Samstag, 21. Oktober 2017
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Bürgerbeteiligung unterm Kranarm

Kranarm über dem ehemaligen Krankenhaus an der Danziger Straße

Die „Voruntersuchung Thälmannpark“ startete Mitte Februar 2013. Die STATTBAU Stadtentwicklungsgesellschaft mbH wurde vom Bezirksamt Pankow mit der Voruntersuchung zur Beurteilung der städtebaulichen Situation und der Entwicklungspotenziale des Areals Thälmannpark beauftragt. Die Vorüberlegungen für diese Studie waren bereits 2012 herangereift, als sich nach und nach abzeichnete: das gesamte Areal „Thälmannpark“ unterliegt einem großen Veränderungsprozeß und auch Investitionsdruck.

Kranarm über dem ehemaligen Krankenhaus an der Danziger Straße
Kranarm über dem ehemaligen Krankenhaus an der Danziger Straße

Die Pankower Bezirkspolitik hatte nicht viel mehr Zeit, um die städtebauliche Entwicklung zu steuern. Erste Investoren drängten mit Grundstückskauf und Baugenehmigungen nach § 34 BauGB in das zentrale Stadtquartier, das sich durch einen großen Grünflächenanteil auszeichnet.
Darüberhinaus gab es erst seit 2011 eine neue, von der rot-grünen Zählgemeinschaft in der BVV angeführte Stadtentwicklungspolitik, die sich erst konzeptionell neu aufstellen mußte.

Noch unter der Ägide des Stadtrats Dr. Michail Nelken war das Bauprojekt „Prenzlauer Bogen“ von Nöfer Architekten genehmigt und errichtet worden, das von den alteingesessenen Thälmannpark-Anwohnern als „Elefantenklo“ bezeichnet wird. Auch das Wohnbauvorhaben ELLA in der Ella-Kay-Strasse mußte nach geltenden Städtebaurecht genehmigt werden, das bis dato lediglich eine „ortsübliche“ Bebauung nach §34 BauGb regelte.

Die neue Stadtentwicklungspolitik wurde neben dem intensiven Alltagsgeschäft entwickelt, und erst 2013 zeichnen sich auch die neue Konturen ab:

– Mehr Bürgerbeteiligung wird angestoßen,
– mehr Vordenken und Planen wird mit freiwilligen Formen der Bürgerbeteiligung organisiert
– mehr konzeptionelles Vorplanen mit Gutachterverfahren & Werkstattverfahren wird in Gang gesetzt.

In der Stadtentwicklung geht ein Umsteuern nicht binnen weniger Monate. Die Zeitrechnung dehnt sich. „Vier Wochen sind ein Verwaltungstag“ – so haben es bayrische Verwaltungsreformer einst ironisch formuliert, ein Spruch der zum geflügelten Wort wurde.
Die kürzeste Frist in der Stadtplanung sind drei Monate: solange hat eine Verwaltung Zeit, um über eine Bauvoranfrage zu entscheiden. Und aus diesem Grund war höchste Eile geboten.

Die „Voruntersuchung Thälmannpark“ begann daher in „städtebaulich letzter Minute“ – und sollte dazu dienen, im zentralen Areal „Thälmannpark“ neues Städtebaurecht vorzubereiten – und dabei übergeordnete Ziele des Bezirks Pankow und die Interessen der Grundstückseigner, Anlieger und Anwohner in einem Entwicklungskonzept bündeln, das danach zu einer Aufstellung von „Bebauungsplänen“ führt.

Prenzlauer Bogen  Foto: Nöfer Architekten
Prenzlauer Bogen - Foto: Nöfer Architekten

Erste Mißverständnisse

Sobald das Wort „Bebauungspläne“ gefallen war, fing erster Unmut in der Auftaktveranstaltung am 27.2.2013 an, denn niemand hatte die älteren Anwohner im Thälmannpark so richtig aufgeklärt, das es sich hier um einen „städtebaurechtlichen Rechtsbegriff“ handelt, der auch „Grünflächen“ unter Schutz stellt.

Erste Mißverständnisse und Irritationen konnten sich so schon zu Anfang festsetzen. Eine sorgfältige Aufklärung hätte sehr geholfen. Manchen ältere Anwohner äußerten sogar eine diffuse Angst, die angesichts der neuen Herangehensweisen an Stadtplanung nur allzu verständlich und vorhersehbar war.

