Donnerstag, 19. Oktober 2017
Home > Baugeschehen > Die Typologie der
Creative City #1

Die Typologie der
Creative City #1

Typologie der Creative City

Berlin hat sich seit der Gründerzeit und dem Beginn des Industriezeitalters mehrfach und ganz erheblich verwandelt. Zweiter Weltkrieg und Wiederaufbau sowie eine Phase der Reindustrialisierung haben im Städtebau markante Muster entstehen lassen. Heute steht Berlin als Wissens-, Dienstleistungs- und Kulturstadt vor einer historischen Zäsur. Ein neuer Städtebau wird sichtbar.

Typologie der Creative City
Typologie der Creative City:
Wohnen am Lokdepot
Architekten Nils Buschmann & Tom Friedrich von Robertneun

Die neue Zäsur entsteht durch ökonomische Anforderungen der internationalen Arbeitsteilung und Globalisierung, durch Zuzug neuer Köpfe und Investoren und durch die Weiterentwicklung der Branchen der Kreativ- und Kulturwirtschaft, zu der auch mittelbar Tourismus, Beherbergungsgewerbe und die Club- und Partyszene und sommerliche Strandbars und Biergärten gehören.

Es entwickelt sich überall in der Stadt in Einzelprojekten sichtbar eine vielfältige neue „Typologie der „Creative City“.

Leitbild Funktionaler Städtebau

Die unter der Federführung von Le Corbusier entwickelte Charta von Athen begann sich erst in der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkriegs durchzusetzen. Als Ergebnis des „IV. Congrès International d’Architecture Moderne“ (CIAM) 1933 in Athen, entfaltete die 1943 veröffentlichte „Charta von Athen“ als Konzept einer funktionellen Stadt erst in der Wiederaufbauzeit nach dem Zweiten Weltkrieg ihre mächtige und stadtprägende Wirkung.

Die neue funktionelle und moderne Stadt sollte eine Entflechtung städtischer Funktionsbereiche und die Schaffung von lebenswerten Wohn- und Arbeitsumfeldern in der Zukunft anstreben.

Schon damals gab es heftige Kritik an der „Moderne“, der wohl wichtigste Warner gegen die Moderne war Werner Hegemann. Als Autor der beiden Bände „Der Städtebau“ (1911 und 1913) begründete der Sozialdemokrat die Disziplin des Städtebaus, und versuchte sozialen Grundsätzen in der Stadtplanung Geltung zu verschaffen. Er plädierte für die aufgelockerte und gemischte Stadt.

Genossenschafts- und Reformsiedlungsprojekte und seine Vorliebe für die Gartenstadt machten ihn schon früh zum Antipoden der internationalen Moderne. Er bereitete auch den Boden für die Architekten Bruno Taut und jene Wohn- und Gartenstadt Siedlungen, die heute zum modernen Kulturerbe zählen.

Der funktionale Städtebau wurde erst in den siebziger Jahren des vorigen Jahrunderts als gescheitert angesehen. Zu besichtigen in Cergy-Pontoise bei Paris, einer Vorstadt, die keine keine Geborgenheit mehr vermittelte, die die Psyche der Menschen zugrunde richtet, Depression und Selbstmord auslöst.

Die Idee der funktionalen Stadt führte auch zur „autogerechten Stadt“, die heute als Fehlentwicklung erkannt ist, weil sie allen Notwendigkeiten von Energieeffizienz und Nachhaltigkeit widerspricht.

Baugesetzbuch und Baunutzungsverordnung haben dennoch das Leitbild der funktionalen Stadt bis heute nahezu ungebrochen verankert – und sorgen für eine Fortführung der Bauökonomien des Industriezeitalters – die das Wachsen der kreativen Stadt behindern.

Neubau Ossietzkistraße 11
Wohn- und Geschäftshaus Ossietzkystraße 11 in Pankow – Müller Simon Architekten

Der Neubau des Wohn- und Geschäftshauses in der Ossietzkistrasse 11 in Pankow zeigt funktionales Bauen mit hoher baulicher Qualität – entspricht aber noch dem Typus der getrennten Funktionen von Wohnen und Arbeit.

