Freitag, 23. Juni 2017
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Dieter Thomä: Puer robustus – Eine Philosophie des Störenfrieds

Dieter Thomä: Puer Robustus

Das Buch liest sich wie ein Abenteuerroman, und geht der Philosophie und Geschichte des Störenfrieds, der Quertreiber und der Helden nach, die jeweils ihre Welt verändert haben. Für Thomas Hobbes war der Störenfried noch ein störrisches Kind, ein in Unvernunft verharrender Erwachsener. Bei Schiller hingegen wurde er – siehe Wilhelm Tell – zum Helden. Dieter Thomäs Abhandlung auf über 700 Seiten stellt einen in Vergessenheit geratenen Typus in den Mittelpunkt: den puer robustus, dem kräftigen Knaben, der auf eigene Faust handelt, sich nicht an die Regeln hält, der aneckt, aufbegehrt und auch mal zuschlägt.

Durch die letzten Jahrhunderte hat er als Unhold oder Held, Schreck- oder Leitbild die Gemüter großer Dichter und Denker erhitzt. Bei Hobbes und Rousseau, Schiller und Hugo, Diderot und Tocqueville, Marx, Freud, Carl Schmitt und vielen anderen tritt er als Schlüsselfigur auf, an der sich ein Zentralproblem der politischen Philosophie entscheidet: das Verhältnis von Ordnung und Störung.

Dieter Thomä kommt mit seinem Buch zur richtigen Zeit, denn die Zukunft der modernen Gesellschaft und der ganzen Welt steht auf dem Spiel. Thomä sieht Veränderung nicht im Zentrum der Macht, sondern an den Rändern, dort wo die Krisen ausgefochten werden. An der Schwelle zur Ordnung tummeln sich Trittbrettfahrer und Quertreiber, Eigenbrötler und Rebellen, und hinter ihnen allen sieht Thomä den puer robustus.
Thomä versucht in seiner höchst kenntnisreichen philosophischen Abenteuergeschichte zu zeigen, was vom Typus des Störenfrieds zu halten ist.

Mit dem Begriff der Schwelle und ihrer Überschreitung bringt Thomä eine moderne und überzeugende Idee ins Spiel, um den Nonkonformismus des ouer robustus in seinen Facetten kennen zu lernen.
Nach der umfassenden historischen Reise durch Geschichte der politischen Theorie und der Literatur, sammelt Thomä Bemerkungen über den Außenseiter bei Hobbes, Rousseau, Diderot, Marx oder Freud auf.

Thomä entwickelt eine kluge Kategorisierung, um den Blick auf politisch aktuelle Störenfriede zu schärfen. Mit Thomäs kluger Unterscheidung zwischen dem egozentrischen, dem exzentrischen und dem nomozentrischen Rebellen zeigt der Autor, dass der Störenfried nicht nur Schrecken einer jeden Ordnung ist, sondern auch als „progressive Figur“ und notwendiges Regulativ der Demokratie auftritt. Den Islamisten sieht Thomä als vierten Typus, der sich unter das Dach der Religion flüchtet.
Interessant ist auch seine Ableitung aktueller politischer Typen:

»Populisten und Islamisten sind nicht Störer, sondern radikale Ordnungsfanatiker«

Thomä verweist darauf, dass der Rebell nicht losgelöst von den Ursachen betrachtet werden kann:

»Der puer robustus bleibt so lange am Leben, wie Machtzentren den Ton angeben, die als Gegner nur Außenseiter kennen. Er ist auch unser Zeitgenosse.«

Über den Autor:

Dieter Thomä, geboren 1959, ist Professor für Philosophie an der Universität St. Gallen.
Ein Interview im Philosphie-Magazin pointiert die Einsichten des Autors: »Keine Demokratie ohne Störenfriede!!

Literaturhinweis:

Dieter Thomä: Puer Robustus

Dieter Thomä
Puer robustus – Eine Philosophie des Störenfrieds
Suhrkamp, erschienen: 10.10.2016
Gebunden, 715 Seiten
ISBN: 978-3-518-58690-7
35,00 €

Illustration:
John Cabot, Bronzeskulptur von Stephen Joyce, 1985 vor dem Bush House am Narrow Quay in Bristol. John Cabot (Giovanni Caboto), der venezianische Seefahrer segelte 1497 von Bristol nach Neufundland und entdeckte einen großen Teil des heutigen Kanadas mit Neufundland, Neuengland oder Labrador.

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m/s