Mittwoch, 23. August 2017
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Zimmer 16

Das unglaubliche
Zimmer 16

Zimmer16

Es gibt nur wenige wirklich legendäre Kulturorte in Berlin – das „Zimmer 16 camera dell’ arte“ im Pankower Florakiez gehört dazu. Kaum glaublich – auf weniger als 130 Quadratmetern finden im Jahr rund 300 Kulturveranstaltungen statt. Das ist weniger als die sehr viel größere Kulturbrauerei – und sehr viel mehr, als der gesamte kommunale Kulturstandort Thälmannpark in Prenzlauer Berg anbietet.

Zimmer16
Zimmer16

Mit seiner Lage in einem typischen Mietshaus der Gründerzeit in der Florastraße 16 ist das Zimmer 16 fester Bestandteil des Florakiez – und ein prägender Kulturort für sein Publikum und für viele Musiker und Künstler. Mit 60 Sitzplätzen und 20 Stehplätzen und einem „wunderbaren Klavier“ auf der nur 16 Quadratmeter großen Bühne bietet das Zimmer 16 eine intime Atmosphäre.
Der fehlende Schallschutz – eigentlich ein „No-go“ in der Musikszene – wird zur Stärke des Konzepts: hier finden fasr ausschließlich akustische Konzerte statt – die Musiker treten überwiegend „unplugged“ auf. Ein Konzept – das sich sehr bewährt hat: das Zimmer 16 konnte am 20. April 2012 seinen 10. Geburtstag feiern!

Betrieben wird das Zimmer 16 camera dell’ arte von einem Verein, der von sehr viel ehrenamtlichen Engagement getragen wird. Vorstand des Fördervereins mikado e.V. ist Ralf Luderfinger. Er zählt zum Urgestein der Kulturszene in Prenzlauer Berg und Pankow.
Als ehemaliger Mitarbeiter des Kulturamtes in Prenzlauer Berg, hat er nach der Wende zum Aufbau der Kulturszene beigetragen.

Seit den 80er Jahren war er als (Jugend)klubleiter in Prenzlauer Berg und später Mitte tätig, u. a. hat er den Dunckerklub mit aufgebaut. Andere Stationen waren z. B. der Knaack- und Franzklub – mit nur einem „n“! „Dieser wurde früher nur mit einem „n“ geschrieben, nach Erich Franz, dem Schauspieler“, wie Ralf Luderfinger gern anmerkt! Das JoJo in der Torstraße, der Checkpoint in der Leipziger Str. und das Teehaus im Tiergarten waren weitere Stationen seines wechselvollen Lebens in Berlin-Mitte.

Als die Räumlichkeiten in der Florastrasse vor über 10 Jahren frei wurden, zog es Ralf Luderfinger wieder in seinen alten Pankower Kiez – und begann mit Unterstützung alter Freundn mit seiner Kulturarbeit mit dem Förderverein Mikado e. V. .

Das Zimmer 16 wird mit einem sparsamen Geist und viel Herz geführt. Immer wird das Nötigste bewältigt um die zahlreichen Veranstaltungen abzusichern. Die laufenden Kosten werden mit großer Mühe von den Beiträgen der Vereinsmitglieder, privaten Spenden und den Einnahmen aus den Veranstaltungen beglichen.

2011 war wie 2012 ein Jahr mit jeweils ca. 6 Veranstaltungen für Erwachsene und ca. 4 Kinderveranstaltungen pro Woche, darüber hinaus wird das Zimmer auch noch für Proben genutzt. Besucherzahlen variieren von ca. 8 Besuchern bis ausverkauft, was etwa 60 Zuschauer und 20 Gäste bedeutet. 135 Konzerte, 78 Kinderveranstaltungen, 13 Theaterabende, 30 Offene Bühnen, 8 Lesungen und 26 Workshops und 6 Ausstellungen – eine eindrucksvolle Jahresbilanz 2011. Insgesamt fanden 2011 über 7.000 Besucher den Weg ins Zimmer 16.
Die öffentliche Förderung des Zimmer 16: praktisch Null. Erst im Herbst 2012 hat der Verein Mikado erstmals wieder eine Förderung von 3.500 € beim Kulturamt in Pankow beantragt.

Die geplante Tarifsteigerung der GEMA ab April 2013 steht auch hier als dunkle Drohung am Horizont. Noch ist es nicht klar, wie das Zimmer 16 die Kosten kontinuierlich aufbringen soll. Auch das ehrenamtliche Team könnte eine Verstärkung gebrauchen, helfenden Hände vom Job-Center, mit 1 € Jobs und geförderten Mitarbeitern fehlen auch. Die Stamm-Mannschaft und Ralf Luderfinger haben viel zu tun: das Booking von rund 300 Veranstaltungen, daneben die Programmgestaltung, Einkauf für die Bar, Instandhaltung der Räume – und dazu die Betreuung einer immer hochaktuellen Website. So steht Ralf Luderfinger inzwischen 4 x pro Woche hinter der Bar und sorgt für die Licht- und Ton-Technik.