Berlin als gemischte und vielfältige Stadt

Berlin ist bis heute eine Stadt, die durch schnelles Stadtwachstum und die Industrie geprägt wurde. Die Unterbringung der vielen Arbeiter prägte das Bauen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Wiederaufbau im Wohnungsbau zur Hauptaufgabe, die in Ost und West dem Leitbild der Moderne folgte. Die Hochhaussiedlungen in Marzahn-Hellersdorf oder die Gropiusstadt in Britz-Buckow-Rudow und das Märkische Viertel wurden zu Leitbildern der erfolgreichen Wiederaufbaus.
Daneben entstanden viele unspektakuläre Bauten der Nachkriegsäre, die zuerst der Notgehorchend und später im Rahmen sozialer Wohnungsbauförderung vor allem den Stadtrand auffüllten.

Die politische Steuerung der Stadtplanung sorgte dafür, dass Berlin Arbeiter- und Mieterstadt blieb. Vor allem im Süden der Bundesrepublik wurden dagegen die Segnungen der steuersubventionierten Eigentumsförderung genutzt, die langfristig zu einem beispiellosen Kapital- und Wohlstandsaufwuchs führten, der bis heute für enorme Disparitäten bei Einkommen und Zukunftschancen sorgt. – Eine Entwicklung übrigens – die bundesweit alle „Arbeiterstädte“ trifft – und besorgniserregende Ausmaße annimmt.

Heute sorgen die Verwertungsinteressen der neuen Investoren für eine Verdrängung der ortsansässigen Wohnbevölkerung. Dem Mieter wird das Dauerwohnrecht abgesprochen, obwohl langfristige Mietverträge eigentlich eine sichere Bank für Hauseigentümer sind.

Neben Spekulations-Erwartung tritt die „Spekulations-Moral“, die den Ärmeren die Wohnung streitig macht. Doch Prenzlauer Berg ist nur aufgrund seiner sozialen Mischung attraktiv und „bewohnbar“. Würden alle Bewohner SUV´s und teure Limousinen fahren, wäre der Parkraum zu knapp. Das Öffnen der Fahrzeugtüren wäre ein lästiges Geschicklichkeitsspiel.

Neue Attraktivität der Hauptstadt – die wohnungspolitische Entwicklungsfalle

Berlin ist seit der Wiedervereinigung zu einer der attraktivsten Städte des alten Europa geworden, und zieht heute Besucher und junge kreative Menschen magisch an. Die klassischen Mietskasernen der Gründerzeit sind heute das Rückgrat neuer Urbanität, und liegen zugleich im Fokus von schneller Spekulation, Umwandlungsspekulation und urbaner Gentrifizierung.

Doch die Investoren kommen nicht aus der alten Einwohnerschaft, sondern kommen von Außen und bringen Bonität und Kredit mit. Vor allem eigenkapitalstarke Investoren aus dem Süden der Bundesrepublik dominieren am Grundstücksmarkt. Landeseigene Gesellschaften und die privatisierten sozialen Wohnungsbaugesellschaften sorgen vor allem für stetigen Mietwohnungsneubau. Der Typus des privaten bodenständigen unternehmerischen Wohnungsbauinvestors ist rar. Es dominieren anonyme Anleger-Investoren und geben Berlin ein seltsam fremdes Gefühl mit, eine Distanz und Anonymität, die sich zum Teil in einer abweisenden Architektursprache wiederfindet. Die Distanz von „gated Communities“ und die abweisende Gestaltung im Erdgeschoß drückt dies sichtbar aus.

Politische Fehleinschätzungen und eine übertriebene Fiskalpolitik brachten den Wohnungsneubau fast 10 Jahre zum Stillstand, erst seit 2012 wird nun massiv – aber spät umgesteuert.

86% aller Wohnungen in Berlin sind heute Mietwohnungen – die über den Lebenszyklus eines Menschen betrachtet eine der teuersten Wohnformen überhaupt sind. Die Einwohner stecken damit in der Einkommens- und Eigenkapitalfalle – denn das Mitebiveau steigt gemessen am Einkommensniveau viel zu schnell an. Es entsteht ein Spannungsfeld, das sich noch weiter explosiv auswachsen wird.

