Freitag, 18. August 2017
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Gastfeindschaft – was lehrt uns die Literatur?

Tagung: "Gastfeindschaft" im ICI - Kulturlabor Berlin

Gastfreundschaft und -feindschaft zugleich? – Der Umgang mit dem Fremden in Literatur und Literaturwissenschaft war das Thema der Jahrestagung der Friedrich Schlegel-Graduiertenschule ( FSGS ) am 10. und 11. November im ICI-Kulturlabor auf dem Pfefferberg. Die Tagung stellte sich einem hochaktuellen Themenkomplex, und versammelte Germanisten, Literaturwissenschaftler und Sprachwissenschaftler aus Berlin und dem europäischen Raum.

Tagung: "Gastfeindschaft" im ICI - Kulturlabor Berlin
Tagung: „Gastfeindschaft? Aporien des Umgangs mit dem Anderen in Literatur und Literaturwissenschaft“ 10.-11.11.2015 im ICI – Kulturlabor Berlin

Johannes Kleine, Stipendiat der FSGS und Mitorganisator der Tagung gab in einem Interview des Online-Magazins campus.leben der FU-Berlin den Leitgedanken der Tagung wieder, und erläuterte, was er unter dem Begriff „Gastfeindschaft“ versteht:

„Der französische Philosoph Jacques Derrida war der Meinung, dass Gastfreundschaft nicht nur bedeute, einem Fremden die Tür zu öffnen, sondern gleichzeitig auch nicht zu wissen, wer der Gast sei: ob er „Gast ist und nicht Mörder“. Um diese Gleichzeitigkeit von Gastfreundschaft (hospitalité) und -feindschaft (hostilité) auszudrücken, schlug er den Begriff „hostipitalité“ vor, den wir mit Gastfeindschaft übersetzt haben.

Dieser sehr auf den Punkt gebrachte Terminus macht auf das Phänomen aufmerksam, das wir im Rahmen der Tagung diskutieren wollen: Wie begegnet man dem Fremden gastfreundlich? Wie kann man ihm so unvoreingenommen entgegentreten, dass man eine Veränderung des Eigenen zulassen kann? Wir denken, dass die Literatur als eine Art verlangsamte gesellschaftliche Selbstvergewisserung etwas über die derzeitige Migrationsentwicklung und Fluchtbewegung sagen kann, was andere Diskurse vielleicht nicht können.“

Tagung mit aktuellen Bezug zum Thema Flüchtlinge

Anders als sonst üblich fand die Tagung in deutscher Sprache statt, denn man wollte der aktuellen Flüchltlingspolitik besondere Aufmerksamkeit widmen. Die hinter dem Begriff „Gastfeindschaft“ lauernde Fragestellung war ganz pragmatisch angelegt: „Was kann Literatur beitragen, um die heutige Situation besser verstehen zu können?“

Umfangreiches Tagungspanel mit vielen Bezügen

Die Tagung war in mehrere Panels aufgeteilt, und behandelte so wichtige literarische Teilperspektiven:

– Reiseliteratur als Konstruktions- und Erfahrungsraum von Hospitalität und Hostilität
– Literatur und Gemeinschaft
– Flüchtlinge in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

Das Thema Reiseliteratur war richtig als Ausgangspunkt gesetzt: „Seit der Antike sind Gastfreundschaft und Reisen eng miteinander verknüpft: Wer auf Reisen geht und seine Heimat verlässt, bedarf der Gastfreundschaft, wer auf Reisende trifft, hat sie zu gewähren.“
Wie aber sieht es aus, wenn es einen Mangel an Gastfreundschaft gibt? Wenn Flucht eben nicht mehr „Reisen“, sondern Entkommen der eigenen Herkunft ist? In dem Panel wurde nach den Aspekten des Gestus Flucht und „getting lost“ in Road-Novels gefragt, und wie sich bei Begegnung mit anderen Lebensformen Grenzüberschreitungen aufbauen, wie sich die Unterscheidung zwischen Fremdem und Eigenen in der Begegnung verwischt.