Bezirksamtsgelände: Pokerpartie mit Schachzügen

Auch die Unsicherheit um die Zukunft des Bezirksamtsgeländes Fröbelstrasse trug dazu bei, weil SPD und Bündnis 90/Grüne sich noch im Frühjahr 2012 von dem Gelände verabschieden wollten.

Niemand konnte dazu politisch öffentlich Stellung nehmen, es war zunächst ein politischer Vorstoß, der mit einen ungewissen Ausgang begann. Zwischenzeitlich wurde es zur „finanzpolitischen Pokerpartie“ hinter verschlossenen Türen mit dem Land Berlin und Finanzsenator.
Auch die beteiligten landeseigenen Gesellschaften Liegenschaftsfond und Berliner Immobilienmanagement wurden als Alternativen zuerst bedacht. Inzwischen hat das Land Berlin die Auflösung des Liegenschaftsfonds in Gang gesetzt, und das Bezirksamtsgelände soll nun in das Vermögen des Berliner Immobilienmanagement übergeführt und weiter entwickelt werden. Das Bezirksamt wird dann Mieter der Immobilie – und bekommt erheblichen finanziellen Spielraum, weil die notwendigen Sanierungskosten nicht mehr im Bezirkshaushalt stehen. Trotzdem mußte öffentlich geschwiegen werden, weil die Details erst mit dem Finanzsenator ausgehandelt werden mußten.

Letztlich ist es heute ein gelungener Schachzug: Nach Jahren der Sparpolitik in Pankow, konnte hier ein wichtiger Etappensieg erzielt werden: nun kann tatsächlich über „Stadtentwicklung“ und nicht nur über Einzelbauvorhaben im Thälmannpark nachgedacht werden.

Stadtplanung unter Druck

Im Frühjahr 2013 sickerte dann die Nachricht durch, ein Investor hat das Gelände des alten Güterbahnhofs und der Bahnanlagen an der Greifswalder Straße erworben. Tatsächlich wurde auch recht flott eine Bauvoranfrage für Townhouses und größere Wohnbauten gestellt, die aber vom Stadtrat Jens-Holger Kirchner als Leiter der Abteilung Stadtentwicklung abgewiesen wurde.

Das Planverfahren war mit der „Voruntersuchung Thälmannpark“ gerade noch rechtzeitig in Kraft gesetzt worden.

Es sichert nun als umfangreich angelegtes Planverfahren mit „Voruntersuchung“ und „Werkstattverfahren“ genügend Zeit, um Argumente und städtebauliche Pläne sachgerecht mit Bürgerbeteiligung vorzubereiten.

Bürgerbeteiligung als „organisiertes Vordenken“ wurde damit „erkämpft“.

In den nichtöffentlichen Sitzungen der BVV waren zudem immer alle Parteien mit am Tisch und waren informiert.

Private, öffentliche und fachlich Beteiligte

Zwei Fachämterrunden am 5.3.2013 und am 28.5.13 förderten weitere Erkenntnisse und Vorhaben zutage, die wichtige Aspekte und Bedingungen für das Gesamtareal setzen. Daneben wurden auch weitere Planunge privater, öffentlicher und fachlich Beteiligter öffentlich:

– das Carl-Zeiss-Großplanetarium soll für 14 Mio. € modernisiert werden.
– Umstrukturierung des Vivantes-Klinikkomplexes zu Wohnen im Alter und medizinischer Versorgung.
– die Schulplanung sieht weitere Schülerzuwächse voraus.
– der Grünflächen-Etat wird ab 2014 erheblich aufgestockt.
– die GEWOBAG sichert Mietobergrenzen im Thälmannpark, überdenkt Planungen, plant Neubauten.
– die Berliner Bäderplanung prüft die Weiterentwicklung des Stadtbads im Thälmannpark.
– die Sportflächenplanung wird überprüft.
– die Weiterentwicklung des Kulturstandortes mit Wabe, Kulturamt und Haus 103 sieht Weiterbetrieb und eine Senkung der Kosten durch Übergabe an einen gemeinnützigen Träger vor.

Daneben wurde ein drittes Bauvorhaben nach mehrjährigen Baustillstand auf den Weg gebracht: der Umbau und Neubau des ehemaligen Krankenhauses an der Ecke Prenzlauer Allee/Danziger Straße. Aktuell läuft dort der Rückbau der Dachkonstruktion, die Entkernung und Abrißarbeiten. Mit den Paragon-Appartments soll eine bezahlbare und angemessene soziale Mischung an der herausragenden städtebaulichen Ecke entstehen.

