Sonntag, 20. August 2017
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Datenreport 2013

Die noch immer geschäftsführende und amtierende schwarz-gelbe Bundesregierung war nach eigener Darstellung die „erfolgreichste Regierung seit der Wiedervereinigung“. Als Beleg wurden Zahlen angeführt: “ Die Zahl der Erwerbstätigen ist auf Rekordwerte geklettert.“

Der neue „Datenreport 2013“ der gemeinsam von der Bundeszentrale für politische Bildung, dem Statistischen Bundesamt (Destatis), Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erstellt wurde, spricht eine deutlicher Sprache.

Geleistete Arbeit gesunken

Die Zahl der Erwerbstätigen war im Jahr 2012 so hoch wie noch nie seit der deutschen Wiedervereinigung: 41,5 Millionen Menschen gingen einer bezahlten Arbeit nach. Die Zahl sieht wie ein Rekord aus. Doch blickz man auf die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden, ergibt sich ein ganz anderes Bild:

57,97 Milliarden Stunden – soviel haben alle Erwerbstätigen zusammen im Jahr 2012 geleistet. Kurz nach der Wende im Jahr 1991 waren es noch 2,11 Milliarden Arbeitsstunden mehr.

Die sinkende Arbeitsleistung hat mit dem Verlust von Vollzeitarbeitsplätzen zu tun. Teilzeitarbeit und prekäre Arbeitsformen haben seit 1991 massiv zugenommen.
Im Schnitt arbeitet ein Erwerbstätiger 2012 rund 10 Prozent weniger Stunden pro Jahr als im Jahr 1991.

Doch dies ist nicht freiwillig passiert: 3,3 Millionen Erwerbstätige sehen sich als unterbeschäftigt an, würden also gerne mehr Stunden pro Woche arbeiten. Der Anteil der Unterbeschäftigten an den Erwerbstätigen beträgt somit gut 2,4 Prozent. Hinzu kommen 1,1 Millionen Personen in der „Stillen Reserve“, die zwar keiner Erwerbsarbeit nachgehen, dies aber gern würden – und trotzdem nicht als Arbeitslose gezählt werden.

Zunahme prekärer Arbeit

Im Jahr 2012 waren rund 24,2 Millionen Menschen in einer Vollzeittätigkeit fest angestellt. Davon war jeder fünfte Erwerbstätige in einem atypischen Arbeitsverhältnis, und verdienten als Leiharbeiter, befristet Beschäftigte oder Minijobber ihren Lebensunterhalt.
1993 lag der Anteil der atypisch Beschäftigten bei 13 Prozent. Seit 2006 liegt der Anteil stagnierend auf dem aktuellen Niveau.

Schere bei den Arbeitseinkommen

Bei den Arbeitseinkommen geht die Entwicklung auseinander, sogar bei den 50 Prozent tarifvertraglich beschäftigten der Arbeitnehmern. Die Tariflöhne stiegen zwischen 2005 und 2012 im Schnitt um 16 Prozent, während die Inflation bei lediglich 12,5 Prozent lag. Doch eine reale Lohnsteigerung gab es nur in einzelnen Branchen, für Beschäftigte in der Energieversorgung, der chemischen Industrie, dem Metallgewerbe und dem Maschinenbau. Dort stiegen die Tariflöhne um über 20 Prozent.

Unterhalb der Inflationsrate lagen die Tarifsteigerungen dagegen im Einzelhandel, bei Gebäudebetreuung sowie im Garten- und Landschaftsbau. In Branchen mit ohnehin geringer Bezahlung haben die Erwerbstätigen sogar an realer Kaufkraft verloren.

Niedriglohnarbeit

Der Beschäftigtenanteil mit einen Verdienst unterhalb der Niedriglohngrenze von 10,36 pro Stunde ist hoch: ein Fünftel muss mit einem Niedriglohn auskommen. Betroffen ist fast die Hälfte aller atypisch Beschäftigten – aber auch 11 Prozent der Arbeitnehmer mit einer reguläre Vollzeitstelle.
Insbesondere junge Menschen müssen mit einem Niedriglohn zurechtkommen – in der Altersgruppe von 15 bis 24 sind es mehr als die Hälfte. Ein Risiko für Niedriglöhne stellen auch befristete Beschäftigungsverhältnisse dar. Häufige Arbeitsplatzwechsel und mögliche „Brüche“ im Erwerbsverlauf führen zu Verdiensteinbußen.