Sozialpolitisch gesehen fehlen bis heute in Berlin Einkommen, Eigenkapital und Bonität, um selbsttragende Bauinvestitionen und Wohneigentum und einen „freien Markt“ begründen zu können. Darüberhinaus bilden Nebenkosten und hohe Grunderwerbskosten heute neue Hürden für die Eigentumsbildung. Niedrige Mieten würden erst Spielraum für neue Eigentumsbildung schaffen.

Wohnanlage in der Greta-GarboStrasse in Pankow-Süd
Wohnanlage in der Greta-GarboStrasse in Pankow-Süd: Innenhof mit Skulptur „Die Königin“

Kleingärten als generative Entwicklungsbremse

Die große Kleingartenlobby hat auch gutsituierte Arbeitnehmer, Angestellte und Beamte lange davon abgehalten, in Wohneigentum zu investieren. So fehlen heute private Einfamilienhäuser, Villen und Eigentumswohnungen, die wieder in den Markt drängen, wenn die Eigentümer in Rente gehen. Manche Siedlungen aus den 70er Jahren sind heute auch strukturell unattraktiv und sinken durch Verarmung und Überalterung der Nachbarschaft im Wert ab.

Die Kleingartenflächen sind strukturell und politisch aus der Stadtentwicklung ausgekoppelt worden. Längst wäre es auch im Sinne der Kleingartenbewegung, wenn städtebaulich bedeutsame Flächen mit guter Erschließung für Familienwohnen und neue Eigentumsformen bebaut werden. Die Neuanlage von Kleingärten am Stadtrand wäre ein sinnvoller Ausgleich – der sich für die Stadt refinanzieren würde.

Kleingarten in Blankenburg
Kleingarten in KGA Pankegrund in Französisch-Buchholz

Entwicklungsfalle Wohnraumknappheit und falsche Investitionsmotive

Berlin steckt heute in einer Entwicklungsfalle: es gibt nicht genug frei handelbaren Wohnraum, nicht genügend differenzierte Wohn- und Eigentumsformen, um Bedingungen eines freien Marktes zu erreichen. Europäisches Flucht- und Anlagekapital hat dazu den den Markt weitgehend leergefegt und eine Knappheitsspirale in Gang gesetzt.

Der südeuropäische Industriearbeiter, der sein Vermögen in Berliner Immobilien angelegt hat, und diese nun als Ferienwohnung und neuerdings als „WG-Zimmer“ vermietet, sichert sich so gegen die Krise im Heimatland ab.

Stadt und Mieter sind zwischen Investitionszyklen der Investoren und Eingriffen und Versäumnissen staatlicher Wohnungspolitik gefangen. Wohnen unterliegt heute den Steuerungen und der Governance eines Knappheitsmarktes – wobei einflußfreiche Lobbys auch künstlich für Verknappung, hohe Preise und Profite sorgen.

Seit 2012 kaufen z.B. auch landeseigene Wohnungsgesellschaften vakante Häuser auf, um das politisch gesetzte Ziel von 300.000 landeseigenen Mietwohnungen als vermeintliches Mietpreiskorrektiv zu halten. Dabei wirken sie selbst längst preissteigernd, indem sie Hartz4-Wohnkostenerstattung und ENEV-Kredite zur Gewinnoptimierung und zum „Schuldenabbau“ einsetzen.

Anlegerinteressen überwiegen heute die Motive des Bauens und Sanierens. Was knapp ist und fehlt: Architekten, Bauherren und Kapital mit Eigeninteresse – die gemeinsam das neue Verhältnis von Wohnen und Arbeiten in der „Creative City“ zum Thema machen.

Paragon Appartments - Entwurf: Graft Architekten
Paragon Appartments – Entwurf: Graft Architekten

Die Entwürfe der Paragon Appartments zeigen einen ersten Aufbruch eines neuen Städtebaus an der Danziger Straße/Prenzlauer Allee.

