Sonntag, 20. August 2017
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Das Denken muss nun auch den Daten folgen

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Die Menschheit lebt mitten in einer digitalen Revolution. Smartphones und Tablet-Computer und das Internet der Dinge umgeben inzwischen den Menschen als „digitale Umwelt“, und sammeln immer mehr Daten und Informationen.
Die Geisteswissenschaft hat sich dieses Themas noch nicht richtig angenommen, doch es betrifft und, unsere Freiheit in der Lebensplanung und unsere Freiheit im Denken.
Wir der Mensch, das Indiviuum am Ende von Algorhithmen gelenkt? Übernehmen Datenbanken künftig die Entscheidung, wer Lebenschancen und wer Lebenskosten zu tragen hat?

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschien in der vergangenen Woche ein lesenswerter Beitrag, der einen Einstieg versucht:

Geisteswissenschaften:
Das Denken muss nun auch den Daten folgen

– von Hans Ulrich Gumbrecht –

FAZ 12.03.2014 · Die Geisteswissenschaften reagieren ratlos auf die digitale Revolution. Doch die verändert die Welt und die Art, wie wir uns selbst erleben, dramatisch. Es ist überlebenswichtig, diesen Wandel mit neuen Begriffen fassen und beeinflussen zu können.

Die Grundthese des Autors:

„… das Denken (ist) mit einer für das Überleben der Menschheit möglicherweise entscheidenden und bis vor kurzem kaum geahnten Herausforderung konfrontiert. Denn die elektronischen Technologien, die man lange als eine bloße Optimierungsform herkömmlicher Aufschreibesysteme unterschätzt hatte, transformieren nicht allein die Institutionen unserer Kommunikation in grundlegender und nicht vorhersehbarer Weise, sie bewirken über den Wandel der Kommunikationsformen nicht allein vielfache Veränderungen in den Strukturen von Gesellschaft und Politik: Deutlich wird nun auch und vor allem, dass sie sich unseren traditionellen Begriffen und Denkstrukturen sperren – was bedeutet, dass ihre Entwicklung und ihr Einfluss fürs Erste aus der Reichweite intellektueller und wissenschaftlicher Analyse gedriftet sind.“

Gumbrecht sieht uns alle vor einer großen neuen Herausforderung: „Jetzt stehen wir – als Intellektuelle und Wissenschaftler – wieder an einem Anfang, der als Herausforderung durchaus mit dem Anfang des fünften vorchristlichen Jahrhunderts zu vergleichen ist, aber aufgrund der demographischen, ökologischen und auch politischen Bedingungen, unter denen wir mit ihm konfrontiert sind, eine ganz andere Dimension der Dringlichkeit und vor allem des Risikos mit sich bringt.“

Der Autor versucht Ordnung in das Thema zu bringen und leitet mit seinem Beitrag eine ganze Reihe von FAZ-Beiträgen zum Thema ein.

Gumbrecht lenkt den Blick auf einer veränderte Wahrnehmung der Schrift: das „Zeitalter des Textes“ wird durch die Masse der verfügbaren Daten verlassen. “ … der klassische Wissensbesitz über das Gedächtnis hat viel von seinem Prestige verloren.“

Stattdessen verändert sich die Perspektive:

„Um die Geschwindigkeit des Zugangs geht es jetzt, wichtiger noch, um die Fähigkeit, in Konfrontation mit beständiger Überkomplexität aus vorhandenem Wissen in prägnanter Weise zu selegieren – und am Ende vielleicht vor allem um eine neue Gelassenheit gegenüber jenen Datenströmen, die beständig auf elektronischen Wegen fließen, ohne sich je an uns zu richten.“

Daneben verschieben sich die Verhältnisse von Privatheit und Öffentlichkeit, und die elektronische Kommunikation bewirkt eine neues Verhältnis zur Zeitlichkeit von Abläufen.

„Elektronische Kommunikation verschiebt nicht allein soziale Unterscheidungen und Grenzen, sie verändert auch die Bedingungen der Zeitlichkeit, unter der wir handeln.“

Die Folgen sind dramatisch:

„Damit hat sich auch der Begriff des Handelns, vor allem im Hinblick auf das Selbstverständnis der Handelnden, grundlegend verändert: Man plant nicht mehr im Voraus, als ob man einen Text schriebe, sondern reagiert schnell und fortgesetzt auf die Umwelt im Vertrauen auf die eigenen Intuitionen.“

Ein Satz, der nicht nur Uli Hoeneß, sondern uns alle bedenklich stimmen muß.

Gumbrecht verweist auf weitere wichtige Beiträge

In seinem Beitrag verweist Gumbrecht auf Evgeny Morozov, der durch seine Interventionen in der „New Republic“, der „New York Times“ oder dem „Economist“ die intellektuelle Behäbigkeit von zahlreichen Ansätzen aufgestört, welche Politik in unserer elektronischen Gegenwart ausgehend von überkommenen Begriffen und Werten analysieren.

Ferner verweist er auf Claus Pias (Universität Lüneburg), der die pezifische deutsche Tradition der „Medienwissenschaft“ für die Probleme der Gegenwart und einer noch nicht abzusehenden epistemologischen Zukunft offenhalten soll.

Shoshana Zuboff von der Harvard University wurde weltweit berühmt, weil sie den Einfluss der neuen Technologien auf Situationen der Arbeit in aller Komplexität zu erforschen begann, als deren nachhaltige Auswirkungen noch generell unterschätzt wurden.

Ferner nennt Gumbrecht noch die Namen Peter Galison, Philip Mirowski, Terry Winograd und John Hennessy, die für eine neue kritische Perspektive auf die „digitale Revolution“ erhellende Sichtweisen einbringen. m/s

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