Sommerloch, Ungeduld und Performance

In der Sommerpause schien die Voruntersuchung eingeschlafen zu sein. Tatsächlich liefen Abstimmungsprozesse zwischen privaten, öffentlichen und fachlich Beteiligten weiter, die natürlich auch „Beteiligte“ sind.
Zweieinhalb Monate Sommerpause sind bei Bürgerbeteiligungsverfahren nicht unüblich – es ist auch vernünftig wichtige Abstimmungen nicht mitten in einen Wahlkampf zu verlegen.

Doch offensichtlich wuchs die Ungeduld: die Anwohnerinitiative Thälmannpark preschte parallel zur Voruntersuchung mit einer eigenen „Bürgerbeteiligung per Internet“ vor, und rief ihre Internetseite „Teddyzweinull“ ins Leben, um ungewollte Bauentwicklungen verhindern zu können.
Das man dabei mitten in einer noch laufenden „Voruntersuchung“ mit „Planungsschritten“ hineinplatzte, über betroffene Künstler hinweg agierte, störte nicht.

Im August 2013 wurde ein neuer Kran aufgebaut – und im September begann der Rückbau der Dachkonstruktion des ehemaligen Krankenhauses an der Danziger Strasse / Prenzlauer Allee. Ein weithin sichtbares Zeichen, das ein laufendes Bürgerbeteiligungsverfahren in einen dramaturgischen Rahmen setzt. Der Kranarm überragt nun das gesamte Geländeeck: eine spürbare Veränderung und ein steter Quell von gefühlter neuer Unsicherheit.

Präsentation der Zwischenergebnisse der Voruntersuchung Thälmannpark am 16.10.2013
Präsentation der Zwischenergebnisse der Voruntersuchung Thälmannpark am 16.10.2013

Nächster Schritt: Präsentation der Zwischenergebnisse & Krisendialog

Seit dem 1. Workshop wurden viel mehr Zwischenergebnisse zusammengefaßt, als ursprünglich erwartet war. Es war also logisch, erst einmal alle BürgerInnen über die bisherigen Zwischenergebnisse nichtöffentlicher Beteiligungen mit VIVANTES und allen anderen Institutionen zu informieren.

Für den 16.10.2013 wurde daher eine Präsentation der Zwischenergebnisse in der WABE angesetzt, um die bürgeröffentliche Beteiligung über erste Workshop-Ergebnisse und den erreichten Sachstand zu informieren und in einer Podiumsdiskussion zu strukturieren.

Ein ursprünglich geplanter 2. Workshop mit unvollständiger Vor-Information wäre zu diesem Zeitpunkt nur vergeudete Zeit gewesen.

Doch die erste öffentliche Veranstaltung am 16.10.2013 fand plötzlich in aufgeheizter Atmosphäre statt, weil die versammelten AnwohnerInnen sich übergangen fühlten.

Verlauf der Veranstaltung am 16.10.2013

Einschließlich der Mitarbeiter von WABE, Theater Unterm Dach und des Kulturamtes Pankow waren zeitweise rund 266 Personen vor Ort anwesend. Nur einige wenige BürgerInnen aus anderen Ortsteilen Pankows waren gekommen. Die überwiegende Mehrheit waren vorwiegend ältere Anwohner aus dem Wohnviertel.
In der Rednerliste dominierte die „örtliche Parteiorganisation der Anwohner“, wie es hinterher kritisch hinter vorgehaltener Hand verlautete.

Andreas Höpfner von der Anwohnerinitiative gab kund: „Das ist nicht das, was wir unter Bürgerbeteiligung verstehen.“ Er bemängelte den „Winterschlaf inmitten der Sommerpause, in den das Verfahren seiner Ansicht nach geraten war. Sein Ziel war eine offene Bürgerbeteiligung und Diskussion an diesem Abend – aber weder STATTBAU noch Stadtrat Kirchner wollten dem Ansinnen zustimmen – aus guten Gründen.

Hätte Höpfner gewußt, das die BVV-Abgeordneten seiner eigenen Parteiorganisation über jeden Schritt auch im nichtöffentlichen Teil von Ausschußsitzungen informiert werden, hätte er sich sicher auch gelassener äußern können.