Wandel zur Creative City

Berlin ist heute noch immer mit Industrie durchsetzt, doch in neuen, intelligenteren und kleineren Dimensionen. Die weltweit vernetzten industriellen Produktions- und Wertschöpfungsketten haben sich immer mehr verlängert. Produktzyklen und Modellwechsel beschleunigen sich. Es tritt ein neuer Faktor ins Spiel: menschliche Arbeit verlagert sich immer mehr in das „Vordenken“ hinein.
Fast unmerklich für den Handwerker oder den Putzdienst: aber mit jedem Kostenangebot wird der neue Auftrag in Kosten, Terminen und Qualität vorgedacht – um in Wettbewerb das bessere Angebot abzugeben.

In der Produktion übernehmen Entwurf, Planung und Design die Regie – technische Hilfsmittel wie CAD und Simulation ermöglichen heute das komplexe „Vordenken“ und die „Erfindung neuer Produkte und Märkte“.

Daneben entwickelt sich in 11 Teilbranchen eine „Kreativ- und Kulturwirtschaft“, die zu einem großen Teil durch den über alle Erwartungen hinaus wachsenden Städte-Tourismus und Kulturtourismus befördert wird.

Das von Charles Landry in den späten 1980er Jahren entwickelte Konzept der „Creative Cities“ prägt sich in Berlin in eigener und ganz neuer Weise aus:

Künstler und Kulturschaffende dominieren zwar die urbane Öffentlichkeit und die Medien. Wirtschaftlich dienen sie eher als wohlfeile und kostengünstige Kulisse für Stadtinszenierung. Begehrt sind sie als urbane Pioniere, die alte Standorte mit neuen Ideen und symbolischen Kapital ausstatten.

Die „kreative Klasse“ hat sich längst differenziert. Neben Bohème, Kunst- und Kulturszene haben sich längst eigene Gruppen etabliert, die der „Wissenschaftsgesellschaft“ und „Technologiegesellschaft“ zuzurechnen sind. Adlershof stellt heute den wohl stärksten technologieorientierten Cluster dar, daneben werden Technologiezentren für Informationstechnik, Energietechnik und andere innovative Gewerbezentren noch leicht übersehen.

Branchen der Kultur- und Kreativwirtschaft
Branchen der Kultur- und Kreativwirtschaft – Grafik: Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung

Die große und alte Industrien sind mit der Wende verschwunden – heute sind es kleine und hochmoderne Fertigungszentren, Gewerbe- und Technologieparks, die Innovation und Produktion miteinander verschmelzen lassen. Dazu werden gezielt Forschungszentren und Wissenschafts-Cluster entwickelt. Der Campus-Buch ist so heute einer der weltweit führenden Standorte der Bio-, Medizintechnik und Pharmakologie geworden.

Cámpus Berlin Buch: Max Delbrück Centrum
Cámpus Berlin Buch: Max Delbrück Centrum

Kreativität, Kunst und Kultur sorgen für stetige Inspiration, Kontemplation und Ideenspiel. Die „creative City“ wird mit Weltoffenheit, Toleranz und Vielfalt zum „neurobiologischen Filament“ einer wachsenden geistigen, kulturellen und technischen Diversität und Kreativität, die wirtschaftliche Innovationserfolge und Wertschöpfung bedingen.

Die Ansprüche an Wohnen und Arbeiten und Einkommen verändern sich dabei. Wer in den Zukunftsbranchen arbeitet, verdient meist genug, um Wohnen, Eigentum und Wohnen am Stadtrand zu suchen.

Arbeitnehmer und Angestellte in den unteren Einkommensgruppen, Studierende und Auszubildene sowie die in der Kulturwirtschaft arbeitende kreative Intelligenz verharren jedoch auf niedrigen Einkommensniveau, und können den Marktmechanismen des Wohnungsmarktes nicht mehr durch eigene Arbeit und Initiative entrinnen. Ein Gefühl von Angst und Unfreiheit breitet sich aus, das Politik zu machen beginnt.

