidt (CSU), der damit klar populistischen Denktraditionen seiner Partei treu bleibt.

Die Allgegenwärtigkeit des Apfels mußte die Frucht unweigerlich zur politischen Frucht machen. Den Apfel gab es als Wildform schon in der Steinzeit, er ist heute in allen gemäßigten Zonen der Erde zu finden. Er gehört zu den am meisten züchterisch bearbeiteten Obstarten mit zahllosen Sorten.

Bereits im antiken Persien galt der Apfel als Symbol herrschaftlicher Macht, eine Symbolik, die von den mittelalterlichen Kaisern weitergeführt wurde. Sie trugen als Insignie eine Kugel als Sinnbild für die Erde und die Weltherrschaft. Im Mittelalter wurde diese Kugel in den Reichsapfel umgewandelt, der durch seine Form Vollkommenheit, Ganzheit und Einheit vermittelte.

In der Antike hielt die Göttin Nemesis, die Göttin des gerechten Zorns, einen Apfelzweig in der Hand. In Griechenland galt der Fruchtbarkeitsgott Dyonysos als Schöpfer des Apfelbaumes. Er widmete Aphrodite den Apfel als Sinnbild der Liebe und Schönheit. Aus den Bibelerwähnungen entsteht eine Symbolik, die neben der Versuchung und dem Sündenfall auch die Erlösung beinhaltet.

Auf Lateinisch heißt der Apfel „malus“, was übersetzt „schlecht, schlimm, böse“ bedeutet. Auffällig ist jedenfalls die Häufigkeit des Auftretens sowie die Deutlichkeit, mit der der Apfel für sinnbildliche Botschaften benutzt wurde.

Ist der Apfel vielleicht eine besondere Frucht, die eng mit unserer Kultur verknüpft ist? Fußt unsere Kultur sogar auf dem Apfel, wenn wie uns die Geschichte von Adam und Eva erneut vor Augen führen?

Ist die Apfelkrise womöglich Folge eines Kulturverlustes? Muß eine neue Apfelpolitik den Apfel wieder in unsere Mitte holen?

Kulinarik als Ausweg?

Eine besonders dekadente Form der Huldigung des Apfels wird aus dem 14.-15. Jahrhundert aus England berichtet. Hier hatte man zur Ergänzung ausgiebiger Festmahle Schein- oder Zwischengerichte als Pausenfüller kreiert. Die Köche experimentierten mit ungewöhnlichen Farben und Formen. So wurden etwa nachgebildete essbare Dörräpfel aus Hackfleisch, Gewürzen und einem Teig außen herum zubereitet, der ihnen das Aussehen von grünen und goldenen Äpfeln gab. Mit zermörserten Sandelholz wurden sogar ziegelsteinrote um 1500 Granatäpfel nachgeahmt.

Die mittelalterlichen Rezepturen weisen uns heute den Weg: wir müssen die Apfelkrise einfach nur auf höchst kultivierte Weise aufessen!

Apfel-Festspiele bringen die Lösung

Apfelfestspiele sind also die zeitgemäße Antwort, die heute einer Kulturstadt wie Berlin angemessen ist! Äpfel sind nicht einfach nur zum Reinbeißen, sondern dazu bestimmt, auf höchst kultivierte Weise zubereitet und in möglichst geselliger Runde genossen zu werden.
Zum Glück hilft heute die Wissensgesellschaft auf innovative Weise: von der Apfelkuchen-App bis zur gewaltigen Chefkoch-Rezeptesammlung können zehntausende Methoden zur Zubereitung von Äpfeln ausprobiert werden. Allein 13.650 Rezepte warten bei www.Chefkoch.de auf den Backofen oder Küchenherd.

Von „Urmelis Apfel – Haselnuss – Schoko – Apfel – Kuchen“ bis zu „Fletchers Wilde Terrine“ reicht die Rezeptvielfalt. Mal wird ein knuspriger Schokoboden mit zweimal Äpfeln: in der Füllung und als Belag verarbeitet, mal reichert ein einzelner Boskop-Apfel ein Fleischgericht an.

Vom 3 Minuten-Schnellgericht, bis zum mehrstündig zubereiteten Festmahl gibt es Anregungen für private „Apfel-Festspiele“.

Für Ökofreunde und Energiesparer gibt es zudem viel zu tun! Die brennende Frage lautet: mit welchem Rezept können möglichst viele Äpfel bei niedriger Hitze in kurzer Zeit verarbeitet werden?

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m/s