Donnerstag, 24. August 2017
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Die Schwaben – Zwischen Mythos und Marke

"Die Sieben Schwaben"

In der schwäbischen Landeshauptstadt Stuttgart wird die Geschichte und Kultur der Schwaben mit einer opulenten Ausstellung „zurechtgerückt“ und „ans Licht“ geholt. „Die Verwendung der Bezeichnung „Schwaben“ löst Assoziationen aus und erfüllt offenbar seit jeher bestimmte Funktionen. Welche das sind, dem will die Große Landesausstellung „Die Schwaben. Zwischen Mythos und Marke“ auf über 1.300 Quadratmetern nachgehen. Sie zeigt zu diesem Zweck bedeutende Phänomene der Kunst-, Kultur- und Mentalitätsgeschichte Schwabens auf teilweise neue, bisher ungesehene Art,“ so der Einführungstext zum Katalog.

Rund 300 Kunstwerke und Objekte der Alltagskultur, darunter 150 internationale und nationale Leihgaben, werden spannungsvoll und lehrreich präsentiert.

Das Geschichtsbild der Schwaben wird aktualisiert, und die Herkunft der Schwaben, Sueben und Alemannen wird aufgeklärt. Die bis heute seltsam spannungsreiche Beziehung zwischen Berlinern, Neu-Berlinern, zugewanderten Schwaben und Ostdeutschen in Prenzlauer Berg wird nun endlich als „komplexe deutsche Migrationsgeschichte“ erklärbar.

Schwaben – die wahren uralten „Ossis“

Der Name „Schwaben“ lässt sich, anders als die Bevölkerung selbst, auf die germanischen Sueben zurückführen, die schon früh um 233 nach Chr. u.a. beim „Heidenbuckel“ im Rems-Murr-Kreis den römischen Limes durchbrachen, umd sich Schätze und Land anzueignen.
Sie kamen über hunderte Kilometer zu Pferde aus ihrer Heimat zwischen Elbe und Oder; jenem Landstrich der später zur Mark Brandenburg wurde.
Das SWR-Fernsehen hat erst im September 2016 in mehreren Beiträgen das Wissen um die Frühgeschichte und die Völkerwanderung din der Reihe „Sueben und Alamannen – Die Germanen im Südwesten“ aufgefrischt.

Heimat der Sueben und Alamannen
Heimat der Sueben und Alamannen zwischen Elbe und Oder – Screenshot SWR

Schwaben – ein Herrschaftsgebiet

Im 9. Jahrhundert stellte der Abt der Klosterinsel Reichenau im Bodensee, Walahfrid Strabo, fest, dass es für das Volk, dem er angehörte, zwei Bezeichnungen gebe, die dasselbe bedeuteten: Alemannen und Schwaben. Die Karolinger hatten damals das Herzogtum Alemannien bereits beseitigt und fest in das Frankenreich integriert. 915 wurde dann ein neues Herzogtum Schwaben ins Leben gerufen. Es bestand bis zum Ende der Stauferzeit 1268.

Das Herzogtum Schwaben reichte im hohen Mittelalter von Ludwigsburg über den Alpenhauptkamm ins lombardische Chiavenna, vom oberrheinischen Breisach bis nach Augsburg am Lech und war noch kein festes Territorium. Es wurde vielmehr durch Grenzen der personalisierten Herrschaft des Amtsträgers, also des Herzogs, definiert.

Durch die Staufer, die zunächst Schwabenherzöge und dann Könige und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches stellten, vermischten sich die herzoglichen Herrschaftsrechte mit dem staufischen Familienbesitz und mit königlichem Reichsgut zu einem Konglomerat, das nach Hinrichtung Konradins, des letzten Staufers, 1268 in Neapel in viele kleine Herrschaftsgebiete zerfiel, unter ihnen auch die Grafen von Württemberg.

Mit der Gründung der zehn Reichskreise durch König Maximilian I. ab 1500 wurde der Schwäbische Kreis zu einer wirkungsvollen Klammer für etwa 100 geistliche und weltliche Territorien im deutschen Südwesten.
Nach dem schwäbisch-schweizerischen Krieg 1499 wandte sich die deutschsprachige Ostschweiz ab, die einst zu Schwaben gehört hatte. Schwaben endete nun am „Schwäbischen Meer“ (Bodensee), das für viele Jahrhunderte seinen Mittelpunkt gebildet hatte.

