Donnerstag, 19. Oktober 2017
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Geistheiler-Kabinett-Stückchen am Caligariplatz

Geistheiler in der Brotfabrik aktiv!

„Bruno Gröning, der auf den Rosenheimer „Traberhof“ umgesiedelte öllockige Wundertätige aus Herford, war wochenlang Bilderstar in der REVUE des Jahres 1949. Deren Auflage kletterte um 100000 Exemplare auf knappe 400000 Stück wöchentlich;“ so ist es im Archiv des SPIEGEL zu finden. Es war eine Zeit, in der man sich in Deutschland posthum mit dem Sexualleben Hitlers befasste, ein Auflagenkampf zwischen Quick und Revue tobte.

Geistheiler in der Brotfabrik aktiv!
Brotfabrik Berlin; Geistheiler in der Brotfabrik aktiv! – Foto: Schwalbe – CC BY-SA 3.0 mit Fotomontage des Veranstaltungshinweis auf Bruno Gröning

Eine von Zweiten Weltkrieg gezeichnete Bevölkerung, Traumatisierte, Kranke und Kriegsversehrte suchten nach Heilung und neuem Seelenheil, wobei das „Heil Hitler“ noch immer in allen Köpfen nachklang. Ausgerechnet im Gründungsjahr der Bundesrepublik Deutschland, deren Grundgesetz am 23. Mai 1949 verkündet wurde – zugleich im Gründungsjahr der DDR, dessen Verfassung am 7. Oktober 1949 in Kraft trat, wurde ein „Wunderheiler“ zum ersten medialen „Rockstar.“

Gröning, so hieß es, könnte die Kranken heilen, die Blinden sehend machen, die Tauben hören machen. Monica Black und John P. Birkelund, Fellows der American Academy in Berlin im Jahr 2014, haben das Phänomen Bruno Gröning erforscht und erzählten die Geschichte des spektakulären Aufstiegs des Heilers nach. Black ist Historikerin an der Universität Knoxville in Tennessee und hat das American Academy-Projekt „Evil after Nazism: Miracles, Medicine, and Moral Authority in West Germany“ aufgelegt. Black hat umfangreich mit Kollegen über das Phänomen des NAZI-Okkultismus geforscht.

„Im Jahr 1949 bekam der „Stadt-Manager“ von Herford in Westfalen einen stetigen Strom von Briefen von Deutschen mit Fragen über den „Wunderdoktor“, nach dem „Gröning Fall“ und dem „dritten Messias.“ Einige Briefschreiber waren neugierung, weil sie Gerüchte gehört hatten, über einen Heiler in Herford namens Bruno Gröning. War er echt? Besitzt er wirklich ein göttlich gegebenes Geschenk für die Heilung? Andere empörten sich über diese Ansprüche und waren davon überzeugt, dass Gröning einen Betrug vollzog. Wieder andere glaubten, er sei „mit dämonischen Kräften in Verbindung“, während eine andere Fraktion ihn als „Engel des Herrn“ ansah. Niemand wusste, wer Gröning war, aber bis Mitte 1949 hatten alle in Deutschland eine Meinung über Gröning: Regierung, Minister, Ärzte, Kriminologen, Polizei, Anwälte, Menschen auf der Straße und Mitglieder der Presse.

Monica Black vertrat in ihrem Akademie-Vortrag die These, das Phänomen wurde nicht von Gröning selbst in Gang gesetzt. Ein neuer Wettbewerb der Medien und das neue Medien-Umfeld sorgten für den Antrieb. Mächtige religiöse Emotionen, Gerüchte über Wunder, dazu die Nachfrage vieler Heilungssuchender und eine Atmosphäre der Magie und spirituellen Erneuerung wurden zur Anstiftung für das Gröning-Phänomen. Der vergangene Nazi-Okkukltismus wirkte noch immer nach, Gröning wurde so etwas wie eine neue Führerfigur, die durch mediale Verstärkung in die neue Rolle geriet.

