Donnerstag, 29. Juni 2017
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ArtCity, Creative City & Kulturstadt #2

ArtCity Berlin

Berlin ist Metropole und kulturelles Zentrum des Landes, mit einer ungeheuren kulturellen Vielfalt, Diversität und kreativen Kraft. Kulturpolitik in Berlin findet ganz zwangsläufig statt, die Vielfalt der Kulturwelt und der Kulturbesucher erschaffen längst eine selbst tragfähige Ökonomie der Kulturmetropole.

ArtCity Berlin
ArtCity Berlin – Kunst am Bau fördert die Identität der Stadt – Bild: Wohnen am Lokdepot

Die Kulturpolitik steht allerdings in Berlin vor einer immensen Herausforderung, weil Vielfalt, Diversität, Anziehungskraft und Vitalität sich im dynamischen Wechselspiel und im Auf und Ab befinden.

Die im Kreativ- und Kulturwirtschaftsindex erfasste Wirtschaft wächst. Doch sollten wir in Berlin lieber von Kunst-, Kreativ- und Kulturwirtschaft sprechen.

ArtCity, Creative City & Kulturstadt haben ganz eigene ökonomische Strukturen, Potentiale, Nöte und ausgelassene Chancen.

Übersicht und Einsichten in Potentiale

Das Gewicht der Kulturpolitik des Bundes nimmt in Berlin stetig zu, die zuständige Kulturstaatsministerin Dr. Monika Grütters, Hauptstadtkulturfonds, die Kulturstiftung des Bundes und Kulturstiftung des Bundes geben der Berliner Kulturlandschaft längst eine tragende Struktur.

Daneben entwickeln sich die „Berliner Kulturpolitiken“: die „Projektpolitik und Kulturförderung des Senates, und die Kulturpolitiken in den Bezirken, die auch in der kulturellen Bildung öffentlich mit Veranstaltungen, Wettbewerben und Konzerten austrahlt.
Die Freie Szene mit Darstellenden Künstlern, Ensembles, Spielstätten und Theatern kämpft beständig um Existenz. Die Kunstszene in der Bildenden Kunst mit über 8.500 Künstlern entfaltet mit über 560 Galerien, über 80 Projekträumen und vielen freien Ateliers und über 30 Atelierhäusern eine eigene Dynamik, der viel zu knappe öffentliche Fördermittel gegenüberstehen.

Die breite Musikszene mit über 900 Bands, vielen Studios und Produktionsorten, Clubs und Konzertbühnen ist kulturwirtschaftlich „systemrelevant“, weil sie wichtige Anreize und Bindungen schafft, die auf alle anderen Künste ausstrahlen.

Längst entfalten sich in Berlin Synergien, Querverbindungen, Szenen und saisonale Höhepunkte zu einem stetigen Festival der „Anziehungskräfte“, die Touristen anziehen und die Kulturökonomie der Metropole wachsen lassen.

Doch in vielen Bereichen der Kulturszene herrschen blanke Not, prekäre Beschäftigung, unsichere Perspektiven und wackelige Budgets. Nicht nur Vermieter, sondern Künstler und Biografien und vielversprechende Projekte sind in ihrer wirtschaftlichen Stabilität kontinuierlich bedroht.

Die große Frage lautet: muß das zwangsläufig so sein? Müssen Kulturetats aufgestockt werden? Oder haben wir etwas Entscheidendes übersehen?

Kulturschaffende: Menschen die auf Budgets und Antragsformulare starren

Künstler und Kulturschaffende, ihre Verbandsvertreter und Akteure haben vor allem den Kulturetat im Blick. Berlin fördert Kultur mit über 400 Mio. Euro im Jahr. Der Staat agiert als Zuschussgeber, Förderer und Lebensspender für Köpfe, Projekte und Räume.
Künstler und Kulturschaffende die erfolgreich auf „Budgets und Antragsformulare starren“, bestimmen das Feld politischer Aufmerksamkeit, entfalten Debatten und Dialoge, die zum Maß von „Haben und Brauchen“ entfaltet werden.
Kulturverwaltung und Kulturschaffende, die um öffentliche Mittelausstattung ringen, bestimmen so weite Teile der Kulturpolitik, die auf Befriedung und Befriedigung von „Projektantragstellern“ ausgerichtet ist.
In den Berliner Bezirken sorgen kleine beratende Gremien und Leitungen der Kulturämter für eine geordnete Mittelvergabe, die sich aber im Bereich der freien Kunstförderung in „Scheibchen“ von 3.500 € aufteilen kann. Zu wenig zum Leben, gerade hinreichend für ein Projekt – und dazu viel Zeit mit Formalien und Abrechnung.

