Montag, 26. September 2016
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Groth plant Mauerpark ohne Abendsonne

Plan für neue Bebauung am Mauerpark Foto: Groth-Gruppe - digital bearbeitet: Amina Mendez

Plan für neue Bebauung am Mauerpark Foto: Groth-Gruppe - digital bearbeitet: Amina Mendez

Am 15. Februar 2013 präsentierte der Investor Klaus Groth gemeinsam mit dem Bezirksstadtrat von Berlin-Mitte, Carsten Spallek (CDU), die neuen Pläne für die Nordbebauung am Mauerpark. Auf einer Bruttogeschossfläche von 54.000 Quadratmetern plant die Groth-Gruppe rund 520-530 Wohnungen sowie einen Kindergarten. Das geplante Neubauquartier soll in 5 Quartier-Blöcke mit 4-7 Geschossen aufgeteilt werden und über eine neue Zufahrtstrasse von der Gleimstraße aus erschlossen werden.

Die Groth-Gruppe hatte das Nordgelände der im Flächennutzungsplan von Berlin ausgewiesenen Grünachse „Grünes Band“ schon im Sommer 2012 erworben, als noch die Verhandlungen um den städtebaulichen Vertrag zwischen Land Berlin und dem Vorbesitzer CA-Immo AG liefen.
Der Weiterverkauf an die Groth-Gruppe kam gerade noch rechtzeitig – weil der abgeschlossene städtebauliche Vertrag rechtswidrige Bestimmungen enthielt, die bei einer verwaltungsrechtlichen Überprüfung dessen Nichtigkeit offen gelegt hätten.
Die Groth-Gruppe tritt nun neu in den städtebaulichen Vertrag ein, ohne ihn selbst abgeschlossen zu haben – die problematische Verwaltungsentscheidung für einen städtebaulichen Vertrag wird damit auf elegante Weise vorerst aus der Schußlinie genommen.

Mit den neuen Bauentwürfen bleibt der Investor Groth dicht unter den Vorgaben des städtebaulichen Vertrages, der 58.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche und rund 600 Wohnungen vorsah (mit einer GFZ 1,6).
Bei Überarbeitung der Ergebnisse des städtebaulichen Wettbewerbs haben die Planer Lorenzen Archtekten „qualifizierte Lücken“ zwischen den Gebäuden vorgesehen, die Sichtbeziehungen und Erschließungen markieren und die Bebauung auflockern. Die Geschoßhöhen sind gestaffelt und reichen von 4 bis zu 7 Geschosssen – wobei eine städtebauliche Dominante an der Nordecke und Nordkante geplant wird.

Städtebaulicher Entwurf der Groth-Gruppe 2013 von Lorenzen Architekten

Die ersten Bauentwürfe von Nöfer Architekten zeigen eigenständige, zwischen Tradition und Moderne angesiedelte Stadthäuser, die einen hohen ästhetischen Qualitätsanspruch tragen. Mit dem Gestaltungsanspruch des Architekten werdend üblicherweise Wohnungen im oberen Preissegment angeboten. Die angedeuteten Penthouses dürften auch marktüblich mehr als die von Klaus Groth angegebenen 11,50 € pro Quadatmeter Mietpreis je Monat einbringen – sofern sie nicht sogar als Luxuswohnungen verkauft werden.
Die weniger attraktiv gelegenen Wohnblöcke entlang der Bahnanlagen sollen als Mietwohnungen angeboten werden. Die unmittelbar am Mauerpark gelegenen Wohnbauten sollen als hochwertiges Wohneigentum angeboten werden.

