Dienstag, 21. November 2017
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Fachtagung „Wohnen für Alle“ #1

Fachtagung "Wohnen für Alle" - 14.4.2015

Am 14. April trafen sich rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei der Fachkonferenz „Wohnen für alle! – Teilhabe für Menschen mit Behinderung in der Zentrale der Bank für Sozialwirtschaft in Berlin-Mitte. Die Tagung unter der Schirmherrschaft von Ulla Schmidt, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, kam auf Initiative von Klaus Mindrup (MdB SPD) zustande.

Fachtagung "Wohnen für Alle" - 14.4.2015
Fachtagung „Wohnen für Alle“ – Teilhabe für Menschen mit Behinderungen am 14.4.2015

Die Begrüßung der Gäste übernahmen Mathias Ninke, Direktor bei der Bank für Sozialwirtschaft, Klaus-Uwe Benneter, Aufsichtsratsvorsitzender der Spastikerhilfe eG und neben Klaus Mindrup auch Dirk Gerstle, Staatssekretär für Soziales in der Senatsverwaltung in Berlin.

Die Tagung widmete sich Fragen der Teilhabe von Menschen mit Behinderung rund um den Themenkomplex „Wohnen“. Mit dieser Tagung wurde eine erste Veranstaltung zum Thema im Jahr 2014 fortgesetzt. Auf der Auftaktveranstaltung im vergangenen Oktober wurden u.a. genossenschaftliche Wohnmodelle als mögliche Wohnformen für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen vorgestellt. Gerade für diese Menschen ist es notwendig, dass das Zusammenwirken von Verwaltung, Wohnungswirtschaft, Sozialwirtschaft und den betroffenen Menschen für eine bezahlbare Wohnraumversorgung besser gelingt.

Die Tagungen bereiten ein von Klaus Mindrup und Michael Groß (MdB SPD) initiertes gemeinsames Bündnis mit der Spastikerhilfe Berlin eG und dem Paritätische Wohlfahrtsverband LV Berlin e.V. vor. Ziel ist die Schaffung von barrierefreiem Wohnraum in Berlin. Mindrup und Groß sind beide Mitglied im wichtigen Bundestagsausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, und nehmen die Interessen der Menschen mit Behinderungen ins Visier.

Wichtige Anregungen und Leitgedanken für die Politik

Als Gast war Dr. Adolf Ratzka vom Institut für Selbstbestimmtes Leben aus Stockholm eingeladen. Aufgrund einer kurzfristigen Verhinderung hatte er sein wichtiges Thema übermittelt, sein Vortrag wurde vom Moderator Alfred Eichhorn verlesen.
Der 70-jährige in Deutschland aufgewachsene und seit langem in Schweden lebende Ratzka nutzt selbst einen Elektrorollstuhl und ein Beatmungsgerät. Er hat nicht nur das schwedische Assistenzgesetz entscheidend mitgeprägt, sondern die Philosophie des Selbstbestimmten Lebens und damit auch die Aktivitäten der deutschen Selbstbestimmt Leben Bewegung entscheidend geprägt. Ratzka leitet heute das Independent Living Institute in Stockholm und hat die „Schwedische Assistenzreform von 1994“ entscheidend mit geprägt, die noch einmal auf der Fachtagung vorgestellt wurde (Die Schwedische Assistenzreform von 1994).
Kern der Reform ist die „Deinstitutionalisierung“ der Betreuung und Pflege und die Einrichtung von „selbstverwalteten Assistenzgeldern“, die selbstbestimmt an die Assistenten ausgezahlt werden, und einem leistungsbezogenen Gehalt gleichen. Das schwedische Modell kommt mit weniger Verwaltungskosten aus, und schafft überdies hochqualifizierte Arbeitsplätze. In der Summe entsteht sogar ein volkswirtschaftlich meßbarer Nutzen bei Steuerzahlungen und Sozialabgaben.

Der Vortrag von Ratzka stieß auf viel Beifall und wurde als wichtige Anregung aufgefasst, auch unter den zum Teil anwesenden institutionellen Trägern.

Hoher Bedarf nach barrierefreien Wohnraum

Fachleute schätzen einen steil ansteigenden Bedarf für barrierefreie Wohnungen. Derzeit leben in Deutschland rund 7,5 Millionen Menschen mit einer Schwerbehinderung. Der Wohnungsbedarf wird sich im Lauf des demografischen Wandels bis 2030 auf rund 3 Millionen zusätzliche barrierefreie Wohnungen ausweiten (derzeit gibt es ca. 500.000 barrierefreie Wohnungen die bekannt sind.) Die genaue Zahl von barrierefreien Wohnungen ist gar nicht bekannt.
Dr. Tobias Hackmann, Projektleiter für Pflegepolitik und Pflegemarkt untersucht die volkswirtschaftlichen Bedarfsgrößen und schätzt die absehbaren Bedarfs- und Kostensteigerungen voraus. Wenn nicht grundlegende Systemänderungen und Kostensenkungen umgesetzt werden, würden die Sozialkosten von heute 41,1% des Bruttolohns auf 47,8% im Jahr 2040 ansteigen.

