Donnerstag, 21. September 2017
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»Die große Progression« – Prolog

Die große Progression

Am 26.April 2017 hat der Suhrkamp Verlag ein Buch unter dem Titel »Die große Regression« vorgestellt. Autoren wie Arjun Appadurai, Zygmunt Bauman, Donatella della Porta, Nancy Fraser, Eva Illouz, Ivan Krastev, Bruno Latour, Paul Mason, Pankaj Mishra, Robert Misik, Oliver Nachtwey, César Rendueles, Wolfgang Streeck, David Van Reybrouck, Slavoj Zizek haben darin ihre Analysen und Sichtweisen zur aktuellen Situation dargelegt.

Herausgeber Heinrich Geiselberger hat damit ein wichtiges transnationales Debatten-Projekt angestoßen, denn das Buch ist in gleichzeitig in 14 Sprachen erschienen und soll vor allem das europäische Publikum erreichen. Über die zugehörige Internetseite www.diegrosseregression.de wird die Debatte geführt und fortgesetzt.

Die Welt der linken, linksliberalen und kritischen Öffentlichkeit und Intellektuellen scheint sich im Rückwärtsgang zu befinden. Dystopien werden als zwangsläufige Entwicklung angesehen. Auswege und neue Perspektiven scheinen rar zu sein. Das Fehlen von neuen Utopien und Visionen wird bereits beklagt ( Sebastian Scheffel | Progressive Politik Warum Politik Visionen braucht | 21.6.2017 | TAGESSPIEGEL ).
Vor allem scheint ein „historisch-politisches Subjekt“ zu fehlen, das politische und gesellschaftliche Mängel mit „Alternativen“ und „Auswegen“ überschreibt.

Angesichts des Klimawandels und der weltweiten Übernutzung der natürlichen Ressourcen gibt es vermutlich auch zu wenig Zeit, um erst auf die neue, krisenhafte Herausbildung neuer gesellschaftlichen Kräfte und konfliktlösender Mechanismen zu warten.

So wird hier einfach der Versuch unternommen, im Wege des „Anforderungsmanagements“ die innovativen Notwendigkeiten zu beschreiben, die eine zivilisierte und wohlstandsfördernde, friedliche und nachhaltige „Weltgesellschaft“ möglich machen. Anforderungen, die auch Europa in eine stabile Zukunft bringen können – Anforderungen, die auch die Interessenmuster und Konflikte in der Welt bedenken und überwinden helfen.

Das Grundproblem liegt im Denken der Eliten selbst begründet: Politik, Ökonomie, Medien und Parteien. IT-Entwicklung und Betriebswirtschaft haben selbst „Weltbilder“ gezimmert, die mit den Notwendigkeiten für eine humane Weiterentwicklung vielfach „inkommensurabel“ sind.

Der Verbrennungsmotor wird obsolet, weil sein massenhafter Einsatz den Planeten verbrennt. Marktwirtschaft und Liberalismus stossen in der Ära der Digitalisierung auf „weltumspannende Kontrakte“ und „soziale Netze“, die den Markt auslöschen, dazu Preise und Werte. Die Medien sind in fraktale Fragmente aufgelöst und zerlegen immer mehr ihre Basis „Öffentlichkeit“. Parteien bilden als selbstreferenzielle Organisationen nicht mehr die gesellschaftliche Wirklichkeit ab. IT-Entwicklung und Betriebswirtschaft setzen auf Exklusivität und Ökonometrisierung – und besorgen eine Kapitalakkumulation, der zunehmend realwirtschaftliche Investitions- und Wachstums-Optionen ausgehen.

 

Smart Cities & smart Regions – eine weltweite Transformation ist längst im Gange

Weltweit bauen sich dagegen nach dem Gesetz der großen Zahlen und Bevölkerungszahlen praktisch alle Märkte um, in wenigstens 250 „Metropolen und Megalopolen“ wird sich bis 2025 mehr als die Hälfte Menschheit versammeln, rund 4,5 Milliarden Menschen.

Der globale aufstrebende Mittelstand strebt in Smart Cities & smart Regions, und wird die Terms of Trade und die Ökonomie der Produktion neu definieren.

Smart Cities & smart Regions werden sich neben bisher staatliche Organisationsmuster stellen und „intelligente Inseln“ digital verwalteter Stabilität bilden.

Der Wandel der weltumspannenden globalen Ökonomie wird zwingend: neben die Globalisierung tritt eine Urbanisierung der Märkte in den Metropolen und Megalopolen und kann zugleich neue wirtschaftliche Stabilität hervorbringen.

Manche heute weltumpannenden Geschäftsmodelle werden sich neu erfinden müssen, andere urban vernetzende Geschäftsmodelle werden sich völlig neu entwickeln, weil sie „urbanen Regulierungen“ unterworfen werden müssen. Vor allem aber wird sich die weltweite Strategie des fairen, komparativen Austausch und Wettbewerbs bei gegenseitigen Vorteilen durchsetzen müssen!

Neue Gründerzeiten in Smart Cities & smart Regions

Das Motto der neuen „Gründerzeiten in „Smart Cities & smart Regions“ lautet: „Mehr Synergien, mehr soziale Stabilität und Demokratie wagen“. Das Motto ist heute nicht viel verwegener als Willy Brandts Wort „Mehr Demokratie wagen …“, das er in seiner Regierungserklärung vom 28. Oktober 1969 verwendete.

Der wichtigste Bezug: es war vom „sozialliberalen Geist geprägt“, einem aus Politologen-Sicht unwahrscheinlichen Konzept – das aber allein geeignet ist, die ökonomischen, technischen, normativen und sozialen Widersprüche in einer komplexen und digital organisierten Welt zu versöhnen. Dabei fragil und ohne soziale Konventionen und neue Übereinkünfte nicht anwendbar!

