Freitag, 23. Juni 2017
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Bundeswehr: teure Flugshows über dem Orient

Flugshow über dem Orient

Die Bundeswehr verfügt über gerade noch 167.000 Soldatinnen und Soldaten, es ist die kleinste Bundeswehr aller Zeiten – weniger als die Sollstärke von 185.000 Köpfen. Gleichzeitig setzt die Politik immer weitreichendere Missionen in Gang, mit gewaltigen Kosten und Folgekosten, dann auch die Abnutzung des Geräts und die Wartung gehen enorm ins Geld. Kosten und militärischer Nutzen von Operationen werden durch eine „überambitionierte Politik“ ausgeblendet.

Die Kosten einzelner Missionen werden nicht fortlaufend transparent dokumentiert. Nur nur durch aufwändige Recherchen und durch Kostenschätzung anhand bekannter Kennwerte kann nachträglich ein Bild hergestellt werden.

Mit dem Abzug der Bundeswehr vom türkischen Luftwaffen-Stützpunkt Incirlik stellt sich die Kosten-Nutzen-Frage immer drängender: Allein der Umzug von sechs Kampflugzeugen und einem Tankflugzeug zur jordanischen Basis Al-Asrak in der Nähe der Südgrenze Syriens ist eher preiswert. Der Umzug von 260 Soldaten mit über 10.000 Tonnen militärischen Material, Mannschaftunterkünften und Tank- und Wartungsausrüstungen schlägt mit einem millionenschweren Betrag zu Buche.

Die Gesamtkosten für den deutschen Stützpunkt in Incirlik waren ursprünglich auf 45 Mio. € veranschlagt, sind jedoch erheblich überschritten worden. Das Camp Warehouse in Kabul für 1.300 Soldaten kostete dagegen nur etwa 18-19 Mio. €.

Was die neue Verlegung nach Jordanien kosten wird, ist noch nicht klar. Es könnte jedoch preiswerter ausfallen, denn der Streit mit der Türkei hat auch den geforderten Infrastrukturausbau in Incirlik gestoppt. Geplante Investitionen in die Infrastruktur in Incirlik sind bislang nicht vorgenommen worden. Rund 25 Millionen Euro für Baumaßnahmen für von der Türkei geforderte massive Bauten wurden noch nicht ausgegeben. Die Türkei hätte diese Bauten nach dem Abzug der Bundeswwehr kostenlos übernehmen wollen.

34 Millionen Euro für den mobilen Gefechtsstand der Bundeswehr werden künftig sinnvoll in Jordanien eingesetzt.

Kosten des Flugbetriebs

Die Bundeswehr ist eine der teuersten und ineffektivsten NATO-Armeen. Im Vergleich zu Israel hat die Bundeswehr derzeit einen etwa doppelt so hohen Verteidigungshaushalt (Israel 16,1 Mrd. $ – Deutschland 34,3 Mrd. € ) und gibt je Soldaten mehr als sechsmal soviel aus ( Israel 20379.74 $ – Deutschland 135209.71 € ), wie hier schon aufgezeigt wurde ( Bundeswehr: Fire-Power & Money-Fire-Index | 17.2.2017 | Pankower Allgemeine Zeitung). Israel verfügt dabei über eine fast doppelt so hohe Kampfkraft, hat aber den Kostenvorteil eines weitgehend „stationär eingefrorenen Konflikts“.

Die Bundeswehr muss dagegen immense Kosten für „Bewegung“ und „Transport“ aufwenden. Die 1963 getätigte Beschaffungsentscheidung für die Transall C-160 plante mit einem Stückpreis von 11 Millionen DM ohne Entwicklungskosten (FLUG REVUE in Heft 10/1963). Aus heutiger Sicht sind die Kosten von 160 Transall auf einen Wert von 2,53 Milliarden DM gestiegen, was einem Stückpreis von 15,8 Mio. DM ohne Entwicklungskosten entspricht. Dieser Preis ist durch Reduzierung der Abnahme auf 110 Maschinen mit einem Wert von 2,38 Milliarden zu einem Stückpreis von 21,6 Millionen ohne Entwicklungskosten angestiegen. Rechnet man nun noch die entsprechenden Kosten für Entwicklung und Zusatzausrüstung hinzu, dann erhöht sich dieser Betrag noch.