Mißinterpretation, Mißverständnisse – Mißmut

Das Auslaufen des Mandats Firma „STATTBAU Stadtentwicklungsgesellschaft mbH“ am 31. Oktober wurde obendrein von ihm mißverständlich interpretiert. Auch hier wußten die Vertreter der Linkspartei seit dem Frühjahr 2013 Bescheid, das mit den neuen Investorenabsichten für den Güterbahnhof Greifswalder Strasse ein Ausweitung des Plangebiets und eine Ausweitung der Bürgerbeteiligung notwendig wurde.

In der „Präsentation der Zwischenergebnisse der Voruntersuchung“ (seit 21.10.2013 online verfügbar) hat STATTBAU auch längst über ihr ursprüngliches Mandat hinaus erste Zwischenergebnisse präsentiert und das Untersuchungsgebiet erweitert. Und auch beim 1. Workshop wurde über das Thema lange diskutiert.

In der Präsentation wurde Constance Cremer, Architektin, Sachverständige für Grundstückswertermittlung und Prokuristin der STATTBAU GmbH, mehrfach unterbrochen. Zuerst verwies sie etwas ungeschickt auf eine „Box vor der Tür“, in die Anregungen und Meinungsäußerungen eingeworfen werden können. Ihr Hinweis, auf die Offenheit für Ideen ging im anschwellenden Umut des Publikums unter.

Der Umut in der WABE stieg noch, als die Vortragende auf Wohnungsbaupotentialflächen für insgesamt 2200 Wohnungen zu sprechen kann.

Präsentation der Zwischenergebnisse: Podium am 16.10.2013
Constance Cremer, Tim Florian Horn, Andreas Höpfner, Jens-Holger Kirchner, Heike Deutschmann,Holger Dernbach, Herr Urban, Gewobag-Sprecherin

Beim Thema Barrierefreiheit gab es immerhin einen hoch interessanten Einblick, der viel über das Verhältnis der Anwohner zu „ihrem Thälmannpark“ offenbarte:

Als Constance Cremer Defizite bei der Barrierefreiheit ansprach, wurde sie rüde unterbrochen: „Das stimmt nicht“, „Nirgends ist es barrierefreier als bei uns!“ rief ein Anwohner, der aber offensichtlich noch nie im Theater Unterm Dach, in der Galerie Parterre oder im Bezirksamt hineingeschaut hat. Selbst die Stufen in der WABE übersah dabei sein laienhafter Blick.

Andreas Höpfner von der Anwohnerinitiative schwang sich auf dem Podium zum Alleinvertreter auf: „Ich bin der einzige hier oben, der für die Bürger sprechen darf.“ – „Das ist nicht das, was wir unter Bürgerbeteiligung verstehen.“ waren seine Schlüsselsätze zum Thema.

Dr. Michail Nelken, der noch im Frühjahr im Stadtplanungsausschuß gewarnt hatte: „Der Thälmannpark ist nicht der Privatgarten der Anwohner“, saß still im Publikum und schwieg.

Auch das auslaufende Mandat der STATTBAU wurde von Höpfner im Eifer mißverstanden: „… damit wären ja die präsentierten Zwischenergebnisse zugleich eine Art Abschlussbericht. Damit war der Unmut im Saal am Kochen.

Die Anwesenden fühlten sich übergangen – und merkten nicht, wie sie sich selbst die wertvolle „Beteiligungszeit“ für Ideen und Anregungen stahlen. Nachfolgende Redebeiträge aus dem Publikum uferten aus, wechselten zu Formfragen. Ein Anwohner fühlte sich sogar beleidigt, weil er nur per Plakat und nicht per Brief eingeladen war.

War das überzogene Befindlichkeit? Wurde hier die Bürgerbeteiligung von einer lokalen Parteiorganisation gekapert? Oder war hier tatsächlich etwa schief gelaufen?

Erklärung liefert womöglich ein alter Philosoph: Ernst Bloch, der einmal neu von Organisatoren von Bürgerbeteiligungen gelesen werden sollte,* und Ungleichzeitigkeit in der Gleichzeitigkeit entdeckte.