Schwäbische Vielfalt zwischen „Ländle“ und „Mundart“

Schwaben wird heute landläufiger aus norddeutscher Perspektive weitgehend mit Baden-Württemberg assoziiert. Doch so einfach ust es nicht: wie verhält es sich diesbezüglich mit Bayerisch-Schwaben? Und wie mit den Badenern, die seit langem keine Schwaben mehr sein wollen? Die Neckarschwaben rund um Stuttgart wiederum sehen sich als Bewohner des „Schwabenlandes“, doch „Schwaben“ ist für sie nur besagter bayerischer Regierungsbezirk.
Das von Ein- und Auswanderung geprägte Gebiet umfasste sehr unterschiedliche Landschaften wie den Schwarzwald, das Neckarland, die Alb, Oberschwaben oder das Allgäu und bestand bis zur Zeit Napoleons aus unzähligen katholischen und evangelischen Kleinstaaten.

Als im 19. Jahrhundert das neu geschaffene Königreich Württemberg seinen „Traum von Schwaben“ identitätsbildend nutzte und gleichzeitig der Ostteil Schwabens mit dem Königreich Bayern verschmolz, wurden die Mythen der Vergangenheit neu entdeckt. Man identifizierte sich mit berühmten großen Schwaben wie den Staufern, Herzog Eberhard oder Friedrich Schiller. Daneben rückten die „vaterländische“ Landschaft und großartige Gebäude wie das Ulmer Münster oder das neu erbaute Schloss Lichtenstein ins allgemeine Bewusstsein.

Zugleich fand im Land selbst die altbekannte Spotterzählung von den „Sieben Schwaben“ weite Verbreitung. Die tölpelhaften Schwaben als Kontrast zu den Erfindern und Genies sind nur ein Aspekt der im Laufe der Epochen sehr wechselhaften Schwabenbilder.

Schwäbische Metamorphose
Schwäbische Metamorphose – Abb.: © Landesmuseum Württemberg, Stuttgart, Museum der Alltagskultur

Schwäbische Mundart, Brezeln und Erfindergeist

Der schwäbische Dialekt, für viele das eindeutigste Merkmal der Schwaben, wird in einem eigenen Bereich auf den Prüfstand gestellt. Über die Verkleinerungsform des „le“ hinaus geht es um den schwäbischen Wortschatz, die Besonderheiten der Aussprache – und wie sich die Mundart auf dem Dorf und in der Stadt unterscheidet. Stimmen die Dialektgrenzen überhaupt mit den Identitätsgrenzen überein?
Die Ausstellung untersucht auch „gefühlte Realitäten“ wie die behaupteten Eigenschaften, die den Schwaben in besonderem Maße zugeschrieben werden: Fleiß, Sparsamkeit, Ordnungsliebe und Putzwut, Häusle-Bauen, Spätzle- und Maultaschen-Essen. Ob diese Klischees auch heute noch stimmen, oder wie sie von „Medienschwaben“ als schwäbische „Marken“ stilisiert und gepflegt werden, darüber berichtet die Ausstellung mit einem Augenzwinkern

Konstanz und Ulm, Augsburg und Stuttgart werden mit ihren großen Marken und Exportschlagern seit dem Mittelalter vorgestellt. Kunstvolle Skulpturen, herausragende Tafelgemälde und Goldschmiedearbeiten stehen neben modernen Industrieprodukten und faszinierenden Objekten wie dem „Heiligen Blechle“.

Zwei Jahre vor der geplanten Eröffnung des Humboldtforums im Berliner Stadtschloß, ist die große Landesausstellung in Stuttgart ein wichtiger Beitrag zum Verständnis der deutschen Geschichte, die sich seit 233 n. Chr. bis heute entfaltet hat. Auch der vor 574 Jahren durch die Hohenzollern begonnene Bau des Berliner Stadtschloss und der Bau des Berliner Doms zählt zu dieser spannungsvollen Geschichte und Kulturgeschichte, die Schwaben und Berlin bis heute verbindet*.

Die Schwaben
Zwischen Mythos und Marke

Große Landesausstellung 2016
22. Oktober 2016 bis 23. April 2017

Zur Ausstellung ist ein Begleitbuch, ca. 464 Seiten, mit 350 Abbildungen, zum Preis von 29,80 Euro (Museumsausgabe)erschienen; im Belser Verlag Stuttgart Buchhandelspreis: 39,99 Euro
Dazu gibt es ein Mediales Führungssystem für Erwachsene in deutscher und schwäbischer Sprache. Der schwäbische Audioguide wird von Dodokay, alias Dominik Kuhn, gesprochen.

Weitere Informationen:

Landesmuseum Stuttgart – Link

* Die Thematik von Hohenzollern und 1.Weltkrieg wird in einem später geplanten Beitrag aufgegriffen.

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m/s