Wer Gröning suchte, reiste weite Strecken um einen Blick auf den „Einen“ zu bekommen, den sie den „Retter des 20. Jahrhunderts“ genannt haben. In Zehntausenden von Briefen baten sie ihn, sie von Krankheiten von Lähmung zu Krebs, Unfruchtbarkeit zu Kopfschmerzen bis hin zu Depressionen und multipler Sklerose zu heilen. Viele Heilung Suchende vertrauten einfach in die Heilkräfte von Gröning.

Biografisches über Bruno Gröning

Gröning wurde 1906 als viertes von sieben Kindern eines Maurers in Danzig-Oliva geboren. Ein religiös strenger Vater, brutale Erziehungsmethoden und eine katholische Prägung trugen bei, dass Bruno ein naturliebender Eigenbrötler und Sonderling wurde.
Die evangelische Informationsstelle Kirchen – Sekten – Religionen, Wettsteinweg 9, 8630 Rüti ZH in der Schweiz hat biografische Details und Fakten zu Bruno Gröning zusammengetragen (www.relinfo.ch).

Nach nur fünf Jahren Schulbesuch begann Bruno eine kaufmännische Lehre, die er aber abbrach, um eine Ausbildung zum Zimmermann zu beginnen. Als 19jähriger baute er eine wenig erfolgreiche eigene Kleinfirma für Bau- und Möbeltischlerei auf, heiratete mit 21 Jahren. „In der Folge gelangte er zu keiner festen Anstellung, er wirkte nacheinander in der Baubranche, der Holzverarbeitung, einer Lackfabrik, einer Kistenfabrik, einer Schokoladenfabrik, im Hafen und im Danziger Postamt. Erst nach dem Anschluss Danzigs an Hitlerdeutschland fand Bruno eine dauerhaftere Anstellung: Er arbeitete als Schwachstrommonteur bei Siemens. Irgendeine weitere Bildung erfuhr Gröning nicht. Offenbar hat Gröning nie ein Buch gelesen.“

1930 und 1940 kamen zwei Söhne zur Welt. Grönings Sohn Harald stirbt im Jahr 1939 an einem Herzklappenfehler. 1943 Einzug in die Wehrmacht, Kriegsverletzungen. 1945 erneuter Einsat an der Ostfront, kurze Gefangenschaft bis Ende 1945. „Danach begab er sich nach Haigerselbach im Dillkreis. Später bezog er zusammen mit seiner Frau ein Flüchtlingsquartier in Dillenburg. Im Jahr 1949 starb Brunos jüngerer Sohn Günther an einer eitrigen Brustfellentzündung.“

Gröning selbst litt bei seinem öffentlichen Auftreten an einem markanten Kropf (den er selbst allerdings als „Lebensdrüse“ deutete, die proportional zur Grösse des Auditoriums an- und abschwelle). Ausserdem war Gröning Kettenraucher und trank gerne starken Kaffee. Auf Alkoholkonsum verzichtete er, allerdings nicht mit letzter Konsequenz.

„Zweifelhafte Popularität bekamen Grönings Stanniolkugeln. Er begann, für Menschen, die nicht zu seinen Veranstaltungen kommen konnten, Gegenstände zu „besprechen“. Die Vorstellung war hierbei, dass Brunos Heilkraft auf die Gegenstände übergehen würde, und somit den Daheimgebliebenen überbracht werden könnte. Waren es vorerst von den Besuchern mitgebrachte Objekte, die Bruno „ansprach“, stellte Bruno später die berühmt gewordenen Stanniol-Kugeln her. Nach Grönings eigenen Angaben anlässlich einer polizeilichen Vernehmung bestanden diese Kugeln aus Stanniolfolie seiner Zigarettenpackungen, die mit einem Kraftträger gefüllt waren. Als Kraftträger dienten Bruno eigene körperliche Produkte: Abgeschnittene Haare, Schnipsel von seinen Finger- und Zehennägeln, sowie – angeblich am wirksamsten – Brunos Sperma.“

Grönings „Heilmethoden“ wurden immer mehr „erweitert“, die „evangelische Informationsstelle Kirchen – Sekten – Religionen“ hat die Fakten und Schlagworte vom „Heilstrom“ und die religiös verbrämten Bekenntnisse und Lehren ausführlich dokumentiert. „Grüß Gott! Sie waren krank? Auf Wiedersehen!“ – das war einer seiner Zaubersprüche.