Es könnte sein, die bisherige Mixtur aus behördlicher und privater Internetinformation, Plakaten und Hörensagen hat in der älteren Generation der „Offliner“ ganz unbeabsichtigte Nebenwirkungen, die auch den Aktivisten der Anwohnerinitiative im Thälmannpark entgangen sind:

„Wer kein Internet hat, ist auf Information aus zweiter Hand angewiesen, verpasst wichtige Zusammenhänge und kann sich dabei auch übergangen fühlen.“

Sachlich ging es weiter, als es zum Thema Planetarium kam:

Tim Florian Horn, neuer Leiter des Zeiss-Großplanetariums durfte sich nur kurz vorstellen, sein Vorhaben Großplanetarium interessierte an dem Abend offensichtlich nur am Rande. Die Absicht, das Planetarium „zum Größten und Schönsten in Europa“ zu machen, ist noch nicht weit genug kommuniziert. Aber sicher ist: es wird ab 2016 große Besucherzahlen anlocken, die zur Belebung beitragen werden – und auch noch neue Ansprüche stellen werden.

Die Vertreterin der GEWOBAG signalisierte, das es mit der geplanten Sanierung noch Zeit kostet, auch weil man erst in den Vorüberlegungen ist. Damit konnte sie zumindest die Ängste vor einer energetischen Vollsanierung etwas besänftigen. Über die GEWOBAG-Neubauplanungen an der Lili-Lenoch-Strasse wurde nicht gesprochen, weil sich die Aufmerksamkeit auf den geplanten Wegfall von Parkplatzflächen konzentrierte.

Stadtrat Kirchner und das lernende System

Stadrat Jens-Holger Kirchner bemühte sich, die Aufregung im Saal zu dämpfen. Er steckt derzeit in vier laufenden Bürgerbeteiligungen, und gab unumwunden zu „Wir sind Lernende“ und räumte ein, die städtebauliche Dimension anfangs unterschätzt zu haben. Auch das Bezirksamt macht Lernprozesse durch und die städtebauliche Bedeutung des Vorhabens sei gewachsen. Es reiche nun bis zum Helmholtzplatz und Kollwitzplatz – und auch die Notwendigkeit der Einbindung der Anwohner in der Grünen Stadt am Anton-Saefkow-Park sei erst im Verlauf des Verfahrens erkannt worden.

Kulturabbbau durch linke Soziokulturträume ?

Amtsleiter Holger Dernbach vom Amt für Weiterbildung und Kultur, eigentlich Gastgeber der Veranstaltung, hielt sich in seinem Beitrag zurück. Er verwies auf die identitätsstiftende Wirkung des Kulturstandorts Thälmannpark, den notwendigen hohen Investitionsbedarf und blieb dann in der Hauptsache still.

Als wichtige Betroffene des Planungsprozesses müssen nun vor allem die Kulturamtsmitarbeiter und Künstler besorgt sein, nicht unter die Räder zu kommen.

Die Anwohnerinitiative „Teddyzweinull“ plant ganz ungeniert, den Kulturstandort in einen „Jugend- und Kiez-Campus“ zu verwandeln und kommt damit politischen Absichten entgegen, die den teuren Kulturstandort ohnehin durch Umwidmung elegant „plattmachen“ wollen.

Förderpolitisch könnte so ein „soziokulturelles Zentrum“ neue Mittel aus dem Stadtumbau-Ost bekommen, und der chronisch knappe Pankower Kulturetat könnte insgesamt durch eine völlig neue Förderkulisse entlastet werden.

Die Anwohnerinitiative kalkuliert bereits mit dem Umstand, das das Kulturamt den „Standort“ aufgeben will.

Aber wahrscheinlich ist auch das nur mißverstanden worden. Denn eigentlich soll die treuhänderische Übertragung der Immobilie mehr Kultur ermöglichen. Von Soziokultur war nie die Rede – sondern von kultureller Bildung, Erhalt der WABE als wichtige Musikbühne, Erhalt der Galerie Parterre und des Theater Unterm Dach.
Sowohl in der Linkspartei als auch nach den bisherigen Planungen der Kulturpolitik in der BVV-Pankow war bislang klar, der Kulturstandort soll weiter betrieben werden.

Für Außenstehende wird klar: die Anwohnerinitiative im Thälmannpark agiert teilweise in einer politischen Grauzone und sollte sich mit den „Kulturpolitikern“ in der eigenen Partei verständigen.

Im Kulturamt und bei den Künstlern müßten nun die Alarmglocken klingen. Es rächt sich nun womöglich der bisherige Verzicht auf ein wirtschaftliches Betriebskonzept für WABE, Kunsthaus, Jugendtheater-Etage, Galerie Parterre.