Auch die Politik schaut nur auf die Budgets, kämpft hier und dort, führt Hintergrundgespräche, fördert und lädt Kuratoren und Intendanten ein. Reicht das aus, um eine Kulturökonomie zu gestalten? Spielt die Politik als „Intendanz der Metropole“ eine ausreichende, oder ungenügende Rolle? Hat Kulturpolitik das Ganze überhaupt im Blick – und dafür einen Plan?

Selbsttragende Kulturschaffende & Kulturbetriebe

Die vielen „selbsttragenden Kulturbetriebe“ in Berlin, die als Verein, Stiftung, GmbH oder gGmbH wichtige Teile der Kulturlandschaft prägen, stehen etwas abseits „politischer und förderpolitischer Aufmerksamkeit“. Charakteristikum dieser Kulturbetriebe ist deren „kulturpolitische Lautlosigkeit“, mit der Förderanträge und Projekte erfolgreich vorangetrieben werden. Gesicherte Immobilien, Eigentum und tragfähige Schanklizenzen sorgen bei diesen Betrieben für Stabilität, und Qualität. Qualität, die auch Mäzenatentum und private Förderer und Bürgerengagement anlocken.

Villa Liebermann, Georg-Kolbe-Museum, Admiralspalast, Kulturbrauerei, Bassy Cowboy Club, White Trash Fast Food und viele andere schaffen es, eigene betriebswirtschaftliche Stabilität und hochwertige Kulturangebote aufzubauen, ohne auf ständige staatliche Zuschüsse angewiesen zu sein.

Die großen Konzert-Arenen wie O2World, Max-Schmeling-Halle und Waldbühne laufen mit Gewinn, zahlen Grundsteuern, Pachten und beträchtliche Mieten. Tipi am Kanzleramt und Bar Jeder Vernunft stehen auch weitgehend auf wirtschaftlich unabhängigen Beinen.
Selbsttragende Kulturbetriebe liefern wichtige Beispiele und Best-Practice-Erkenntnisse, von denen Kulturpolitik und Wirtschaftsförderung – aber auch Kulturschaffende und Veranstalter lernen können.
Wer vermittelt dieses Wissen weiter? Wer lernt davon? Welcher von den vielen Wirtschaftsförderern in Berlin begreift: hier kann „Kulturwirtschaftsförderung“ gelernt werden?

Das Zauberwort für die Kultur in Berlin

Wenn Kulturpolitik mehr als alltäglich in den Niederungen der Haushaltpolitik arbeitet, dann werden „Vorstellungen“, „Ideen“ in „Inspiratoren“ und „visionäre Projekte“ in die Stadt geholt.

Kulturstaatsministerin Prof. Monika Grütters hat es schon bewiesen, mit dem Museum der Moderne und der Einwerbung des „Beuys-Werkes“ hat sie gezeigt, wie Kulturpolitik eine große und nachhaltige Wirkung anstoßen kann.

Kulturstaatssekretär Timm Renner hat sich fleissig eingearbeitet, und wurde doch durch den Amtswechsel im Amt des Regierenden Bürgermeisters zwischenzeitlich etas ausgebremst. Doch er hat die Zeit genutzt, mit dem Theaterstreit mußte Timm Renner endlich in die Öffentlichkeit gehen – und er hat nun Kontur und Statur gewonnen. Die Berufung von Chris Dercon kann sich als große Inspiration zur rechten Zeit erweisen – ein Coup, der im Streit mit den alten Theater-Granden doch rettend für das Theater sein kann.
Auch die Verbindung von Volksbühne und neuer Spielstätte „Flughafen Tempelhof“ ist geeignet, eine „Südwärts-Entwicklung“ der Kultur in Berlin einzuleiten, in Tempelhof und Steglitz-Zehlendorf fehlen heute kulturelle Anziehungspunkte, die eine Verjüngung der Bezirke initiieren können.

Kultur und Stadtentwicklung wirken zusammen – und hier sind auch viele ungenutzte Chancen der Metropole Berlin verborgen. Diese Chancen für die Weiterentwicklung können nur entdeckt und wahrgenommen werden, wenn die großen Akteure der Kulturpolitik in der Berlin klug zusammen spielen.

