Sonntag, 17. Dezember 2017
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Filmreihe im Arsenal

Kulturen des Wahnsinns

Eine neue Filmreihe im Arsenal, Institut für Film und Videokunst setzt sich mit den geistig-kulturellen Konstrukten des modernen und zeitgenössischen Finanzkapitalismus auseinander.

Das Thema erregt einiges Aufsehen und eröffnet einen tiefen Blick in unsere geistig kontruierte Auffassung von Wirklichkeit und Ökonomie:

SPEKULANTENWAHN. ZWISCHEN ÖKONOMISCHER RATIONALITÄT UND MEDIALER IMAGINATION
Eine Filmreihe des Goethe-Instituts und der DFG-Forschungsgruppe „Kulturen des Wahnsinns“ am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin

Mit Filmen von Brigitte Bühler & Dieter Hormel, Harun Farocki, Gerhard Fieber, Zachary Formwalt, Jan Peter Hammer, Thomas Imbach, Jam Handy Organization, Walter Koch, Peter Krieg, Marcel L’Herbier, Hans Richter, Vermeir & Heiremans.
Kuratiert von Florian Wüst

Filmreihe im Arsenal – Institut für Film und Videokunst
15. Oktober – 12. November 2013

Eröffnung: Dienstag, 15. Oktober, 19.30 Uhr, Arsenal 1:

L’Argent, Marcel L’Herbier, F 1928, 164′
Am Flügel: Eunice Martins
Einführung: Christina von Braun, Florian Wüst

Je höher das Risiko, desto größer der Gewinn. Dieses Prinzip liegt vor allem dem Handel mit Finanzderivaten zugrunde. Kapital, das sich vermehrt, ist immer spekulativ; es baut auf das Vertrauen in zukünftige Preise. Stürzen die Preise ein, kollabiert das System. Doch wie in den jüngsten Bankenkrisen springt der Staat bei und deckt die Verluste. Die Börse als Schauplatz des individuellen und kollektiven Spekulantenwahns, der Eigensinn dieser Institution und ihrer Akteure stellen Facetten einer ambivalenten „Magie der modernen Finanzwelt“ dar. Der Film war von Anfang an das ideale Medium für die Inszenierung derjenigen Bereiche der Massengesellschaft, die sich einer rein rationalen Ordnung und Berechenbarkeit entziehen, in der Spiel, Lust und das Imaginäre das Handeln überlagern. Spekulantenwahn. Zwischen ökonomischer Rationalität und medialer Imagination untersucht das Verhältnis von Börse, Geld und Kino vor dem Hintergrund der ökonomischen, sozialen und technischen Entwicklungen des 20. und frühen 21. Jahrhunderts.

Marcel L’Herbiers monumentaler, für seine Zeit extrem aufwendig produzierter Stummfilm L’ARGENT (1928) entstand nach dem gleichnamigen Roman von Emile Zola, in welchem der skrupellose Spekulant und Financier Saccard mit aller Macht den Aktienkurs seiner Bank steigern will. (15.10.) Das Programm mit Kurzfilmen u.a. von Zachary Formwalt, Hans Richter und Vermeir & Heiremans führt von frühen Fotografien der Londoner Börse über die Automatisierungsprozesse der Nachkriegszeit bis zur zeitgenössischen Aufwertung von Luxusimmobilien durch Kunst. (22.10.) Peter Kriegs dreiteiliger Dokumentarfilm DIE SEELE DES GELDES verknüpft die kritische Analyse der Verschuldung der Dritten Welt in den 1970er und 80er Jahren mit Exkursen über Kolonialismus und Geld, Religion und Psyche. (28.10.) Thomas Imbachs WELL DONE beschreibt in seriellen Montagen den postindustriellen Arbeitsplatz mit seinem Diktat des Datenflusses. Als Vorfilm: DAS NEUE WERKZEUG, eine IBM-Auftragsproduktion von 1962. (5.11.) In NICHT OHNE RISIKO dokumentiert Harun Farocki die harten Verhandlungen zwischen Unternehmern und Investoren, während Jan Peter Hammers THE ANARCHIST BANKER ein TV-Gespräch mit einem egozentrischen Bankier inszeniert. (12.11.)

