Freitag, 18. August 2017
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Außerirdisch gute Ausbildungsinitiativen #1

Lehrstelle: Kernkompetenz Schweißen in Metallberufen

Wie gewinnt man Schülerinnen und Schüler und zugleich junge Bürgerinnen und Bürger der Stadt für eine Berufsausbildung? Wie können sie angesprochen, inspiriert werden? Angeregt durch die „Aus- und Weiterbildungsumfrage“ der IHK-Berlin, die für 2015 viele unbesetzte Ausbildungsplätze verzeichnete, wurde die bundesweite und die Berliner Ausbildungslandschaft in den Blick genommen. Ein Ergebnis: in den Bundesländern gibt es offensichtlich völlig unterschiedliche Kulturen der „Ausbildungs-Werbung“ und der „persönlichen Ansprache“.

Lehrstelle: Kernkompetenz Schweißen in Metallberufen
Lehrstelle: Kernkompetenz Schweißen in Metallberufen – Foto: pixabay

Der Titel des Beitrags nimmt das Motiv einer Kampagne für die Lehrlingsausbildung aus dem Jahr 2013 in Baden-Württemberg auf, in dem Jugendliche als „Außerirdische“ karikiert wurden. Ein wichtiger Aspekt wird damit markiert: „Wie werden Jugendliche überhaupt heute zeitgemäß angesprochen, eingeladen und für einen Ausbildungsweg gewonnen?

Ausgangspunkt: Rekordniveau unbesetzter Ausbildungsplätze in Unternehmen 2015

Die zentralen Ergebnisse der Aus- und Weiterbildungsumfrage 2016 der IHK Berlin lassen aufhorchen: „Mit 37 Prozent erreicht der Anteil der Unternehmen mit unbesetzten Ausbildungsplätzen 2015 ein Rekordniveau. Das sind mehr als doppelt so viele wie noch 2008. Hochgerechnet auf alle Ausbildungsbetriebe ergibt sich, dass rund 1.500 Plätze 2015 nicht besetzt werden konnten. Besetzungsschwierigkeiten zeigen sich auch daran, dass jeder zehnte Betrieb überhaupt keine Bewerbungen erhält.

„1.500 unbesetzte Ausbildungsplätze in 2015 machen deutlich, dass die Popularität der duale Ausbildung gestärkt werden muss“, sagt Dr. Beatrice Kramm, Präsidentin der IHK Berlin. „Das Thema muss im bevorstehenden Wahlkampf und in der anschließenden Legislaturperiode eine deutlich zentralere Rolle spielen, damit sich künftig wieder mehr Jugendliche für den Weg in eine Ausbildung entscheiden. So könnte eine Landesregierung zum Beispiel die ‚berufliche Bildung‘ in die Ressortbezeichnung der Senatsverwaltung aufnehmen oder einen Staatssekretär für ‚berufliche Bildung‘ einführen. Dies wäre ein klares Signal zur Stärkung der Ausbildung“, so Dr. Kramm weiter und greift damit eine Idee aus den Prüfsteinen zur Abgeordnetenhauswahl von Handwerkskammer Berlin und IHK Berlin auf.

Die IHK beschrieb auch die Anpassungsmaßnahmen der Betriebe: „Betriebe reagieren auf das geringere Bewerberpotenzial durch zunehmende Angebote von Praktika und die Erschließung neuer Bewerbergruppen, beispielsweise Studienaussteiger. Aus Sicht der Betriebe sind vor allem unklare Berufsvorstellungen der Bewerber das größte Ausbildungshemmnis.“

Wettbewerb um Auszubildende begünstigt weiterführende Berufsausbildungsangebote

Bei der Recherche wurden auch private Bildungsträger in der dualen Ausbildung angesprochen. Ein heißer Tip wurde jedoch nur anonym abgegeben: „Schauen Sie einmal bei den staatlichen weiterführenden Schulen nach, wie die das machen!“

In Berlin werden an den Berliner Schulen vier Ausbildungswege angeboten

– Berufsschule + Betrieb (OB)
– Mehrjährige Berufsfachschule (BFS)
– Gymnasiale Oberstufe (GO) am Oberstufenzentrum
– Fachschule (F).