Die bisher alternativlose 8-Mio.-Förderkulisse für eine Modernisierung – bei einem nach wie vor fehlenden wirtschaftlichen Betreiberkonzept könnte sich noch zu einem fatalen Eigentor entwickeln.

Schule und Sport

Heike Deutschmann von SG Rotation verwies ausführlich auf ihren wachsenden Vereinaktivitäten. Doch den Widerspruch zwischen dem Erhalt des „zu kleinem Hockey-Platz“ an der Ella-Kay-Strasse und ihren „Expansionswünschen“ im Nahbereich von Prenzlauer Berg erkannte sie noch nicht. Noch ist aber Zeit, sich Sportflächen in der Nähe zu sichern, wenn man die Hockeymannschaften nicht 5 Kilometer weiter trainieren lassen will.
Schulleiter Urban von der Grundschule am Planetarium brachte seine Idee eines Schulcampus vor – und konnte damit auch überzeugend für seine Schule werben, die schon in absehbarer Zeit erweitert werden muss. Die Idee des Schulcampus soll künftig auch Konflikte zwischen Schülern und Radfahrern vermeiden helfen. Herr Urban verwies auf einen Unfall, der sich just am 16. Oktober vormittags ereignete, als ein Radfahrer einen Schüler anfuhr und verletzte.

Investruine auf dem Güterbahnhof-Gelände an der Greifswalder Strasse
Investruine auf dem Güterbahnhof-Gelände an der Greifswalder Strasse

Zielkonflikt Wohnungsbau

Stadtrat Jens-Holger Kirchner verdeutlichte später den Zielkonflikt zwischen der Anwohnerinitiative und Wohnbauplanungen. Pankow wächst, muß neue Wohnbauflächen ausweisen, die Ausweisung von „Potenzialflächen“ wird damit begründet.
Danach soll die Einwohnerzahl um rund 16% wachsen, Wohnungen für 60.000 Menschen sind als Bedarf ausgemacht.
„Darauf müssen wir reagieren“, sagte der Stadtrat für Stadtentwicklung, Jens-Holger Kirchner (Grüne).

Bis zu 2.200 Wohnungen sind hier angedacht: teilweise als Genossenschaftswohnen, teils als private Wohnbau-Investition und teilweise Sozialwohnungen der landeseigenen GEWOBAG. Etwa 700 neue Wohnungen sollen an der Lili-Lenochstrasse auf einem bisher als Anwohner-Parkplatz genutzten Gelände entstehen.

Auf dem Gelände zwischen S-Bahn Greifswalder Straße und Anton-Saefkow-Straße könnte ein Quartier mit 1200 neuen Wohnungen entstehen. Bislang wird das Gelände gewerblich u.a. mit einem Betonwerk genutzt.

Wohnungsbau: Lilli-Henoch-Straße und Gewerbe- und Güterbahnhofsgelände

Unverständnis wurde geäußert, über den geplanten Wegfall von Parkplätzen. Die gleichzeitig vorgesehene neue Erschließung wurde dabei aber auch übersehen. Womöglich fallen in der Zahl kaum Parkplätze weg. Und über Neubauten und mögliche platzsparende Tiefgaragen wurde gar nicht erst gesprochen.
Selbst Carsten Speckmann aus dem Amt für Stadtplanung reagierte hier unflexibel, statt die Umstände genauer zu erklären. So entstand auch hier vermeidbarer Ärger – denn bei Potential-Untersuchungen wird noch gar nicht detailliert sondern nur grob geplant.

Slapstick-Einlage

Der größte Unwillen regten sich gegen die Pläne von Investor und Grundstücksentwickler Willo Göpel, der auf dem Podium sitzend eine slapstickartige Einlage nicht mitbekam:

Sein Kompagnon Christian Gérôme war an dem Abend auch kurzfristig zu Besuch. Er verschwand aber fluchtartig aus der WABE, weil ein Mieter aus der Gleimstrasse 52 ihm mit Kamera auf den Leib rückte. Der Mieter war im schicken Anzug, aber höchst verärgert in der WABE erschienen, weil ihm die Hausverwaltung von Christian Gérôme nach etlichen rigiden Entmietungsversuchen wieder einmal die Heizung in der Wohnung ohne Vorwarnung abgeschaltet hat.

