Freitag, 15. Dezember 2017
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BVG-Busse: Kunststoff-Leichtbau mit Nebenwirkungen

Nahverkehrsbus VDL Citea LLE

Seit Ende Januar 2015 fahren bei der Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) neue Busse vom Typ VDL Citea LLE als neuen Linienbusse. Die Busse wurden nach einer zweijährigen Probephase im Sommer 2014 bestellt. Insgesamt sollen bis zu 236 VDL-Fahrzeuge beschafft werden. Dr. Sigrid Evelyn Nikutta, BVG-Vorstandsvorsitzende und Vorstand Betrieb, zeigte sich damals erfreut: „Die neuen Busse von VDL sind eine ausgezeichnete Ergänzung unserer Fahrzeugflotte. Wir modernisieren unseren Fuhrpark nicht nur und bringen ihn auf den neuesten technischen Stand, er wird außerdem noch umweltfreundlicher.“

Nahverkehrsbus VDL Citea LLE
Nahverkehrsbus VDL Citea LLE – Foto: vdlbuscoach.com

Inzwischen gibt es jedoch Zweifel, ob das Prädikat „umweltfreundlicher“ bei der über 60,8 Millionen Euro teuren Investition in VDL-Busse stimmig ist. In der Presse wurden erneut Beschwerden veröffentlicht: „Geruchsproblem bei der BVG: Neue Berliner Busmodelle stinken“| Yves Bellinghausen | 2.3.2026 | TAGESSPIEGEL.

VDL Citea LLE: innovatives Leichtbaukonzept

Der Hersteller Van der Leegte Groep (VDL) hat als Zulieferer für DAF-Trucks begonnen und ist heute einziger Automobilhersteller und Busbauer in den Niederlanden.
Bei der Entwicklung der Busse wurde das Hauptaugenmerk auf die Leichtbauweise gelegt. Die Reduzierung des Kraftstoffverbrauches und entsprechende Emissionsreduzierungen – bei Einhaltung der höchsten Sicherheitsstandards – waren das Ziel.

Der Citea LLE hat ein Eigengewicht von nur ca. 9 Tonnen, das ist nur etwa die Häfte bisheriger vergleichbarer Busse, die rund 18 Tonnen wiegen. Der neue Bus verbraucht nach vorliegenden Erfahrungen der BVG bis zu 20% weniger Dieselkraftstoff.

Die Kombination VDL Citea LLE mit Euro 6 sorgt für eine Verbrauchsreduzierung um 20%, reduziert zusätzlich die Stickoxide um ca. 95%. Damit werden Erwartungen erfüllt, die andere Unternehmen an die Hybridtechnik stellen, ohne jedoch erhöhte Kosten bei Technik und der Werkstatt-Infrastruktur zu verursachen.
Damit kommt die BVG auch ihrem Unternehmensziel näher, 20 Prozent der CO2-Emissionen im Zeitraum 2010 bis 2020 einzusparen.

Fahrgastkomfort mit viel Kunststoffverbundbauweisen

Die Citea LLE Busse mit ihren 38 Sitz- und 32 Stehplätzen haben einen durchaus angenehmen Fahrkomfort. Moderne Kunststoffe und Verbundbauweisen haben die früher üblichen Metall- und Leichtmetallbauweisen von Bussen verdrängt.

Das Unternehmen VDL hat mit mehreren spezialisierten Tochter-Unternehmen des Kunststoffsektors eine bemerkenswerte technologische Kompetenz in den Bereichen Spritzgießen, Zweikomponenten-Spritzgießen, Vakuumformen, glasfaserverstärkte Kunststoffe, In- und Outsert Moulding und maschineller Bearbeitung von Kunststoffen (Schweißen, Kleben, Montage) aufgebaut.