Auch ein Mindestlohn entfaltet nur begrenzte Wohlfahrtswirkung, weil das Nettoplus von steil steigenden Wohnkosten aufgezehrt wird. Eine Dauerkrise ist längst eingetreten – und bedroht den Erfolg der gesamten Stadt. 451 Mio. € jährliche Kosten bei Jugendhilfe und Familienhilfen sind ein Menetekel für die kreative Stadt!

Für Künstler und Kreative sind die steigenden Wohnkosten längst existenzbedrohend geworden. Hunderte Ateliers sind in den letzten Jahren verloren gegangen. Projekträume und freie Veranstaltungsräume sind knapp geworden. Intermediäre Nutzungen wie Pop-Up-Galerien und Ausstellungen in leeren Läden sind letzte Versuche, in der Stadt Fuß zu fassen. Der Zugang zum Publikum und die „Sicht-, Hängungs- und Projektionsfläche“ sind das knappe Gut, um das gekämpft wird, das erst den Zugang zur Aufmerksamkeit des Publikums herstellt.

Auch die Kunst bleibt davon nicht unberührt: Facebook-Ökonomien mit 3-Tages-Ausstellungen und Pop-Up-Vernissagen sorgen für eine hektische Hypertrophierung der Kunstszene, die wenig zukünftige Stabilität verspricht.

Baugruppen und Architekten, aber auch einige neue Genossenschaften versuchen sich heute im hart umkämpften Markt zu behaupten, und setzen inzwischen im Stadbild auch markante und bemerkenswerte Akzente.

Ihre einzigartige Qualität: Entwurf und Gestaltung richten sich nach Ideen und räumlichen Entwurfen, die langfristig bodenständige Arbeit organisieren helfen. Statt Investoren und Mietern auf der Durchreise, sind Baugruppen und Genossenschaften Interessenentwickler einer kreativen und nachhaltigen Stadt.

Es lohnt diesen Projekte nachzuspüren. Sie zeigen viele bemerkenswerte Beispiele und Merkmale, wie sich Leben, Arbeiten und Wohnen in ein neues Verhältnis setzen lassen. Es entstehen neue und zukunftsweisende Typologien der kreativen Stadt, die Ansätze für einen sozialen und humanen Städtebau hervorbringen.

Konsequenzen für Architektur und Stadtplanung

Architektur und Städtebau der „Creative City“ verändern sich überall dort, wo individuelle räumliche Bedürfnisse und Ansprüche an Wohnen und Arbeiten neue konzeptionelle Antworten erfordern.
Für Bildende Künstler ist das frei verfügbare und private Atelier das Zentrum kreativer Auseinandersetzung. Die Ökonomie der Mietkosten und der geplanten Aufenthaltsdauer in der Stadt erzwingt dabei unterschiedliche Raumstrategien:

Artists in Residence suchen die Verbindung von Wohnen und Atelier. Das Atelierhaus mit Gemeinschaftswohnen ist ein erster Baustein der Typologie der kreativen Stadt.

Bildende Künstler richten sich in der Not auch auf eine räumliche Trennung von Wohnen und Atelier ein, doch im Idealzustand sind eigener Laden und Ladenwohnung ein Archetypus künstlerischer Lebensentwürfe in den Gründerzeitquartieren Berlins.

Für Architekten und Freiberufler ist das Ladenatelier mit Besprechungsraum heute eine bewährte Typologie. Die Ökonomie höherwertiger Dienstleistungen erlaubt eine Anpassung an steigende Mieten.

Manche Künstler, Händler und Kunsthandwerker in Prenzlauer Berg wurden durch Architekten und Rechtsanwälte abgelöst. Autoren, Theatermacher und Verleger suchen wegen geringerer Einkünfte eher die gemeinschaftliche Lösung, und teilen sich Miete, Raum und Internetzugang im Gemeinschaftsladen. Co-Working bringt heute eine ganze Reihe typologischer Bausteine hervor, deren kleinste Einheit der „zeitweise vermietete Schreibtisch“ ist.

