Samstag, 23. September 2017
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Das 6. Sterben

Elizabeth Kolbert:
Das 6. Sterben

Elisabeth Kolbert: Das 6. Sterben - Suhrkamp 2015

Ein bewegendes Buch ist erschienen: Elizabeth Kolbert erhielt im April für Das sechste Sterben – Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt (The Sixth Extinction: An Unnatural History) den Pulitzer-Preis 2015 in der Kategorie Sachbuch. Zuvor war das Buch schon mit dem Los Angeles Times Book Prize in der Kategorie »Science and Technology« ausgezeichnet worden.

Elisabeth Kolbert: Das 6. Sterben - Suhrkamp 2015
Elisabeth Kolbert: Das 6. Sterben – Suhrkamp 2015

Der Suhrkamp Verlag hat das Buch in deutscher Übersetzung herausgegeben. Elizabeth Kolbert, geboren 1961, ist Journalistin und Autorin. Sie schrieb unter anderem für die New York Times, seit 1999 arbeitet sie für das angesehene Magazin The New Yorker. Für ihre Reportageserie The Climate of Man erhielt sie bereits 2006 den National Magazine Award in der Kategorie Public Interest.

Die Kritik reagierte begeistert: „»… das liest sich spannend wie ein Wissenschaftskrimi.« schrieb etwa Reiner Klingholz in DIE ZEIT.

Das sechste Massenaussterbeereignis

Elisabeth Kolbert entwickelt eine neue Perspektive, indem sie den heute entschlüsselten Massensterben von Organismen, Tieren und Pflanzen in der Erdgeschichte, den so genannten „fünf Massenextinktionen“ eine neue, sechste Kategorie hinzufügt: „Das sechste Massenaussterbeereignis“, das sich gerade in dramatischer Weise auf unserem Planeten vollzieht.

Kolbert verfolgt die Spuren diese sechsten großen Artensterbens und erzählt dies in insgesamt dreizehn Kapiteln.

Das Schicksal von Atelopus zetecki, dem Panama-Stummelfußfrosch gab wohl die Idee für den Begriff des „sechsten großen Artensterbens“, denn das Verschwinden dieser zierlichen Frösche erschien zuerst wie ein Rätsel. Frösche waren doch bisher als Amphibien zu den Überlebenskünstlern gezählt worden. Die Ursachenklärung liest sich wie ein Krimi: weil hier ein kleiner aggressiver Pilz für ein plötzliches Ansteigen der „Hintergrundaussterberate“ sorgt.

Der Chytridpilz ist eingewandert, so verrückt es klingt, vermutlich durch importierte Afrikanische Krallenfrösche, die in den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts für biologische Schwangerschaftstests eingesetzt wurden. Wurde den Fröschen der Urin von Schwangeren injeziert, so legten diese Frösche innerhalb von Stunden Eier.
Auch eine Verbreitung der Pilze durch Nordamerikanische Ochsenfrösche kommt in Frage. Und so stehen die „Out-of-Adrica-Hypothese“ und die „Froschschenkelsuppen-Hypothese“ als mögliche Ursachen der Pilzverbreitung im Verdacht.

Am Beispiel bereits ausgestorbener Tierarten, wie dem Amerikanischen Mastodon, des Riesenalks oder der Ammoniten, die ebenso wie die Dinosaurier am Ende der Kreidezeit verschwanden, folgt Kolbert den Spuren der großen Artensterben der Vergangenheit, die erst in jüngster Zeit entschlüsselt wurden. Sie offenbart die verzwickte Geschichte der Entdeckung dieser vergangenen Artensterben, angefangen bei den Arbeiten des französischen Naturforschers Georges Cuvier.

Die Mastodontenzähne

Das Schicksal des Amerikanischen Mastodon wird nicht durch Klimawandel oder Meteoriteneinschlag besiegelt, sondern erstmals durch das erfolgreiche Auftreten der Spezies homo sapiens. Der 25-jährige Georges Cuvier kam 1795 nach Paris, und begann am damaligen Naturkundemuseum mit seinen Forschungen zu Knochenfunden, insbesondere von Elefantenzähnen. Das für das Verständnis des bis dato unbekannten Phänomens des Aussterbens von Arten wurde von Cuvier beschrieben. Kolbert schildert auf eindrucksvolle Weise den damaligen Weg des jungen Forschers zu der Erkenntnis, wie der Aufstieg des Menschen in der Epoche des Aussterbens der Großtierfauna begann.

Spuren des heutigen Artensterbens

Im zweiten Teil des Buches besucht Kolbert aktuelle Brennpunkte des Artensterbens, einen Vulkankrater in Zentralpanama, den Regenwald des Amazonasbeckens, die sich immer mehr erwärmenden Hänge der Anden, und die Ausläufer des Great Barrier Riffs. Ein Kapitel ist einer Tragödie gewidmet, die sich mehr oder weniger in Elisabeth Kolberts Garten abspielt.

