Samstag, 16. Dezember 2017
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Einzelhandelskonzept: Hauptstraße Wilhelmsruh

Bunt Wohnen in Wilhelmsruh

Das Einzelhandelsgutachten für den Bezirk Pankow ist noch nicht fertig. Doch es hat schon eine wichtige positive Wirkung ausgelöst: es gibt eine Diskussion um Einzelhandel, Angebotsqualität und den Erhalt mittelständischer Strukturen in einzelnen Einkaufsstraßen. In Wilhelmsruh lädt nun der Verein Leben in Wilhelmsruh e.V. zum Stammtisch „Attraktive Hauptstraße“.

Bunt Wohnen in Wilhelmsruh
Bunt Wohnen in Wilhelmsruh – Ecke Hauptstraße/Hertzstraße

Stadtentwicklung sorgt nur für den Rahmen
Das im Rahmen der Stadtentwicklungsplanung zu erstellende Einzelhandelskonzept soll vor allem einen rechtlichen Rahmen schaffen, um Neuansiedlungen großer Einzelhandelsmärkte zu lenken, auch zu begrenzen. Für die Bau- und Siedlungsentwicklung wird es sozusagen nur das „planungsrechtliche Gerüst“ bilden. Doch auch der Schutz mittelständischer Strukturen kann durch das Einzelhandelskonzept begründet werden.

Historischen Wandel verstehen – Zukunftentwicklung ableiten

Die Entwicklung des Straßensystems im heutigen Pankower Ortsteil ist mit dem Aufbau der 1894 als „Colonie Wilhelmsruh“ benannten Landhauskolonie der Barnimgemeinde Rosenthal verbunden. Das erste Grundstück soll die heutige Hauptstraße 19 gewesen sein. Entlang der Hauptstraße reihten sich die ersten Stadthäuser ein, die den historische Verkehrsweg von Rosenthal zur Kopenhagener Straße in Reinickendorf markierten.

Um zu verstehen, warum die Hauptstraße im heutigen Zustand keine kraftvolle Einkaufsstraßen-Funktion hat, muss man in die Geschichte zurückblicken. Es gab mehrere Brüche, die eine stabile Einzelhandelsentwicklung verhinderten.

Mit der Bildung von Groß-Berlin 1920 kam Wilhelmsruh zum Verwaltungsbezirk Reinickendorf, das benachbarte Rosenthal zu Pankow. 1938 wurde Wilhelmsruh dem Verwaltungsbezirk Pankow zugeordnet und die Nordbahn wurde zur Grenzlinie. Die Verbindung nach Reinickendorf blieb der Straßenzug Hauptstraße-Kopenhagener Straße, den auch die Straßenbahnlinien 35 und 141 nach Wilhelmsruh befuhren.
Dieser Wechsel der Planungshoheit hat auch tiefgreifende Wirkungen auf die Ansiedlung von Handel und Gewerbe gehabt, da die Hauptstraße jeweils „Randlage“ bliebt.
In Folge des Zweiten Weltkriegs wurde mit der Aufteilung der Verwaltungsbezirke auf West- und Ost-Berlin wure durch den Mauerbau 1961 die Straßenverbindung gekappt. Damit war praktisch für den Handel eine Verkleinerung des Einzugsgebietes verbunden, denn Kunden im nahen Einzugsbereich von 700-1.500 Metern (Nahversorgung) und 1000-5.000 Metern bestimmen über die Höhe der Umsätze in einer Geschäftsstraße.

Wilhelmsruh 1925 - Silva Plan Berlin
„Wilhelmsruh-Silva1925“ von Silva-Übersichtsplan Stadt Berlin 1925 Hrsg. von Willy Holz († ca 1933), aus Verlagsübernahme Carl Flemming und C. T. Wiskottderivative work: Boonekamp – gemeinfrei

Durch die Teilung der Berlins lief nach 1961 der Verkehr von Pankow durch Schönholz über Edelweiß- und Schillerstraße an die Hauptstraße und zu Bergmann-Borsig (ABB). Die Hauptstraße bliebt Randlage in Ost-Berlin. Mit dem Mauerfall entstand wieder Ost-West-Verkehr im Norden Berlins. Doch der Kundenstrom orientiert sich heute zu attraktiven Angeboten.