1954 wurde Gröning das öffentliche Auftreten in der gesamten Bundesrepublik gerichtlich verboten. Gröning führte seine Tätigkeit jedoch als Gehilfe eines Heilpraktikers weiter. Er sah sich als von Gott gesandt und gab an, er heile mit göttlicher Kraft in Erfüllung des Willens Gottes. 1958 wurde Gröning erneut der Prozess wegen des Verstoßes gegen das Heilpraktikergesetz gemacht. Er hatte im Jahre 1957 der an Tuberkulose erkrankten 18-jährigen Ruth Kuhfuß Heilversprechungen gemacht, was die dringend notwendige Behandlung verzögert hatte. In der Folge verstarb das Mädchen. Gröning wurde deshalb zu einer Geldbuße von DM 5.000 und einer achtmonatigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. Gegen das Urteil legte Gröning Berufung ein. Als er kurz darauf starb, wurde das Verfahren eingestellt. Im Januar 1959 starb Gröning in Paris an Magenkrebs.

Flyer mit Veranstaltungsankündigung
Flyer mit aktueller Veranstaltungsankündigung

Freundeskreise und Aktivitäten

Schon zu Lebzeiten bildeten sich Freundeskreise um Bruno Gröning. Nach dem „Ring der Freunde Bruno Grönings – Weltgemeinschaft“ (Sommer 1949 bis Herbst 1949) und dem „Verein zur Erforschung und Unterstützung Gröning’scher Heilmethoden“ (Januar 1950 bis Juni 1950) war der „Gröning-Bund“ der dritte Verein, der zur Unterstützung Bruno Grönings ins Leben gerufen worden war (siehe:
Bruno-Gröning-Stiftung).
Grönings zweite Ehefrau Josette Gröning initierte diese Stiftung, die bis heute über Leben und Wirken und neue Wunderheilungen berichtet.
In der Weißenseer Brotfabrik ist aktuell der Bruno Gröning-Freundeskreis aktiv. Er agiert über einen Verein namens „Kreis für geistige Lebenshilfe“ mit Sitz in Hennef/Sieg. Dieser wurde von der österreichischen Lehrerin Grete Häußler gegründet. Anlass war ein Erweckungserlebnis ihrer Putzfrau, die angeblich ihre Sehkraft auf einem Auge wiedererlangte, nachdem sie zufällig ein Foto von Bruno Gröning betrachtete.

Inzwischen ist der Verein nach 93107 Thalmassing umgezogen, oder neu gegründet worden. Grete Häusler hat inzwischen aus dem Bruno Gröning-Kult ein Geschäftsmodell gemacht und eine Grete Häusler GmbH (www.gh-verlag.de) betreibt ein reges Geschäft mit Büchern, Filmen, Hörbüchern, Kalendern und Informationsschriften.

Gemeinschaftsstunden auch im Kulturzentrum Brotfabrik

Hauptaktivität des Bruno Gröning-Freundeskreises ist die Organsation von Gemeinschaftsstunden, die in gemieteten Räumen stattfinden. Zu den Gemeinschaftsstunden wird nur zugelassen, wer zuerst einen Einführungsvortrag besucht hat. Ansonsten würde, so die Auskunft, die Gefahr bestehen, dass die Verehrung Brunos als Personenkult missverstanden würde. Zur Werbung wird auch der Film „Der Wunderapostel“ eingesetzt.
So eine Gemeinschaftsstunde dauert ca. zwei Stunden. Der Leiter beginnt mit einem Lied, das üblicherweise Brunos Grönings Heilswerk preist. Nach Ansprache wird ein Abschnitt aus Grönings Leben durchgegangen und fürs das persönliche Leben der Besucher ausgelegt. So wird in mehreren Treffen innerhalb eines halben Jahrs das Leben Gröning durchgegangen. Vom Tonband gespielte Musikstücke, u.a. die Filmmusik des „Wunderapostels“ wird eigene Heilkraft zugeschrieben.

