Mittwoch, 13. Dezember 2017
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Etikettenschwindel beim Ökostrom

Windkraftanlage im Gewerbepark Pankow Nord

Rund 78 Prozent der Deutschen wünschen, dass ihr Strom aus erneuerbaren Quellen stammt, und kaufen zunehmend Strom aus erneuerbaren Energiequellen ein. Doch Vorsicht, es wird getrickst und im großen Stil getäuscht: Strom aus Atom- und Kohlekraftwerken einfach umetikettiert und als Ökostrom verkauft. Das WDR-Magazin „Markt“ hat den Schwindel neu aufgedeckt.

Windkraftanlage im Gewerbepark Pankow Nord
Windkraftanlage im Gewerbepark Pankow Nord

In Berlin machen sich sogar 86 Prozent der Befragten für Strom aus erneuerbaren Energiequellen, wie Sonne, Wind und Wasserkraft stark, so ermittelte es das Meinungsforschungsinstitut FORSA im Frühjahr.

Vier Stromkonzerne und nur wenige echte Ökostromanbieter

Die vier wichtigsten Stromanbieter in Deutschland sind EnBW, RWE, Eon und Vattenfall. Sie setzen auch in Zukunft vor allem auf Energie aus Kohle- und Atomkraftwerken. Die Energiekonzerne bieten jedoch auch sogenannten grünen Strom an, der meist aus „norwegischer Wasserkraft“ stammt.

Verbraucher, die zu Ökostromanbietern wechseln, können jedoch keineswegs sicher sein, tatsächlich grünen Strom zu beziehen und erneuerbare Energien zu fördern: Häufig steckt hinter dem vermeintlichen Ökostrom Energie aus Kohle- und Atomkraftwerken.

Wie geht das?

Zuerst sollte bedacht werden: die „Farbe des Stroms aus der Steckdose“ ist nur ein Etikett! Funktional und physikalisch gesehen ist Strom gleich Strom. Er kommt aus einem Netz, an dem alle Stromerzeuger angeschlossen sind. Aber nicht nur.

Die Herkunft des Stroms, und damit die Glaubwürdigkeit der „Stromquelle“ und der „Marke“ hängt davon ab, ob tatsächlich Strom von erneuerbaren Quellen eingekauft wurde. Eingekauft – nicht transportiert.

Denn es gibt einen europäischen Strommarkt, an dem mit Energie gehandelt wird, auch aus einem weitgehend separaten Netz. Zum Beispiel aus Norwegen.

Norwegisches Energieministerium 2012
Norwegisches Energieministerium 2012: Energiemix mit Kohle, Atom und Wasserkraft – Norwegen betrügt!

Der Ökostrom-Schwindel mit norwegiger Wasserkaft

Norwegen hat über 500 Stauseen und erzeugt praktisch nur erneuerbaren Strom aus Wasserkraft. Der Strom ist deshalb billig, und wird sogar zum Heizen verwendet. Der überschüssige Strom könnte nach Zentraleuropa verkauft werden – aber die dafür eigentlich erforderlichen Leitungen mit ausreichend hoher Kapazität gibt es gar nicht!

Die Internetseite des norwegischen Energieministeriums zeigt, das irgendetwas nicht stimmen kann. Dort wird angeben, dass in Norwegen 47% des Stroms aus Kohlekraftwerken, 33% aus Atomkraftwerken und 20% aus Wasserkraft stammen (Stand 2012) – obwohl es dort weder Kohlekraftwerke, noch Atomkraftwerke gibt.

Doch wie geht das, wenn in Norwegen weder Atom- noch Kohlekraftwerke stehen?

Umetikettierung von Strom: Kohle- und Atomstrom grün gefärbt

Stromanbieter, die mit 100% Ökostrom werben, versorgen ihre Kunden nicht unbedingt mit grüner Energie. Der Begriff „Ökostrom“ ist nämlich nicht an einheitliche Standards gebunden und darf von jedem verwendet werden.

Deshalb ist es Stromanbietern möglich, Kunden mit Atom- und Kohlestrom zu versorgen, diesen aber als Ökostrom zu bezeichnen. Das Ganze funktioniert mithilfe von RECS-Zertifikaten („Renewable Energy Certificate System“, englisch für „Erneuerbare-Energie-Zertifizierungssystem“).

