Freitag, 15. Dezember 2017
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Baumscheiben begrünen & wiederbegrünen

Storchschnabel (Geranium)

„Liebe Einwohnerinnen und Einwohner von Pankow, Sie als engagierte Bürgerinnen und Bürger haben die Möglichkeit, durch das Bepflanzen von Baumscheiben im öffentlichen Straßenland etwas zur Verschönerung unseres Bezirkes beizutragen. Öffentliche Mittel sind knapp und Ihr Engagement ist uns willkommen,“ so wirbt das Bezirksamt Pankow von Berlin, Abteilung Stadtentwicklung, Straßen- und Grünflächenamt für mehr Grün in der Stadt. Doch ausgerechnet Mitarbeiter des Straßen- und Grünflächenamt haben in der letzten Woche in der Knaackstraße und Belforter Straße „aufgeräumt“ und die zum Teil liebevoll bepflanzten begrünten Baumscheiben kahlgerodet. Tulpen, Pfingstrosen, Immergrün und gerade verblühende Narzissen fielen dem „Tulpenmassaker“ zum Opfer, wie der TAGESSPIEGEL am 26.5.2017 berichtet.

Ausgerechnet im „grünen und bürgernahen Politikfeld“ und Zuständigkeitsbereich von Vollrad Kuhn (Bündnis 90/Grüne), Stadtrat für Stadtentwicklung und Bürgerdienste wurde er von Mitarbeitern des Amtes „desavouiert“. Die Aufräum-Aktion wurde schnell gestoppt, doch der politische Schaden ist nun groß.

Zuviel Bürokratie – zu wenige Mitarbeiter?

Aus der Kopenhagener Straße wurde der Redaktion 2014 ein 32-seitiges Papier übermittelt, welches das Anmelde-Prozedere für eine Baumscheiben-Begrünung regelt. Im Bezirk Tempelhof-Schöneberg reicht ein zweiseitiges Formular.

Was vielen Beteiligten nicht klar ist, im öffentlichen Straßenland müssen aus vielen Gründen Regeln eingehalten werden, denn die Gesundheit der Straßenbäume, die Verkehrssicherheit und Verletzungsgefahren und letztlich auch Sauberkeit und Dienste von Straßenreinigung und Grünflächenämtern müssen koordiniert werden. Das sorgt für eine Papierflut
Manche grüne Initiative kommt auch zum Erliegen, wenn persönliche Dinge wie Umzug, Prüfungen und Beruf plötzlich Prioritäten verschieben. – So ist das individuelle Bürgerengagement eine fragile Angelegenheit, die kaum zuverlässig für tausende Baumscheiben im Bezirk regelbar ist.

Umfangreiche Aktivitäten für mehr Grün auf Baumscheiben

Das Thema Baumscheiben spielt seit vielen Jahren eine zentrale Rolle bei den Berliner Umweltverbänden. Die Grüne Liga hat das Thema schon lange für sich entdeckt und empfiehlt als ideale Unterpflanzung Akelei, Astilbe, Beinwell (fördert das Wachstum durch seine Wurzelausscheidungen), Bergenie, Bleiwurz, Efeublättriges Alpenveilchen, Elfenblume, Frauenmantel, Gemswurz, Goldnessel, Immergrün, Kaukasusvergissmeinnicht, Maiglöckchen, Nieswurz, Pyrenäen-Storchschnabel, Schaumblüte, Storchschnabel, Veilchen, Waldmeister, Waldsteinie und alle Frühlingsblumen.
Der Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) sorgt sich dabei etwas mehr mit Fachkunde um das Wohl der Straßenbäume und hat eine Liste mit naturnaher Pflanzenauswahl veröffentlicht.

Einzelinitiativen – Straßengemeinschaften – Bezirksaktionen?

Im öffentlichen Straßenland sind Einzelinitiativen aber auch Gemeinschaftsinitiativen gefragt, um Baumscheiben mit mehr Grün zu schaffen, zu pflegen und zu erhalten. Dabei sollten Lösungen gefunden werden, die den Verwaltungsaufwand nicht immer mehr erhöhen. Für das Gehalt eines einzigen zusätzlichen Mitarbeiters könnten rund 700 Baumscheiben für je 50 € bepflanzt werden. Naturnahe Dauerbepflanzungen würden bei guter Pflege auch fast kostenlos zu unterhalten, denn Stauden vermehren sich, und können in Lücken ausgepflanzt werden.
Die Begrünung von Baumscheiben ist daher eher ein Lernfeld für bürgerschaftliche Selbstorganisation, als für Politik. Stadtrat Kuhn ist allerdings gefordert, bei knappen Personal und fehlenden finanziellen Mitteln wenigstens Lösungen für eine bessere Kommunikation zu schaffen!
Moralisch ist Kuhn nun in der Pflicht, denn das Bezirksamt erklärt: „Die Baumscheibenpfleger haben gegenüber dem Bezirksamt keinen Anspruch auf Ersatz bei Vandalismus.“ Im Umkehrschluss kann bei „unsachgemäßer Pflege durch Mitarbeiter des Amtes“ durchaus ein Ausgleich des Schadens erwartet werden.

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m/s