Montag, 21. August 2017
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Europa am Ende der Geschichte?

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Europa befindet sich in einer tiefen Krise. Finanzkrise, Griechenland-Krise, Globalisierung und Marktöffnung – aber auch die neu auflaufende Flüchtlingskrise werfen tiefgreifende Fragen nach dem Zustand und den Perspektiven des Kontinents auf. Gleichzeitig befindet sich praktisch die gesamte Welt in einer tiefen Finanz- und Schuldenkrise – ein Systemkollaps steht womöglich bevor.

Die Wochenzeitung DIE ZEIT hat aktuell ein Interview mit dem italienischen Philosophen Giorgio Agambden geführt, das neue Sichtweisen erschließt.

Giorgio Agamben: „Europa muss kollabieren“
ZEIT | 13.9.2015 | Interview: Iris Radisch

Giorgio Agamben stellt sich gegen Brüssel und die „Politik des Geldes“. Er zählt als Philosoph zu den großen europäischen Provokateuren. Das Interview führt zu einem Austausch über den Ausnahmezustand des Kontinents und letztlich zu grundsätzlichen Fragen: Was müssen wird tun, um nicht mit ihm unterzugehen?

Agamben: „Denn die eigentliche Frage lautet: Was verbirgt sich hinter der globalen Herrschaft des ökonomischen Paradigmas? Was sind die tieferen Gründe für die Verdrängung des Politischen durch die Ökonomie? Wir haben es mit einem Problem zu tun, das jenseits der Partikularinteressen der Kapitaleigner und Banker einen entscheidenden Moment nicht nur der Geschichte Europas, sondern auch der menschlichen Gattung als solcher markiert.“

Agamben greift ins Mittelalter zurück und fragt danach, weshalb sich „… dass nicht selten Menschen, die der vermögendsten und gebildetsten Schicht angehörten, wie es bei Basilius dem Großen, Benedikt von Nursia, dem Gründer des Benediktinerordens, und später bei Franziskus der Fall war, den Entschluss fassten, aus der Gesellschaft, in der sie bislang lebten, auszusteigen, um eine radikal andere Lebensgemeinschaft oder, was meiner Ansicht nach dasselbe ist, eine radikal andere Politik zu begründen.“

Agamben sieht eine Alternative darin, nicht den Kampf, sondern nach Auswegen zu suchen. Agamben: „Ich halte die Zeit für gekommen, dieses überholte Modell aufzugeben, um unser Denken auf etwas zu richten, was man „destituierende“ beziehungsweise „aufhebende Kraft“ nennen könnte – das heißt auf eine Kraft, die die Form einer konstituierten Gewalt schlechterdings nicht annehmen kann.“

Agamben weist auf den inneren Zerfall zentraler sinnbildender Glaubenssysteme: „Es besteht kein Zweifel daran, dass heutzutage kein intelligenter Mensch mehr bereit ist, an die Institutionen, die Kirche eingeschlossen, und die existierenden Werte zu glauben, zumal Letztere sich auf den Euro reduzieren lassen, wie wir das in Europa sehr schön sehen konnten. Das griechische Wort für „Glaube“, pistis, das im Neuen Testament verwendet wird, bedeutet ursprünglich „Kredit“, und Geld ist nichts anderes als ein Kredittitel. Doch dieser Titel basiert – besonders seit Nixon die Goldbindung des Dollar aufgehoben hat – auf dem Nichts. Die europäischen Demokratien, die sich laizistisch nennen, beruhen auf einer leeren Form des Glaubens. Auf einem Nichts beruht, was man heute mit jenem scheinbar ehrwürdigen Wort Europa nennt. Doch ein auf das Nichts ausgestellter Kredit kann nicht ewig bestehen.“

Der Zerfall Europas ist womöglich kaum aufzuhalten … ein Systembruch bahnt sich an.

Agamben sieht als Philosoph einen grundsätzlichen Weg: „Der Begriff des Gebrauchs steht auch im Zentrum meines letzten Buches L’uso dei corpi („Der Gebrauch der Körper“). Eine Lebensform zu erfinden, die nicht auf der Tat und dem Eigentum begründet ist, sondern auf dem Gebrauch – noch so eine Aufgabe, der sich eine kommende Politik verschreiben müsste.“

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m/s