Samstag, 18. November 2017
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Französisch Buchholz – bitte erst fertig bauen!

Französisch Buchholz: Lage gut - Nutzung ungenügend!

/// Kommentar /// – Fast täglich taucht in der Berliner Presselandschaft das Wort „Elisabethaue“ auf. Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) will eine „Neubauoffensive“ und zwar „dringend und schnell„. Die rund 73 Hektar große Elisabethaue spielt in den Gedankenmodellen des Senators bereits eine tragende Rolle: “ … dort ist Raum für 5000 Wohnungen und rund 10.000 Bewohner.“

Französisch Buchholz: Lage gut - Nutzung ungenügend!
Französisch Buchholz: Lage gut – Nutzung ungenügend!

Im Bezirk Pankow gibt es Widerstand gegen die Bebauung, der von der Bürgerinitiative Elisabethaue getragen wird. Zwischen den in der Pankower BVV vertretenen Parteien gibt es Differenzen, die aber noch nicht offen und mit pointierten Positionen ausgetragen wurden. Bündnis 90/Grüne waren zunächst ihrer Satzung gefolgt, und hatten die Positionen der Bürgerinitiative Elisabethaue in der BVV vorgetragen. Bei der SPD wollte man pragmatischer sein, und den Bezirk im Spiel halten, weil eine Verlagerung der Zuständigkeiten auf die Senatsebene mit einem bedeutenden Verlust an Gestaltungsmöglichkeiten im Bezirk verbunden ist.

De Facto findet aber schon längst eine Hinterzimmer-Stadtplanung statt: die Senatsverwaltung spricht und verhandelt längst auf Investoren-Ebene, mit landeseigenen Wohnungsgesellschaften und mit altbekannten Projektentwicklern, ohne dass irgendein Parlamentarier oder Stadtplaner des Bezirks bisher mitreden kann.

Screenshot: Berliner Morgenpost 6.5.2015
Screenshot: Berliner Morgenpost 6.5.2015: Berlin benötigt Neubauoffensive, „dringend und schnell“ – Beitrag von Andreas Abel, Joachim Fahrun und Isabell Jürgens – Foto: Reto Klar

Der Nichtexperte, Betriebswirt und Stadtentwicklungssenator Geisel setzt offenbar die gleiche klandestine Baupolitik seines Amtsvorgängers Michael Müller fort, und macht die gleichen Fehler wie schon am Mauerpark, indem er erst Verträge schließt, und dann Baurecht schaffen will – als ob es kein Baurecht gäbe! Das größte Problem für die Stadt: der Nichtexperte Geisel denkt nur in „Wohnungsbauzahlen“ – und hat offenbar von Stadtentwicklung, Umwelt und Verkehr bislang keine sonderliche Ahnung gezeigt.

Zwei Anlässe, neu über Französisch Buchholz nachzudenken

In Französisch Buchholz gib es nun zwei Anlässe, sich einmal mehr mit Zukunft und städtebaulichen Qualitäten zu befasssen. Im Rahmen der Fortschreibung des neuen Einzelhandelskonzeptes für den Bezirk Pankow wurden im März auch Bürger zum Bereich Französisch-Buchholz befragt.
Dabei kam heraus: für den Bereich Hugenottenplatz gibt es eigentlich keinen Blick, obwohl dieser Platz eigentlich städtebaulich als zentraler Stadtplatz des Neubaugebietes Buchholz West konzipiert worden war. Rund 7.500 Quadratmetern Einzelhandelsflächen im Bereich Hauptstraße/Rosenthaler Weg stehen zudem ein Mehrfaches an Parkplatzflächen gegenüber, die eine fußläufige Erreichbarkeit für eine älter werdende Bevölkerung immer problematischer machen.

Französisch Buchholz sieht zum Teil „menschenleer aus, wie Las Vegas nach der Wasserkrise“, als ob ein Baubom urplötzlich gestoppt und ein Stadtteil nicht zu Ende gebaut wurde.

Französisch Buchholz: Lage gut - Nutzung ungenügend!
Französisch Buchholz: Lage gut – Nutzung ungenügend! Autos statt Wohnen & Geschäfte

Wir erinnern uns:

Das Neubaugebiet Buchholz-West war eines der ersten und größten Wohnungsbauvorhaben, welches in Berlin als Projekt auf der Grundlage von Voruntersuchungen und städtebaulichen Verträgen (gemäß § 6 und 7 BauGB-MaßnG vom 17. Mai 1990 i.V.m. § 124 BauGB) entstanden ist. Die damals abgeschlossenen Verträge schufen die Voraussetzungen dafür, von einer förmlichen Festlegung des Bereiches als städtebaulichen Entwicklungsbereich abzusehen. Das hat dem verschuldeten Bezirk Pankow zunächst viel Geld erspart, war aber mit einem gravierenden, bis heute nachwirkenden Nachteil verbunden:

Die Investoren fühlten sich nur für „ihre Flächen“ zuständig, eine über die Parzelle und Grundstücksgrenzen hinausgehende „Stadtentwicklungspolitik“ blieb aber stecken.
Änderungen in der Wohnungsbauförderung brachten die bislang auf „Wohnungsbau“ konzentrierte Stadtentwicklung zum Erliegen – wichtige Ausbaupläne blieben sogar unrealisiert, obwohl längst Pläne vorlagen. Andere Vorhaben wiederum wurden herabgestuft und mit geringerer Baudichte und als Eigentumswohnen realisiert.