Im Panel Literatur und Gemeinschaft wurde nach neuen Formen von Gemeinschaft gefragt: „Kann Literatur ein alternatives Modell von Gemeinschaft entwerfen? Neuere Theoretiker wie Giorgio Agamben, Jean-Luc Nancy oder Maurice Blanchot haben versucht, Gemeinschaft auf eine Weise zu fassen, die nicht auf Homogenität und Exklusion beruht – eine Gemeinschaft, der der Gast als Inbegriff des ins Eigene eindringenden Anderen nicht unheimlich ist. Das Panel stellt die Frage, inwiefern Literatur, Theater und Film sich für dieses Denken einer ‚entwerkten‘ Gemeinschaft fruchtbar machen lassen.“

Das dritte Panel fragte nach der Rolle der Flüchtlinge in der deutschen Gegenwartsliteratur. „Flüchtlinge sind außergewöhnliche Gäste. Ihre Notlage erfordert ein Verständnis von Gastfreundlichkeit, das die Gewährung von Zuflucht beinhaltet. Ihre erzwungenen oder verschlungenen Fluchtlinien sowie ihr uneindeutiger rechtlicher Status stellen Institutionen und Auffassungen von Gastfreundschaft in Frage. Natürlich ist die Geschichte der Flucht so alt wie die Existenz von klar abgegrenzten Kollektividentitäten, eine ganze Tradition literarischer Bearbeitungen von Fluchterfahrungen zeugt davon ebenso wie von der Entstehung fester Gruppenidentitätszuweisungen. Doch mit dem Aufkommen moderner Institutionen zur Bewegungskontrolle und Bewegungseinschränkung, insbesondere mit dem modernen internationalen Passwesen im 20. Jahrhundert, hat sich das Problem massiv verschärft. Stärker als je zuvor sehen Politik und Kultur Flüchtlingsbewegungen als erhebliches Problem der Gegenwart.“

Kann Literatur die Krise überwinden helfen?

Die Tagung hat Begriffe und Perspektiven zum Tanzen gebracht, und viele neue Blickwinkel inspiriert, indem die richtigen Fragen gestellt wurden: „Kann Literatur Alternativen aufzeigen zu existierenden politischen Topologien? Kann sie vielleicht dafür sorgen, dass Asylsuchende statt mit Verlusterfahrungen vielmehr mit politischer Sehnsucht assoziiert werden? Verschieben die Repräsentation von Gast(un-)freundlichkeit, von kollektivierenden und Alteritäten definierenden Regimes und die Schilderung von Traumata die Grenzen des Möglichen in der Literatur?

Die Auswertung und Nachbereitung der Tagung wird sicher noch viel Arbeit für Organisatoren in Anspruch nehmen. Auf nachfolgende Veröffentlichungen darf man gespannt sein. Für die Teilnehmer sind wichtige Inspirationen entstanden. Auch die Politik sollte sich von literaturwissenschaftlichen Fragestellungen inspirieren lassen.

Die Literatur lehrt uns zumindest, sich erst einen „Begriff“ zu machen, und nicht die Realität durch „Brillen von Begriffen“ zu betrachten. Unsere aktuelle „Krise“ konstituiert sich zum großen Teil aus „abstrakten Begriffen“, „Rechtsbegriffe“ und politischen Abstraktionen.

Die Frage, welche Wege Literatur findet, um ausweglose Diskrepanzen zu überwinden, die sich aus der Begegnung mit dem Fremden ergeben, hat wenigstens teilweise Antworten inspiriert. Literatur kann sogar vermittelnd wirken und Veränderungen in der Wahrnehmung der Leser herbeiführen!

Indem wir Flüchtlinge zuerst als Reisende und Gäste sehen, als Menschen – wachsen auch die Möglichkeiten zur Bewältigung dessen, was wir derzeit als „Krise“ erfahren.

Mehr Informationen:

FU Berlin Friedrich-Schlegel-Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien (FSGS) – Link

ICI Kulturlabor Berlin | Haus 8, Christinenstraße 18–19 | 10119 Berlin | www.ici-berlin.org

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