Hohe Dunkelziffer bei Niedriglöhnen

Mit der relativ hohen Gesamtzahl von 4,8 Millionen Niedriglohnempfängern in Deutschland ist jedoch die Realität nicht vollständig abgebildet. Die statistische Erfassungsmethodik spart Betriebe mit weniger als zehn Beschäftigten, die Land- und Forstwirtschaft und Angestellte in privaten Haushalten komplett aus. Dementsprechend ist die Dunkelziffer bei Niedriglöhnen noch sehr viel höher.

Armutsgefährdung steigt

Der Anteil derer, die als armutsgefährdet gelten, steigt. Zahlen liegen aber nur für 2010 vor. Die Armutsgefährdungsquote nach Zahlung von Sozialleistungen lag im Jahr 2009 bei 15,6 Prozent und stieg im ahr 2010 auf 15,8 Prozent.
Am häufigsten von Armut gefährdet sind dabei Frauen zwischen 18 und 24 Jahren mit einer Quote von 21,8 Prozent (2009: 21,7). Am geringsten ist die Quote bei Männern ab 65 mit 12 Prozent (2009: 12,1). Auch Alleinlebende haben ein hohes Armutsrisiko von 32,2 Prozent (2009: 30,0) – unabhängig von ihrem Geschlecht.

Der Abstand zu der Schwelle, ab dem man nicht mehr als armutsgefährdet gilt, hat sich für die meisten Betroffenen vergrößert. 2009 lag die sogenannte Armutsgefährdungslücke im Schnitt bei 20,7 Prozent. Ein Jahr später war sie schon auf 21,4 Prozent angewachsen. Besonders groß ist sie mit 25,3 Prozent bei Männern zwischen 18 und 64 Jahren (2009: 23,7). Die Statistiken zeigen: die Armut in Deutschland nimmt nicht nur leicht zu, sondern verfestigt sich bei den Betroffenen. Der Sprung hinaus aus der Armut wird größer und damit schwerer erreichbar (siehe auch: Ungleichheit zwischen Arm und Reich nimmt zu, die soziale Mobilität wird immer geringer).
Armut verfestigt sich

Armutsfolgen: Entbehrung und Rückzug

27 Prozent der armutsgefährdeten Menschen gaben an, sich 2011 nicht jeden zweiten Tag eine Mahlzeit mit Fleisch, Geflügel oder Fisch oder eine gleichwertige vegetarische Mahlzeit leisten zu können. Ein Drittel betrachtet die Wohnkosten als eine große Belastung. Knapp 17 Prozent können es sich nicht leisten, die Wohnung angemessen zu beheizen. Sogar drei Prozent der nicht armutsgefährdeten Bevölkerung machen bei der Heizung aus finanziellen Gründen Abstriche.

Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich weiter

Der Datenreport 2013 stellt ein weiteres Auseinanderdriften der Einkommen fest. Im Jahr 2000 verfügte das ärmste Fünftel der Bevölkerung noch über zehn Prozent des Gesamteinkommens. 2011 waren es nur noch neun Prozent. Der Anteil des Gesamteinkommens, welchen das oberste Fünftel auf sich vereinen konnte stieg von 35 auf 37 Prozent. Die Forscher stellten auch fest, das Risiko im untersten Fünftel der Einkommensbezieher zu verbleiben hat sich deutlich erhöht: in den 1990er Jahren lag es noch bei 54 Prozent, für den Zeitraum von 2007 bis 2011 ist es jedoch auf 64 Prozent gestiegen. Gleichzeitig hat sich für die Personen, die es ins oberste Fünftel geschafft haben die Chance erhöht, auch dort zu bleiben – und zwar von 61,8 auf 68,1 Prozent.

Folgen für die Politik

Die sich weiter verfestigende Armut, könnte auch Auswirkungen auf die Politik der Bundesrepublik haben. Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung vermutet anhand der Statistiken des Datenreports, dass mit zunehmendem Armutsrisiko auch die Beteiligung der Bürger an politischen Entscheidungen sinkt. Die Armutsbetroffenen ziehen sich resigniert aus der Politik zurück. m/s

Weitere Informationen:

Datenreport 2013: Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland – Download

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m/s