Französisch Buchholz: ÖPNV 1a - Architektur Null!
Französisch Buchholz: ÖPNV 1a – Architektur Null!
Französisch Buchholz: bauliche Leere
Französisch Buchholz: bauliche Leere mit Parkplatzeinöde

Französisch Bucholz – ein unfertiger Stadtteil

Insbesondere im Bereich der abknickenden Straßenbahnführung an der Hauptstraße /Ecke Mühlenstraße und im Verlauf des Rosenthaler Weges sind viele städtebaulich und wirtschaftlich schlecht genutzte und unattraktive Gebäude und Grundstücke zu finden. Ein Blick über die vielen, viel zu großen Parkplätze zeigt: hier besteht noch ganz beachtliches Entwicklungspotential.
Französisch Bucholz ist städtebaulich ein Flickenteppich, der mal traditionelle Vorstadt, mal Einkaufzentrum, mal Neubaugebiet und mal Einfamilienhausvorstadtsiedlung ist.
Wer einkaufen möchte, muß fast zwingend über die Nahversorgungsdistanz von 700-800 Metern hinaus mobil sein. Die zu geringe Dichte der Wohnbebauungen verhindert auch, dass sich genügend Zentralität und Umsatz für ein gemischtes Einzelhandelszentrum herausbilden kann.

Französisch Buchholz: Filetgrundstücksecke mit EFH
Französisch Buchholz: Filetgrundstücksecke mit EFH – Rosenthaler Weg/Blankenfelder Str.

Bürgerdialog ohne Architekten, Stadtplaner und Experten

Am 15. April fand der erste Bürgerdialog zuder von der Senatsverwaltung angedachten Bebauung der Elisabethaue statt. Um im Vorfeld möglicher nachhaltiger Bürgerproteste einen Dialog in Gang zu setzen, war dies ein erster vernünftiger Schritt. Doch die von Seiten des Bürgervereins Französisch Buchholz e.V. und der SPD Französisch Buchholz eingeladenen Sprecher haben bislang noch kein richtiges Konzept, wie mit dem „Projekt“ umzugehen ist.

Klaus Mindrup (MdB-SPD), Alex Lubawinski (MdA-SPD), Peter Brenn (BVV-Bündnis 90/Grüne und Rainer-Michael Lehmann (MdA-SPD) hätten die Gelegenheit nutzen können, einmal in die jüngere Vergangenheit einer „unvollkommenen und unvollendeten Stadtentwicklung in Französisch Buchholz einsteigen können, aber Fachleute und Experten der „gebauten Vergangenheit“ waren nicht eingeladen worden.

Über 100 Gäste hatten jedoch die Möglichkeit, ihre Meinungen per Fragebogen an die Entscheidungsträgern in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zu übermitteln. Die Gedanken und Aspekte sind nun aber für die Öffentlichkeit „unsichtbar“ im Zettelkasten verborgen.
Leider hat die Pankower Stadtentwicklungspolitik bisher kein Leitbild für die künftige Entwicklung in Pankow formuliert, obwohl dies gerade in Französisch-Buchholz nötig wäre, um neue städtebauliche Sünden zu vermeiden.

Französisch Buchholz:
Französisch Buchholz – Leere: „Wie Las Vegas nach der Wasserkrise!“

Französisch Buchholz – bitte erst fertig bauen!

Die Diskussion um die Bebauung der Elisabethaue wird bisher vorwiegend als „Pro und Contra“ geführt. Wichtige Ideen und Ansätze drohen dabei unterzugehen und in Vergessenheit zu geraten.
In Französisch Buchholz kann man heute besichtigen, dass es nicht genügt, einfach nur Wohnungen zu bauen, und mal eben eine landeseigene Gesellschaft zu beauftragen. Auch Arbeiten, Leben, Kultur, Einkaufen und Versorgung müssen räumlich organisiert werden und „ökonomisch“ tragfähig sein.

Urbanität heißt die Zukunftsaufgabe, mit ausreichend Wohnen, aber auch kurzen Wegen und ausreichender Dichte, damit sich überhaupt Einzelhandel entfalten kann.
Vor allem aber muß die Stadtentwicklungspolitik auf Fachkompetenz setzen, und das gesamte Instrumentarium von Stadtentwicklung, Umweltschutz und Verkehr – einschließlich der baurechtlichen und städtebaurechtlichen Förderinstrumente in Gang setzen.

Stadtentwicklung ist eine komplexe Aufgabe – und kann nicht allein fachfremden Stadtentwicklungssenatoren überlassen bleiben, die alle 10 Jahre irgendeinen Acker zubauen, um unmittelbar daneben unbearbeitete Baustellen liegen zu lassen.

Mit ein paar klugen Ideen, städtebaulichen Wettbewerb, Architekturwettbewerb und Infrastrukturplanungen könnten auch die bisherigen Eigentümer zu einer höheren baulichen Nutzung motiviert werden. Platz für ca. neue 3.000 Wohnungen ist bereits heute in Französisch Buchholz auf voll erschlossenen Grundstücken da! Baurecht nach §34 geht auch meist noch!

Berlin braucht mehr „österreichische Baupolitik“, „mehr „bayrische Baupolik“ und mehr „hanseatische Baupolitik“ – die sozialdemokratisch genannte Hinterzimmmerpolitik von Müller/Geisel & Co ist kein Zukunftsmodell mehr!

Die städtebaulichen Fehler von Neu-Karow und Bucholz West müssen zuerst geheilt werden, bevor irgendeine Ackerkrume in Pankow neu bebaut wird. Eine lebenswerte Stadt ist mehr als nur Wohnen!

* österreichische Baupolitik
= sozialer Wohnbau für 4,78 €/Quadratmeter/Monat im Neubau

** bayrische Baupolik (Augsburger Modell)
= Wohnungsbauförderung durch verbilligte landeseigene Grundstücke 4,80 €/5,60 €/6,50 €

*** hanseatische Baupolitik
= Sozialquote im Neubau, Verkauf von Friedhöfen, zu großen Schulhöfen für Wohnbau

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