Sonntag, 22. Oktober 2017
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Das Pack ist los!

Josef Beuys: The Pack (das Rudel) 1969

Kommentar /// – Es gibt seit Jahren schlimme Vorfälle, die als rechte Straftaten einzuordnen sind. Es gibt Tote, viele Tote in Folge von rechtsnationaler Gewalt, gegen Fremde, Obdachlose und andere friedliche Menschen. Und es gab aktuell besonders schlimme Vorfälle in Sachsen. An zwei aufeinanderfolgenden Abenden demonstrierte hier an der Bundesstraße in Heidenau ein fremdenfeindlicher Mob und lieferte sich teilweise Schlachten mit der Polizei.

Josef Beuys: The Pack (das Rudel) 1969
Josef Beuys: The Pack (das Rudel), 1969

In der Berliner S-Bahn wurde ein besonders ekelerregender Übergriff auf Kinder unternommen. Die Täter wurden gefaßt – und kamen danach gleich wieder unter Auflagen frei. Der Haupttäter ist einer jener Intensivtäter in Neukölln, der vom Bildungsverlierer zum alkoholkranken Soziopathen mutiert ist. Eine „politische Einordnung“ seiner Tat wird sogar als letzte Anerkennung und Bestärkung der unseligen Tat genossen. Der Täter erfüllt dabei alle Kriterien eines „Vollidioten“.

Es macht sich Wut im Lande breit, auch verständliche Wut!

Doch Spitzenpolitiker sollten mit ihren Worten und Taten umsichtig sein, denn sie stehen in ganz besonderer Verantwortung. Verantwortung gebietet, nicht vom Affekt her – sondern vom vorhersehbaren Ende her zu denken, und politische Wirkung und Macht mit Bedacht einzusetzen.

Was in den Lehrbüchern der Politik und bei Macchiavelli geschrieben steht, geht in der modernen Mediengesellschaft womöglich gänzlich fehl. Vom Ende her denken bedeutet, auch Entgrenzungseffekte zu bedenken, die soziale Medien und ihre unausweichlichen Echos erzeugen.

Keinen Millimeter für das rechte Pack?

Der Vorsitzende der SPD, Sigmar Gabriel hat in frischer Wut vor Ort in Heidenau und Sachsen vermeintlich starke Worte gesagt:

„Das ist Pack“. – „“Das sind Leute, die mit Deutschland nichts zu tun haben.“ – „Ihr gehört nicht zu uns, wir wollen Euch nicht – und wo wir Euch kriegen, werden wir Euch bestrafen.“ – „Wer hier Parolen brüllt und Brandsätze schmeißt, der hat nur eine Antwort verdient: Ihr gehört nicht zu uns.“ – „Kein Millimeter dem rechtsradikalen Mob!“.

Doch schon in dem Moment, in dem diese Worte in die Kamera gesagt wurden, wurde die Absurdität deutlich: auch das „rechte Pack“ hat Bürgerrechte, Anspruch auf Grundsicherung und viele andere Ansprüche, die wohl mehr als „nur einen Millimeter“ ausmachen.

Der SPD-Vorsitzende hat sich so selbst keinen Gefallen getan. Gabriel hat seine Autorität und Glaubwürdigkeit in einem sich selbst ad Absurdum führenden Wutausbruch beschädigt.

Obendrein ist der Begriff „Pack“ vieldeutig besetzt – und eignet sich eigentlich nicht zum Schimpfwort. Wäre es vielleicht klüger gewesen, zu sagen: „Ich verachte euer Denken und euer Tun?“

Das Pack, ein vieldeutiger Begriff

Was sagt uns „The pack (das Rudel)“? – Die Installation von Josef Beuys aus dem Jahr 1969 beeindruckte aufgrund “ …ihrer niemals endenden Vieldeutigkeit, sagte der Kunstkritiker Reinhard Ermen damal im Jahr 2007:

„Neben dem optimistischen Szenario wird auch die Andeutung einer (kommenden) Katastrophe sichtbar, frei nach dem Motto ‚Die Ratten verlassen das sinkende Schiff‘. Den in drei sanft gebogenen Reihen Aufbrechenden, die aus dem Leibe der schweren alten Maschine gequollen sind, gehört jedenfalls die Hoffnung. Die ihnen aufgeschnallte Überlebensration, nämlich Fettscheibe und Filzdecke, sind die plastischen Materialien der Zukunft (des Joseph Beuys); außerdem bringen sie noch ihr eigenes Licht in Form einer Taschenlampe mit, während das hölzerne Schlittengefährt selbst von jugendlicher Abenteuerlust erzählt.“ (aus: Reinhard Ermen: 2007, Joseph Beuys, S. 73).

Es ist zugleich „ein Objektkatarakt als Zeichen für den Aufbruch aus der Wohlstandshöhle: Selten entfaltete Kunst eine drängendere Aufforderung,“ schrieb Dr. Stefan Lüddemann 2010 in der Neue Osnabrücker Zeitung.

Beuys Bild zeigt die Umwandlung des vermeintlich Vergangenen in der Gegenwart: Die einseitige technische Entwicklung ist zukunftslos an ihr Ende gekommen, die Geschlossenheit des Rudels, Bewegung verdeutlichend, steht für eine neue Kraft. Der Schlitten verbindet sowohl Notfall- als auch Rettungs-Visionen.

Im Englischen erhält der Titel der Installation übrigens einen doppelten Sinn: einerseits bedeutet er »Rudel / Meute«, andererseits »Gepäck / Rucksack«.

Es geht um universelle Toleranz

Der SPD-Vorsitzende ist bereits von anderer Seite kritisiert worden, dem muss nichts hinzugefügt werden (SPIEGEL 27.8.2015).

