Samstag, 21. Oktober 2017
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mit Liu Chuanbao

Berlin Art Week
mit Liu Chuanbao

Liu Chuanbao - "Ah Peony" - Dyptochon

Die Galerie Kuchling hat den chinesischen Künstler Liu Chuanbao zur diesjährigen Berlin-Art-Week zu Gast. Die Ausstellung „Urban Hormones“ wurde bereits am 31.August 2012 geöffnet und zeigt eine furiose Bilderschau. Die Galerie präsentiert damit einen der außergewöhnlichsten Künstler Chinas erstmalig in Berlin. Einsamkeit, Sexualität, Perversion, Verlangen, was Liu Chuanbao auf die Leinwand bringt ist weit mehr als ein Spiegel hormoneller Missstände.

Liu Chuanbao - "Ah Peony" - Dyptochon
Liu Chuanbao – "Ah Peony" – (Diptych), 2007, Oil on canvas, 100 x 80 cm + 70 x 80 cm.
© Liu Chuanbao & Galerie Kuchling

Nach langen Jahren künstlerischen Schweigens in Reaktion auf die Ereignisse von 1989 und ihre Nachwehen, wirft Liu mit seinem Wiedereinstieg jeglichen positiven Sentimentalismus jüngerer Jahre über Bord. In düsteren, oft verschwommenen Städterealitäten setzt er sich kritisch mit dem exzessiven Aufbau und chaotischen Wachstum der chinesischen Städte auseinander. Die Metropole – ein willenloser Makroorganismus, gesteuert durch unsichtbare biochemische Botenstoffe – so deutet sich das künstlerische Werk. Was geschieht, wenn Größenwahn und Gleichgültigkeit auf Fleischeslust und Sinnlichkeit prallen?

„Liu Chuanbaos Kunst ist wie sein Herz; immer pulsierend und voller Leidenschaft. Selbst in den frühen achtziger Jahren, als die erste Welle der modernen Kunst, die 85-er New-Wave-Periode, China erreichte und sich viele Künstler gern als Nietzsche oder Freud
versuchten, sprang Liu nicht auf diesen Zug auf, diskutierte nicht über Philosophie und Vernunft. Anstatt über Theorien zu brüten, brachte Liu Chuanbao geradewegs das auf die Leinwand, was ihm durchs Herz ging“, so fasst Liang Kegang, Executive Director des Yuan Art Museum in Peking, sein Werk zusammen.
Liang Kegang begleitet den Künstler auf seiner Reise nach Berlin, und er zeigt dabei einen sehr persönlichen Zugang zum Künstler:
„Das erste Mal sah ich Chuanbaos Werke bei einer vier-Personen-Ausstellung vor der katholischen Kirche Qingdaos im Jahr 1988. Zu jener Zeit malte er fast ausschließlich abstrakt. Warme Farben, wilde Pinselstriche und kühne Kompositionen – unter den Strahlen der Sonne waren seine Werke der Blickfang jener Freiluftausstellung. Ich denke, dass Chuanbao damals keiner vorgegebenen westlichen Kunstrichtung folgte, über die es ohnehin nur spärliche Informationen gab. Heute können wir diese frühen Werke durchaus
dem Abstrakten Expressionismus zuordnen, Liu aber scherte sich zu ihrer Entstehungszeit nicht darum, welcher Kategorie der Malerei er sich bediente. Er ließ sich von dem wunderbaren Gefühl der Freiheit und Wildheit mitreißen, das ihn ergriff, wenn er Öl auf die Leinwand brachte. In dieser von glühender Leidenschaft geprägten Phase gründete Chuanbao die „Sonnengesellschaft“, eine Vereinigung junger Menschen, deren Traum es war, Künstler wie die Sonne zu sein; Energie zu erzeugen und ewiges Licht, Wärme sowie Träume und Hoffnung in die Welt zu bringen. Ich denke, hier wurde das Fundament für Chuanbaos freimütigen, sinnlichen und leidenschaftlichen Schaffensstil gelegt, der seine Werke bis heute prägt.“

Vernissage am 31. August 2012
Vernissage am 31. August 2012

„Mit der auf die kulturelle Renaissance der 80-er Jahre folgenden politischen Kältewelle nach den Ereignissen von 1989 durchlebte der Idealist Liu Chuanbao eine schmerzhafte Desillusionierung. Ganze 10 Jahre legte er seine geliebten Werke ad acta und sein
brodelndes Künstlerherz vergrub sich tief in Lius Brust. Er beschloss, sich in diese von Gier und Egoismus überflutete soziale Realität zu stürzen. Als würde er selbst zur Leinwand werden, auf die er rücksichtslos die Farben jener Gesellschaft auftrug, hoffte er, dass diese Zeit eine unauslöschliche Prägung auf seinem Körper zurückließe.“

Liang Kegang und  Liu Chuanbao  (r)
Liang Kegang und Liu Chuanbao (r)

„Mit tiefem Verständnis für Realität und Gesellschaft kehrt Chuanbao nach dem Jahr 2000 auf die Bühne der Kunst zurück. Das, was sich seit über zehn Jahren in seinem Herzen angestaut hat, Freud und Leid, Ausschweifung und Zeitvertreib, die Unbeständigkeit der
zwischenmenschlichen Beziehungen und auch Lius Widerstand, den er selbst in jener düsteren Phase nie gänzlich aufgegeben hatte. Sie werden schwer, komplex und nahezu unergründlich, alles das lässt seine Bilder nun bersten.
Mit seiner Rückkehr wandte sich Liu Chuanbao von dem rein subjektiven Ausdruck ab und wurde zu einem objektiven Beobachter und Kritiker.“

Parallel zu den urbanen Bildern lässt Liu Chuanbao mehrere Serien nackter, sich in zerlaufenden Farben windender Frauen entstehen. Liu verbindet beide Motive in mannshohen Bildern voller Schmutz, Brutalität und Sex. Der Künstler malt das, wovor die Gesellschaft ihr Auge verschließt. Was hierbei zum Vorschein kommt „wird überraschen und vielleicht auch abstoßen“, so Liang Kegang.

Liu Chuanbao - ohne Titel
Liu Chuanbao – ohne Titel

Die Ausstellung “Urban Hormones”, läuft noch bis zum 5. Oktober 2012. Zur Berlin Art Week besteht ein letztes Mal vor der Rückreise des Künstlers Gelegenheit zum persönlichen Treffen.
Liu Chuanbao wird am kommenden Sonntag, den 16. September 2012 zwischen 14 und 19 Uhr erneut in der Galerie sein.

Hinweise für Besucher der ART WEEK BERLIN 2012:

LIU CHUANBAO 刘传宝
URBAN HORMONES 都市荷尔蒙

Ausstellung: 1. September – 5. Oktober 2012
GALERIE KUCHLING / Prenzlauer Allee 188 / 10405 Berlin-Prenzlauer Berg – www.galerie-kuchling.de
Öffnungszeiten: Mo/Di/Do/Fr/Sa 14 – 19 Uhr • oder nach Absprache Tel.: +49 30 25 74 74 30

KUNSTHERBST IN PANKOW:
Über 50 Galerien, dazu viele Atelierhäuser, Kunsträume und freie Ateliers gibt es in Pankow. Viele interessante Künstler und ihre Werkausstellungen werden gezeigt. Adressen und Programmhinweise sind zu finden unter: www.kultur-in-pankow.de

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m/s