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Die Rattenfänger aus dem Silicon Valley

i-Gen

„Die Digitalisierung ist in vollem Gange. Sie betrifft uns alle – und sorgt für einen tiefgreifenden Wandel in jedem Lebensbereich. Die digitale Transformation eröffnet dabei große Chancen für mehr Lebensqualität, revolutionäre Geschäftsmodelle und effizienteres Wirtschaften.“ So optimistisch führt uns das Bundeswirtschaftsministerium an das Thema heran, unter der einnehmenden Überschrift: „Den digitalen Wandel gestalten“.

Gleichzeitig leben wir in einer Phase, in der sich Mahnungen vor den Folgen einer stürmischen „Digitalisierung“ mehr und mehr verdichten. Der US-Internetpionier Janon Lanier hat zur Eröffnung der CeBIT 2018 der Industrie eine Standpauke gehalten und über „Kranke Geschäftsmodelle“ gesprochen.

Statt einer Rede über die Segnungen von Virtual Reality hat Lanier einen leidenschaftlichen, mitreißenden Rundumschlag gegen Facebook, Google und Co präsentiert: „Der Friedenspreisträger Lanier hält es nicht für ausgeschlossen, dass deren manipulative Mechaniken die Welt ins Chaos stürzen könnten – die womöglich durch clevere Manipulation in sozialen Medien entschiedene US-Präsidentschaftswahl sei nur der Anfang (Jan-Keno Janssen | 11.06.2018 | heise.de).

„Das was gemeinhin als Werbung bezeichnet wird, nannte Lanier konsequent „behavior modification loops“, „Verhaltensänderungs-Schleifen“. Es sei doch krank und bizarr, dass sich zwei Menschen unterhalten wollen, dafür eine Social-Media-Plattform nutzen – und diese Kommunikation von Unternehmen (den Werbekunden) finanziert wird, die die beiden Menschen manipulieren wollen. Werbefinanzierte Geschäftsmodelle seien „dumm, gefährlich und würdelos“ („undignified“).“

Jaron Lanier bringt auch das entscheidende Argument, wenn er die Glorifizierung des Kostenlosen mitverantwortlich für das „kranke“ Geschäftsmodell von Facebook und Google macht.

Doch Kritik kommt noch von ganz anderer Seite. Die Psychologin Jean Twenge von der San Diego State University erforscht seit mehr als 20 Jahren Unterschiede zwischen verschiedenen Generationen. Nun fürchtet sie um das Wohl einer ganzen Generation, die im wahrsten Sinne des Wortes dem Smartphone zum Opfer fallen könnte.

In dem Beitrag „Die Rattenfänger aus dem Silicon Valley“ ( Wolfgang Stieler | 28.05.2018 | TECHNOLOGY REVIEW ) wird ein bedrohliches Szenario entfaltet: steigende Selbstmordraten unter Jugendlichen, steigende Depressionen und alarmierende Verhaltensänderungen werden beobachtet.

Psychologin Jean Twenge beschreibt die von ihr identifizierte Generation i-Gen (so auch ihr Buchtitel). Sie könnte zu den Opfern der Digitalisierung zählen:

„Why Today’s Super-Connected Kids Are Growing Up Less Rebellious, More Tolerant, Less Happy and Completely Unprepared for Adulthood – and What That Means for the Rest of Us“ – „Warum die heutigen superverbundenen Kinder weniger rebellisch, toleranter, weniger glücklich und völlig unvorbereitet auf das Erwachsensein aufwachsen – und was das für den Rest von uns bedeutet.“

Die US-Forscher zeigen eine medizinische Indikation auf: „Die Generation der zwischen 1995 und 2012 geborenen Kinder, die „iGen“, wuchs als erste komplett mit Smartphones und sozialen Netzen auf. Sie kennen kein Leben ohne diese Kommunikationsmittel. Doch obwohl diese Heranwachsenden Tag und Nacht mit Freunden digital verbunden sind, sieht Twenge eine „einsame, dislozierte Generation“ heranwachsen. Teenager, die jeden Tag Social-Networking-Sites besuchen, aber ihre Freunde immer seltener persönlich sehen, stimmen in Umfragen immer öfter Aussagen zu wie: „Oft fühle ich mich einsam“, „Ich fühle mich oft ausgeschlossen“ und „Ich wünsche mir oft, dass ich mehr gute Freunde hätte“. Wenn Twenge mit ihrer Diagnose recht hat, dann ist die Entwicklung in der Tat bedenklich. Denn das Gefühl, allein zu sein, ist nicht nur unangenehm, sondern auch ziemlich ungesund: Eine schlechte Qualität der sozialen Beziehungen erhöht die Wahrscheinlichkeit eines frühen Todes um 26 Prozent. Zu diesem Schluss kam John Cacioppo von der University of Chicago im Jahr 2010 nach einer Meta-Analyse von fast 150 Studien. Das Gesundheitsrisiko von Einsamkeit sei damit vergleichbar mit chronischer Fettleibigkeit oder Rauchen, so Cacioppo.“

Soziale Netzwerke, Smartphones und Design haben Suchtpotential

Die Kritik ist inzwischen auch in Investorenkreise angekommmen. „Eine wachsende Zahl von Aussteigern – ehemalige Investoren und Entwickler aus dem Silicon Valley – sagt: Es ist eine Sucht. Und soziale Netzwerke sind gewissermaßen die Dealer. Mit raffinierten psychologischen Tricks würden ihre Designer die Gehirne der User regelrecht „hacken“ und die jugendlichen Nutzer geradezu abhängig machen.“

Sean Parker etwa, Napster-Mitbegründer und als erster Präsident von Facebook maßgeblich am Erfolg des Netzwerks beteiligt, kritisierte auf einer Podiumsdiskussion Facebook als ein Produkt, das sich „die Verletzlichkeit der menschlichen Psyche zunutze macht“ und von dem „nur Gott weiß, was es mit den Gehirnen unserer Kinder anstellt“.

Justin Rosenstein, Entwickler des „Like“-Knopfes von Facebook, verglich den Dienst öffentlich mit Heroin und empfahl den Gebrauch von sozialen Netzen durch technische Maßnahmen einzuschränken. Nir Eyal, der mit „Hooked“ eines der wichtigsten Bücher über die grundlegenden Techniken des „Persuasion Design“ geschrieben hat, warnte 2017 auf der „Habit Summit“ zum Thema davor, die Methode zu missbrauchen.“

Nir Eyal zitiert Paul Virilio „When you invent the ship, you also invent the shipwreck.“ – „Wenn du das Schiff erfindest, erfindest du auch das Schiffswrack; und lenkt den Blick auf vier Schiffswracks“ der Internet-Entwicklung:

„Dunkle Muster“, „Sucht“, „ständiges Arbeiten“ und „Zerstreuung, Verwirrung“.

Es sind Effekte, die mit den „Gewinnerzielungsabsichten“ hinter dem Programmcode in Beziehung stehen, die Nutzer hintergehen, um ihn zu verleiten und vielleicht sogar auszurauben.

Nir Eyal weist darauf in seinem Vortrag hin, dass es nicht nur um Design. sondern um unseren eigenen Kulturwandel geht, um Verhaltensänderung.

Die Gegenwehr beginnt mit einer einfachen Frage: „Is this technology serving me – or am I serving it?“ – „Bedient mich diese Technologie – oder bediene ich sie?“.


Lesen Sie demnächst in der Beitragsreihe über den laufenden Wandel der digitalen Technologien:
Amtsschimmel & digitale Scheissprozesse im eGovernment

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