Die Anwesenden bekommen Gelegenheit, Erfolgsberichte weiterzugeben, die von übernatürlicher Hilfe durch Gröning berichten. Den Erfolgsberichten kommt dabei selbst heilende Bedeutung zu, da während der Erzählung von solchen die Heilenergie besonders stark fliesse.
Jeweils zum Schluss der Veranstaltung erfolgt die Einstellung. Nach der Lektüre eines Bruno-Wortes können die Anwesenden Gebete an Bruno formulieren, die üblicherweise erst eine Bitte für sich selbst und darauf Bitten für hilfsbedürftige Anwesende umfassen. Daraufhin wird in meditativer Haltung Musik gehört. Mit der Einstellung ist die Gemeinschaftsstunde beendet.
Besondere „Feierstunden“ pflegt der Bruno Gröning-Freundeskreis am 30. Mai, dem Geburtstag Grönings, und am 26. Januar, dem „Heimgangstag“. Das ganze ist eine Mischung aus eigener Liturgie, mündlicher Überlieferung und Suggestion, wie sie vielen Sekten und Psychosekten eigen ist.

Flyer mit aktueller Veranstaltungsankündigung
Flyer mit Veranstaltungsankündigung aus 2015

Warnungen vor dem Bruno-Gröning-Freundeskreis

Prof. Michael Utsch von der „Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“ in Berlin warnte zu Letzt im Dezember 2015:
„Angebliche Wunderheiler wie Bruno Gröning, die durch rituelle und gruppendynamische Elemente starke Placebo-Wirkungen hervorrufen können, üben eine bleibende Faszination aus. Menschen lassen sich gerne von irrationalen Mythen leiten. Dazu bedarf es eines Idols und Retters, der den Fanatismus steuert und kanalisiert. Die Sehnsucht nach Heilung und die Einbildungskraft sind menschliche Grundkonstanten, die leicht ausgenutzt werden können.“

Der auf Verschwörungstheorien, Geistheilungen und radikale Theorien spezialisierte Kopp-Verlag hat sich im Januar 2016 des Phänomens Bruno Gröning angenommen. Ein gewisser Armin Risi schreibt über „Bruno Gröning: Geistheilung als Schlüssel zur globalen Heilung | 1.1.2016 | KOPP Online; und sorgt so für eine neue immense Verbreitung. Der KOPP-Verlag betreibt die Verbreitung unseriöser und „aufregender“ Informationen als auflagenförderndes Geschäftsmodell. Jeder der widerspricht, wird zum neuen Auflagentreiber.

Der Bundesverband Sekten- und Psychomarktberatung e.V. warnt umfangreich vor „Der Bruno-Gröning-Kult“ und führt auch Argumente an, die die Gesundheitgefährlichkeit (z.B. Wegdefinieren von Krankheit) belegen.

Im Nachruf am 4.2.1959 auf Gröning schrieb der SPIEGEL: „Sein Leben war die Antwort auf die Frage, was die Aufklärung an uns vermocht habe. Sie hat fast gar nichts vermocht. Das Mittelalter dauert an.“

Vertrauliche Warnung und offizielle Reaktion

Ein Weißenseer Whistle-Blower hat sich Mitte April bei der Redaktion der Pankower Allgemeine Zeitung mit den Worten gemeldet:

„Das Kunst- und Kulturzentrum „Brotfabrik“ (Berlin-Weißensee) bietet einer für ihre betrügerischen Praktiken bekannten Psycho-Sekte ein Forum.“

„Die betrügerischen Praktiken des Bruno Gröning-Freundeskreises sind in Beiträgen von ARD und ZDF, Einschätzungen der Sektenberatungsdienste und zahlreichen Erfahrungsberichten von Aussteigern gut dokumentiert.“

