Donnerstag, 08. Dezember 2016
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Das BER-Debakel von A-Z

flughafen BER aus der Luft - Foto: 9/2013 Günter Wicker / Flughafen Berlin Brandenburg GmbH

Seit rund zwei Jahren tagt regelmässig der Untersuchungsausschuß, der die Ursachen, Konsequenzen und Verantwortung für die Kosten- und Terminüberschreitungen des im Bau befindlichen Flughafens Berlin Brandenburg Willy Brandt (BER) aufklären soll.

flughafen BER aus der Luft - Foto: 9/2013 Günter Wicker / Flughafen Berlin Brandenburg GmbH
flughafen BER aus der Luft – Foto: 9/2013 Günter Wicker / Flughafen Berlin Brandenburg GmbH

Das Berliner Abgeordnetenhaus hatte diesen in seiner 18. Sitzung der 17. Wahlperiode am 27. September 2012 gemäß Art. 48 der Verfassung von Berlin eingesetzt.

Für Bündnis 90/Grüne sitzt Pankows Wahlkreisabgeordneter Andreas Otto im Untersuchungsausschuß, und fragt zusammen mit den anderen Auschußmitgliedern Sitzung um Sitzung und Woche um Woche nach.

Die Redaktion erhält regelmässig Informationen. Aufgrund der Vielzahl skandalöser Fakten fiel es inzwischen zeitweise schwer, einen thematischen Zwischenstand weiter aufzuarbeiten.

Andreas Otto MdA - Bündnis90 / GRüne
Andreas Otto (MdA – Bündnis90 / Grüne): Kärrner-Arbeit im Untersuchungsausschuß BER

Rückwärts in die BER-Baugeschichte

Der Untersuchungsausschuß hat sich immer weiter in die zurückliegenden Abläufe zurückgearbeitet. Mit der letzten Befragung am 9.1.2015 im Untersuchungsausschuß wurde ein weiterer Schlüsselzeuge befragt, der zu den Geschehnissen rund um die Entlassung des Generalplaners befragt wurde. Ex-Projektsteuerers Christian Manninger trug Verantwortung als oberster extern beauftragter Projektsteuerer.

Treibende Kraft bei der Entlassung des BER-Generalplaners

Andreas Otto, baupolitischer Sprecher und Obmann im BER-Untersuchungsausschuss, und Harald Moritz, verkehrspolitischer Sprecher, sagten zur zweiten Befragung des Ex-Projektsteuerers Christian Manninger:

„Die Befragung offenbarte die mangelnde Organisation und die verantwortungslose Herangehensweise der Flughafengesellschaft an das BER-Projekt in den Jahren 2010 bis 2012. Christian Manninger war als oberster Projektsteuerer für Kosten und Termine sowie die Berichterstattung an Geschäftsführung und Aufsichtsrat verantwortlich. In dieser Funktion war er an der geschönten Berichterstattung über den Baufortschritt am BER beteiligt.“

Die Aufgabe eines Projektsteuerers ist es eigentlich, alle laufenden und geplanten Arbeitspakete und Aufträge nach Terminen, Kosten und Qualität mit Soll-Ist-Vergleichen zu überwachen, und zu steuern, und damit dem Bauherrn Überblick zu verschaffen.

Otto und Moritz sagten weiter zu Manningers Befragung:

„Seine Aussage zu den Bedenkenanzeigen der Firma Siemens bezüglich der Terminplanung am BER legt nahe, dass die Flughafengesellschaft ab 2010 zahlreiche Hinweise zu Problemen im Bauablauf hatte. In vielen Fällen wurden Siemens und andere Firmen per Anordnung gezwungen, trotz fehlender Vorarbeiten weiterzubauen. Die umfangreichen Änderungswünsche der FBB am Terminal bis 2010 ließen sich bautechnisch einfach nicht im Zeitplan umsetzen. Ein Beleg dafür, dass durch fliegende Umplanungen der Projekterfolg wissentlich gefährdet wurde.“

Wir erinnern uns: im Mai 2010 wurde des Richtfest gefeiert, und zuvor meldete das für die Haustechnik-Planung beauftragte Planungsbüro IGK-IGR Ingenieurgesellschaft Kruck mbH (als zugehörige Planungsgesellschaft zum Generalplaner pg bbi) am 08.02.2010 Insolvenz anmeldete. Über 70 Mitarbeiter verloren ihren Job, halb fertige Pläne blieben liegen, die Berechnungen und Schnittstellen der Pläne wurden praktisch obsolet, weil das Wissen der Mitarbeiter, deren Zusammenspiel und deren Übersicht verloren ging. Zuvor gab es schon monatelang Streit um Planänderungen und nicht ausgezahlte Honorare.

