Mittwoch, 13. Dezember 2017
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Ehrung für Mitglied des „Frühstückskartells“

Fritz Erler

Er zählt zu den bedeutendsten Sozialdemokraten des vergangenen Jahrhunderts. Er stammte aus Prenzlauer Berg, er war aktives Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend, er ging als Kämpfer durch das Feuer nationalsozialistischer Politik und Haft, und er wurde nach dem zweiten Weltkrieg Landrat im schwäbischen Biberach. Er hatte das Zeug zum Regieren, baute die SPD nach dem Zweiten Weltkrieg auf, und wurde ein wichtiger Wegbereiter für die Kanzlerschaft von Willy Brandt: Fritz Erler.

Fritz Erler
Fritz Erler – Foto: dpa/Archive 150 Jahre SPD

Als Mitglied des „Frühstückskartell“ der SPD, setzte Erler zusammen mit Carlo Schmid, Herbert Wehner und Willy Brandt bis zum Jahr 1958 seine Vorstellungen einer Parteireform durch, die den Erfolg als Volkspartei begründete. Das Arbeiterkind aus Prenzlauer Berg, die Mutter Schneiderin, der Vater Friseur, war sogar zweimal als Kanzlerkandidat der SPD im Gespräch – und verzichtete zweimal.

Einmal honorig: er ließ Willy Brandt den Vortritt – einmal tragisch: 1965 war er als 53-jährige Hoffnung der SPD schon zu krank, um Willy Brandts Nachfolge anzutreten. Erler starb am † 22. Februar 1967 in Pforzheim. Ihm folgte später Helmut Schmidt als Kanzlerkandidat.

Gedenken an Fritz Erler

Am kommenden Freitag soll Fritz Erler als wichtige Persönlichkeit geehrt werden. In einer etwas lapidaren Ankündigung des Wahlkreisbüros von Klaus Mindrup wird dazu eingeladen:

Gedenktafel für Fritz Erler
Freitag, 29. April 2016, um 17.00 Uhr
Chodowieckistraße 17, 10405 Berlin

„Am kommenden Freitag wird zur Erinnerung an den Sozialisten, Widerstandskämpfer und ehemaligen Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion Fritz Erler (14. Juli 1913 – 22. Februar 1967) eine Gedenktafel an der Chodowieckistraße 17 in Prenzlauer-Berg angebracht. Fritz Erler war eine der prägenden Persönlichkeiten der SPD und der Bundesrepublik der Nachkriegsjahre, deren politischer Weg in Prenzlauer Berg begann.“

Zur Anbringung der Gedenktafel sprechen Matthias Köhne, Bezirksbürgermeister von Pankow, der Initiator und Autor Dr. Heiko Holste und Klaus Mindrup, Mitglied des Deutschen Bundestages.

Biografisches

Bereits als Jugendlicher wurde Erler 1928 Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend, deren Bezirk Prenzlauer Berg er seit 1931 leitete und wenig später auch der SPD. Er schloss sich der oppositionell zum SPD-Vorstand stehenden Gruppe „Neu Beginnen“ an. Im April 1933 nach politischen Differenzen aus der SPD und der SAJ ausgeschlossen, arbeitete er illegal bis zu seiner Verhaftung 1938 für diese Gruppe. Dennoch beantragte er am 1. Mai 1937 Aufnahme in die NSDAP, die 1939 abgelehnt wurde.

1945 beteiligte sich Erler am Wiederaufbau der SPD. Mitte der 1950er Jahre knüpfte Erler Kontakte zur GVP von Helene Wessel und Gustav Heinemann und legte damit den Grundstein für den späteren Übertritt des Großteils von deren Mitgliedern, als sich die christlich-pazifistische Partei 1957 auflöste (siehe: Wikipedia).

„Bereits zu einem frühen Zeitpunkt hatte sich Fritz Erler – neben anderen – mit Vorschlägen und Plänen befaßt, die SPD, die sich u.a. noch immer auf das in mancher Hinsicht veraltete Heidelberger Grundsatzprogramm von 1925 beziehen mußte, zu reformieren.

Im Februar 1954 sprach er sich dafür aus, die Parteisprache zu modernisieren. Obschon sich 1956/1957 Erlers „Engagement in der Debatte über theoretische Grundsatzprobleme der Partei verringerte“ und obwohl er 1958 die Frage aufwarf, ob die Zeit für ein umfassendes sozialdemokratisches Grundsatzprogramm überhaupt reif sei, kann er als Wegbereiter des Godesberger Programms der SPD (1959) gelten, also jenes Programmes, das die Wandlung der SPD von einer Klassen- und Weltanschauungspartei in eine sozialdemokratische Volkspartei sichtbar machte.“ (zitiert nach FES – AdsD).

Fritz Erler, Herbert Wehner, Willy Brandt
SPD-Parteitag in Bad Godesberg am 16. Februar 1964 – der stellvertretende SPD-Vorsitzende Fritz Erler (links) gratuliert dem damaligen Berliner Bürgermeister Willy Brandt (rechts) nach dessen Wahl zum neuen Vorsitzenden der SPD – Foto: AP/Screenshot DER SPIEGEL

1961 war er als SPD-Kanzlerkandidat im Gespräch, verzichtete aber zugunsten von Willy Brandt, der ihn in seine von Parteichef Erich Ollenhauer auf dem Parteitag am 25. November 1960 in Hannover vorgestellte Regierungsmannschaft aufnahm. Auch der auf dem Parteitag im November 1964 in Karlsruhe vorgestellten Regierungsmannschaft für den Bundestagswahlkampf 1965 gehörte Erler an. Er war jeweils als Bundesverteidigungsminister vorgesehen.

Nach der Erklärung Willy Brandts am Tag nach der Bundestagswahl 1965, er werde 1969 nicht mehr als Kanzlerkandidat zur Verfügung stehen, hatte Erler auch als potentieller Kandidat der SPD gegolten. Doch er war schon zu krank, um noch eine Nachfolge anzutreten.

Fritz Erler: „Reden heißt, zum Mitdenken bewegen“

Fritz Erler war ein begnadeter Redner und prägte einen überzeugenden Politikstil. In einem ZDF-Interview vom 7. Januar 1965 mit Günter Gaus gab Erler seine Intention preis – sie wurde dokumentiert.

Zu den wohl wichtigsten Leistungen Erlers gehörte auch sein Beitrag als Verteidigungsexperte zur Erneuerung der Bundeswehr als „Parlamentsarmee“ und die Idee des „Bürgers in Uniform“.

Nachruf zum Tod von Fritz Erler

Anläßlich des Todes von Fritz Erler schrieb „Der Tagesspiegel“ (Berlin) am 23.2.1967: „Obwohl er keinen Titel getragen und kein öffentliches Amt bekleidet hat, wird Fritz Erler von der Geschichte zu den zehn Männern gezählt werden, die in den ersten zwei Jahrzehnten der Nachkriegszeit den stärksten Einfluß auf die deutsche Politik ausgeübt haben. … Denn kaum einer war so sehr wie er berufen, Verantwortung zu tragen und politische Entscheidungen zu treffen. Jahrzehnte einer konsequenten, beharrlichen Arbeit an sich selbst, viele Jahre der Zusammenarbeit mit Politikern innerhalb und außerhalb seiner Partei in Deutschland und in vielen Ländern der Welt, hatten ihn zu einem der tüchtigsten und angesehensten Männer in unserem Land werden lassen. … alle waren sich darüber einig, daß er mit seinem Wissen, seiner Intelligenz, seiner Beherrschung des politischen Metiers zu den Zierden der deutschen Demokratie gehörte.“

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