Sonntag, 20. August 2017
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Gendergerechte Spielplätze

Piratenschiff auf dem Spielplatz Helmholtzplatz

Der Antrag der SPD-Fraktion „Gendergerechte Spielplätze jetzt!“ vom 12.12.2012 ist schon etwas in die Jahre gekommen. Mehrmalige Vertagungen und eine Ablehnung im Kinder- und Jugendhilfeausschuß geben eine Vorahnung: hier handelt es sich um ein etwas sperriges Thema, das nicht leicht verständlich zu machen ist. Gleichwohl ist es von Bedeutung, weil Jungen und Mädchen ihre städtische Umwelt je nach Alter ganz unterschiedlich erleben.

Piratenschiff auf dem Spielplatz Helmholtzplatz
Piratenschiff auf dem Spielplatz Helmholtzplatz

Der Antrag sieht vor, zum „Produkt 72640 Öffentliche Spiel- und Bewegungsflächen“ (so die KLR-Bezeichnung) eine Nutzungsanalyse der öffentlichen Spiel- und Bewegungsflächen vorzunehmen, um diese bei Umgestaltung, Sanierung und Neubau von Spielplätzen „gendergerecht“ auszustatten.

Dabei sollen die Fachausschüsse der BVV, die Spielplatzkommission einzubezogen werden und die Zielgruppen entsprechend der bestehenden Verfahren und der in Pankow bewährten Kinderbeteiligung beteiligt werden.

Kein vordergründiges Thema

Das Thema „gendergerechte Spielplätze“ ist nicht vordergründig zu betrachten, etwa ob es nun „Piraten-Schiff“ oder „Piratinnen-Schiff“ heißen soll. Es geht um die unterschiedlichen „Freiraum-Bedürfnisse“ von Jungen und Mädchen:

„Ist die Präsenz von Mädchen und Jungen in Außenräumen bis zum Ende der Grundschule noch ausgeglichen, so findet mit dem Eintritt in die Pubertät häufig ein Rückzug der Mädchen aus öffentlichen Räumen statt. Gleichzeitig erweitern sich die Aktionsräume von Jungen,“ schreibt das Bezirksamt Lichtenberg seiner Broschüre: Spielplätze in Lichtenberg: Genderspezifische Analyse der Nutzung kommunaler Anlagen.

„Das bestehende Spielangebot auf Außenplätzen ist für die Altersgruppe ab ca. elf Jahren häufig auf Jungen zugeschnitten. So findet man meist Bolz- und Streetballplätze sowie Basketballkörbe. Traditionelle Bewegungsbedürfnisse von Mädchen wie Inlineskaten und Ballspiele werden dagegen selten berücksichtigt. Die Lebenslagen von Mädchen und Jungen haben sich in den letzten Jahren erheblich geändert, was sich auch in der Planung und Gestaltung von Spielplätzen niederschlagen sollte.“

Im Rahmen der allgemeinen Debatte um die Gleichbehandlung der Geschlechter ist das Thema „Gender Mainstreaming“ schon seit etwa 13 Jahren auch in der Spielplatzplanung angekommen. Vorreiter in Berlin war der Bezirk Lichtenberg, der ab 2001 seine 127 Spielplätze analysiert und bewertet hat.
Die Grundlagen wurden im Pilotprojekt „Prüfung und Bewertung der öffentlichen Kinderspielplätze in Berlin‐Lichtenberg unter dem Gesichtspunkt von „Gender-Kriterien“ im Zeitraum 2008 bis 2009 erarbeitet – und in der o.g. Broschüre veröffentlicht.

Gleichzeitig soll die Spielplatzgestaltung „konkurrenzfähig werden“, weil Kinder zunehmend durch intensive Mediennutzung immer mehr zu „Stubenhockern“ werden:

„ …es zeigen sich für beide Geschlechter deutliche Verhäuslichungstendenzen. Mediennutzung allem voran lässt die Stube für Kinder attraktiver als den Freiraum werden. Mädchen halten sich noch weniger als Jungen draußen auf.“ (Harth, 2005). Um diesen Tendenzen entgegenzusteuern müssen attraktive Spiel‐ und Freiflächen entstehen. Doch was empfinden Mädchen und Jungen als ansprechende Alternative zum Mediennutzungsangebot, welches sie in den häuslichen „Stuben“ hält, und wie findet man das heraus?“

Hier wird eine nicht ganz einfach zu beantwortende Frage aufgeworfen, die nicht nur das Geschlechterverhältnis auf dem Spielplatz thematisiert, sondern auch die Bedingungen des „Erwachsenwerdens“, der körperlichen Fitness und das angemessenen Bewegungsausgleich zu einem langen Schultag. Auch die Frage nach der Unbefangenheit und Freiheit im Spielen steht damit in einem ganz engen Zusammenhang, zumal Freiflächendefizite und Nutzungsdichte dem einzelnen Jungen oder Mädchen auch Zumutungen bescheren, wenn ungestörtes Spielen erschwert ist.