Zwei Jahre lang wurde weitergebaut und improvisiert, und so kam es zur Verschiebung der Eröffnung im Mai 2012:

Otto und Moritz sagten dazu weiter

„Als am 16. Mai 2012 im Aufsichtsrat Köpfe rollen mussten, hat Manninger die Entscheidungsvarianten zur Entlassung des Generalplaners vorgelegt. Nach dem Motto „Wer schreibt, der bleibt“ hielt er damit offenbar seine Firma WSB CBP im Spiel. Stattdessen musste der Generalplaner über die Klinge springen. Im Aufsichtsrat soll sich für diese folgenschwere Fehlentscheidung insbesondere Bundesverkehrsstaatssekretär Bomba stark gemacht haben.“

370 Fachleute und Ingenieure entlassen – Weiterbau ohne „Gehirn & Verstand“

Mit der vollzogenen Kündigung des Generalplaners pg bbi waren schließlich zum Juni 2012 rund 370 hochqualifizierte Mitarbeiter gekündigt. Nur einige wenige wurden durch die Flughafengesellschaft übernommen und weiter beschäftigt.

Doch da war das Projekt längst „komplex gescheitert“. Chaos in den Kabelschächten, eine viel zu komplexe Brandschutztechnik eingebaut, und die Steuerung der Anlagen ließ sich nicht mehr in Gang setzen. Zwei Jahre später lag eine erste Fehlerbilanz durch den zeitweiligen Geschäftsführer der FBB GmbH Horst Amann vor: über 64.000 Mängel wurden bis 2014 katalogisiert.

Zwischen 2010 und 2012 wurden die meisten Mängel und Fehlentscheidungen getätigt, die bis heute fortwirken. Die damaligen Ereignisse wurden bereit behandelt: „Pankow bleibt noch lange Einflugschneise“ | 2. 08. 2012 | Pankower Allgemeine Zeitung.

Start von SPRINT auf dem Flughafen BER am 1.5.2013
Start von SPRINT auf dem Flughafen BER am 1.5.2013 = ca. 60 Mitarbeiter = 5 Mannjahre pro Monat
Foto: Günter Wicker FBB GmbH

Fragen nach Berufsethos und politischen Machbarkeitswahn

Die neuesten Enthüllungen werfen noch weitergehende Fragen auf: wie ist es möglich, dass ein Großkonzern wie SIEMENS „auf Anordnung“ einfach weiterbaut – und nicht selbstständig einen Baustopp verlangt? Gab es kein internes Qualitätsmanagement?

Auch das Berufsethos eines Projektsteuerers steht in Frage. Manninger hat in der letzten Sitzung eingeräumt, „… im Fall der Entrauchungsanlage sei es nicht gelungen, den beteiligten Firmen Bosch, Siemens und T-Systems „abschließend fehlerfreie Pläne zu liefern“ – was nach Kündigung von Dutzenden Planungs-Mitarbeitern wohl auch nicht verwunderlich sein kann.
Allein durch die Insolvenz der Haustechnik-Firma sind zwischen März 2010 und Mai 2012 ca. 145 Mannjahre Planungsleistung ausgefallen, von denen nur ein rudimentärer Teil ersetzt wurde (25 Monate x 70 = 1.750 Mannmonate = 145,83 Mannjahre).

Auch der Hinweis von Manninger, dass die Anforderungen an die erforderlichen Baudokumentationen von den Firmen nicht mehr eingehalten werden konnten, zeugt von mangelnden Berufsethos. In solchen Fällen muß weit vor unvermeidlich katastrophalen Abläufen ein Baustopp oder Teilbaustopp verhängt werden.

Das Eingeständnis, dass die Firma WSP/CBP Airport mit Wissen der Flughafengesellschaft Studenten mit 9.000 € Monatskosten abgerechnet hat, zeigt, wie sehr das Projekt mit ganz heißer Nadel gestrickt wurde.

Auch die Tätigkeit des Aufsichtsrates gerät nun noch mehr in ein schiefes Licht: Gab es so etwas wie einen „politischen Machbarkeitswahn?“ – War der Aufsichtsrat nicht imstande zu erkennen, dass bei einem Großprojekt mit zeitweilig 2.500 Bauarbeitern und Dutzenden Firmen die Kündigung von zuerst 70 Ingenieuren der Gebäudetechnik (März 2010) und weiterer 270 Mitarbeiter des Generalplaners einfach weggesteckt werden kann?

Haben Klaus Wowereit, Mathias Platzek und Baustaatsekretär Rainer Bomba etwa allen Ernstes zwei Jahre geglaubt, sie könnten einen Flughafen fertig stellen, bei dem 145 Mannjahre in der Haustechnik, und ab Juni 2012 monatlich 22,5 Mannjahre (270 Mitarbeiter bei pg bbi) in Planung, Bauleitung und Qualitätsüberwachung eingespart werden können?

Weitere Informationen:

BER: der nächste Hirnschlag droht! | 20.09.2013 | Pankower Allgemeine Zeitung

Abgeordnetenhaus: Untersuchungsausschuß BER

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