In dem ursprünglich zwischen dem Eigentümer CA Immo AG und dem Land Berlin abgeschlossenen städtebaulichen Vertrag hieß es: „Die Vertragsparteien streben eine nachhaltige und ökologisch ausgewogene Entwicklung und eine soziale Durchmischung des Gebietes an.“
Davon kann beim derzeitigen städtebaulichen Vorentwurf jedoch noch nicht viel erkannt werden.
Investor Klaus Groth verwies darauf, der Begriff „soziale Durchmischung“ sei nirgendwo definiert. Für ihn bedeute das, dass er sich bereit erkläre, einen Teil der Fläche an Baugruppen, Genossenschaften und landeseigene Wohnungsbaugesellschaften zu verkaufen.
Klaus Groth ist seit über 30 Jahren im Geschäft und hat alle Seiten der Projektentwicklung, der Baufinanzierung und Bauförderung, und des Baugeschäfts kennengelernt.
Er begann seine unternehmerische Laufbahn 1976 in Kiel mit der Gründung eines eigenen Projektentwicklungs-, Wohnungs- und Gewerbebauunternehmens. Ende 1977 begannt die erste Bautätigkeit in Berlin. 1982 verlegte er seinen Sitz nach Berlin und gründete die heutige Groth Gruppe.
Interessant: vor seiner unternehmerischen Tätigkeit war Klaus Groth 14 Jahre auf Seite der öffentlichen Hand als Kommunalbeamter aktiv. Acht Jahre arbeitete er im Genossenschaftsbereich als Vorstands- und Geschäftsführer für eine gemeinnützige Wohnbaugenossenschaft, einen gewerblichen und kommunalen Bauträger, eine Städtebau- und Sanierungsgesellschaft sowie eine Anlagen- und Fondsgesellschaft.
Klaus Groth übernahm auch zeitweise Funktionen im immobilienwirtschaftlichen Bereich wie den Vorstandsvorsitz des Landesverbandes Freier Wohnungsunternehmen Berlin-Brandenburg wahr (1995-2001).Er war zwischen 1996 und 2004 Präsidiumsmitglied der IHK Berlin. In den Jahren 1992 bis 1995 war wer Mitglied im Beirat für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr der Landesregierung Brandenburg und ist seit 2005 Mitglied im Beirat der Stiftung Zukunft Berlin.
In Berlin hat der bestens vernetzte KLaus Groth seit dem Niedergang der Neuen Heimat das Botschaftsviertel in Berlin Tiergarten maßgeblich gestaltet – und z.B. auch die neue CDU-Zentrale errichtet.
Das Manager-Magazin benannte ihn 2002 als „ein strammer CDU-Mann“, der seit Mitte der 80er Jahre auch zu den Großspendern von Bundes-CDU und Berliner CDU zählt.
Die Neubausiedlung Karow-Nord in Pankow wurde ebenfalls von der Groth Gruppe entwickelt.

Die kurzfristig eingeladene Präsentation der geplanten Nordbebauung am Mauerpark kam für die Bürgerwerkstatt Mauerpark sehr überaschend – bis zu Letzt hatte man noch an einen Dialog geglaubt. Der massive Neubauplan hat aber auch Dr. Krüger von der Bürgerwerkstatt verstört und man veröffentlichte sofort eine geharnischte Presseerklärung:

„Groths Luxuswohnungen passen nicht zu Nachbarschaft und Parkflächen am Mauerpark! Die überraschende Präsentation städtebaulicher Entwürfe durch Baustadtrat Carsten Spallek und Bauunternehmer Klaus Groth für die Nordbebauung im Mauerpark kann die Bürgerwerkstatt nur mit Unverständnis zur Kenntnis nehmen.“
Noch im Januar 2013 hatte die Groth Gruppe eine Delegation der „Bürgerwerkstatt Mauerpark Fertigstellen“ zu einem neuen Sondierungsgespräch eingeladen. Ziel war es, zwischen der Forderung der Bürgerwerkstatt nach einer maßvollen Bebauung und den Plänen des Investors mögliche Annäherungen auszuloten. „Der begonnene Dialog sollte, das bestätigten beide Seiten, offen und respektvoll sein.“
Doch die Vertreter der Bürgerwerkstatt hatten ihre Rolle wohl überschätzt und zeigten sich nun enttäuscht: „Das Vorgehen der Groth Gruppe steht dem vereinbarten Dialogstil entgegen. Anders als im ersten Gespräch vereinbart, hat sie die Bürgerwerkstatt die Entwürfe nicht rechtzeitig einsehen und diskutieren lassen.“ heißt es in der Presseerklärung.
„Die dialogbereiten Bürger werden von Verwaltung und Investor vor vollendete Tatsachen gestellt“, sagt Rainer Krüger, einer der Sprecher der Bürgerwerkstatt. Er sieht sich auch bestätigt:“ Die Groth Gruppe verfolgt nach altbekannter Investorenmanier allein das Ziel einer optimalen Verwertung und Renditeausschöpfung der nördlichen Fläche. Es sollen vorrangig hochpreisige Luxuswohnungen entstehen.“

Das Nordgrundstück soll nach dem überarbeiteten städtebaulichen Entwurf von Lorenzen Architekten bebaut werden. Vier- bis siebengeschossigen Häuser mit 520 bis 530 Wohnungen und einer Bruttogeschßfläche von 54.000 Quadratmetern, verteilt fünf “Quartiere”, will Bauunternehmer Claus Groth errichten lassen. Dazu ist eine Kindertagesstätte mit vierzig Plätzen geplant. Ein Quartiersplatz soll daneben entstehen – in den Erdgeshcossen der angrenzenden Gebädue sollen auch Ladenflächen entstehen.
Die Wohnungen sollen zur Hälfte vermietet, die andere Hälfte als Wohneigentum verkauft werden. Die Mietwohnungen sollen nach den Vorstellungen Groths im nördlichen Teil des Geländes nahe der Bahngleise angesiedelt werden, die Eigentumswohnungen an der ruhigeren Südflanke des Geländes.

