Sonntag, 22. Oktober 2017
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Aus dem Choralltag der Kantorei der Hoffnungskirche

Chorprobe in der Hoffnungskirchengemeinde

/// Gastbeitrag /// – Am 12. März 2016 findet ein außergewöhnliches Passions-Konzert im Rahmen der Konzertreihe “Klänge in Hoffnung” in der Hoffnungskirche in Pankow statt. Von den Vorbereitungen erzählt Verena Hugo, Sängerin in der Kantorei der evangelischen Kirchengemeinde.

Chorprobe in der Hoffnungskirchengemeinde
Chorprobe in der Hoffnungskirchengemeinde – Foto: Verena Hugo

„Seit Mai letzten Jahres proben wir nun schon die „Johannespassion“ von Johann Sebastian Bach, eine musikalische Ausgestaltung des Leidenswegs Christi, bis zu seinem Tod.

Skurril für den Christen, der engagiert in der Probe sitzt: Hatten wir gerade das Osterfest hinter uns gelassen, Jesu Auferstehung gefeiert und nun war schon wieder die Zeit, sich mit seinem Sterben befassen? Noch skurriler wurde es, als wir auf Weihnachten zugingen, uns auf die Geburt Jesu freuten und uns in den Chorproben dennoch unermüdlich mit seinem Sterben auseinandersetzen mussten.

Das lässt den Atheisten kalt. Er wundert sich über andere Dinge. Texte etwa wie „Kreuzige Ihn!“, „Nach dem Gesetz soll er sterben!“ , „Mörder!“ und ähnliches, die wir zu singen genötigt sind.

Ist die Christliche Kirche nicht eine Institution, die für Nächstenliebe und Barmherzigkeit steht? Das 5. Gebot „Du sollst nicht töten“ ist auch jedem Ungläubigen ein Begriff. Wie kann es also sein, dass wir hier im Gemeindesaal der Hoffnungskirche sitzen und solch blutrünstige und schaurige Texte im Namen Gottes zu singen haben?

Schaurig finden das auch die Christen, wenn sie auch die Hintergründe und den Sinn besser verstehen mögen.

Was uns alle eint, ob Christ oder Atheist, ist die Liebe zur Musik und den herrlichen Harmonien und Klängen des musikalischen Werkes Bachs.

Und so vergessen wir all die Grausamkeit und lassen uns einnehmen von der Klangvielfalt der Melodien, lehnen uns zurück und schwelgen dahin, mit einem Lächeln auf dem Gesicht….. .

„Aber NEIN!“ schreit der Kantor. „Nicht zu lieb! Es geht um Mord, das will ich sehen!“

Ein guter Sänger muss also auch ein guter Schauspieler sein, so lernen wir und geben unser Bestes. Der sonst so einfühlsame und sensible Kantor schafft es mit seiner fesselnden Überzeugungskraft und seinem mitreißendem Geschick tatsächlich, uns ca. 80 Chormitglieder – zumindest für die Zeit der Probe- zu Mordwilligen zu machen. „JAWOLL!“ schreit er begeistert. „Ich kann die Lust am Töten in euren Augen sehen!“

Die Probezeit ist längst vorbei, doch, so sind sich alle einig, mit solch entsetzlich abscheulichen Gedanken können wir nun nicht nach Hause gehen. Denn religiös oder nicht, nichts liegt uns friedliebenden Sängern ferner als das Töten.

Drum besinnen wir uns auf das Ende der Johannespassion und stimmen gemeinsam „Ruhet wohl“ an, einen Chorus, der tröstet und Hoffnung versprüht. Wir singen ihn – so hat es der Kantor uns beigebracht – wie Mütter, die Ihr Kind wiegen und sind am Ende einer ergiebigen Probe ganz zufrieden und erleichtert, dass dieses facettenreiche Werk uns doch auch Gutes beschert.

Beschwingt und wieder mit uns im Reinen machen wir uns auf den Heimweg. Mögen uns nur die wundervollen Bachschen Klänge, nicht aber die grausamen Texte in unseren Träumen verfolgen.

Aber nur bis zur nächsten Chorprobe, dann ist wieder das Morden angesagt…“

Chor der Hoffnungskirchengemeinde
Chor der Hoffnungskirchengemeinde – Foto: M. Geisler

12. März 2016 | 19:30 Uhr
Passions-Konzert im Rahmen der Konzertreihe “Klänge der Hoffnung” in der Hoffnungskirche in Pankow.
J. S. Bach: Johannes-Passion, BWV 245 für Chor, Solisten und Orchester

in historischer Aufführungspraxis auf originalgetreuen Instrumenten
mit der Kantorei der Ev. Hoffnungskirche, Solisten und dem neuen Barockorchester Berlin

Mitwirkende:
Margret Bahr: Sopran
Dörthe Haring: Alt
Johannes Klügling: Tenor
Christian Wagner: Bass – Jesus
Daniel Wunderling: Bass – Arien
Kantorei der Hoffnungskirche
Neues Barockorchester Berlin
Konzertmeisterin: Anna Barbara Kastelwicz
Gesamtleitung: Michael Geisler

Tickets: 15 €, ermäßigt 10 € – im Vorverkauf: 13 €, ermäßigt 8 € – Gemeindebüro, Tel. 4720219

www.hoffnungskirche-pankow.de

Evangelische Hoffnungskirche Pankow | Elsa-Brändström-Str. 36 | 13189 Berlin – Pankow

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m/s