Sonntag, 20. August 2017
Home > Kultur > Der Brigadegeneral
geht flöten!

Der Brigadegeneral
geht flöten!

Matthäus Thoma: Two Curves, Three Quarters

Auf dem Anger vor der Alten Pfarrkirche Pankow gibt es alljährlich eine Kunstaktion, die den Stadtraum an der Kreuzung Breite Strasse / Berliner Straße neu ins Bild setzt. Für die diesjährige 18. Kunstaktion wurde der Künstler Matthäus Thoma aus Prenzlauer Berg ausgewählt, dessen Werke aus Brettern, Latten und Balken zu fantastischen Holzskulpturen zusammengefügt werden.

Matthäus Thoma: Two Curves, Three Quarters
Skulptur von Matthäus Thoma: „Two Curves, Three Quarters“ auf dem Pankower Anger

Auch in diesem Jahr hat Galeristin Christa Linneborn-Hoffmann ihre Empfehlung beigetragen. Auch wenn sie ihre Galerie in der Parkstraße 2013 geschlossen hat, bleibt die alljährliche Kunstaktion ihr Verdienst und als ihr Zeichen von Bürgersinn erhalten.

Eine Skulptur, die gebaut wird

Auf dem grünen Rasen vor der Pankower Kirche wird schon seit Mitte der letzten Woche gesägt, gehämmert, genagelt und geschraubt, um die über 3 Meter hohe und rund 8,50 Meter breite Holzskulptur zu errichten. Matthäus Thoma fügt das Kunstwerk Stück um Stück zusammen, und will am 1. Mai 2014 mit den Arbeiten fertig sein.

Das Wort „Skulptur“ ist bei der geplanten Arbeit möglicherweise etwas fehl am Platz, ein handelt sich eigentlich um ein Raumkunstwerk, das den Stadtraum neu definiert.

Zugleich ist es ein komplexes Bauwerk, bei dem jedes Holzstück „sitzt“ und seinen Sinn erfüllt.

Matthäus Thoma: Matthäus Thoma: Two Curves, Three Quarters
Das Modell der Skulptur. Matthäus Thoma: „Two Curves, Three Quarters“

Auf einem provisorischen Tisch steht als Orientierung ein Modell jener Skulptur, bei der der Künstler die fantastische Vision hatte, eine uniformierte Person würde um die fertige Skulptur herumschreiten, und zeitweise darin verschwinden, aber noch zu hören sein.

„Der Brigadegeneral geht flöten!“ so sollte die Holzskulptur heißen – eigentlich.

Für den Künstler ist die neue Arbeit eine zweite Premiere, denn schon vor zehn Jahren stellte er eine Holzskulptur aus, die ebenfalls auf dem Pankower Anger platziert wurde, und damals jedoch auf wenig Verständnis des Publikums stieß.

Inzwischen ist sich Matthäus Thoma sicher: „Die Position des Publikums gegenüber seiner Kunst ist gereift!“ –

Er nimmt heute eine sehr wohlwollende Resonanz wahr, wenn er mitten während der Arbeit von interessierten Menschen angesprochen wird.

Matthäus Thoma: Two Curves, Three Quarters
Matthäus Thoma: „Two Curves, Three Quarters“ wird Stück für Stück aufgebaut

Neue Namensgebung auf Wunsch des Baustadtrates

Die Kunstaktion kostet Geld, und so ist es nicht verwunderlich, wenn die Bezirkspolitik um Spenden wirbt, und auf Bürgersinn hofft, der auch die diesjährige Kunstaktion angemessen mit Geld unterstützt.

Doch Kunst und Geld stehen in einem ganz besonderen Zusammenhang, so meinte wohl Stadtrat Jens-Holger Kirchner, als er den Künstler bat, einen anderen Namen für die Skulptur zu prägen.

„Der Brigadegeneral geht flöten!“ – so ein Name könnte zu wenig publikumswirksam und spendenwirksam sein, so war vermutlich der Hintergedanke, mit dem hier in die Kunstfreiheit hinein gedacht wurde.

Der Künstler wollte die gute Stimmung nicht trüben, und willigte ein: „„Two Curves Three Quarters“ – so lautet nun die offizielle Bezeichnung, die „sachlich-neutral“ und ohne Provokation daherkommt, und eine geometrische Reduktion des Grundriß der Skulptur umschreibt.

Doch versteht man genug Englisch in Pankow? Sollte die Skulptur eine deutschsprachigen Namen tragen? – Auch diese Frage wurde erörtert, der Künstler aber verweigerte sowiel Biegsamkeit – und bliebt bei der englischen Version.