Hackmann weist in einer aktuellen Studie „Pflege vor Ort gestalten und verantworten – Konzept für ein Regionales Pflegebudget – Link“ darauf hin, dass in der Gesundheits- und Pflegepolitik in Deutschland eine enorme Fachkräftelücke entsteh.

Hackmann: „Es wird sehr viel über die Knappheit finanzieller Ressourcen gesprochen. Dabei ist lange vergessen worden, dass zusätzlich zur Finanzknappheit aufgrund der demographischen Entwicklung Probleme entstehen werden, die in Zukunft benötigten Fachkräfte zu finden und zu halten. Wenn alles so weitergeht wie bisher, fehlen bis 2030 allein in der Pflege rund 500.000 Vollzeitkräfte, wobei sich bei dieser prognostizierten Versorgungslücke starke regionale Unterschiede bemerkbar machen. Nur eine konsequente Stärkung der ambulanten Versorgung und eine Mobilisierung zivilgesellschaftlichen Engagements kann diese Situation entspannen.“

Auch bei der Nachfrage nach barrierefreien Wohnungen sieht Hackmann einen steil wachsenden Bedarf, der je nach Szenario unterschiedlich hoch ausfällt. In der Nachfrage zum Vortrag wurde deutlich, dass Hackmann noch nicht über eine gesicherte Datenbasis für Zahlen über barrierefreie Wohnungen verfügt, da es am Markt viele Begriffe gibt, wie „altengerecht“, „Seniorenwohnen“ und „behindertengerechtes bzw. barrierefreies Wohnen“.

Fachtagung "Wohnen für Alle" - Teilhabe für Menschen mit Behinderungen am 14.4.2015
Fachtagung „Wohnen für Alle“ – Teilhabe für Menschen mit Behinderungen am 14.4.2015 – Vortrag: Dominik Peter

Erhebliche Versorgungslücken bei barrierefreien Wohnraum

Dominik Peter, Vorstand im Paritätischen Wohlsfahrtsverband und Vorsitzender des Berliner Behindertenverband wies auf die Bedeutung des Faktors Barrierefreiheit hin, der hohe Kosten bei den Sozialversicherungsträgern sparen kann, wenn die baulichen Voraussetzungen gegeben sind.
Mit Bezug zur „Evaluation des KfW-Förderprogramms „Altersgerecht Umbauen“, die ebenfalls 2014 von der PROGNOS erstellt wurde, nannte Peter besorgniserregende Zahlen.

Handlungsbedarf
Personen mit Bewegungseinschränkungen über 65 Jahre
2015 = 72,8% ——— 2030 = 62,6% – trotz prognostizierten Zubau im KfW-Programm

Personen über 65 Jahre (seniorengerechtes Umfeld)
2015 = 92,6% ——— 2030 = 89,9% – trotz prognostizierten Zubau im KfW-Programm

Personen mit ambulanter Pflege – auch Wohngruppen
2015 = 59,5% ——— 2030 = 42,9%

Das Fazit war deshalb klar: auf die Wohnungswirtschaft kommt eine gewaltige Herausforderung zu, die nur durch eine breite Initiative und Förderung bewältigt werden kann.

Fachtagung "Wohnen für Alle" - Teilhabe für Menschen mit Behinderungen am 14.4.2015
Mechthild Rawert. Klaus-Uwe Benneter, Reinald Purmann, Tobias Hackmann, Klaus Mindrup, Alfred Eichhorn, vorn: Annieke Fimmen und Dominik Peter

Ende Teil #1 – Fortsetzung folgt, u.a. :
– Was sagen die Berliner Parteien? Positionierung der baupolitischen Sprecher der Fraktionen des Berliner Abgeordnetenhauses
– Novellierung der Berliner Bauordnung geplant und in der parlamentarischen Abstimmung
– Arbeitsgruppe: Wie gelingt ein besseres Zusammenwirken von Verwaltung, Wohnungswirtschaft, Sozialwirtschaft & Betroffenen?
– Arbeitsgruppe: Neue Wohnformen für selbstbestimmtes Leben
– Statements von Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) und Staatsekretär im Bauministerium Florian Pronold (SPD).

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m/s