Verarbeitet werden im Automobilbau übliche Kunststoffe wie etwa Polyurethan (PUR), Polyvinylchlorid (PVC) und Acryl-Butadien-Styrol (ABS). Weitere mengenmäßig wichtige Kunststoffe sind Polypropylen (PP), Polyethen (PE), Plexiglas (PMMA), Polycarbonat (PC) und Teflon. Auch Silikone werden genutzt. Zudem werden Kunststoff-Verbundbauteile auch mit Klebstoffen verklebt. Experten schätzen, dass bei einem modernen Automobil bis zu 25 Kilogramm Klebstoff verarbeitet werden. Bei einem Bus kann die Menge sogar noch höher liegen. Auch moderne Thermoplaste wie Polyethersulfon und Polybutylentherephtalat werden im Fahrzeugbau verwendet.

Vor allem im Motor- und Getriebebereich kommt auch Nitril-Kautschuk (Nitril-Butadien-Kautschuk) zum Einsatz, ein Werkstoff mit guten technologischen Eigenschaften der sich für sehr viele Anwendungsgebiete eignet, weil er im Kontakt mit Mineralöl beständig bleibt. Radial-Wellendichtringe, Dichtelemente für Hydraulik und Pneumatik sowie O-Ringe werden in großen Stückzahlen aus Werkstoffen auf NBR-Basis gefertigt. Ein Werkstoff, der unter Bedingungen vom Motortemperatur und Hitze am Katalysator jedoch einen typischen stickicken Geruch verbreitet.

Kunststoffe und Kunststoffausgasungen

Kunststoffe können unerwünschte, störende oder gar giftige chemische Verbindungen freisetzen. Sonneneinstrahlung, Aufheizung und Temperaturunterschiede begünstigen die Ausgasung.

Automobilhersteller sind daher längt dazu übergegangen, Art und Menge von Emissionen zu reglementieren. In den Vorschriften für Automobilzulieferer sind für Originalhersteller (OEM) Geruchsprüfungen, Foggingprüfungen und Emissionsmessungen vorgeschrieben, welche unter genau festgelegten Bedingungen zu erfolgen haben.

Nach VDA 270 „Bestimmung des Geruchsverhaltens von Werkstoffen der Kraftfahrzeug-Innenausstattung“ wird „der Geruch eines Werkstoffes durch ein geschultes Prüfkollektiv ermittelt und mit Noten bewertet. Die Skala für den Geruchstest reicht gemäß VDA 270 von Note 1 „nicht wahrnehmbar“ bis Note 6 „unerträglich“. Ein typischer Grenzwert für die Geruchsprüfung nach VDA 270 ist die Geruchsnote <3.0.“

Die Richtlinie VDA 275 regelt die „Bestimmung der Formaldehydabgabe“. Nach VDA 277 wird die „Bestimmung der Emission organischer Verbindungen“ ermittelt. Nach VDA 278 wird eine „Thermodesorptionsanalyse organischer Emissionen“ durchgeführt, um leichtflüchtige Kohlenwasserstoffe (VOC) und „kondensierbarer (FOG) Emissionen“ zu bestimmen.

BVG - Bus
BVG – Busse: Fahrer sind gesundheitlich besonders belastet

Gesundheitliche Beeinträchtigungen

Aus Kunststoffen ausgasende Chemikalien enthalten Stoffe wie Chlor, Kohlenwasserstoffe und Weichmacher, die zuächst nur sehr geringe messbare Mengen betreffem. Im ständigen Kontakt können die Stoffe jedoch Allergien, Unwohlsein, neurologische Störungen, Leberschäden oder sogar genetische Schäden und Krebs auslösen.

Manche Emissionen können in hohen Konzentrationen sogar zu Unwohlsein oder Gesundheitsschäden führen. Manche Emissionen stellen dagegen ‚nur‘ eine Geruchsbelästigung dar. Doch Menschen sind unterschiedlich empfindlich gegenüber Chemikalien. Allergiker, Asthmatiker, Neurodermitiker, Umweltkranke etc. sind chronisch krank und mit einem instabilen, zeitweise geschwächten Immunsystem ausgestattet. Das bedeutet, dass sie gesundheitliche Belastungen wesentlich eher wahrnehmen, als ein gesunder Mensch und natürlich auch eher darunter leiden.