Das Problem: die Rüstungsindustrie muss ihre gesamtem Kosten auf die kalkulierte umlegen – und darf einen festen Preisaufschlag verlangen, weil es praktisch keinen Preiswettbewerb gibt, der auch wegen der Technologie- und Standortpolitik nicht gewünscht ist. Fällt Entwicklungsaufwand während der Beschaffungsphase an, steigen Kosten praktisch kaum kontollierbar.

Hinzu kommen die Kosten je Flugstunde, die sich aufgrund hoher Wartungs- und Ersatzteilkosten ergeben. Bei einem Eurofighter TYPHOON sind es ca. 74.000 Euro pro Flugstunde, fast doppelt so hoch wie ursprünglich geplant. Der Tornado kostet in der Aufklärungsversion RECCE rund 43 000 Euro pro Stunde. Die altehrwürdige Transall C-160 hat Kosten von über 11.000 € je Flugstunde, bei nur maximal 14 Tonnen Nutzlast. So werden inzwischen von der Bundeswehr private Lufttransport-Unternehmen vertraglich gebunden – und beschafftes Gerät erweist sich immer mehr als unzweckmäßig.

 

Einsatz in der Türkei

Der seit Januar 2016 laufende Einsatz der Bundeswehr umfasste bislang 950 Einsatzflüge (= 475 Missionen mit je zwei Maschinen). Das Tankflugzeug vom Typ Airbus A310 MRTT flog in der Zeit 430 Einsätze. Dabei gab es mehr als 2.000 Luftbetankungen für Kampfjets, darunter Tornados und Flugzeugen anderer an den Einsätzen beteiligter Nationen.

Die Kosten für den jährlichen Einsatz allein der Bundeswehr Tornados rechnen sich damit auf einen hohen dreistelligen Millionenbetrag (ca. 326.800.000 €) hoch, wobei große Gebiete mit nur kurzer Verweildauer über dem jeweiligen Ziel überflogen werden. Dabei werden Luftaufnahmen in großer Quantität gemacht, die hinterher aufwändig ausgewertet werden müssen.

Tornado-Aufklärung: Teuer, zeitverzögert & überholt

Die Echtzeitfähigkeiten des „RecceLite“ (Reconaissance Litening Targeting Pod) fehlen. Zwar kann das GAF-RECCE-Pod mit Hilfe eines hochauflösenden elektro-optischen Sensors und eines Infrarot-Sensors bei Tag und Nacht digitales Bildmaterial aus niedriger und mittlerer Höhe sammeln. „Operationelle Einschränkungen des zurzeit in der Luftwaffe genutzten Aufklärungssystems ergeben sich aus der fehlenden Datenübertragung (Link-Fähigkeit) für die Sensordaten und aus der Aufzeichnung dieser Daten auf Nassfilm, da der im Aufklärungsbehälter aufgenommene Film erst nach Rückkehr des Flugzeuges am Boden entwickelt werden kann, wodurch ein Zeitverlust entsteht. Deshalb wirkt sich die Nutzung von Nassfilmen als Aufzeichnungsmedium nachteilig auf das Informationsalter aus. Der große Vorteil des Nassfilm-Verfahrens besteht jedoch in einer sehr hohen Auflösung, die von modernen elektrooptischen Sensoren bis heute nicht erreicht wird (siehe: Luftwaffe).

Bedenkt man dazu den hohen Personaleinsatz von 260-270 Soldaten, so muss nach militärischen Nutzen und Kosten-Nutzen-Verhältnis insgesamt gefragt werden.