Die neuen Gründerzeiten in „Smart Cities & smart Regions“ werden völlig unterschiedliche Konzepte von Metropolen-Verwaltung und Metropolen-Ökonomien hervorbringen. Autoritäte Kontrollmuster mit „„Honest Shanghai“-App“ und libertäre Muster wie in Silicon Valley werden in Konkurrenz treten. Das Modell der europäischen Smart City mit Vorbildern wie Wien und Barcelona wird wegen seiner für Individuen überschaubaren Dimensionen weiter attraktiv bleiben. Städte wie Berlin, Paris und London müssen sich als „Smart Cities“ erst über Nacht neu erfinden, denn ihre Verwaltung und Regierung ist alles anderes als „intelligent & smart“.

Die große Progression: die Humanisierung der digitalen und sozialen Welt

»Die große Progression« ist die letzte weltweite Möglichkeit, die nationalen Gesellschaften und Nationalökonomien in „Post-2030“-Gesellschaften zu transformieren. Gelingt »Die große Progression« nicht, steht auch ein schnelles Ende des „Anthropozäns“ bevor. Die „Humanisierung der digitalen und sozialen Welt“ ist dabei kein einzelner Schritt, sondern eine beständige und immer wieder in Teilsystemen neu anzunehmende Herausforderung.
Der Vorteil unserer heute lebenden Generationen: noch nie standen so wirksame und so machtvolle Technologien und Kenntnisse bereit, um »Die große Progression« als Expedition in die Zukunft zu wagen.

Gesellschaftlicher Paradigmenwandel: vom Rudern zum Segeln überreden!

Die gesellschaftliche Herausforderung ist umfassend! Wie überredet man Tretbootfahrer, Ruderer und ihre Steuerleute, Motorboot-Raser, Tanker-Kapitäne und Riesen-Kreuzfahrtschiff-Passagiere, von ihren schwimmenden „Plattformen“ an Bord von Segelschiffen und Segelyachten zu kommen, und künftig Nautik, Segeln und Regattaregeln zu lernen?

Diese Metapher veranschaulicht das notwendige Ausmaß der Transformation. Der Abschied vom Verbrennungsmotor, das Teamplay an Bord und die gemeinsame Sicht von Kapitän und Mannschaft „über den Bug Voraus“ besorgen andere, vielschichtig „alternative Optionen“ an Bord.

Das Individuum als „Gründer, Innovator und Entwickler“ hat künftig größte Freiheiten, wenn „soziale stabile Plattformen“ begründet werden, die nachhaltig funktionieren und Wertschöpfung und Nutzen fair verteilen.

Synergien im Handeln an Bord der „neuen Plattformen“ werden wichtig, aber auch Synergie zwischen „segelnden Plattformen“ und gemeinsame Zielerreichung.
Wettbewerbsregeln, Fairness und Zuteilung von Startpositionen werden für gerechte Chancen sorgen. Die Humanisierung der Arbeit wird vor allem darin bestehen, neben dem Erwerbsberuf durch Plattformzugang, Sharing-Ökonomien und durch Anteilseigentum seinen Lebenserwerb gestalten zu können. Bildung und Bürgerarbeit können flankierend für die Sicherung des Grundeinkommens und für Modelle von Übergangs-Ökonomien sorgen.

Statt einer großen Revolution werden viele, ineinandergreifende Reformschritte benötigt, die „demokratische Transformation und Humanisierung“ koordinieren und in Synergien „orchestrieren“.

Der Weg zur digitalen Transaktions-Ökonomie

Nach einer rund 30-jährigen stürmischen Phase der „digitalen Vernetzung und digitalen Servicialisierung“ der Welt, der Märkte und Finanzmärkte, ist es Zeit für eine Inventur und für eine Humanisierung der digitalen und sozialen Welt. Die „Arbeit“ wird nicht explizit dabei genannt, denn wichtiger als „Arbeit“ ist „ökonomische Wertschöpfung“ und der Einsatz automatischer und digitaler Systeme zur Erzeugung von Gütern und Werten. Statt „menschlicher Arbeit“ und „Lohnstunden treten „Transaktionen“ und „digital erzeugte Produkte“ neu in das Zentrum des ökonomischen Interesses.

Teilhabe, Mitwirkung und Partizipation am Ergebnis werden bisherige „Lohnarbeitsverhältnisse“ ersetzen und ergänzen – und per Übereinkünften geregelt werden müssen.

Die begonnene 5. industrielle und digitale Revolution geht über automatisierte Fertigungsstraßen (Industrie 4.0) weit hinaus. Autonome Systeme, Mensch-Roboter-Kollaboration und digitale Plattform-Ökonomien tragen im Kern auch ein mögliches „Reich von Freiheit“ und „human-digitaler Wertschöpfung“ mit sich, die die Ära der „schmerzvollen Besteuerung“ menschlicher Arbeit lindern und beenden kann!

Themen-Vorschau:
»Die große Progression« Rücksprung nach 1872/1873

Im nächsten Beitrag wird auf die Strukturen und Muster der industriellen Grümderzeit verwiesen, und auf die in Deutschland, England und Frankreich entwickelten Konfliktmuster und Lösungsstrategien zur Überwindung der damaligen Wirtschaftskrisen. Die nachfolgende Ära des schnellen Stadtwachstums, die Weiterentwicklung des Arbeits- und Sozialrechts, Wissenschaft und technische Revolutionen haben bis 1910 die Basis für die bis heute anhaltende Wirtschaftskraft in Europa gelegt. Es sind Erfolgsmuster, die heute neu entworfen und zum Teil auch als „modernisierte sozioökonomische Muster“ in die heutige Zeit übertragen werden können.

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