Daneben gibt es auch Maßnahmen zur Beruflichen Vorbereitung, die mit bürokratischen Kürzeln aber wenig vertrauenerweckend daherkommen. Ferner gibt es an einigen Fachschulen auch die Möglichkeit, unter bestimmten Voraussetzungen eine berufliche Erstausbildung zu erwerben.

Wettbewerb um Berufsausbildungswege?

Zwischen den Ausbildungswegen scheint es einen Wettbewerb zu geben, bei dem die klassische duale Ausbildung mit paralleler Ausbildung in Betrieb und Berufsschule zu kurz kommt. Die staatlichen Berufsfachschulen und OSZ werben schon frühzeitig in den entsprechenden Abschlußklassen und sorgen im Einzelfall sogar für einen klassenweisen Übergang auf mehrjährige und doppeltqualifizierende Berufsausbildungen.

Unter diesem Bedingungen können bei den von Betrieben ausgewiesenen Lehrstellen kaum noch Bewerber ankommen. Die von IHK und Handwerkskammer zugeschnittenen Maßnahmen zur Lehrstellen-Werbung drohen damit in Berlin zum Auslaufmodell zu werden. Vor allem kleine mittelständische Betriebe haben es schwer, überhaupt entsprechenden Nachwuchs zu gewinnen.
Im Berufsbildungssystem sorgt der Drang der Schüler zum Fachabitur und Abitur für klare Präferenzen. Weiterführende Schulen sorgen dazu für einen Trend, schulische Qualifizierung plus betriebliche Praktika zu verbinden.

Arbeitsverwaltung, Bildungsverwaltung und Wirtschaft und Handwerk steuern natürlich mit verschiedenen Initiativen dagegen, indem etwa die Ausbildungsqualität gestärkt wird. Die Koordinierungsstelle Qualität und bezirkliche Ausbildungsoffensiven, wie etwa die Ausbildungsoffensive Pankow, Jugendberufsagentur und Initiativen von IHK und Handwerkskammer werden noch in weiteren nachfolgenden Stellungnahmen und Themen-Beiträgen angesprochen.

Schulische Geborgenheit und Attraktivität der Berufsangebote

Die Präferenzen für eine Fortsetzung einer weitgehend schulischen Berufsausbildung sind für viele Jugendliche klar: das genmeinsame Weiterkommen, die Überschaubarkeit und Geborgenheit einer schulischen Berufsausbildung in größeren Altersgruppen, lassen die duale Ausbildung mit Berufsschule und anfangs unbekannten Betrieb und neuen Bezugspersonen gewissermaßen „alt aussehen“. Die weiterführenden Bildungsgänge an den OSZ nehmen sich dagegen als sehr viel attraktiver aus (Beispiel: OSZ Louise-Schroeder). Die IHK-Berlin führt auch ein Verzeichnis aller aller staatlichen und privaten Berufsschulen in Berlin.

Auch sorgen heute Smartphones und Social-Media für eine gegenseitige Bestärkung von Jugendlichen und auch Negativempfehlungen machen heute auf digitalem Weg schnell die Runde.

Die selbstständige Suche und der selbstständige Weg zu einer einzelnen Lehrstellenbewerbung erfordert ein hohes Maß an Eigeninteresse und Eigenmotivation und ein Ausbrechen aus den Gruppenzusammenhängen. Ein Schritt, bei dem es angesichts der Fülle der Alternativen schwer fällt.

Ludwig Erhard Haus - Atrium
IHK Berlin – Ludwig Erhard Haus – Otis-Fahrstuehle am kleinen Atrium – Foto: © IHK Berlin

Licht im Dunkel der Aus- und Weiterbildungsumfrage der IHK-Berlin

Die Ergebnisse der Aus- und Weiterbildungsumfrage mit rund 1.500 Plätze unbesetzten im Ausbildungsjahr 2015 deuten auf einen strukturellen Hintergrund hin.

