Montag, 20. November 2017
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Gefährliches Nationalgefühl ?

/// Kommentar /// – Die Grüne Jugend Rheinland-Pfalz hatte am vergangenen Freitag unter anderem auf Facebook geschrieben: „Patriotismus=Nationalismus. Fußballfans Fahnen runter!“ – und Fußballfans zu einem Fahnenboykott aufgefordert. Damit wurde ein Shitstorm ausgelöst.

Jetzt geht der Fahnenstreit in die nächste Runde. Nun legen Jusos nach. Der Berliner Landesverband der SPD-Jugendorganisation schreibt auf seiner Webseite: „Die empörten Reaktionen auf die Kritik der Grünen Jugend am Nationalismus zeigt eins: Sie haben recht. Wir teilen ihre Kritik an dem Abfeiern eines Nationalgefühls. Es geht bei dieser Männer-EM um Fußball – nicht um „schwarz-rot-gold.“

„Eine deutsche Nation unkritisch zu zelebrieren, während die EU bedroht, die nationalistische AfD hetzt und rassistische Brandanschläge verübt werden, ist schlicht gefährlich. Die zur Schau getragene „nationale Einheit“ beruht stets auf der Ausgrenzung der „Anderen“. Nationalismus ist eine Keimzelle für Hass und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Diesen gilt es zu bekämpfen, nicht zu befördern.“

Deutschlandflagge
Deutschlandflagge – Symbol nationaler Identität! – Was wedelt bei Ihnen durch Kopf und Bauch?

Offensichtlich sind Teile der grünen Jugend und Jusos von einem schlimmen Lebensgefühl und Zeitgeist und negativen Perzeptionen befallen. Offensichtlich haben diese emotionalen Aspekte keine Grundlage im Objekt der Nationalflagge selbst, denn die schwarz-rot-goldene Flagge ist nach Art. 22 Abs. 2 des deutschen Grundgesetzes Flagge der Bundesrepublik Deutschland (oder Bundesflagge) und ist damit ein deutsches Hoheitszeichen und Staatssymbol.

Offensichtlich basiert die Ablehnung auf angenommenen „Übertragungen“, kulturellen und medialen Adaptionen und ist somit der „politischen Psyche“ der Jungpolitiker zuzurechnen, die sich „Negativdeutungen“ hingeben, und wohl auch aufgrund ideologischer Gewohnheiten „überantwortet“ haben.

Damit aber offenbaren sie eine „Unfähigkeit zur Politik“, weil sie sich so die Deutungsmuster rechtsnationaler und rechtspopulistischer Kreise zu eigen machen, obwohl das historisch falsch und auch noch widerwärtig und kulturfeindlich ist.

Wer sich die wunderbare Befreiungsgeschichte im 19. Jahrhundert anschaut, und den Weg des „Dreifarbs“ von den deutschen Revolutionären bis zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland verfolgt, der erkennt darin Flagge und Synbol eines demokratische Staates.

Germania - Gemälde von Philipp Veit
Das Gemälde Germania von Philipp Veit schmückte 1848 die Frankfurter Paulskirche, wo es anstelle der Orgel platziert wurde. – Bild gemeinfrei

Die Flagge ist zugleich Ausdruck der nationalen Identität, und das zurückliegende „Sommermärchen der Fußballweltmeisterschaft“ hat einr offenbar friedliche und weltoffene Identiät offenbart.

Doch neue politische Gruppen versuchen das Thema für sich zu besetzen.

Dr. Erardo Cristoforo Rautenberg, Generalstaatsanwalt des Landes Brandenburg, hat in seiner Schrift „Schwarz-Rot-Gold:
Das Symbol für die nationale Identität der Deutschen!“ vor der rechtsextremistischen Gefahr gewarnt:

„Nach meiner Wahrnehmung ist die allgemeine Diskussion über die „nationale Identität“ letztlich auf die Aktivitäten der
Rechtsextremisten zurückzuführen, die den Versuch unternehmen, den Begriff durch Okkupation seines Inhalts mit ihrem nationalistischen Gedankengut für sich zu vereinnahmen.“

Zugleich hat Rautenberg Position bezogen und das Problem der Deutschen mit ihrer nationalen Identität beschrieben. Rautenberg stellt ein zeitloses Zitat ein, das vor allem an Sozialdemokraten gerichtet ist:

„Gerd Walter, der damals auch Abgeordneter des Europäischen Parlaments war, schrieb mir mit folgenden Ausführungen aus dem Herzen:
„… Nation und Nationalstaat sind für viele Sozialdemokraten
Begriffe aus einer fremden Welt. Nicht wenige halten sie für ein
reaktionäres Relikt, geboren in ‚nationaler Besoffenheit‘, störend
für das viel wichtigere Europa. Dieser Einschätzung liegen folgenschwere
Irrtümer zugrunde: Die deutsche Einheit ist genauso
wenig antieuropäisch wie nationales Denken eine konservative
Erfindung. Das an sich richtige Bekenntnis zu Europa darf nicht zur
faulen Ausrede missraten, hinter der sich ein gestörtes Verhältnis
zum Nationalen versteckt … Je unbefangener die Deutschen Ja zu
Deutschland sagen können, desto überzeugter wird auch ihr Ja zu
Europa sein. Je mehr aber ihr Ja zu Deutschland als antieuropäisch
verdächtigt wird, desto anfälliger werden Sie für ein Nein zu
Europa. Nationale Identität muss eben nicht antieuropäisch, sondern
kann eine Voraussetzung eines organisch wachsenden europäischen
Bewusstseins sein. Das gilt auch für die Deutschen.
Schneller als manche hierzulande haben unsere Nachbarn das
begriffen. Nicht die deutsche Einheit, sondern ein verewigter
nationaler Minderwertigkeitskomplex der Deutschen wäre ein
Dauerproblem für Europa. Viel wird davon abhängen, wie sich
das neue Nationalgefühl der Deutschen entwickelt. Je weniger die
SPD sich darum kümmert, desto leichter hat es die nationalistisch
gefärbte Deutschtümelei …“

Die Jugendorganisationen von SPD und Grünen müssen sich wohl neu besinnen, denn gerade ihre Haltung birgt eine tatsächliche Gefahr, sich zuerst die Symbole und danach die Deutungshoheit rauben zu lassen!

Weitere Informationen:

Dr. Erardo Cristoforo Rautenberg:
„Schwarz-Rot-Gold: Das Symbol für die nationale Identität der Deutschen!“ – PDF-Link 2,31 MB

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