Montag, 23. Oktober 2017
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Ateliermeile, Kunstkaserne oder Künstler_innnen-Beute?

Atelierhaus Prenzlauer Promenade

Das ehemalige Gebäude der Akademie der Wissenschaften an der Prenzlauer Promenade 149-152 in Pankow soll „Ateliermeile“ werden. Künftig soll das Gebäude bis 2019 saniert werden und etwa 450 Arbeitsräume für Kunst und Kultur erhalten. Die Immobilie wurde 2015 von der landeseigenen „berlinovo“ übernommen, die hier im Rahmen ihres „Konzept 2.500 – Studentisches Wohnen für Berlin“ die Errichtung von 310 Studentenapartments in einem Neubau plant. Das Bestandsgebäude, das aus den 1980er Jahren stammt, soll als Ateliergebäude für Künstler genutzt werden. Daneben soll auf einem abzutrennenden Grundstücksanteil vom Bezirk Pankow eine Kita errichtet werden.

Für den Kultursenator Klaus Lederer ist das Projekt ein Erfolg, auch wenn die wesentlichen Vorarbeiten eigentlich in der Amtszeit von Bürgermeister Matthias Köhne geleistet wurden, um die Immobilie im landeseigenen Besitz zu halten.

Der Umgang mit Künstlern setzt allerdings Sensibilität und Erfahrungen voraus, deshalb wurde die ebenfalls landeseigene, aber gemeinnützige Gesellschaft für StadtEntwicklung gGmbH (GSE) als Generalmieter eingesetzt. Die GSE betreut schon mehrere Atelierhäuser und kann bei der Gebäudebewirtschaftung kostengünstig kalkulieren und auch Selbstorganisation der Künstler mit integrieren.

Senator Dr. Klaus Lederer: „Das ist ein riesiger Erfolg im Kampf gegen Verdrängung, den wir für Künstlerinnen und Künstler und für die Kulturlandschaft der Stadt insgesamt erreicht haben. Gerade auf Ateliers und Räumen lastet ein enormer Verwertungsdruck, umso glücklicher bin ich über das Erreichte. Das Erreichte ist aber noch nicht das Nötige, Machbare und Mögliche – wir bleiben dran und hoffen, mit der – dann ehemaligen – Hochschule für Schauspielkunst in der Schnellerstraße nachlegen zu können.“

Senatsziel von 2.000 Arbeits- und Atelierräumen fast erreicht

In der Presseerklärung vom 9.8.2017 verdeutlichte Lederer noch einmal die Planungen:

„Erklärtes Ziel des Senats ist es, den Bestand an öffentlich geförderten Arbeitsräumen für Künstlerinnen und Künstler bis 2021 zu vervierfachen. Mit dem Objekt Prenzlauer Promenade wird der aktuelle, berlinweite Raumbestand von ca. 540 Arbeitsräumen nahezu verdoppelt – und die Hälfte des Ziels von 2.000 Räumen erreicht.

Ende vergangener Woche wurde der Generalmietvertrag für das Bestandsgebäude auf dem Gelände zwischen der , die für die Senatsverwaltung für Kultur und Europa das Arbeitsraumprogramm operativ betreut, und dem landeseigenen Immobiliendienstleister Berlinovo nach längeren Gesprächen abgeschlossen.

Damit wird in den kommenden mindestens 25 Jahren an der Prenzlauer Promenade die Kultur das Zepter führen: Zu den etwa 80 bisherigen Künstlerinnen und Künstlern, werden 375 neue Ateliers, Proberäume für Darstellende Kunst und Tanz, Musikübungsräume und spartenübergreifende Kunst kommen.“

Atelierhaus Prenzlauer Promenade
Dystopie für die Kunst? Atelierhaus Prenzlauer Promenade – Foto: Screenshot-Facebook-Video/nachbearbeitet

Ateliermeile, Kunstkaserne oder Künstler_innnen-Beute?

Das Atelierhaus an der Prenzlauer Promenade wird damit zum größten „Kunstkomplex“ in Berlin, der in seiner architektonischen Ausdehnung und dem „Hängungsflächen-Potential“ keinen Vergleich mit den Uffizien in Florenz oder der Gemäldegalerie im Kulturforum scheuen muss.
Für die Kunst selbst und die Künstler stellen sich jedoch neue Fragen: entsteht hier staatlich betreute Kunst, mit dem Komfort von „betreuten Wohnen“? Kommt die massenhafte Unterbringung nicht auch einer Kasernierung gleich, die sozusagen letzter „urbaner Abzweig“ einer städtebaulich durchdeklinierten Gentrifizierung ist?

Ist das Gebäude endlich eine „städtebauliche Beute“ der an den Rand gedrängten Kunstszene? Oder ist es eine Künstler_innnen-Beute, in der nach Art einer Bienenhaltung „Kunst-Imkerei“ in der Großstadt betrieben wird, um den „Honig der Kreativität“ ernten zu können?

Das Konzept einer städtebauliche Atelierhaus-Großstruktur ist vermutlich selbst ein grandioses Kunstexperiment, das den in Pankow noch rudimentär existierenden „Kunstszenen“ hinzugefügt wird.

Angesichts vieler kleiner Ladenateliers, Kunstgalerien und hart verteidigter „Hängungsflächen“ in den Pankower Kiezen, wird mit dem großen „Atelierhauskomplex“ der Pankower „Kunstmarkt“ mit große Zahlen aufgemischt.

Statt mageren Tagen der „Offenen Ateliers“ werden „Atelierwochen“ und „Kunstmonate“ durch Kuratoren entwickelt werden müssen, um das „Mißverhältnis von Produktionsfläche & Hängungsfläche“ und der „Markt- und Kontaktfläche“ der Kunstliehaber, -händler und -käufer ins Lot zu bringen. Die Reichweite von 451 Personen für den Facebook-Auftritt zeigt unfreiwillig auf, wie überschaubar das Interesse ist.

Die Diskussion um „Contemporary Art“ in Berlin wird vermutlich völlig neu belebt, denn hier wird ein neues Verhältnis von „Art und Urbanität“ in der Stadt geplant, zu dem auch die Bedingungen der Kunstproduktion und die Psychologie des Künstlers neu befragt werden müssen.

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