Montag, 23. Oktober 2017
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Gentrifidingsbums ist Moppelkotze

Gentrifidingsbums ist Moppelkotze - Protestplakat Kirche von Unten

Die „Kirche von Unten“ in der Kremmener Strasse wird in Ermangelung anderer Begriffe gern als Jugendtreff bezeichnet. Doch dieser Begriff greift zu kurz, weil es auch ein Ort einer widerständigen und widerspenstigen Kultur, Punk- & Jugendkultur und Subkultur ist, der auf eine beachtliche Geschichte verweist – und zum Kiez dazu gehört.

Gentrifidingsbums ist Moppelkotze - Protestplakat Kirche von Unten

Ausgerechnet im Jahr des 750-jährigen Stadtjubiläums Berlins anno 1987 nahm hier eine Geschichte, eine Protestform und eine Haltung Form und Inhalt an – die sich heute als letzter Rest einstiger DDR-Regimegegnerschaft mühsam und durchaus ungeschickt verteidigt. „KvU“ – so lautet das Kürzel – und aktuell wird aus auch mit „Keiner verteidigt sich Ungeschickter“ interpretiert.

Innerkirchliche Opposition 1987

In der DDR gab es ein kompliziertes Verhältnis der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg zu ihren Basisgruppen in ihren Gemeinden, die der Kirchenleitung immer wieder eine zu große Staatsnähe vorwarfen.

Eine Absage der zum Kirchentag im Sommer 1987 geplanten traditionellen Friedenswerkstatt gilt heute als der Ursprung der Idee, im parallel zum offiziellen Kirchentag einen „Kirchentag von Unten“ zu veranstalten.

Dieser fand vom 24. bis 26. Juni 1987 in den Räumen der Pfingstgemeinde am Kotikowplatz (heute wieder Petersburger Platz) sowie in der benachbarten Galiläa-Gemeinde in der Rigaer Straße statt und hatte mehr als 6000 Besucher.

Eröffnet wurde er damals von Vera Wollenberger und Jugenddiakon Bernd Schröder. Im Mittelpunkt standen gesellschaftliche Themen und es gab Veranstaltungen mit systemkritischen Künstlern wie Stephan Krawczyk, Thomas Krüger, Detlef Opitz und Peter Wawerzinek.

Abschluss des offiziellen Kirchentags 1987 - KvU demonstriert
300 Teilnehmer Kirche von Unten demonstrieren 1987 mit eigenen Plakaten und Spruchbändern

Der Friedenskreis Friedrichsfelde, die Initiative Frieden und Menschenrechte, der Arbeitskreis Solidarische Kirche, die Umwelt-Bibliothek und weitere oppositionelle Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen stellten hier ihre Arbeit vor. Während der Abschlussveranstaltung des offiziellen Kirchentags demonstrieren etwa 300 Teilnehmer des Kirchentags von Unten vor einer begrenzten Öffentlichkeit im Stadion Alte Försterei mit systemkritischen Spruchbändern (z.B. „Glasnost in Staat & Kirche“).

Aufgrund des großen Interesses und um die Kirche zu stärkerem politischen Engagement zu drängen, gründeten die Initiatoren im September 1987 bei einer Werkstatt der Offenen Arbeit die überregionale Basisgruppe „Kirche von Unten“ (KvU), die sich fortan nicht nur als innerkirchliche Opposition zu kirchlichen und theologischen Themen, sondern vor allem zu vielen gesellschaftspolitischen Konflikten äußerte. 1988 erhielt die KvU eigene Räume im Gemeindehaus der Elisabethgemeinde, auch die Zionskirche mit der hier angesiedelten Umwelt-Bibliothek wurde für Aktivitäten genutzt.