IHK: „Als Hauptgrund für unbesetzte Ausbildungsplätze nennen nach wie vor 71 Prozent der befragten Unternehmen, dass keine geeigneten Bewerbungen vorlagen. 34 Prozent der Betriebe mit unbesetzten Plätzen geben als Grund an, die Ausbildungsplätze wurden von den Azubis nicht angetreten (2008: 22 Prozent). Auf Platz drei der Gründe für unbesetzte Plätze landet mit 30 Prozent die Tatsache, dass Azubis ihren Vertrag nach Beginn der Ausbildung aufgelöst haben (2008: 17 Prozent). 26 Prozent der Betriebe gaben an, dass überhaupt keine Bewerbungen vorlagen (2008: 4 Prozent). Hochgerechnet auf die Gesamtzahl der Betriebe erhält damit jeder zehnte Ausbildungsbetrieb keine Bewerbungen mehr.“

Interessant wäre es, wenn im Rahmen der Ausbildungsumfrage auch die Kontaktversuche und erfolgreichen Kontaktaufnahmen seitens der Bewerber/innen erhoben werden, denn so würde auch ein Blick auf Faktoren wie Ansprache, Kommunikation, Matching und Best-Practice geöffnet.

IHK Berlin: Betriebe reagieren längst

Klar ist: „Unternehmen reagieren vielfältig auf ein geringeres Bewerberpotenzial: Die wichtigsten Maßnahmen in Reaktion auf wachsende Besetzungsprobleme sind für rund jeden zweiten Betrieb die Erschließung neuer Bewerbergruppen sowie das Angebot von Praktika. 35 Prozent stärken ihr Ausbildungsmarketing. Schul- und Hochschulkooperationen sind für 19 bzw. 17 Prozent der Unternehmen ein Weg zur Erschließung neuer Bewerberpotenziale. 17 Prozent der Unternehmen weiten ihre Bewerbersuche auf andere Regionen aus. Die Ausbildung im Verbund praktizieren oder prüfen 16 Prozent. Das Angebot von Zusatzqualifikationen (15 Prozent) oder materielle bzw. finanzielle Benefits (10 Prozent) sind weitere Wege, Bewerber zu gewinnen.“

Dahinter ist ein Trend erkennbar: Betriebe suchen verstärkt die Dialogkommunikation mit Schulen und den Schülerinnen und Schülern, sowie beteiligten Lehrkräften und Eltern. Doch Zweifel sind im Einzelfall angebracht, ob das psychologische Setting stimmt, wenn Schüler sich mit einer „konzertierten fürsorglichen Belagerung“ von Familie, Lehrern und Berufsberatern konfrontiert sehen.

Obendrein fehlt in den umfangreichen Informationsangeboten in Berlin die direkte und persönliche Ansprache. Die Medienkommunikation ist durch „Institutionen-Darstellung“ und „Programminformation“ dominiert. Im Schrifttum werden Auszubildende mal als „lohnende betriebliche Investition“(IHK), mal als „Azubi“, mal als „Objekt einer Potentialanalyse“ (Coaching) und mal mit einer Weisheit des Konfuzius angesprochen:

„„Wähle einen Beruf, den du liebst, und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten.“ (Arbeitsagentur).

