Dienstag, 22. August 2017
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in der Klemme

Großflughafen BER
in der Klemme

Air Berlin über dem Pankower Bürgerpark

/// Kommentar /// – Nach der kurzfristigen Absage der BER-Eröffnung im Mai 2012 gab es eine fatale Entscheidung, die einen bis heute nicht mehr heilbaren Schaden ausgelöst hat: die fristlose Kündigung des Vertrages mit der Planungsgemeinschaft pg/bbi brach die allerletzte technische Verantwortungskette, die ein komplexes Bauvorhaben steuern kann.

Die Kündigung der Generalplaner erschien für den Aufsichtsrat unter Klaus Wowereit, Mathias Platzeck und Rainer Bomba damals folgerichtig. Doch in völliger Unkenntnis der gravierenden Folgen hat man sich damit auch „personell, fachlich und fiskalisch“ selbst in eine neue Verantwortung gebracht.

Neue Generalplaner gesucht – keine gefunden

Die Suche nach einem neuen Generalplaner für den Großflughafen BER ist Anfang August 2014 gescheitert. Bei 32,6 Mio. geschätzter Honorarsumme hätten das nur sehr große Büros schultern können, denn der Honorarwert entspricht wenigstens ca. 250 Mann-Jahren Planungsleistungen (bei ca 130.000 € pro Mannjahr).
Abgesehen von der Zeit, die Planer zur Einarbeitung und zum Verstehen des bisherigen Bautenstandes benötigen, fehlt nun ein bedeutsames Planungspaket: die Herstellung der Genehmigungsfähigkeit des Flughafenterminals, das ab 2016 auch neuen Bauvorschriften genügen muß.
Nach Einschätzung der Berliner Grünen wird dies zu einer weiteren Verzögerung der Fertigstellung des neuen Hauptstadtflughafens führen. Möglich ist auch eine unabsehbare Verzögerung, weil nur ein Generalplaner imstande ist, vorausschauend Planungen, Engpässe und Schnittstellen zwischen Gewerken, Fachplanern, Bauformen und Genehmigungsforderungen zu organisieren.

Es war verantwortungslos vom Aufsichtsrat und der Geschäftsführung der Flughafengesellschaft, die Generalplaner plan- und ersatzlos zu kündigen.

Hartmut Mehdorn auf dem Vorfeld
Hartmut Mehdorn auf dem Vorfeld – Foto: Günter Wicker Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg GmbH

Generalplanung – was ist das?

Ist der Generalplaner die geschickte Erfindung der Marketingabteilung eines großen Büros der Architektur- oder Ingenieurbranche?
Oder sind es die Bauherrenaufgaben, die den Generalplaner notwendig machen? Ist Generalplanung sogar unabdingbare Notwendigkeit, weil sich der Einzelbauherr bei Großbauvorhaben zunehmend in Gremien auflöst, durch verschiedene Organisationseinheiten und Mitsprachen von Genehmigungsbehörden, Gesellschaftern, Aufsichtsräten, in Banken, Versicherungen und Betriebsräte ergänzt und mitbestimmt wird? Wird ein Generalplaner gar gebraucht, um komplexe Genehmigungsverfahren „proaktiv zu steuern?“

Schnittstellenmanagement und teure Koordinationsfehler

Mit zunehmender Komplexität von Bauvorhaben steigen die Anforderungen: technisch, bauphysikalisch, energetisch,terminlich in der Baukoordinierung, dazu qualitativer und finanzieller Hinsicht. Auch Fragen der Inbetriebnahme, des Betriebs und Prüf- und Lebenszyklen von Anlagen, Bauteilen und Komponenten sind zu bedenken.

Es ist keine Frage einer Einzeldisziplin, die Funktionsfähigkeit und Kosten eines Projektes zu sichern. Es kommt auch auf die Sicherstellung von Haftung und Verantwortung von der Planung bis zur Bauausführung an.
Das Zusammenspiel vieler Disziplinen und Projektbeteiligter ist zu gewährleisten. Die immer komplexeren und vielfältigeren Schnittstellen zwischen Fachplanern untereinander und Ausführungsfirmen neben- und nacheinander sind zu sichern. Nur so lassen sich die Risiken eines Projektes reduzieren oder im Idealfall sogar zu eliminieren.

Die Kunst der Interdisziplinarität und der integralen Bearbeitung war und ist gefordert. Sie entscheidet heutzutage über Wohl und Wehe eines Projektes. entscheidet! Es ist unabdingbares Bauherren- und Aufsichtsrats-Wissen – das bis heute nicht angewendet wird.
Die Folge: teure Schnittstellen- und Koordinierungsfehler, die einen großen Teil der über 60.000 Baumängel ausmachen, soweit sie nicht schon behoben sind.

Flughafen BER "from Air" am 7.9.2013 - Foto: Günter Wicker FBB GmbH - Pressefoto
Flughafen BER „from Air“ am 7.9.2013 – Foto: Günter Wicker FBB GmbH – Pressefoto

Personelle Fehlbesetzungen und falsche Management-Entscheidungen

Die Stellenbesetzung von Horst Amann als Technikchef war nur eine Notbesetzung, denn der Tiefbauingenieur konnte nur das tun, was ordentliche Bauleute tun, wenn ein mängelbehaftetes Projekt vor lauter Fehlern nicht mehr „verstehbar“ ist: er veranlasste eine umfangreiche Mängelaufnahme. Doch seine Macht reichte nicht aus, den Aufsichtsrat auch von der Notwendigkeit eines neuen Generalplaners zu überzeugen. Vermutlich war es auch Ende 2012 irreversibel zu spät, um noch einen „externen Sachverstand und Verantwortungsträger“ einzubinden.
Mit der Berufung von Hartmut Mehdorn wurde ein klassischer Manager berufen, der verbotswidrig „Unternehmensberater“ an Bord holte, um Architekten- und Ingenieurleistungen zu reorganisieren.
Zu diesem Zeitpunkt war auch kein renommiertes Planungsbüro mehr bereit, einzuspringen. Selbst renommierte Experten für juristisches Bauprojektmanagement winkten bei dem absehbaren „Himmelfahrtskommando“ ab.