Diese Zertifikate werden registrierten Ökostrom-Erzeugern für jedes produzierte Megawatt Strom pro Stunde ausgestellt und anschließend in einer Datenbank für den Stromhandel zur Verfügung gestellt. Stromanbieter können die RECS-Zertifikate preiswert erwerben und haben damit das Recht, ihren aus Kohle- und Atomkraftwerken stammenden Strom als Ökostrom auszugeben. Die Zertifikate sagen jedoch nichts anderes aus, als dass in irgendeinem anderen Kraftwerk in Europa die gleiche Menge Ökostrom hergestellt wurde, wie der Kunde bezieht. Die umweltfreundlichen Energieerzeuger, die ihre Zertifikate verkaufen, müssen im Gegenzug ihren tatsächlichen Ökostrom als Kohle- und Atomstrom handeln. Es findet also lediglich ein Tausch der Etiketten statt.

Strom mit grünen Etiketten
Norwegen etikettiert Strom um! Deutsch Energieversorger auch!

Grüner Strom – umetikettiert fördert Kernenergie und Kohle

Kunden, die erneuerbare Energie unterstützen wollen, finanzieren auf diese Weise Strom aus Kohle- und Atomkraftwerken. Der größte Teil ihres Geldes kommt Energieversorgern zugute, die ihrem Strom das Etikett „Öko“ aufkleben. Die Erzeuger grüner Energie erhalten lediglich den kaum nennenswerten Mehrbetrag, der durch den Verkauf der RECS-Zertifikate entsteht. Der Ausbau erneuerbarer Energien wird so nicht gefördert.

Darüber hinaus gibt es noch weitere Strategien, Kohle- und Atomstrom grün zu färben: „Manche Stromkonzerne, die alle Arten von Energieerzeugung und maßgeschneiderte Tarife im Portfolio haben, bieten zwar der wachsenden Zahl von grünen Verbrauchern Öko-Strom an. Das geht auf dann Kosten des restlichen Energiemix, der einfach weniger Öko-Strom beinhaltet.

Schon im Frühjahr 2014 hatte Öko-Test kritisiert, wie einige Stromanbieter Ökostrom bei alten Wasserwerken im Ausland einkaufen. Die Folge: so investieren die ausländischen Stromerzeuger häufig in neue Kohle- und Atomkraftwerke, um die neue Angebotslücke zu schließen.

WDR-Magazin „Markt“ enthüllt die Praxis

Das WDR-Magazin „Markt“ enthüllte am Montag abend den Schwindel: Energiepolitik: Ökostrom: Werden Verbraucher getäuscht?.

Die Verbraucher müssen nun zur Kenntnis nehmen, dass sie systematisch getäuscht wurden, mit Argumenten zum Klimaschutz „hinter das elektrische Licht geführt“ werden.

Grünstromprivileg
Grünstromprivileg vor dem Aus?

Bundesregierung plant EEG-Reform

Am kommenden Freitag soll nun die von Bundeswirtschaftsminister Gabriel (SPD) geplante EEG-Reform beschlossen werden. Doch nun gibt es im Vorfeld großen Ärger, denn auch das sogennante „Grünstrom-Privileg“ soll gestrichen werden.

In der Sendung „Markt´“ des WDR wird kritisiert:

„Das gilt zum Beispiel für Strom von Windmüller Wilhelm Lohmann. Er erhält keine EEG-Vergütung für seinen Strom, dafür aber mehr Geld: vom Ökostromhändler. Nur dadurch ist seine 14 Jahre alte Anlage überhaupt zu betreiben. Doch ausgerechnet diese Art des Ökostromhandels soll abgeschafft werden. Mit der EEG-Reform will die Bundesregierung das Grünstromprivileg streichen. „In Deutschland könnte man ohne das Grünstromprivileg und ohne eine entsprechende Nachfolgeregelung diesen Strom tatsächlich nicht mehr an die Kunden liefern. Das heißt, man wäre gezwungen, dann nur noch Wasserkraftstrom zu liefern“, so Hummel.“

Damit ergibt sich ein typisches EU-Problem staatlich gesteuerter Energiemärkte:

„Energiepolitik paradox: Mogelpackungen mit Etikettenschwindel aus Norwegen dominieren legal den Markt, während deutsche Ökostromer, die selbst ohne Förderung auskommen, trotzdem volle EEG-Umlage zahlen sollen – und so vom Markt verdrängt würden.“

WindRAD-Tour 2013 mit Sebatian Bock und Klaus Mindrup
WindRAD-Tour 2013 mit Sebatian Bock und Klaus Mindrup

Was können Strom-Verbraucher tun?