In den letzten zwanzig Jahren kam auch ein Generationenwechsel zum Tragen, und manches Geschäft gab wegen mangelnder Perspektive und wegen des massiven Wandels auf.

Besondere Lage in Wilhelmsruh

Die Konzentration der Arbeitsplätze im Pankow-Park sorgt dafür, dass vorwiegend mit dem Automobil zum Arbeitsplatz gependelt wird. Fehlende Angebote und fehlende Parkplätze sorgen dafür, dass dieses Pendlerpotential kaum in der Hauptstraße genutzt werden kann.
Die angrenzenden Einfamilienhausgebiete weisen ebenfalls eine „autophiles Kundenpotential“ auf. Wer sich ein Haus leisten kann, hat auch ein Auto. Diese mobilen Kunden versorgen sich ebenfalls in weiter Entfernung vom Wohnort. Nur wer gern Fahrrad fährt, wohnt in der sogenannten „Brötchen-Entfernung“ von der Hauptstraße, und fördert den Einzelhandel.

Bedeutsam ist die Lage des S-Bahnhof Wilhelmsruh, weil diese Hauptverbindung in die Berliner City eine bestimmende Wirkung auf die Weiterentwicklung der Hauptstraße nehmen wird. Wer im Einzugsbereich von ca. 2,5 km zum S-Bahnhof wohnt, wird auch auf dem Weg zur Arbeit diesen Fußweg entlang der Hauptstraße und Kopenhagener Straße zum Bahnhof nehmen.
Noch weiter reicht das Einzugsgebiet der Radfahrer – und künftig werden auch vermehrt Autofahrer ihre PKWs am S-Bahnhof stehen lassen, wenn es dort ein sicheres P+R Angebot gibt. Gleiches gilt für Radfahrer: sie brauchen sichere Abstellplätze.

Stadtbild – Stadtplanung und Stadtvision

Schon heute zeichnet sich die weitere Entwicklung ab: die Hauptstraße hat ein Potential, sich zu einer Einkaufsstraße zu entwickeln. Neue Bedingungen werden durch die neuen Einzelhandelsflächen am Wilhelmsruher Tor gesetzt, sie sorgen auch für neue Kaufkraft, die in Richtung auf diesen neuen Standort gelenkt wird.

Die weitere bereits bekannten Pläne von Bauvorhaben zeigen auf: es kann gelingen, eine Stadtvision einer urbanen Einkaufsstraße zu entwickeln, die über 2 Jahre, 5 Jahre und vielleicht 10 Jahre verfolgt wird.

Für die meist kleinen Läden in der Hauptstraße bedarf es einer gezielten Einzelhandels-Förderung, um Neugründungen anzuregen. Vermieter und Immobilieneigentümer müssen hier ein Eigeninteresse entwickeln, ein gemeinsame Strategie der „Stadtreparatur“ zu betreiben.
Eine gemeinsame neue „Stadtvision“ würde eine gemeinsame Zielbestimmung schaffen, die wiederum wichtige Planungssicherheit für jede Neuansiedlung „erschafft“!

Prioritäten zur Einzelhandels-Entwicklung

Zunächst sollte die Nahversorgungsqualität hergestellt werden. Die wichtigen Nahversorgungssortimente sollten in der Haupstraße zu finden sein. Denn jede Angebotslücke sorgt dafür, dass Kunden „das Weite“ suchen.

Zugleich muss aber gewarnt werden: die Trauben hängen hoch. Ein 60 Quadratmeter großer Laden setzt jedem Händler klare Grenzen. Um als Einzelhändler leben zu können, müssen wenigstens 300.000 Umsatz erzielt werden, wenn 30% Rohertrag erwirtschaftet werden können. Doch viele Handelformen kommen nur noch auf Bruchteile dieser 30%.

Versicherungsagenturen, Handwerksdienste und Pflegedienste belegen deshalb als sichere Mieter schnell leere Läden, die eigentlich als Lückenschluß für Fußgänger-Kunden benötigt werden. Und so kann jede sichere Vermietung eine im Gesamtinteresse liegende Einzelhandelsentwicklung bremsen, sogar wieder umkehren.