„Zur Werbung neuer Mitglieder setzt die Organisation einen 5-stündigen „Dokumentarfilm“ ein, wobei es entscheidend darauf ankommt, unverdächtige und prestigeträchtige Veranstaltungs­räume zu besetzen, um Seriosität zu erheischen. In vielen Städten konnten Proteste, Warnungen der Polizei und kritische Berichterstattung der Medien eine kritische Öffentlichkeit sensibilisieren. In Berlin jedoch ist es der Gröning-Organisation gelungen, sich regelmäßig in die Räume der „Brotfabrik“ einzumieten. Seit September 2015 fanden dort an neun Terminen ganztägige Werbeveranstaltungen statt.“

Auf Beschwerden und Nachfragen reagierte „Die Geschäftsleitung der Brotfabrik Berlin“ am 22. April 2016 mit einem Offenen Brief, der eine „besonders offene Form“ kulturpolitischer Positionierung enthält (O-Ton):

„Die Brotfabrik setzt sich konsequent für eine pluralistische Gesellschaft ein, in der
neben etablierten Anschauungen, Positionen und Lebensentwürfen auch
Minderheitenpositionen gleichwertig und gleichberechtigt behandelt werden. Dies gilt
nicht nur für die Sphäre der Kunst, sondern auch für die der religiösen Orientierung.
In der Bewertung eines Films etwa mit alternativmedizinischem und/oder
neureligiösem Thema berufen wir uns daher nicht auf rein schulmedizinische
und/oder theologisch-konservative Einschätzungen nur etablierter und institutioneller
Anschauung, sondern begegnen auch privatistischen und alternativen Formen von
Religiosität und Spiritualität unvoreingenommen und offen. Dabei muss die
inhaltliche Ausrichtung des kulturellen Angebots nicht zwingend der Meinung der
Brotfabrik entsprechen.
Wenn wir uns in Fragen der Religionskritik positionieren müssten, würden wir
keinesfalls eine neu- bzw. alternativreligiöse Erscheinung wie den Bruno Gröning-
Freundeskreis, also eine religiöse Minderheit, als primären Gegenstand der Kritik,
sondern vielmehr die Religion als Gesamtphänomen weltanschaulicher Orientierung
betrachten; anteilsmäßig hieran wäre also dann zuallererst einmal Kritik an
hegemonialen Formen von Religion zu üben, und gerade nicht an Minderheiten.
Würden wir eine solche Religionskritik betreiben, wären die adäquaten Anlaufstellen“
unserer Recherchen nicht institutionelle, theologisch, und damit ideologisch,
gebundene Einrichtungen, sondern Informationsdienste mit religiös neutraler,
religionswissenschaftlicher Ausrichtung (z.B. REMID), die sich ebenso wie die
Brotfabrik für einen allgemeinen Religionspluralismus stark machen.“

Der offene Brief ist nicht namentlich unterzeichnet, sodass dem Leser die Interpretationsmöglichkeit offen bleibt, diese Position entweder als Meinung des Vereins, oder als Stellungnahme des Geschäftsführers Jörg Fügmann zu werten. Der 1963 geborene Fügmann war schon 1984 Jugendklubleiter, seit 1987 im Jugendklub »An der Weißenseer Spitze«. 1995 wurde er wegen Tätigkeit als IM (1987-89) aus dem Öffentlichen Dienst entlassen, seitdem ist er (u.a.) freischaffend als Kulturmanager tätig, wie er sagt.

Seit 1990 ist Fügmann für das Kulturzentrum »Brotfabrik« tätig, u.a. im Vorstand des Betreibervereins. Der Glashaus e.V. gehört zu den „vereinspolitischen Closed-Shops“ unter den Subventionsempfängern in der Pankower Kulturarbeit. Weder sind Satzung noch Vorstand öffentlich bekannt. Ob hier Vereinsleitung und Geschäftsführung in Personal-Union ausgeübt werden, wäre eine Frage für Vereinsrechtler und Compliance Experten. Eine Angabe über eine Anerkennung als gemeinnütziger Verein fehlt. Ein Rätsel auch, wie man in diesem Verein eine „Mitgliedschaft“ eingehen kann. Transparenz: Fehlanzeige!