Creative City Berlin: Gewerbehof Königsstadt
Creative City Berlin: Gewerbehof Königsstadt

Gründerzeitarchitektur und moderne Lofts

Die heutige „Creative City“ Berlin ist aus zwei flexiblen, über hundert Jahre alten Bauweisen der Gründerzeit heraus gewachsen:

– das vielfältig nutzbare Berliner Mietshaus,
– Gewerbehof mit stabilen lasttragenden Decken.

Diese Bauten der Gründerzeit eignen sich in besonderer Weise für kleinteilige kreativen Ökonomien von Künstlern, Handwerk, Handel und Manufaktur – und sogar Industrieproduktion. Der Vorteil: die massive und stabile Baustruktur engt nicht ein, wie etwa eine Geschoßwohnung in einer Stadtrandsiedlung. Wohnen, Arbeiten und Zusammemleben lassen sich in den Hausggemeinschaften und Höfen von Wohnhäusern der Gründerzeit in vielfältiger Weise organisieren.

Gewerbebauten der Gründerzeit bieten heute eine hohe räumliche Flexbilität, und tragen statt industrieller und handwerklicher Produktion Büros, Dienstleistungen und werden auch zu Lofts mit flexiblen Grundrissen umgebaut.

Wohnen am Lokdepot
Wohnen am Lokdepot – Architekten Nils Buschmann und Tom Friedrich von Robertneun

Wohnen am Lokdepot

Auf einem ehemaligen Bahngrundstück an der Monumentenstrasse in Schöneberg entsteht ein Projekt, das als neues Beispiel einer Typologie der kreativen Stadt eingeordnet werden kann.

Nach dem Vorbild der Gewerbehof-Architektur der Gründerzeit entstand eine stabile Baustruktur mit Stahlskelettstruktur, an den Decken offen verlegten Lüftungsanlagen und die silbernen Installations-Rohren. Die Idee des „Fabrikwohnens“ prägt das Projekt: ein kräftiger Rohbau mit einer prägenden Räumlichkeit. Durch diesen „kräftigen“ Rohbau sollten nachhaltig aneignungsfähige Gebäude entstehen. Die tatsächlichen Wohnräume sollen erst durch einen „eingestellten“ Ausbau entstehen.

Unter der Bauherrschaft der UTB Grundstücksentwicklungsgesellschaft mbH erarbeiteten die Architekten Nils Buschmann und Tom Friedrich von Robertneun ein zukunftsweisendes Projekt.

Das rund 28.000 Quadratmeter große ehemalige Bahngrundstück erhält nun anstelle eines Supermarkts eine Wohnbebauung. Auf einem Gewerbegrundstück wurde eine Wohnnutzung geplant. Baurechtlich wurde die Struktur der funktionalen Stadt „kreativ ausgedehnt“.

Optisch hebt sich das Projekt nicht nur von seiner Umgebung, sondern von ganz Berlin ab: die Farbe Rot ist das gemeinsame Element aller Häuser: ein Stück Stadt aus 17 Häusern.

Rot gefärbter Sichtbeton, feuerwehrrote Geländer, Balkone und Loggien heben das Gebäude ab. Doch ganz im Sinne „atmosphärischen Städtebaus“ wird das „Vorgefundene“ der alten Lokdepothallen mit dem roten Klinker, mit den großen Holztoren, den verrosteten Bahngleisen und den Stelconplatten aufgenommen und auf das Projekt übertragen. Es entsteht ein zusammenhängendes Stück Stadt.

Die Dachbegrünung und Dachgärten zeigen schon eine kreative Aneignung durch die Bewohner. Das Café Trainspot hate gerade erst eröffnet, erste Wohnungen sind bezogen. In den Außenanlagen wird noch gebaut. Der nahe Park am Gleisdreieck lockt viele Besucher an. Aufbruchstimmung am Lokdepot – in rot!

Fortsetzung – am 29. August 2014:

Die Typologie der Creative City #2
Im zweiten Teil wird die Entwicklung von der klassischen Typologie der griechischen Stadt mit Akademie, Theater und Bibliothek zur modernen Musikstadt mit Open Air Bühne, Club und Bunker beleuchtet.

Save this post as PDF

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.