Doch es muss an etwas erinnert werden, das uns alle vor harte Anforderungen stellt. Vor 20 Jahren hat die 28. Generalkonferenz der Mitgliedstaaten der UNESCO zwischen dem 25. Oktober bis 16. November 1995 ein für alle Menschen bedeutsames Dokument verabschiedet: „Die Erklärung von Prinzipien der Toleranz“, die in sechs Artikel gefaßt wurde:

Artikel 1: Bedeutung von ‚Toleranz‘
Artikel 2: Toleranz und der Staat
Artikel 3: Soziale Dimensionen
Artikel 4: Bildung und Erziehung
Artikel 5: Verpflichtung zum Handeln
Artikel 6: Internationaler Tag für Toleranz.

Versäumnisse der deutschen Bildungspolitik und Politik haben dazu geführt, dass diese Prinzipien seit mindestens 20 Jahren nicht in allen Kreisen der in Deutschland lebenden Menschen verstanden und aufgenommen wurden.

Hinter der „Erklärung von Prinzipien der Toleranz“ steht eine sehr lange international geführte Diskussion, deren Haupterkenntnis wohl darin zusammen zu fassen ist:

„Man kann kulturelle Probleme nicht mit Gewalt und politischer Ausgrenzung lösen.“

Auswege aus immer neuen politischen Dilemmata

Der SPD-Vorsitzende sollte sich rechtzeitig einlesen, und nach durchdachten Antworten suchen, um dem aufflammenden Extremismus nicht nur medial und rhetorisch – sondern wirksam entgegen zu treten.

Statt teuerer Medienkampagnen „gegen Rechts“ wäre es wichtiger, Versäumnisse von 60 Jahren Bildungspolitik aufzuarbeiten, die jedes Jahr rund 8-15% aller Jugendlichen ohne Abschluß ins Leben entsendet. Von denen verfängt sich ein besonderer Teil im Alter von 15-27 Lebensjahren im rechten Spektrum – bis sie irgendwann trotz vieler Umstände eine stabile Familie gründen können.

Politik und Gesellschaft sollten zuerst Respekt üben, und auch wahren können: „Ein rechter Vollidiot muss soviel Respekt erwarten dürfen, auch als Vollidiot behandelt zu werden!“ – „Rechte Faschisten sollten ebenfalls als rechte Faschischisten behandelt werden.“ – Doch man kommt ihnen nicht bei, wenn man sie mit Vollidioten in einen Topf sperrt!
Und besorgten Bürgern, verängstigten Bürgern mit rechten Denkmustern kann man auch nicht ihre Besorgnisse nehmen, indem man sie mit Vollidioten und Faschisten politisch gemein macht.

Medial verbreitete Schlagworte verletzen wie alle politischen Kampagnen die „Unesco – Prinzipien der Toleranz.“ Es ist eine immanente Wirkung holzschnittartiger medialer Verbreitungsformen. Zum kommenden 20. Jahrestag der Unesco-Konferenz sind eigentlich alte und neue wegweisende Gedanken und Reden gefordert.

Womöglich ist es keine sehr schlaue Idee, allein über die „Senden-Kommunikation“ der Medien Wirkung erzeugen zu wollen. Sie geht über die „Köpfe hinweg“. Auch muss in einer Mediengesellschaft besser auf Entgrenzungseffekte der Kommunikation geachtet werden.

Wirkung kann man nur in gebildeten Köpfen erzielen – und Überzeugung geht nur im Dialog. Wir kommen um die Mühen der Gespräche und Bildungsgespräche nicht herum. Wirkung ist nur in realen Dialogen und Bezügen erzielbar – damit Vertrauenswirkungen sich entfalten können. Sogar neue Kultur, Gesprächskultur.

Den Hasspredigern entgegentreten

Wer auf politische Schlagworte, mediale Übermacht, kulturelle Hegemonie setzt, statt das Gespräche in Gang zu setzen, fördert nur Hass, Gegenhass und womöglich eine neue rechte RAF.

Es sollte mehr Intelligenz aufgebracht werden – mehr Anstrengung! Es muss auch auf eigene Fehler geschaut werden:

„Es ist nicht gut, Menschen erst zu benachteiligen, sie sozial auszugrenzen, in Wut und Rage zu setzen.“ Verantwortliche Politiker sollten auch nicht diskriminierend mit Bildungsverlierern umgehen, und diese damit „rechten Predigern“ vors Maul treiben.

Auch darf unverbesserlichen Hasspredigern und rechten Ideologen kein „Wissensmonopol“ gegenüber anderen Menschen eingeräumt werden. Sie sollten die Unesco-Konvention in Bewährungsauflagen und Pflichtkursen kennen lernen, damit sie hernach ihr Tun entweder aufgeben, oder nur noch „wider besseres Wissen“ verfolgen können.

Statt medialer Fernzündung von Debatten und Shitstorms muss das gute alte Gespräch aus den Talkshows in den Kiez geholt werden.

Wandel durch Annäherung?

Es gibt keine bessere und tragfähigere Formel, als die zeitlosen Worte von Egon Bahr: „Wandel durch Annäherung“.

Es ist besser, in der Realwelt Projekte zu fördern, die Begegnungen – statt „Zusammentreffen“ schaffen.
Einladungen – statt Kampagnen. Dialoge – statt Demos. Und vor allem auch „Kulinarik“ – statt Rhetorik“.

„Refugees und besorgte Bürger grillen/kochen gemeinsam heimattypische und landestypische Kost“ – das wäre ein Anfang!

Weitere Informationen:

Toleranz & Schlagworte | 2.1.2015 | Michael Springer | Pankower Allgemeine Zeitung

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