Fehlspekulation am Güterbahnhof?

Willo Göpel versuchte vergeblich für seine Wohnungsbau-Absichten zu werben und verfocht seine Angebotsthese, wonach mehr Wohnungsbau zu sinkenden Mieten führen müsse.

Willo Göpel konnte seine Ärger nur mühsam unterdrücktem denn sein geplanter Coup mit dem Kauf des Güterbahnhof-Areals könnte sich nun als große Fehlspekulation erweisen, wenn sich das Planverfahren in die Länge zieht. Die Vorstellungen von einer Grünachse laufen einer hohen baulichen Nutzung zuwieder, der auf „ortsübliche Bebauung und Bauerwartung“ angelegte Grundstückskauf bindet nun sehr viel Kapital.

Zudem: bei den vielen Wohnungsbau-Plänen in Pankow wird schon bald sehr, sehr viel Beton benötigt. Allein am Pankower Tor und auf den vielen Wohnbau-Erweiterungsflächen müssen mehrere Millionen Tonnen Beton verbaut werden. So könntendie Investorenträume schon bald mit einer Wiederbelebung des Betonwerkes und steigenden Baulogistik-Umsätzen konfrontiert werden. Die Lage des Betonwerks ist konkurrenzlos.

Inzwischen hat das Bezirksamt auch dieses Areal mit in die „Voruntersuchung“ mit einbezogen, und Investor Göpel lässt nun rechtlich prüfen, ob dennoch eine ortsübliche Bebauung realisierbar ist. Dabei entsteht nebenbei die nicht uninteressante Rechtsfrage, ob eine „Bahngelände Greifswalder Straße GmbH” auch „ortsüblich“ auf Wohnbauten pochen darf.

Voruntersuchung Thälmann Park am 16.10.2013
Maßnahmen im öffentlichen Raum - grüne Flächen bleiben grün - Planauszug: STATTBAU

Weiteres Verfahren – weiterer Workshop

Constance Cremer wies noch einmal auf die Vorläufigkeit der Ergebnisse hin, und hob dennoch wichtige Zwischenergebnisse fest:
Die Grünflächen sollen weitgehend erhalten und entwickelt werden, der Platz um das Thälmann-Denkmal soll aufgewertet werden, und die öffentlichen Flächen, Kulturstandort und Sport sowie entlang der Danziger Strasse sollen „weiter qualifiziert“ werden. In der Planersprache heisst dies: auch hier können noch weiter Ideen im Planungsverlauf einfliessen.

Bezirksstadtrat Jens-Holger Kirchner wendete sich am Schluß gegen die mehrfache Kritik, und wies auf den weiteren geplanten Abstimmungsweg hin, der noch über Stadtentwicklungsausschuß und BVV führt. Er wendete sich auch gegen den Versuch der „Diskreditierung“ des bisherigen Bürgerbeteiligungsverfahrens.

Gleichzeitig kündigte er weitere Gespräche mit Anwohnerinitiative und STATTBAU an, um den weiteren Fortgang des Verfahrens zu besprechen.

Da man sich gerade im ersten Jahr der Voruntersuchung befindet, soll es auch einen weiteren Workshop geben.
Für Ideen und Vorschläge ist das Verfahren ohnehin jederzeit offen.

Bis es zu Bebauungsplan-Entwürfen kommt, wird es auch noch eine Weile dauern. Constance Cremer von STATTBAU ging von einem Zeitraum vom mehreren Jahren aus.

Weitere Informationen:

Voruntersuchung Thälmannpark: Öffentliche Präsentation der Zwischenergebnisse und Podiumsdiskussion

Neue Zukunft für den Thälmannpark – 26.2.2013 – Pankower Allgemeine Zeitung

Teddyzweinull: Thälmann wird operiert – 24. 09. 2013 – Pankower Allgemeine Zeitung

Erste Hilfe auch für Teddys – 12. 09. 2013 – Pankower Allgemeine Zeitung

*„Der Fortschrittsbegriff duldet keine ‚Kulturkreise‘, worin die Zeit reaktionär auf den Raum genagelt ist, aber er braucht statt der Einlinigkeit ein breites, elastisches, völlig dynamisches Multiversum, einen währenden und oft verschlungenen Kontrapunkt der historischen Stimmen.“

Ernst Bloch: Tübinger Einleitung in die Philosophie

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m/s