Es wird daher schwer, dieses Gesamtinteresse herzustellen, und aufrecht zu erhalten. Vermieter und Immobilieneigentümer müssen mitziehen, und eine gemeinsame Höherentwicklung anstreben.

Schafft man gemeinsam die Planungssicherheit für eine Bank und einen Geldautomaten, so strahlt diese Einrichtung auf die gesamten Nachbarschaft als „Frequenzbringer“ aus.

Trend zur Aufwertung gelingt nur im gemeinsamen Handeln

Die Hauptstraße kann schon mit verhältnismässig geringen Aufwand und vielen guten Ideen aufgewertet werden. Ein gemeinsames Standortinteresse der Vermieter wäre sehr hilfreich. Dem Leerstand muss der Kampf angesagt werden!

Statt Leerstand könnten auch Zwischenvermietungen an Künstler und „Pop-Up-Stores“ hilfreich sein – und sei es, um Läden auch „instandzuvermieten“. Manche Ladenfront kann repariert werden, und so wieder die „Liebe auf den ersten Blick“ auslösen, die einen Gründer zu einer Neugründung animiert.

Auch eine qualifizierte Marktwirtschaft mit Hilfe der Markthändler könnte helfen, wenigstens tageweise in der Woche ein großes Warenangebot in der Hauptstraße bereit zu halten. Warum nicht einfach auch Marktstände in leere Läden hineinstellen, und mit preisgünstigen Sonderangeboten Kunden anlocken?

Wichtig ist es auch, die Angebote vor Ort im Einzugsgebiet bekannt zu machen, eine einladende Werbung lockt Kunden an. Noch wichtiger ist es aber, gute Qualität und Dienstleistungsqualitäten aufzubauen.

Zu dieser guten Dienstleistungsqualität gehört auch E-Commerce, die Warenbestellung über Internet – und die Auslieferung in Nahbereich. Der Einkaufstag am Donnerstagabend mit Ladenöffnungszeiten bis 20 Uhr wäre auch eine gute Idee, die etwa aus der Florastraße übernommen werden kann.
Für eine Bildung einer Standortgemeinschaft ist es noch zu früh, erst wenn Vermieter hier mitziehen, kann die notwendige Kraft entfaltet werden, um zu erfolgreichen Veränderungen zu kommen. Aber die Händler können schon jetzt damit anfangen, wie eine Standortgemeinschaft zu „denken“ und das Naheliegende in Werbung und Kundenansprache tun.

Blick auf die zukünftige Bebauung der Kopenhagener Strasse 96
Blick auf die zukünftige Bebauung der Kopenhagener Strasse 96

Schlüsselfunktionen am S-Bahnhof Wilhelmsruh

Der Bezirk Pankow hat es in der Hand: die Schaffung sicherer Fahrradstellplätze für Tagespendler würde den Straßenzug Hauptstraße/Kopenhagener Straße dauerhaft beleben. Ein 24h Kiosk und ein Taxistand wären die wichtigsten Beiträge, um den Bahnhof Wilhelmsruh auch in Nacht- und Abendstunden zu einem als sicher empfundenen Ort zu machen.

Bei allen Neubauvorhaben entlang des Straßenzuges Hauptstraße/Kopenhagener Straße sollte auch die Gestaltung der Erdgeschosse im Blick bleiben. Jedes Ladenfenster zur Straße sorgt für Belebung und Kundenfrequenz.

Auch kleine „Westentaschen-Parks“, Fahrradstellplätze und Parkplätze können zur Belebung der Hauptstraße beitragen.

Der Verein Leben in Wilhelmsruh wird ab Herbst zum gemeinsamen Handeln einladen und eine Plattform bieten und schon am 1. September 2015 zum ersten Stammtisch „Attraktive Hauptstraße“ in die Bibliothek einladen.

Patrick Meinhardt, Vorstandvorsitzender des Vereins hofft auf breite Mitwirkung: „Ein Anfang, der auch Sie wieder neugierig machen sollte!“ – Es wäre schön, wenn eine Aufbruchstimmung zustande kommt!

Weitere Informationen:

www.leben-in-wilhelmsruh.de

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m/s