Er werde, so Groth, die im “Städtebaulichen Vertrag” vorgesehene Obergrenze von 58.000 m² Geschossfläche nicht voll ausnutzen, damit ein attraktives Wohnquartier entstehen könne. Tatsächlich dürfte die Selbstbeschränkung andere Gründe haben: Die ursprünglich vorgehene Bebauungsdichte überschritt die nach Baunutzungsverordnung festgelegte Grenze und hätte Bebauungsgegnern eine direkte juristische Angriffsfläche geboten. Die GFZ des neuen Bebauungsentwurfs mit bis zu 7 Vollgeschossen und Penthouses muss allerdings erst noch nachgerechnet werden.

Der „subventionserfahrene“ Investor hat auch gleich eine Grenze gezogen und sich gegen eine soziale Verantwortung seines Unternehmens positioniert: „„Wir stehen im Wettbewerb auf dem Markt und können die Mieten nicht aus anderen Einnahmen unseres Unternehmens querfinanzieren“, so Groth. Bezirksstadtrat Carsten Spallek (CDU) steht ihm zur Seite und sieht beim sozialen Wohnungsbau auch den Senat von Berlin in der Pflicht. Auf die Idee eines „Planungswertausgleich“ und „bedarfsgerechte Sicherung sozialer Infrastruktur“ und eine Sicherung von Belegungsrechten ist man in Berlin-Mitte bisher noch nicht gekommen.

Das Heranrücken der Bebauung bis an die Bezirksgrenze und an den schon seit langer Zeit begrünten Teil des Mauerparks dürfte insbesondere in Prenzlauer Berg und im Pankower Bezirksamt auf Widerstand gegen den Bebauungplan führen. Mit nur 25 Metern Grenzabstand werden weite Teile des Mauerparks verschattet. Die landschaftliche Qualität des Mauerparks wird damit im Nordteil in Frage gestellt.
Der Moritzhof rückte damit in eine „Hinterhof-Situation“ – und steht auch dem Verkauf von Luxuswohneigentum eher entgegen. Die Groth Gruppe hat deshalb auch „Überlegungen“ eingebracht, den Moritzhof besser zu verlegen.

Luxuswohnen am Mauerpark - Entwurf Nöfer Architekten
Bild: Fassaden-Entwurf Nöfer Architekten
(digital abgedunkelt auf abendliche Lichtverhältnisse – Bearb.: Amina Mendez)

Dies stösst nicht nur bei der Bürgerwerkstatt auf entschiedenen Widerstand und Empörung. Auch im Bezirk Pankow und im unmittelbar angrenzenden Gleimviertel ist man alles andere als begeistert.

Die Gegner der Mauerpark-Bebauung und die Stiftung Weltbürgerpark e.V. formieren sich angesichts der aktuellen Investorenpläne neu – und haben zu einem ersten Treffen eingeladen (siehe unter Weitere Informationen).
Eine offizielle Stellungnahme des Bezirksams Pankow wird nicht lange warten lassen: Am 28.2.2013 findet die nächste öffentliche Sitzung des Ausschuß für Stadtentwicklung und Grünanlagen u.a. mit dem Thema „Mauerpark“ statt.

Andreas Otto (MdA/Bündnis 90/Grüne) hat sich bereits kritisch geäußert. Er sieht die im städtebaulichen Vertrag geforderte soziale Mischung als nicht gesichert an: „„Ich stelle fest, dass der Senat nichts geklärt hat“, kritisiert der Grünen-Abgeordnete Otto und schließt eine Forderung nach Rückabwicklung des Grundstücksgeschäfts nicht aus.

Die Gegner einer Mauerpark-Bebauung setzen nun auf Mobilisierung und breiten Widerstand. Die aktuellen Investorenpläne laufen auf eine massive Entwertung des Mauerparks und die Zerstörung des „Grünen Bandes“ hinaus. Auch in den weiter entfernten Wohngebieten in Berlin-Mitte und Pankow wird die Bebauung der einzigen ins Umland führenden Grünachse neue Betroffene auf den Plan rufen.
Der Großkonflikt zeichnet sich ab: eine weitere Verdichtung der Innenstadt, und soziales Wohnen sorgen für Grün- und Freiflächen-Defizite und entwerten damit zugleich das Wohnen in der Innenstadt. Nicht nur Mieter, auch Eigentümer und Investoren müssen ob der neuen Bebauungspläne am Mauerpark besorgt sein! m/s

Weitere Informationen:
Termin: Montag 18.2.2013:
Schockierende Mauerpark-Betonpläne der Groth-Gruppe
Café Niesen Schwedter Strasse 78 – 10437 Berlin-Prenzlauer Berg

PANKOWER ALLGEMEINE ZEITUNG vom 7.11.2012: Mauerparkbebauung in der §§-Falle

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m/s