Elisabeth Kolbert: Das 6. Sterben

Der ursprüngliche Pinguin

Der Riesenalk, eine Art Urpinguin, der sich bis zu seiner Entdeckung vermutlich in millionenfacher Auflage von Norwegen bis Italien aufhielt, wurde für den Menschen als Nahrungsmittel, Fischköder und Matratzenfüllung genutzt. Seine Bestände reduzierten sich mehr und mehr im Laufe des 18. Jahrhunderts. Kolbert kann ganz minutiös nachweisen, wie das letzte Riesenalk-Pärchen im Juni 1844 auf einer kleinen, zur Island gehörenden Insel namens Eldey von drei namentlich bekannten Männern erwürgt wurde. Diese wollten nur an die Bälge und Eier der Vögel gelangen, die damals als Trophäen beliebt waren.

Willkommen im Anthropozän

Der Leser verdankt der Autorin einen Blick in die Wissenschaftsgeschichte des Artensterbens, deren Beginn sie zunächst bei Cuvier ansetzt, und dessen Arbeit sie danach in einen viel größeren Zusammenhang stellt.

Bislang war das Aussterben einer Art »eine einsame Angelegenheit«. »Jede untergegangene Spezies war für sich allein verschwunden, ein Opfer des »Daseinskampfes« und ihrer eigenen Defizite als weniger gut angepasste Form«.
Diese Sicht des Darwinismus hielt ein Jahrhundert lang, bis die weltweite Iridiumschicht entdeckt wurde, die den Zeitpunkt eines großen Meteoriteneinschlags am Ende der Kreidezeit markiert, und den

Kolberts führt die Leser durch die weiteren Erdzeitalter, in denen große Massensterben die jeweilige geologisch nachweisbare Episoden der Erdgeschichte markierten. Mit dem fünften großem Massensterben der Perm-Trias-Grenze wäre es fast zu einer völligen Auslöschung vielzelligen Lebens gekommen. Kolbert führt auf spannende Weise zur heutigen, neuen Phase eines Erdzeitalters, in das wir gerade eingetreten sind: das vom Nobelpreisträger Paul Cruzen so benannte „«Anthropozän«.

Kollateralschäden der Globalisierung

Elizabeth Kolbert führt uns danach in die Betrachtung aktuell laufender Umweltveränderungen, die sie nach Art eines Reiseberichtes mal von zu Forschungszwecken umgebauten Fischerbooten, mal als Unterwasserausflug oder als Laborbericht ihrer Funde beschreibt. Die Versauerung der Ozeane und die Erderwärmung markieren nun auch absehbare Kipppunkte zukünftiger Artensterbens.
Mit der Entdeckung des Wahnsinnsgens, das den modernen Menschen rastlos zu immer neuen Ufern streben lässt kommt Kolbert einer neuen Triebkraft auf die Spur, die den ganzen Planeten verändert. Es ist nur ein kleiner Unterschied, durch die Verbindung von Mensch und Neanterthaler entstand, in einer Phase der gegenseitigen Durchdringung, die uns bis heute ca. 4% Gene des Neanderthalers beschert hat.

Museum of Natural History
American Museum of Natural History New York: Archiv des Massenaussterbens

Kolbert führt uns schließlich ins American Museum of Natural History, in dem im Saal für Artenvielfalt ein Exponat im Boden eingelassen ist. Auf einer Platte im Boden steht, dass es fünf große Massenaussterbeereignisse auf der Erde gab, seit sich vor über fünfhundert Millionen Jahren komplexe Tiere entwickelten. Weiter heißt es dort: «Gegenwärtig befinden wir uns mitten im Sechsten Aussterben, dieses Mal ausschließlich verursacht durch die Transformation der ökologischen Landschaft durch die Menschheit.«

Kolbert schreibt mit analytischer Schärfe, direkten und klaren gewählten Worten. Es ist wie ein wissenschaftlicher Indizienprozeß, der gegen den modernen Menschen geführt wird. Sie beschreibt auch das Phänomen des beschleunigten Hintergrundaussterbens, das durch die Globalisierung ausgelöst wird.

Beschleunigtes Hintergrundaussterben

Als vor Urzeiten der homogene Urkontinent Pangäa auseinanderbrach, nahmen die Arten auf den verschiedenen Kontinenten jeweils eigene Entwicklungswege. Heute sorgen die interkontinentale Vernetzungen und Transportwege durch den Menschen dafür, dass die Biodiversität sich wieder entdifferenziert. Es entsteht eine artenärmere Erde, ein Kontinent; Pangäa wird gewissermaßen wieder hergestellt. Darwins Theorie der natürlichen Zuchtwahl und der evolutionären Vervollkommnung wird damit außer Kraft gesetzt. Spezies die an die Lebensbedingungen in Australien oder Asien besonders gut angepasst sind, sind besonders wahrscheinliche Globalisierungsverlierer, argumentiert Kolbert mit klaren Worten.

Kolberts Buch gibt durch die in klare Sprache verpackte Vielzahl wissenschaftlicher Details einen besonderen Einblick über das wohl wichtigste Thema unserer Zeit. Es ist packend geschrieben, und sollte in jeder guten Schulbibliothek zur Pflichtlektüre werden.

Literaturhinweis:

Elizabeth Kolbert:
Das 6. Sterben – Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt

Suhrkamp 2015, Gebunden, 312 Seiten
ISBN: 978-3-518-42481-0
24,95 Euro (e-book 21,99 Euro)

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m/s