Jeff Gearhart, Forschungs-Chef des Ecology Center warnte schon 2012, die Innenräume von 200 untersuchten Automobiltypen würden geradezu einen Giftcocktail aus hunderten von Chemikalien enthalten, die aus den Materialien strömen. Durch teils extreme Temperaturen der Oberflächen können Stoffe zu gefährlichen chemischen Verbindungen reagieren. Gearhart erklärte: „Autos sind wie kleine Reaktoren und schaffen eine der gefährlichsten Umgebungen, denen wir uns aussetzen“.

Busse unterscheiden sich zwar in den Dimensionen von normalen Autos, bei der Vielfalt verbauter Kunststoffe stehen sie Autos aber kaum nach.

Arbeitssicherheit der Busfahrer

Die in der letzte Woche bekannt gewordenen Beschwerden von Busfahrern, die über eine Geruchsbelästigung und gesundheitliche Beeinträchtigungen klagen (WELT 28.2.2016), deuten auf ein ernstzunehmendes Problem hin.
Auf Nachfrage bei dem von der BVG beauftragten Analyselabor ALAB GmbH war man nicht bereit, die in der WELT zitierten Aussagen zu bestätigen, oder überhaupt Auskünfte zu geben.

Aufgrund der Vielfalt der eingesetzten Kunststoffe wurden vermutlich nur Ausgasungen leichtflüchtiger organischer Kohlenwasserstoffe (VOC) gemessen, die jedoch auch im Fahrbetrieb aus der Außenluft eingetragen werden. Aussagen zu punktuellen Messungen sind daher nur wenig aussagekräftig.

Busfahrer sind durch Luftschadstoffe und Feinstaub und Kraftfahrzeugemissionen bereits besonderen Belastungen ausgesetzt. Festgestellte Gerüche und gesundheitliche Störungen aus dem Innenraum eines neuen Fahrzeuges müssen als Zusatzbelastung betrachtet und ernst genommen werden.

Da es sich um vielfältige Belastungsfaktoren handelt, die kaum systematisch erfasst und gemessen werden können, müssen in jedem Fall einmal erkannte Belastungen minimiert und ausgeschaltet werden.

Der Hersteller selbst hat dabei die besten Möglichkeiten, weil „ausgasende Bauteile“ notfalls ersetzt oder durch besondere Oberflächenbehandlung versiegelt werden können.

Die BVG wird zunächst das Ergebnis eines zweiten beauftragen Gutachtens abwarten müssen, bevor weitere Schritte eingeleitet werden können.

VDL Bus & Coach : Citea LLE
VDL Bus & Coach : Citea LLE – Kunststoffleichtbau mit Nebenwirkungen – Foto: BVG-Presse

Fragen an Hersteller und BVG

Die redaktionelle Recherche hat einige interessante Aspekte ergeben, die weitere qualifizierte Nachfragen an Hersteller und Betreiber ermöglichen. Die Reaktionen und Antworten werden in einem zweiten Beitrag veröffentlicht.

Zum 40. Jubiläum des internationalen VDI Kongress „Kunststoffe im Automobilbau“ vom 9.-13. März in Mannheim dürfte das Thema auch erste Expertendiskussionen erreichen. Noch ist die Branche „innovationsverliebt“ und sieht den „kosteneffizienten Leichtbau als Treiber für Kunststoffe im Nutzfahrzeug“.

Auf dem Kongress werden die Themenfelder Interieur, Exterieur, Simulation, Werkstoffe/Technologien, Motor/Technik und Leichtbau behandelt – das Thema Industrie 4.0 steht im Fokus der Diskussion.

Doch „strukturelle Kabinenbauteile aus endlosfaserverstärktem thermoplastischen Kunststoff (Organoblech) mit PUR-Außenhaut in Class A-Qualität“ können auch Gesundheitsgefahren bewirken. Es wird Zeit, sich diesen Fragen mit mehr Nachdruck anzunehmen.

Fortsetzung folgt

Weitere Informationen:

www.kunststoffe-im-auto.de

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