Aktivitäten der Kirche von Unten

Diese Räume wurden bald zu einer der wichtigen Aktivitätszentralen der DDR-Oppositonsbewegung, wurden aber auch für kulturelle Aktivitäten z.B. der Initiative Schwarze Deutsche um Rahman Satti oder Punk-Konzerte genutzt. Unter anderem wurden hier die Ergebnisse der unabhängigen Stimmauszählung bei der Kommunalwahl der DDR 1989 zusammengetragen, ausgewertet und vervielfältigt. In den Räumen der KvU wurde eine Bibliothek aufgebaut. Es wurde eine eigene Druckmaschine besorgt, auf der im Herbst 1989 auch die Böhlener Plattform vervielfältigt wurde. Viele Mitglieder der KvU wie Reinhard Schult, Uwe Kulisch, Walter Schilling, Silvio Meier, Dirk Moldt, Silke Ahrens, Jörg Zickler, Marion Seelig, Katrin Kadasch, Bodo Wolf, Fritz Kühn, Katharina Harich (ehemalige Managerin von Bettina Wegner), Wolfgang Ernicke („Speiche“), Dietmar Wolf, Dirk Teschner, Herbert Mißlitz, Rolf Walter und Joe Müller engagierten sich im DDR-Widerstand. Eine überregionale Vernetzung war seit dem „Kirchentag von Unten“ beabsichtigt und bezog vor allem Gruppen der Offenen Arbeit in Halle, Jena, Saalfeld, Dresden und anderen Städten ein. Die KvU wird daher zu den Gruppen gezählt, die maßgeblichen Einfluss auf die Friedliche Revolution in der DDR hatten.

1988 erkämpfte eine Gruppe junger Menschen aus dieser Bewegung in der DDR eigene Räume um hier ihre Vorstellungen vom Miteinander zu verwirklichen. Zunächst befanden sich diese Räume in kirchlichem Eigentum – der Name Kirche von Unten, kurz KvU, wurde schnell etabliert. 1992 erfolgte ein Umzug in die Arkonahöfe in der Kremmener Straße 9-11, wo sich die KvU moch bis heute befindet.

KvU heute – vor der Räumung

Im 776.Jahr Berlins ist die Kirche von Unten akut bedroht. Die alten Namen der DDR-Protestbewegung sind längst nicht mehr dabei. Jüngere Mitglieder und Besucher und eine neue Generation haben längst ihre Plätze eingenommen. Der Mythos des Namens ist noch geblieben. Alte Widerstandformen sind längts in neue zeitgemäße Muster umgeformt. Alte anarchistische und linksradikale Protestformen im „Widerstand gegen das System“ werden heute in Blogs und mit digitalen Protestplakaten fortgeführt.

Im Gegensatz zu anderen Projekten der Wendezeit hat man sich in der KvU nicht der Mühe unterzogen, eine stabile legale Organisationsform oder eine Aneignung eines Grundstücks als Absicherung anzustreben. Vermutlich hätte es auch das Selbstverständnis arg belastet, wenn man sich selbst kapitalistischer Methoden zum Grunderwerb bedient hätte:

„Unsere unentwegte, spaßfinanzierte Emsigkeit wird von einem minimalen, aber kontinuierlichen finanziellen Budget gestützt. Dies ist die Grundlage, auf der wir unseren sozialen Anspruch umsetzen können: Menschen sollen ihren kulturellen und kulinarischen Grundbedürfnissen unabhängig vom Inhalt ihrer Brieftasche nachgehen können. Bewußt unkommerzielle und subkulturelle Angebote bestimmen den Charakter der KvU, deren Klientel damit nicht unbedingt den Idealen von Schwiegermüttern und Vermietern entspricht.“

Die KvU blieb daher Provisium – und dem „kapitalistischen Wind des Wandels“ und irrwitzigen Eigentümerwechseln ausgeliefert.

Investoren übernehmen die Immobilie

Nach der Wende wurde die WBM ins Eigentum für die Immobilie gesetzt, später wurde diese an die GSE mbH übertragen, um die Immobilie zu einem soziokulturellen Zentrum umzubauen – eine Zeit, in der es Chancen für eine Sicherung durchaus gab. Doch Ende der 90er Jahre wurde die Immobilie an die jüdischen Alteigentümer rückübertragen und mehrfach verkauft.

Letzter Käufer ist die seit 1988 tätige „Immowert Immobilieninvest“ – zuerst als GmbH. Seit 2012 als „AG“ (Aktiengesellschaft auf Gesellschaft mit beschränkter Haftung); mit ihrem Geschäftsführer Michael F. Simoncic, der mehrere Tochtergesellschaften unterhält und damit auch Steuern spart.

Eine am 25.Februar 1997 mit 1 Mio. € gegründete Privatstiftung mit dem Geschäftszweck: „Die Bestreitung des Lebensunterhaltes sowie die Sicherung der Lebensbedürfnisse der Begünstigten, die Förderung der Berufsausbildung, des Studiums und der beruflichen Existenzgründung der ehelichen Abkömmlinge des Stifters, finanzielle Unterstützung der ehelichen Abkömmlinge des Stifters bei deren Eheschließung und bei der Geburt ehelicher Kinder;“ ist Gesellschafter der AG. Der Verdacht der MfS-Mitgliedschaft gegen Michael F. Simoncic ist öffentlich ausgesprochen – nicht widersprochen – aber auch nicht genau belegt.