Unterschiedliche Nutzung von öffentlichen Spielplätzen durch Mädchen und Jungen

Aus der Nutzungsanalyse in Lichtenberg-Hohenschönhausen ergaben sich allgemeine Tendenzen, die heute bei jeder Spielplatzplanung und -sanierung zu beachten sind:

• Generell spielen mehr Jungen als Mädchen auf öffentlichen Spielplätzen.
• Die Kleinkinderbereiche werden nur von der vorgesehenen Altersgruppe 0‐6 jährige genutzt und zwar verstärkt von Mädchen.
• Spielflächen für Kinder (6‐12 Jährige) werden auch von Kleinkindern genutzt, hier spielen verstärkt Jungen.
• Die Jugendspielbereiche (12‐18 Jährige) wird auch von Kindern 6‐12 Jahre genutzt,ebenfalls verstärkt von Jungen.
• Ruhebereiche werden von allen Altersgruppen genutzt, allerdings verstärkt von Mädchen und Frauen.
• Begleitpersonen sind häufiger Frauen als Männer (außer in zwei Ortsteilen, wo überwiegend Männer die Kinder begleiteten.
• Ältere Mädchen beaufsichtigen häufig ihre jüngeren Geschwister.

Anforderungen an die Spielplatzplanung

Aus den Ergebnissen der Analyse lassen sich auch Anforderungen für die Neuplanung und Umgestaltung ableiten:

Überall, wo z.B. „Angsträume“ festgestellt wurden, sollte die Ursache schnellstmöglich beseitigt werden. So müssen etwa zu dichte Hecken und Sträucher gelichtet werden, die Sichtbeziehungen zum Spielplatzumfeld neu hergestellt werden.

Bei der Planung ist die Kooperation mit Kinder‐ und Jugendbeauftragten, Kiezbeauftragten und Baubeiräten sehr wichtig.

Das in Pankow vorbildliche Verfahren der Kinderbeteiligung bei der Spielplatzplanung ist bereits eine gute Grundlage. Jedoch sollte hier der auch Blick im Detail geschärft werden, ob dabei auch genügend Ausgewogenheit zwischen den Ansprüchen von Jungen und Mädchen gewahrt wird.

Altersdynamik und Nutzungsdynamik

Aus dem Lichtenberger Pilotprojekt ist auch ersichtlich, dass weitere Dimensionen wie Alter, Mobilität und Migration in Planungsprozesse von Spielflächen einbezogen werden müssen.

Kleinkinder wachsen etwa nach 2-3 Jahren aus der Betreuungsphase heraus, und wollen selbstständig auf Entdeckungsreise gehen können. Die Spielplatzgestaltung muß dies mit bedenken, und örtliche Kinderzahl, Geschlechterverteilung, Altersstruktur und Zuzugsdynamik in der Planung mit bedenken. Mädchen und Jungen haben auch je nach Alter ein unterschiedliches Schutzbedürfnis – und wie bekannt ist, sind Aggression und Mobbing heute auch oft mit im Spiel.

So kann etwa ein heute für Kleinkinder attraktiver Spielplatz binnen weniger Jahre für heranwachsende Kinder völlig unattraktiv werden, sobald sie allein mit ihren Freunden spielen gehen wollen.

Bei der Planung sind daher heute nicht nur „Möblierungen“ sondern auch „Spielräume und Spielszenarien“ mit zu bedenken.

Handlungsbedarf in Pankow

In Pankow sind derzeit nur etwa 57 von 211 Spielplätzen gendergerecht gestaltet. Der Antrag „Gendergerechte Spielplätze jetzt“ zielt deshalb darauf ab, „Spielflächensanierungsmaßnahmen sowie die Ersatzvornahme von Spielgeräten entsprechend der Genderkriterien vorzunehmen. Für neu zu planende Spielplätze stellen die gezielt herausgearbeiteten Genderkriterien eine Planungsvoraussetzung dar.“

Wie dies praktisch und im Einzelnen aussieht, muß jeweils vor Ort genau betrachtet werden. Jeder Spielplatz hat ein eigenes Umfeld und setzt eigene Bedingungen.

Helmi Schiffbruch - Spendenaufruf für Piratenschiff
Helmi Schiffbruch – Spendenaufruf für Piratenschiff auf dem Helmholtzplatz

5000 € für ein Piraten-Schiff?

Noch ein anderes Problem beschäftigt Pankow: das liebe Geld! Zwar wurde der Grünflächenetat aufgestockt, aber viele Spielplätze und Spielgeräte kommen nach 20 Jahren „in die Jahre“ und müssen repariert, aufgebessert werden. Manche Spielgeräte sich auch verschlissen und müssen ersetzt werden.

Mit der Aktion „Helmi – Schiffbruch auf zu neuen Ufern“ wird aktuell zu Spenden für eine Instandsetzung des Piratenschiffs auf dem Helmholtzplatz aufgerufen.

Bis zum 15.März 2014 hofft Pankows Baustadtrat Jens-Holger Kirchner (Bündnis 90/Grüne) auf wenigstens 5000 €, um das vorhandene Piratenschiff zu erneuern.
Leider reicht das Geld nicht aus, um das Piratenschiff vollständig zu erneuern. Deshalb wurde die kreative Idee geboren, die Bürger freiwillig mit Spenden zu Kasse zu bitten.

Nun entbrennt natürlich eine Diskussion darüber, ob der Staat nicht seinen Kernaufgaben nachhaltig selbst finanzieren kann. Bezirksstadtrat Kirchner will dennoch an dem „Versuch“ festhalten, und man darf nun gespannt sein, ob dieses „Crowdfunding“ von Erfolg gekrönt sein wird.

Weitere Informationen:

Spielplätze in Lichtenberg: Genderspezifische Analyse der Nutzung kommunaler Anlagen

Kein Geld für den Spielplatz: Pankow muss betteln – TAGESSPIEGEL 25.02.2014

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m/s