Di, 22. Oktober 2013, 19.30 Uhr
Inflation, Hans Richter, D 1928, 3′
Round & Round, Jam Handy Organization, USA 1939, 6′
Die Heinzelmännchen, Gerhard Fieber, BRD 1962, 11′
Malaria!: Geld-Money, Brigitte Bühler & Dieter Hormel, BRD 1983, 4′
In Place of Capital, Zachary Formwalt, NL 2009, 24′
The Good Life (A guided tour), Vermeir & Heiremans, B 2009, 16′

Di, 29. Oktober 2013, 19.30 Uhr
Die Seele des Geldes, Peter Krieg, BRD 1987, 135′

Di, 5. November 2013, 19.30 Uhr
Das neue Werkzeug, Walter Koch, BRD 1962, 12′
Well Done, Thomas Imbach, CH 1994, 75′

Di, 12. November 2013, 19.30 Uhr
Nicht ohne Risiko, Harun Farocki, D 2004, 52′
The Anarchist Banker, Jan Peter Hammer, D 2010, 30′
Zu Gast: Jan Peter Hammer

Nach Abschluß der Filmreihe findet am 15. und 16.11.2013 unter dem gleichen Motto eine Konferenz im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität zu Berlin statt.
Die Konferenz der DFG-Forschergruppe „Kulturen des Wahnsinns“ am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität in Verbindung mit der Filmreihe des Goethe-Instituts im Kino Arsenal, wird kuratiert von Florian Wüst.

Forschungsansatz – bedeutsam für das Verständnis von Kultur, Ökonomie, Zivilisation und Kreativität

Kulturen des Wahnsinns
Schwellenphänomene der urbanen Moderne (1870-1930)

„Ziel des Forschungsverbundes ist es, eine moderne Kulturgeschichte des Wahnsinns zu entwickeln. Es werden jene Diskurse, Praktiken und Techniken untersucht, mit denen der Wahnsinn zwischen 1870 und 1930 in die Gestaltungen und Vielfalt unseres modernen Verständnisses ausdifferenziert wurde. Wir betrachten „Wahnsinn“ als Feld einer Neubestimmung von Subjektivität und Individuation, die sich in den Jahren zwischen der Gründung des Deutschen Reiches und dem Vorabend des Faschismus vollzog und den Beginn einer „urbanen Moderne“ markiert. Wir untersuchen „Wahnsinn“ unter dem epistemologischen Ansatz eines Schwellenraumes, der sich für einen interdisziplinären Zugriff anbietet, da er es erlaubt, Ausdrucks-, Regulierungs- und Diskursivierungsformen im urbanen Setting zu analysieren. übergangs- oder Schwellenphänomene markieren die Aushandlungsbereiche sehr unterschiedlicher Wissensräume und soziokultureller Lebens- und Erfahrungsbereiche: Biographisch können sie von den Betroffenen und ihren Angehörigen als Einbruch und Dekompensation des Alltags erlebt und verarbeitet werden, politisch von Fürsorge- und Sozialeinrichtungen in Interventions- und Unterstützungsstrategien bürokratisiert werden, institutionell von Heilanstalten durch administrative Regelwerke verwaltet und medizinisch schließlich als psychiatrische Symptomatik konzeptualisiert werden. Schwellenphänomene des urbanen Wahnsinns werden aber auch in der Literatur, der Malerei und der bildenden Kunst dargestellt und anhand ästhetischer Kriterien ausgehandelt, in Theater, Film und Musik inszeniert und performativ vermittelt, ebenso in Bohèmekulturen und Verhaltensstilen artikuliert, als unheimliche Instanz des übersinnlichen im Okkulten ausgemacht oder auf die Figur des Künstlers projiziert. Anhand der Analyse von Wert- und Handlungsmustern in diesen Schwellenbereichen werden die komplexen Interaktionen zwischen Kranken, Angehörigen, engagierten Laien, teilnehmender öffentlichkeit, Fürsorgevertretern, städtischen Beamten, Geistlichen, Künstlern, Kulturkritikern und schließlich Ärzten und Wissenschaftlern erfasst. Diese Multiperspektivierung der Schwellenphänomene rekonstruiert die modernen Umgangsweisen mit Wahnsinn und erlaubt dessen Variationen in ihrer kulturellen Wirkmächtigkeit zu untersuchen.“