Ironie der Geschichte – aber noch kein Zusammenhang: die Immowert residiert in eben jener Währinger Strasse in 1190-Wien – in der auch die Millionenbeträge des ehemaligen SED-Parteivermögens bei der Österreichischen Länderbank (heute Bank Austria) versickert sind.

Kündigung und Räumungsklage

Seit 2011 wußte die KvU, dass ihr Mietverhältnis zum 01.01.2013 enden wird. Sie bemühte sich mit dem Eigentümer in Kontakt zu treten, was jedoch durch die Hausverwaltung, der Ernst G. Hachman GmbH, Sitz in der Westfälischen Straße in Berlin, nahezu unmöglich gemacht wurde. Nachdem es endlich gelang, mit der Eigentümerin, der Immowert Immobilien AG in Wien, in Kontakt zu treten, hüllte diese sich in Schweigen. Weder mit der KvU, noch deren Anwalt oder dem Berliner Senat wollte Michael F. Simoncic reden.
Die Immowert Arkonahöfe Berlin GmbH, eine Untergesellschaft des undurchsichtigen und steuersparenden Immowert Firmengeflechts schlug persistent jedes Gesprächsangebot in den Wind.
Auch Versuche, die Politik einzubinden, schlugen letztlich fehl. Auch das inzwischen legendäre Transparent, das im Februar 2012 in der BVV-Mitte aufgezogen wurde, half letztlich nichts: „Gentrifidingsbums ist Moppelkotze!“

Nach mehr als zwei Jahren Schriftverkehr mit der Hausverwaltung und Nichtverlängerung der Mietverträge statteten die Betroffenen von der KvU sogar dem „Eigentümer“ am 2. Februar 2013 einen Besuch in Form einer Demo in Wien ab.

Inzwischen ist der Räumungstitel da – mit ein paar trickreichen Vereinswechseln hatte man noch vergeblich versucht, sich aus der Affäre zu ziehen.

Die „Kirche von Unten“ ruft nun zur Demo auf – das letzte Sozialprojekt in den Arkonahöfen in Berlin-Mitte steht vor dem Aus.

///DOKUMENTATION:/// – DEMOAUFRUF – ///

Kirche von Unten - Solikundgebung und Konzert am 13.7.2013 - 17-22h
Kirche von Unten - Solikundgebung und Konzert am 13.7.2013 - 17-22h

„Es ist Zeit zu handeln! Finger weg von der KvU!

Die Situation der KvU (Kirche von Unten) wird nicht besser. Noch kann der Jugendtreff in der Kremmener Straße seine Türen für alle Interessierten öffnen. Doch der Räumungstitel für eines der ältesten Projekte in Mitte ist da. Das heißt Mitmachende, Freund_innen, Nutzer_innen, Sympathisant_innen, Alte, Junge, Punks und Spießer müssen voller Wut und Trauer auf den Gerichtsvollzieher warten. Einer politischen Lösung haben sich die Verantwortlichen aus Senat und Bezirk verweigert.

Wir, die Freund_innen und Nachbar_innen, wollen mit unserer Wut und Trauer in die Öffentlichkeit gehen. Wir werden an der Zionskirche, wo die KvU entstand, einen Aufruf zusammen mit alten und neuen Gefährt_innen des subkulturellen Projekts für den Erhalt in die Welt schreien. Nicht nur die KVU ist bedroht, auch das Hausprojekt in der Linienstraße 206 und die Kulturkneipe BAIZ.

Für uns in Berlin-Mitte sind das Projekte, die das Wohnen in diesem Kiez überhaupt noch lebenswert machen.

Wir haben schon lange genug von Luxussanierungen und Upper Class Shopping!

Luxussanierung ist kein Spaß!
Macht kaputt, was euch kaputt macht!

Kommt zur Kundgebung am 13.07.2013
Zionskirchplatz, Berlin-Mitte
von 17 – 22 Uhr

Es spielen Hasenscheiße (kurzweilig), The Lennons (Punk) und The Neofarius (Klezmer).
UPDATE:Hasenscheisse hat kurzfristig abgesagt, Stattdessen spielen Isolation Berlin

Weitere Informationen:

www.immowert.at

http://kvu.blogsport.de

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m/s

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