1. Echte Ökostromanbieter aufsuchen:
Verbraucher sollten genau prüfen, woher der Strom tatsächlich stammt. Ungenaue und nicht weiter ausgeführte Begriffe wie „regenerative Stromquellen“ sagen kaum etwas aus und können Kunden leicht in die Irre führen.

Stromanbieter, die tatsächlich in erneuerbare Energie investieren, sind zum Beispiel Lichtblick, Greenpeace energy, Naturstrom, Naturwatt, Polarstern oder Naturenergie. Einige Ökostromanbieter verzichten nach eigenen Angaben ganz auf den Kauf von RECS-Zertifikaten, darunter Greenpeace energy, EWS Schönau und Naturstrom.

Sie beziehen den Strom vor allem aus Wasserkraft, aber auch aus Solar-, Biomasse- oder Windenergie. Das Geld fließt somit nicht mehr in die Kassen von Kohle- oder Atomkraftwerken, sondern kommt nur den Erzeugern erneuerbarer Energien zugute.

Seriöse Ökostromanbieter erhalten ihren Strom außerdem aus Neuanlagen oder fördern diese mit einem festgelegten Betrag.

2. Label für Ökostrom
Es gibt zudem Öko-Label, die Stromanbieter auszeichnen, die tatsächlich in den Ausbau erneuerbarer Energien investieren. Dazu gehören das „Grüner Strom Label“ sowie das „ok-power Label“. Das „ok-power Label“, mit dem unter anderem Lichtblick, Naturenergie und auch Vattenfall zertifiziert sind, erlaubt jedoch den Kauf von RECS-Zertifikaten, um „schmutzigen“ Strom grün zu färben.

Wer als Verbraucher den Durchblick behalten will, kann sich sogenannte Vergleichsportale im Internet anschauen. Ein Vergleich auf Stromanbietervergleich.net zum Beispiel informiert nicht nur über aktuelle Strompreise, darunter auch die Preise von Ökostromanbietern, sondern Stromanbietervergleich.net filtert das Angebot zusätzlich auch nach Ökostrom-Zertifikaten wie „OK-Power Label“ und „Grüner Strom Label“.

Druck auf die Politik ausüben

Die Zeiten, in denen der Strom einfach aus der Steckdose kommt, sind nun offenbar vorbei. Strom wird symbolisch „grün“ aufgeladen und über Strombörsen verkauft. Die Energieversorger machen damit Gewinne, die eigentlich den Verbrauchern zustehen würden, wenn sie tatsächlich selbst in Norwegen Strom kaufen könnten.

Die Bürger und Stromverbraucher sollten sich den Stromschwindel nicht bieten lassen, und für Preiswahrheit und Klarheit eintreten. Einigen Stromverbrauchern kann auch mit Klagen wegen unlauteren Wettbewerb auf die Sprünge geholfen werden.

Wenigstens in den Vertragsbedingungen sollte schon Klarheit bestehen, was tatsächlich physikalisch verkauft wurde. Es ist auch zu hinterfragen, ob hier nicht illegale Profite erzielt wurden, weil Verbraucher arglistig getäuscht wurden.

Was die Ideen von Bundeswirtschaftsminister Gabriel (SPD) angeht, das Grünstromprivileg zu kippen: die SPD hat hier großes umweltpolitisches Vertrauen aufs Spiel gesetzt.

Auch ordnungspolitisch beweist Gabriel Rücksichtslosikeit gegenüber den mittelständischen Investoren, die vor rund 15 Jahren zu den Pionieren der erneuerbaren Stromerzeugung zählten, und nun noch vor Ablauf des Lebenszyklus ihrer Altanlagen um die Früchte ihrer Investitionen gebracht werden!

Bundestagsabgeordneter Klaus Mindrup (SPD) aus Pankow hat nun dringenden Gesprächsbedarf und muß seinen Parteivorsitzenden an alte sozialdemokratische Tugenden erinnern und den „Industriefreund im Bundeswirtschaftsminister“ zur Rede stellen. m/s

Hinweis:
Grafiken: WDR Markt, Screenshots 23.6.2014 – 21.00 – 21.45 Uhr

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m/s