Kostengünstige, echtzeitfähige Alternative: Drohne Heron 1

Die Bundeswehr verfügt im Aufklärungsgeschwader 51 „Immelmann“ über die Drohne Heron 1 (engl. „Reiher“), die vom israelischen Rüstungsunternehmen Israel Aerospace Industries (IAI) geleast ist. Mit Spannweite von 17 Metern und maximaler Missionsdauer von mehr als 24 Stunden ist die Drohne ein kostengünstiges Fluggerät, das pro Stunde nur etwa 15-20 Liter Diesel verbraucht. Das
System für mittlere Flughöhen und lange Verweildauer über dem jeweiligen Einsatzgebiet (MALE: Medium Altitude, Long Endurance) ist für viele militärische Missionsaufgaben geeignet, weil es „Echzeit-Daten und Echtzeit-Bilder“ übermittelt. Das Aufspüren von Scharfschützen und Sprengfallen aus der Luft, Konvoi- und Patrouillenbegleitung, Unterstützung bei Gefechtssituationen, die Fahrstreckenerkundung und Überwachung, Dazu kommt das Erstellen von Bewegungsprofilen und Langzeitüberwachung, die Unterstützung zur Lagebeurteilung sowie Objekt- und Lagerschutz.
Jede Drohne benötigt 19 Soldaten im 24-Stunden-Einsatz und liefert im Ergebnis ein sehr viel besseres Kosten-Nutzen-Verhältnis, weil Drohnen mit ihrem Dieselmotor wartungsarm und im Vergleich zu Düsenjets langlebig sind.

Für drei Heron-1-Drohnen zahlte die Bundeswehr bei rund 25.000 Einsatzstunden ca. 110 Mio. € ( Bundeswehr-Journal | 29.11.2015).

 

Einsatzeffektivität und militärischer Nutzen als Maßstab

Der Anteil des deutschen Verteidigungskostenanteils an der gesamten deutschen Wirtschaftsleistung beträgt im Jahr 2016 nach NATO-Kriterien rund 1,18 Prozent. 2017 wird der Anteil auf 1,22 Prozent steigen. Nach bisheriger Finanzplanung würde der Anteil der Verteidigungsausgaben nach NATO-Kriterien am Bruttoinlandsprodukt (BIP) ab 2018 wieder auf 1,17 Prozent sinken. Die Bundeskanzlerin hat deshalb auf die Erwartung der NATO-Partner und der US-Administration verwiesen, den deutschen Beitrag zu steigern. Unter den NATO-Partnern sind zwei Prozent vom BIP vereinbart – das wären heute mehr als 60 Milliarden Euro). Zum Vergleich: Frankreich gibt derzeit 40 Milliarden Euro aus; 1,78 Prozent des BIP). Großbritannien 50 Milliarden Euro; 2,21 Prozent es BIP).

Der Tornado-Einsatz stellt sich in der Kosten-Betrachtung als teure „Flugshow über dem Orient“ dar. Der Einsatz von drei Heron-1-Drohnen würden nur ein Drittel der Kosten des Einsatzes von 6 Bundeswehr-Tornados kosten, und weniger als 10% des Personals erfordern. Dabei würden sogar 25.000 Flugstunden absolviert, mit Echtzeit-Videos – statt nur rund 5.500 Flugstunden mit Kurzzeit-Fotos und nachträglicher Auswertung.

Bedenkt man, dass zusätzlich permanent AWACS-Luftraumüberwachungsflugzeuge der NATO über dem Krisengebiet fliegen, ist der Tornado-Einsatz der Bundeswehr eine teure Symbolpolitik mit fragwürdigen militärischen Nutzen.

In den kommenden Debatten um die Höhe des deutschen NATO-Anteils dürften Kosten-Nutzen-Betrachtungen künftig stärker ins Blickfeld rücken.

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m/s