Fehlende Vertrauensgrundlagen – fehlende Haftung & Verantwortung

Bereits zum Richtfest im Mai 2010 zeichnete sich ein Zusammenbrechen der Verantwortungs- und Haftungsketten im Bereich der Haustechnik ab. Nachdem im Frühjahr 2010 das verantwortliche Planungsbüro für die Haustechnik insolvent wurde, ließen sich die damaligen Generalplaner unter Fertigstellungsdruck setzen, und für weite Teile der Haustechnik in die Pflicht nehmen. Eine Fehlentscheidung, die bis heute bereut wird. Denn der Planungsgemeinschaft gelangt es nie, fristgerecht mit dem Baufortschritt mitzuhalten.
Der Bruch der Verantwortungskette zwischen Bauleitung und wichtigen Ausführungsfirmen sowie das versagende Vertragsmanagement unter dem Technik-Geschäftsführer Körtgen ziehen bis heute tiefe finanzielle Spuren im Etat der FBB GmbH.

Für viele „gebaute Mängel“ wird es auch schwer, im Nachhinein Gewährleistungsansprüche geltend zu machen. Noch schwerer wird es aber, neue Planer und Firmen an Bord zu nehmen, die selbst neues Vertrauen einbringen und neue Verantwortung übernehmen.

Das Abhandenkommen des „Bauherrn“ zentrales Problem

Am Großflughafen BER ist seit 2012 ohne Generalplanung, stattdessen wird „Baumanagement“ mit unzureichenden Mitteln betrieben, das auf überschätzte Fachleute, auf Vermischung von Planung und Kontrolle baut, und im Fall Großmann auch zum Korruptionsverfahren geführt hat.

Ein qualifizierter Generalplaner als verantwortliche und entscheidungsbereite Person wäre der richtige Partner für einen Bauherrn, der seine Hausaufgaben versteht. Einen Auftraggeber, der sein Werk proaktiv wirtschaftlich optimieren will und dafür selbst die Planung koordiniert, in jedem Fall aber zumindest selbst verantwortet.

Doch Verantwortung wird von Gremien gerne vermieden. Es ist kein Wunder, wenn sich nun kein Generalplaner findet, der etwas neu herstellt, was der Bauherr selbst nicht verantworten will und kann.

Die neue Klemme für den BER hat gerade erst begonnen

Die FBB versucht nach dem Scheitern einer europaweiten Ausschreibung nun per Direktvergabe einen neuen Generalplaner für die ausstehenden Arbeiten zu finden. Kunkel erklärte auch: „… einen weiteren Zeitverlust bei der BER-Fertigstellung soll es nicht geben.“
Für die Koordinierung der Restarbeiten will die FBB nun einen Generalplaner im Verhandlungsverfahren suchen. Die bereits am BER tätigen Planer sollen dafür gezielt angesprochen werden.

Doch die Zeit drängt: Ende 2015 läuft die Baugenehmigung aus, und viele der Genehmigungsunterlagen, Pläne und auch Baudetails müssen danach neuen Baubegenehmigungs-Anforderungen genügen. Hierfür sind Arbeiten erforderlich, die wegen vieler technischer Zielkonflikte dringend einen koordinierenden Generalplaner brauchen, der auch das Genehmigungsmanagement beim Brandschutz im Griff hat.

Neues Inbetriebnahme-Risiko nicht ausgeschlossen

Die bisherige Praxis, monatelang alle Planungsaufträge einzeln zu vergeben, hat zu einem Chaos in den Abläufen und Dokumentationen geführt. Da zeitweise sogar bis zu 65 Planungsbüros gleichzeitig auf der BER-Baustelle tätig waren, ist es nicht verwunderlich, wenn es immense Einarbeitungszeiten für jeden neuen Beteiligten gibt.

Auch die Stellenausschreibung für einen Referenten/Referentin in der Arbeitsgruppe III Flughafenentwicklung für den Aufsichtsrat steht im merkwürdigen Licht. 18 Jahre nach der ersten Initiative zur Flughafenplanung kommt diese Stellenausschreibung reichlich spät. Wegen der notwendigen Einarbeitungszeit zum Sichten der Lage vermutlich auch viel zu spät.

Am Umbau der Entrauchungsanlage arbeiten derzeit fünf Planungsbüros. Nicht verwunderlich: eine Gesamtverantwortung fehlt. Neue Pannen sind längst passiert. Die Notstromversorgung bereitet Probleme wegen falscher Bestellungen und Lieferungen. So hat das Bauordnungsamt etwa die Netzersatzanlage moniert.

Wenn es nicht gelingt, einen verantwortlichen Generalplaner zu finden, der eine sichere Genehmigungsplanung aufstellt, droht die Gefahr, dass erneute Inbetriebnahme-Termine an technischen Teilabnahme-Problemen scheitert.

Das größte Risiko liegt beim SIEMENS-Konzern: obwohl neuen Entrauchungstests gelingen können, könnte die neue, durch Ventilatoren gesteuerte Luftzufuhr in engen Zugängen örtliche Feuer sogar anfachen.

Nach den obligatorischen Entrauchungstests werden daher erst Testfeuer nach DIN EN 54 wirklich aussagekräftig sein, ob das zentrale Terminal betriebssicher ist.

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