Die Arbeit des Forschungsverbundes knüpft an die Arbeit des ehemaligen Sonderforschungsbereiches 447 „Kulturen des Performativen“ an der FU-Berlin an.

Seit „Entdeckung“ des Performativen“ in den Kulturwissenschaften (Geistes- und Sozialwissenschaften) hat sich seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts ein Wechsel der Forschungsperspektiven angebahnt. Dieser Wandel hängt mit einem veränderten Verständnis von Kultur zusammen. Bis in die späten achtziger Jahre dominierte die Erklärungsmetapher „Kultur als Text“. Die neue Erklärungsmetapher baut auf dem Verständnis von „Text“ als Sprechakt und prozesshafter Verwendung von Sprache.

Die Begriffe „Performanz“ und „Performativität“ erfahren seit den 1990er Jahren als Analysekategorie kultureller und sozialer Phänomene eine geradezu inflationäre Verwendung in den Geisteswissenschaften. Während Philosophie, Linguistik und Soziologie, ausgehend von Austins Sprechakttheorie, insbesondere die Frage nach den Gelingensbedingungen sprachlicher Handlungen stellen, beschäftigen sich die kultur- und medienwissenschaftlich orientierten Disziplinen mit der Prozesshaftigkeit und Wirklichkeit konstituierenden Funktion körperbezogener Handlungen, Aufführungen und Inszenierungen.

Der neue DFG-Forschungsschwerpunkt fasst nun ein heißes Eisen an: Geistige „Schwellenphänomene“ der Moderne werden anhand von „Ego-Dokumenten“, literarischen und psychiatrischen Texten, untersucht, die zwischen 1870 und 1930 verfaßt wurden. Es war die Zeit der wilhelminischen Revolution der Massenmedien, und zugleich die Ära des Aufschwungs von Psychoanalyse und Bohème. Es war auch die Zeit der Entstehung großer Ideologien, die das 20. Jahrhundert zum mörderischten Jahrhundert der Menschheitsgeschichte machten.

Der DFG-Forschungsschwerpunkt soll untersuchen, wie „Fabulieren und Querulieren eigenständigen Regeln, Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien folgen, deren Eigenlogik auf mediale Voraussetzungen, den Prozess des Schreibens selbst und kulturelle Faktoren zurückgeführt werden können.“

Der Forschungsansatz greift in eine Zeit zurück, in der sprachliche und kulturelle Phänomene enstanden, die für das Verstehen unserer heutigen Kulturkrise bedeutsam sind.
Wie nah Wahn und Spekulantenwahn beieinander sind, konnte man in der kulminierten Finanzkrise des Jahres 2008 beobachten, als „erfahrenen Bankern“, die sich um Umgang mit digitalisierten und virtualsierten Finanzprodukten sicher wähnten, plötzlich „fiktionalisierte Finanzprodukte“ aufgeschwatzt wurden.“

Und schon wieder befinden wir uns in einer Finanzblase, die alle Elemente von märchenhaften Wahn und theatralischen Storytelling in sich trägt. m/s

Weitere Informationen:

www.arsenal-berlin.de
www.kulturen-des-wahnsinns.de

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m/s