Ralf Luderfinger, Zimmer 16
Ralf Luderfinger, Zimmer16

Kulturell werden vom Zimmer 16 wichtige Impulse für den Florakiez gesetzt. Im kinderreichen Kiez sind die Kindermärchen und Puppenspiele sehr beliebt. Neben den Klassikern der Gebrüder Grimm werden hier aber auch eher seltene und ausgefallene Märchen gespielt, wie „Ich kaufe mir eine Keksfabrik“ oder „Die sonderbare Ziege“.
Jüdische Kultur ist hier regelmässig vertreten. Neben Lesungen findet vor allem das jährliche große Klezmer-Festival großen Zuspruch. Für viele Singer-und Songwriter ist das Zimmer 16 fast wie ein Wohnzimmer, in dem schon manche Karriere ihren Weg begonnen hat.
Die monatliche „offene Bühne“ und „offene Liederbühne“ sind Treffpunkt von Autoren und Musikern, die hier ihre öffentlichen Erstlingswerke präsentieren. Marc-Uwe Kling und Sebastian Krämer sind Künstler, die zu Beginn ihrer Karriere oft im Zimmer 16 aufgetreten sind. Bücherszene und Fotoecke locken ein eigenes Publikum an. Die Fotofreunde haben sich inzwischen zu einem eigenen Verein zusammengefunden, und planen eigene Projekte. Ausstellungen von Fotokunst und zeitgenössischer Kunst sind ständige Begleiter des Programms. Einmal im Monat steht die Gruppe „Im freien Fall“ mit ihrem Improvisations-Theater auf der Bühne, das sich großer Beliebtheit beim Publikum erfreut.

Die intime Atmosphäre des Zimmer 16 ist äußerst beliebt. Immer wieder wird vom Publikum und den Künstlern bestätigt: „das Zimmer 16 ist eine „liebevoll geführte“ Spielstätte, in der Künstler und Publikum einen engen Kontakt finden“!
Auch bekannte Künstler kommen sehr gern ins Zimmer 16 – auch wenn das Honorar aufgrund der sehr moderaten Eintrittspreise den Ausflug nach Pankow eigentlich nicht immer recht lohnt.
Zahlreiche Künstler aus ganz Europa, sogar Australien, den USA oder Japan, kommen nach Pankow, weil sie in ihrer Heimat vom Zimmer 16 gehört haben – und dessen Ruf erfahren haben. Im Booking finden sich auch praktisch täglich Anfragen von Künstlern aus ganz Deutschland, die einen Auftritt suchen.
Für einige Künstler ist es sogar schon zur Tradition geworden, im Zimmer 16 aufzutreten: die Gruppe MTS kommt immer am ersten Donnerstag nach Neujahr, und präsentiert hier ihr jeweils neues Jahresprogramm als Premiere. Manfred Maurenbrecher ist jedes Jahr im Dezember im Zimmer 16. Und Piano Schulze spielt oft auf dem wunderbaren Klavier Blues und Boogie Woogie.
Jährlich kommen auch Trixi G., Christina Lux, Meike Koester, die Zuckerröhren und Vicki Vomit.
Aber auch berühmte Pankower und Berliner Künstler sind zahlreich vertreten: Gina Pietsch, Scarlett’O & Jürgen Ehle, Frank Viehweg oder auch Satura Lanx und AHNE, verschiedene Jazz-Formationen und zahllose Liedermacher (u. a. das blinde Duo MARY & MANDY) traten schon auf. Lea Streisand liest ab und zu aus ihren neuen Büchern.

Theater Zimmer 16
Zimmer16

Die jährlichen Klezmertage und die jährlichen Weltmusiktage erfreuen sich großer Beliebtheit und es gibt auch ein echtes Fan- und Stammpublikum. Es kommen Junge und Ältere, nicht nur aus Pankow – sondern auch aus ganz Berlin, egal ob aus Spandau oder Hellersdorf. „Unser Publikum ist fast durchweg begeistert von der Qualität der kulturellen Veranstaltungen und den Künstlern, die hier bei uns auftreten“ meint Ralf Luderfinger. „Ideal ist es natürlich, wenn die Künstler ihre eigenen Fans motivieren können, in solch einem Fall ist das Haus meistens voll.“

Auch in diesem November geschieht das Unglaubliche; ein neues Weltmusik-Festival startet im Zimmer 16. Am 8.11.2012 geht es los!

7. Weltmusiktage im Zimmer 16
1. Staffel: 8.-11.11.2012 – 2. Staffel vom 15.-18.11.2012
Zimmer 16 – Florastr. 16 – 13187 Berlin-Pankow
www.zimmer-16.de

Peter Geltat Trio2
Peter Geltat Trio2, 8. Nov 2012, 20 Uhr
Hussy Hicks
Hussy Hicks, 9. Nov 2012, 21 Uhr
Annlaug Rannveig
Annlaug Rannveig, 10. Nov 2012, 21 Uhr
Die Wolfsjagd
Die Wolfsjagd, 11. Nov 2012, 20 Uhr
Kasbek
Kasbek, 16. Nov 2012, 21 Uhr
Guarden Thomas
Guarden Thomas, 17. Nov 2012, 21 Uhr
Gerd Vogel
Gerd Vogel, 18. Nov 2012, 20 Uhr
Mike Brosnan
Mike Brosnan, 18. Nov 2012, 20 Uhr“

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m/s