YOUTUBE-Video: So wirbt das Ministerium für Finanzen und Wirtschaft in Baden-Württemberg für die praktische Berufsausbildung [ Mai 2013 – www.gut-ausgebildet.de ]

IHK-Berlin: Ausbildungs-Hemmnisse und fehlende Soft Skills

Die Aus- und Weiterbildungsumfrage der IHK-Berlin offenbart Defizite aus Arbeitgebersicht:

„Unklare Berufsvorstellungen größtes Ausbildungshemmnis: 43 Prozent aller Unternehmen stellen Ausbildungshemmnisse fest. Dabei stehen unklare Berufsvorstellungen mit 82 Prozent auf Platz 1 der Ausbildungshemmnisse. Die Entscheidung der Azubis für andere Karrierewege nach der Ausbildung sowie schlechte Erfahrungen in der Ausbildung sind für jedes vierte Unternehmen ein Ausbildungshemmnis. 18 Prozent benennen Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit mit der Berufsschule, 12 Prozent die unsichere wirtschaftliche Situation für ihren Betrieb als Ausbildungshemmnisse.

Fehlende Soft Skills bereiten Unternehmen die meisten Sorgen: Aus Sicht der Betriebe sind es zunehmend Defizite im Bereich der Soft Skills, welche die Ausbildungsreife der Jugendlichen einschränken. Während vor drei Jahren fehlendes mündliches und schriftliches Ausdrucksvermögen noch am stärksten bemängelt wurden, sehen die Unternehmen mittlerweile fehlende Leistungsbereitschaft und Motivation (64 Prozent) sowie Belastbarkeit (60 Prozent) als die größten Probleme an. In diesen Bereichen ist es für Unternehmen weitaus schwieriger, Versäumnisse aus Schule und Elternhaus auszugleichen. Anders gestaltet es sich bei der fachlichen Nachhilfe, die mittlerweile 35 Prozent der Unternehmen anbieten.“

Jugendberufsagentur Berlin
Jugendberufsagentur Berlin – www.jba-berlin.de – Screenshot, verkleinert

„Weil Deine Zukunft zählt!“ Jugendberufsagentur Berlin

Die in Berlin überdurchschnittlich hohe Jugendarbeitslosigkeit und die hohe Rate fehlender Berufsabschlüsse haben zu der neuen Idee der Jugendberufsagentur Berlin geführt. Das Projekt „Jugendberufsagentur in Berlin umsetzen!“ ist nach etlichen Startschwierigkeiten in einigen Berliner Bezirken und in Pankow in Gang gekommen. Zu den Startschwierigkeiten zählt, dass die Internetadresse www.jba-berlin.de unter Image-Gesichtspunkten nicht gerade glücklich gewählt wurde. Die Hauptadresse ist noch nicht geschaltet.

Auffällig ist der zentrale Claim der Jugendberufsagentur „Weil Deine Zukunft zählt!“ – Hier wurde offenbar der Versuch unternommen, Jugendliche in der ersten Person anzusprechen. Doch es ist mißraten: denn der Claim spricht optisch mit dem Fernsehturm am Alex und mit den großen Lettern „Jugendberufsagentur Berlin“. Die Institution spricht so mit sich selbst, und sorgt für einen mißverständlichen Kommunikationsaufbau zur Zielgruppe.

Fortsetzung folgt:
Außerirdisch gute Ausbildungsinitiativen #2
Der Blick der Institutionen – Betreuungsperspektiven – Aktivierende, einladende Angebote & das Smartphone

Die Artikelreihe widmet sich verschiedenen Themen rund um Ausbildung und Berufswahl und wird bis September Experten, Unternehmer und Branchenvertreter zu Wort kommen lassen.

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LESERAKTION: „Fühlt Ihr Euch bei der Berufswahl manchmal als „Außerirdische“, die nicht verstanden werden?“
Ausdrücklich eingeladen sind Schülerinnen und Schüler, Auszbildende und Berufsschüler, sich mit Beiträgen und Meinungen bei der Redaktion zu melden. Anonymität kann gewährleistet werden. Gern auch Kommentare. Und: nicht ärgern – VV einreichen! – VV steht für Verbesserungsvorschlag!

Weitere Informationen:

Die Aus- und Weiterbildungsumfrage 2016 fand in der Zeit vom 11. April bis 8. Mai statt.
Es beteiligten sich 436 Unternehmen. Zusammenfassung & Ergebnisse: www.ihk-berlin.de/ausbildungsumfrage

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