Das Zauberwort für die Kultur in Berlin heißt künftig:

„Orchestrierung der Kulturpolitik in Berlin zwischen Bund, Metropole Kiez und Umland“

Lebendige Kulturszene am Mauerpark
Lebendige Kulturszene am Mauerpark – immer Sonntags

Kultur und das Internet der Smartphones und anderen Dinge

ArtCity, Creative City & Kulturstadt haben viele ungenutzte Potentiale. Bares Geld aus Kultur-Etats und Marketing-Budgets wird sogar verschenkt.
Millionenbeträge wandern in Marketing- und Ticketprovisionen, nur weil Hotel- und Kulturwirtschaft nebeneinander wirtschaften, statt ihre gemeinsame Attraktivität und Synergien zu nutzen. Berlins Tourismus- und Kulturwirtschaft gibt beträchtliche Teile der Wertschöpfung an Internet-Dienst wie Google, Facebook und internationale Buchungsportale ab.

Ticket-Systemnnbieter werben mit bundesweiten 50.000 Veranstaltungen – auf modernen Smartphones sind aber gerade drei Veranstaltungen direkt lesbar. Wer hätte genug Zeit, sich sein Programm mit dem Smartphone zusammenzustellen, das heute schon mit 81% Zugriffsraten bei Kultursuchen genutzt wird?

Wer denkt in Berlin über das „das „Stadtkunden-Erlebnis“ nach, das Gästen der Stadt geboten wird? Wer hat entdeckt, dass nur jene Orte lebendige Kultur entfalten, in denen eine mehrstündige „Customer Journey“ möglich ist? Wer außer Stadtführern denkt über eine „Experience-Chain“ der Tagesbesucher in der Hauptstadt nach?

Das Internet der Smartphones und anderen Dinge ermöglicht längst Synergien, Vernetzung, Koordination, Ticket-Packaging und beachtliche Kosteneinsparungen, die mehr Kultur möglich machen.

Kulturökonomie 4.0 – die Kultur der Metropole braucht für die Orchestrierung ein Gesprächs- und Kompetenznetzwerk.

Kulturverwaltung – oder Kulturentwicklung?

In der Kulturverwaltung in Berlin und in den Bezirken werden bis 2020 rund 30% der Mitarbeiter in Rente und Pension gehen. Mit jeder Pensionierung stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, die Stelle neu zu besetzen. Der Grund ist einfach: der Verwaltungshaushalt Berlins steigt, weil künftig zwei Stellen zu bezahlen sind: ein Amtsnachfolger – und die Pension der ausgeschiedenen Mitarbeiter. Dies führt absehbar zu einer Steigerung der Ausgaben vor allem in den bezirklichen Kulturetats.

Sozial-Liberale Ideen
Die Partei der Ideen startet 2015 – welche Parteien & Köpfe machen mit?

Doch warum gibt es hier keine „Aufgaben-Kritik“? Können Kunst und Kultur nicht auch alternativ mit Selbstverwaltungsstrukturen funktionieren? Können Künstlerverbände etwa die kommunalen Galerien selbst verwalten, und so mehr Wirkung und Ausstrahlung erzeugen?
Können Mittel für Kulturverwaltung künftig mehr in Kulturentwicklung gelenkt werden? Sollten die Fördermittel der bezirklichen Kulturförderung umgebaut werden? Ist eine Aufstockung der Verfügung auf 6.000 €/Einzelantrag (bei max. 6 Monate Projektdauer) eine sinnvolle Möglichkeit, um Verwaltungskosten zu sparen, und eine verpflichtende Regelung zu Ausstellungshonoraren für Künstler umzusetzen?
Wär es nicht besser, die verbleibenden Mitarbeiter der Kulturverwaltung bei Ko-Finanzierungen, Städtekooperationen und Drittmitteleinwerbung zu konzentrieren? Sollten die Bezirke nicht wenigstens den Kultur-Export in ihre Partnerstädte übernehmen können?

Brauchen wir vielleicht auch eine auf Kunst- und Kultur ausgerichtete „Kulturwirtschaftsförderung“, die statt 1-€ Jobs und Arbeitsgelegenheiten auch auf Beschäftigungssicherung und „qualifizierte Kulturentwicklung“ setzt? Brauchen wir in Berlin neben der Idee der „Smart City“ auch eine „smarte Kulturentwicklungsplanung“?

Weitere Informationen:

ArtCity, Creative City & Kulturstadt #1 | 7.4.2015 | Michael Springer | Pankower Allgemeine Zeitung

In der Beitragsreihe werden Anregungen zu einer künftigen integrativen Kultur- und Wirtschaftspolitik in Berlin behandelt.

Themenvorschau:

ArtCity, Creative City & Kulturstadt #3:
– Kulturwirtschafts-Entwicklung statt Kulturverwaltung – 100 Mio. € Umschichtungspotential in der Stadt
– Der fehlende Innovations-Cluster: Kunst-, Kreativ-, Kulturwirtschaft und die Vernetzung mit Industrie 4.0
– Wachstumspotentiale einer neuen Kulturwirtschaftsförderung

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