Immerhin: in der heutigen Pressemitteilung formulierte man nun salomonisch:

„In der Zeit von Mai bis Oktober wird eine Holzskulptur des Berliner Bildhauers Matthäus Thoma mit dem Titel „Two Curves Three Quarters“, auf gut Deutsch gesagt: „Zwei Dreiviertelkurven“ ausgestellt.“

Über Matthäus Thoma

Der Künstler Matthäus Thoma wurde 1961 in München geboren und studierte von 1992-1998 Bildende Kunst an der HdK Berlin bei Prof. Marwan Kassab-Bachi. Nach Stipendien an der Stipendium der Akademie der Künste Berlin und der Stiftung Kulturfonds nahm er einen Lehrauftrag an der Hochschule der Künste Berlin an und setzte die Lehrtätigkeit als Gastdozent an der umbenannten Universität der Künste bis 2004 fort.

Danach folgten weitere Arbeitsstipendien und 2007 der Kunstpreis Berlin mit einem Förderpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Nach einem Lehrauftrag an der FH Oldenburg, einem Aufenthalt als Artist-in-Residence in Porto Alegre (Brasilien) folgten 2009 ein Stipendium in Wiesbaden und 2012 ein Arbeitsstipendium der Hans und Charlotte Krull-Stiftung.

Matthäus Thoma hat seit 1996 über 62 Ausstellungen und Ausstellungsprojekte bestritten, die international von Kopenhagen, San Fransisko, Porto Allegre, Lille bis Turin führten. In Berlin und in Deutschland stellte der Künstler in vielen namhaften Galerien und Ausstellungsorten aus und wird oft und gern eingeladen.

Matthäus Thoma lebt mit seiner Familie im Prenzlauer Berg, und fühlt sich dem Bezirk Pankow in vielfältiger Weise verbunden.

Gesamtkunstwerk im Pankower Stadtraum

Die Kunstkritik zeigt sich sehr angetan: „Der Bildhauer Matthäus Thoma arbeitet an großformatigen Skulpturen und ortspezifischen Installationen, die er aus rohen Balken, Leisten und Brettern fertigt. Die in Skizzen und Modellen entwickelten Gebilde aus Holz werden erst vor Ort realisiert – und nach Abschluss der Ausstellung wieder zerlegt. Während seine Skulpturen meist kompakte Formen und Körper markieren, winden sich die fragilen Installationen scheinbar unkontrolliert durch den Raum. Die offene Struktur der filigranen Arbeiten und ihre bisweilen raumgreifende Dimension animieren den Betrachter zum fortwährenden Perspektivwechsel und lassen ihn Innen und Außen, Ruhe und Bewegung sowie die Beziehung zwischen Werk und Raum immer wieder neu erfahren,“ schreibt die Hans und Charlotte Krull Stiftung in ihrem Katalog (2012/2013)

„Mit ihrem scheinbaren Versprechen, doch irgendwie nach einer nachvollziehbaren Logik (nämlich der der Architektur) zu funktionieren, locken sie den Betrachter hinein in ihren aus Latten und Brettern gezimmerten Strudel, der dann seine ganz eigene labyrinthische Wirklichkeit behauptet“; schrieb Stephan Berg unter dem Titel „Vom Glück, nicht stehen zu bleiben“ (in: Einbruch. München: E.ON Energie AG, 2006).

Die Angelegenheit mit der Namensgebung wäre vermutlich nie bekannt geworden, wäre die erste Reporterfrage nicht nach der künstlerischen Vision gerichtet, und ehrlich beantwortet worden. Matthäus Thoma gab freimütig Auskunft, und schilderte die erste Idee und Vision.

Den Nachfragen nach der Namensgebung für seine Skulptur konnte der Künstler danach nicht mehr entgehen.

Im Nachhinein wird die Skulptur vor der Pankower Kirche nicht nur den Stadtraum neu definieren – und auch eine Debatte um Kunst, Politik und Kommerz beflügeln.

Nicht nur der Künstler, auch der Stadtrat und seine Mitarbeiterin tragen letztlich zum Gelingen eines Gesamtkunstwerkes bei.

Die immerwährende Debatte um die Freiheit der Kunst wird nun um eine interessante, durchaus skurrile und humorvolle Variante erweitert. m/s

18. Kunstaktion auf dem Pankower Anger
Matthäus Thoma: „Two Curves Three Quarters“
Öffentliche Präsentation am Sonntag, dem 11.05.2014, 11 Uhr

Zur Eröffnung der 18. Kunstaktion lädt der Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung, Jens-Holger Kirchner (Bü90/Grüne) am 11. Mai 2014 um 11 Uhr auf den Pankower Anger auf der Rasenfläche vor der Kirche ein. Der Künstler ist anwesend.

Weitere Informationen:

www.matthaeusthoma.de

Save this post as PDF

m/s