Montag, 26. September 2016
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Deutsche Mythen – entzaubert #1

Deutsche Mythen

Auf dem Weg zu einem vereinten Europa sind noch viele Hürden zu nehmen. Manche Hindernissse sind quasi „selbstgemacht“, historisch, politisch und gemeinschaftlich erworben.

Mit der neuen Reihe „Deutsche Mythen – entzaubert“ wird Sprach- und Denkmustern nachgespürt, die unsere Gedanken beeinflussen, uns beschweren und uns auf der Suche nach Wegen, Chancen und Möglichkeiten behindern – oder aufhalten, und vor allem „Europa“ aufhalten.

Deutsche Mythen
Deutsche Mythen: Siegfried & Kriemhild

Mythen – ein Thema der Kulturwissenschaft

Der Essener Kulturwissenschaftler Claus Leggewie stellte mit Blick auf eine seiner Ansicht nach unzureichende europäische Identität ernüchternd fest, dass die Europäische Union „vergessen (habe), ihren Bürgern eine funktionierende Geschichte zu erzählen“(Rheinische Post; 30.1.2013 ).

Leggewie sah auch eine Ursache für das fehlendes „Wir-Gefühl“: Die Legitimation der Union gründe seit den 50er Jahren auf dem Versprechen eines fortwährenden Friedens in Wohlstand. Weil aber der Krieg als reale Bedrohung für immer weniger Europäer Teil der persönlichen Geschichte ist, müsse die Europäische Union mehr als nur ein Garant für kontinentalen Frieden sein: „Eine andere Geschichte hat die EU aber noch nicht gefunden“, sagte Leggewie.

Er verwies auch darauf, dass politisch verfasste Gemeinschaften ein einigendes Band vor allem durch kollektive Identität bedürfen. Ein solches „Wir-“ und Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht nicht zwangsläufig, sondern erst nachdem ein Bedürfnis hierzu durch eine „funktionierende Geschichte“ – die erklärt, warum man sich als Gemeinschaft empfinden soll – entwickelt wird.

Westdeutsche und ostdeutsche Mythen

Ein wichtiges Element von Erinnerungskulturen sind politische Mythen, weil sie als Sinngeneratoren für eine politisch verfasste Gemeinschaft wirken. Jede soziale Großgruppe besitzt daher ein gewisses Repertoire an politischen Mythen, das im Laufe der gesellschaftlich-politischen Veränderungen den jeweiligen Gegebenheiten entsprechend angepasst wird.

Im heutigen Sprachgebrauch wird der Begriff „Mythos“ zahlreich und wenig reflektiert genutzt. Doch ein politischer Mythos ist klar zu definieren. In Abgrenzung zum religiösen, der eine transzendentale Komponente hat, lässt sich „politischer Mythos“ als stereotypisiertes, verfestigtes Geschichtsbild und zugleich als emotional konnotierte Narration zur Erklärung der Ursprünge und Gründung einer sozialen Großgruppe definieren.

Viele „deutsche Mythen“ sind konstitutiv für den „gesellschaftlichen Zusammenhalt“ in Deutschland, wobei es besondere Formen in West-Deutschland, Ostdeutschland – und auch ein gesamtdeutsches Reservoir kollektiver Erinnerungen gibt.

Schließlich gibt es Sonderformen spezieller „westdeutscher und ostdeutscher Mythen“, die wir im Laufe der neuen Reihe kennen lernen können.

Geschichte als Müllabfuhr für alte Mythen?

„Deutsche Mythen“ sind diejenigen, die als sinnstiftende und Orientierung gebende Narration das kollektive Bewusstsein der deutschen Gesellschaft, wie auch immer sie aufgefasst wurde und wird, beeinflussen wollen. Wie in anderen Großgruppen auch, bildet dieses sich ergänzende, teilweise voneinander abhängende narrative Repertoire ein Mosaik, das aufeinander aufbaut.
An historischen Beispielen lassen sich wesentliche Sujets, Erzählmuster und Botschaften, aber auch Konjunkturen und Kontinuitäten deutscher Mythen feststellen, welche die „deutsche Identität“ beeinflusst haben.

Mit zunehmenden Zeitabstand verblassen Mythen, doch manche Mythen leben noch lange weiter. Manche als wertvoll erarchteten Mythen gehen in das Kulturerbe über und werden über Bildung und politische Bildung in die nächste Generation weiter getragen.

Manche Mythen aber gehören auf den „Müllhaufen der Geschichte“, weil sie keine nutzbringende oder zukunftsstiftende Wirkung mehr entfalten können.

Die Reihe „Deutsche Mythen – entzaubert“ wird so etwas wie eine „Müllabfuhr“ für überkommene Mythen. Mythen, mit denen noch, immer noch, oder immer wieder Politik gemacht wird.

Mythos Osten

Aus Ostdeutschland und der DDR wurde „Wir im Osten“ – eine Mythenbildung, die auf politischer Geografie beruht. Doch jenes etwa 300 x 400 km große Gebiet zwischen Rügen, Lübecker Bucht, Marienborn und Frankfurt/Oder, dem Dreiländereck bei Pabstleithen und dem Ort Probstzella – das heute in fünf „Neue Bundesländer“ gegliedert ist, war geografisch gesehen schon immer „Mitteleuropa“!

Wie verwegen mutet es heute im 25. Jahr der deutschen Einheit an, das Gebiet der „ehemaligen DDR“ über eine Ära von rund 40 Jahren als „Osten“ zu bezeichen?

War es etwa ebenso verwegen wie die Mythen von Theodor Fontane, der die Begründung der Mark Brandenburg als Teil der „Deutschen Ostkolonisation“ beschrieb? – Ein Mythos, wie wir heute wissen, denn die nach der Wende wurden auch die Geschichtsbücher der ehemaligen Akademie der Wissenschaften revidiert, in denen die Verdrängung der Slawen noch teilweise mit Spott über Albrecht der Bär abgehandelt wurde, etwa bei seinem Feldzug nach Stettin, als die Bürger der Stadt weiße Fahnen aus den Fenstern hängten, und darauf hinwiesen, sie seien längst „christianisiert“.

Heute ist ein tieferer Einstieg in die märkische Landesgeschichte möglich: Das populäre Geschichtsbild von der Entstehung der Mark Brandenburg mit ihrem Gründungsmythos wurde kritisch hinterfragt und ist heute als „Germania Slavica“ in der neueren Geschichtsforschung von Wolfgang H. Fritze eingeführt.

Hat nicht auch der Eiserne Vorhang zu einer Spaltung einer europäisch geprägten Identität geführt? Wie sehen es heute junge Europäer? Im Cafebabel kommen viele europäische Stimmen zu Wort – und wir können bei Ihnen noch immer die alten Muster als Echos in den Köpfen finden. Aber lesen Sie selbst! Mythos Osten – was bleibt? – 16.12.2014 – www.cafebabel.de – Artikel-Link. – Was bleibt bei Ihnen?

Literaturhinweise:

Bundeszentrale für politische Bildung:
Heidi Hein-Kirchner: „Deutsche Mythen“ und ihre Wirkung – Link

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m/s

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