Fügmann, schon zu DDR-Zeiten Verfechter eines „offenen Kulturbegriffs“, hat sich mit seiner öffentlichen Stellungnahme natürlich zur kulturpolitischen Zielscheibe gemacht. Auf Nachfrage verwies Fügmann an den „Kreis für natürliche Lebenshilfe e.V.“, und teilte in Kleinschreibung mit, dass „wir für fremdnutzungen keine inhaltliche verantwortung übernehmen können.“

Dies dürfte angesichts einer für Kiez- und Jugendarbeit zugeschnittenen Vereinssatzung (lt. Trägerdatenbank Comovis) eine etwas abenteuerliche Haltung markieren.

Der für Kultur zuständige Stadtrat Dr. Torsten Kühne (CDU) stellte sich auf Anfrage hinter Fügmann:

„Die Brotfabrik ist ein offenes Haus. Sie steht vielfältigen und unterschiedlichen Initiativen, Interessengruppen etc. mit ihren verschiedensten Belangen offen, wenn es die Zeitfenster und Kapazitäten zulassen. Es wird keine Zensur ausgeübt. Es gilt in Deutschland die Presse- und Meinungsfreiheit sowie die Kunstfreiheit auf Grundlage der freiheitlich-demokratischen Grundordnung des Grundgesetzes.

Darüber hinaus sind für die Inhalte die jeweiligen Initiativen, Vereine, Veranstalter etc. ausschließlich selbst verantwortlich, wie auch in diesem konkreten Fall. Eine öffentliche Verteidigung der besagten Veranstaltungsreihe durch Glashaus e.V. bzw. Herrn Fügmann ist für das Bezirksamt nicht erkennbar. Selbstverständlich steht das Bezirksamt in engem Kontakt mit dem langjährigen Kooperationspartner Glashaus e.V. in Bezug auf die Nutzung und wertet auch die Angebote der Brotfabrik regelmäßig gemeinsam aus.“

Fügmann und Kühne haben damit eine interessante kulturpolitische Positierung für die Brotfabrik vorgenommen, entsetzliche Kategorienfehler inbegriffen, bei denen Heilervereine mit Kulturbegriffen und Kunstfreiheit zusammen gelegt werden.

Ob die Wiederbelebung des Mythos der Filmstadt Weißensee, Kiezträume von einem Hollywood in Weißensee und ein „Geistheiler-Kabinett am Caligariplatz“ einen tragenden kulturellen Dreiklang bilden, mögen Kulturpolitiker und das geneigte Publikum selbst entscheiden.

Weitere Informationen:

Auf YouTube findet sich eine große Anzahl von Filmen, Tonaufzeichnungen und verweisenden Quellen.

Original Bruno Gröning Vortrag: https://www.youtube.com/watch?v=FyncChJLmi4

Orginal Vortrag Bruno Groening Wien 1958: https://www.youtube.com/watch?v=amxBpU9awC0

Literaturhinweis:

Monica Black: A Messiah After Hitler and his Miracles. Bruno Gröning and Postwar Popular Apocalypticism. In: Revisting the NAZI OCCULT – Histories – Realties – Legacys. Edited by Monica Black and Eric Kurlander. Camden House 2015.

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One thought on “Geistheiler-Kabinett-Stückchen am Caligariplatz

  1. Der konkrete Fall weist auf eine größere Herausforderung hinaus: In der Stellungnahme der Brotfabrik wird sehr gekonnt die Pluralismus-Strategie Scientologys reproduziert, sich im Namen der Glaubensfreiheit nach und nach im öffentlichen Raum zu etablieren. Interessant auch, dass die Geschäftsführung in ihren „religionskritischen“ Einlassungen mit Speerspitzen gegen die „hegemonialen“ Kirchen und Sektenberatungsstellen auf REMID verweist – das Institut ist schon 1991 mit einer tollkühnen Apologie Scientologys hervorgetreten (http://agpf.de/Archiv/remid3.htm).

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