Dienstag, 24. Oktober 2017
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Hans Magnus Enzensberger: Immer das Geld!

Hans Magnus Enzensberger: Immer das Geld

Einige Rezensionsexemplare liegen noch unbearbeitet auf dem Regal. Ein kleines Buch vom großen Autor Enzensberger soll nun endlich näher präsentiert werden. Im Untertitel steht: „Ein kleiner Wirtschaftsroman“ – doch es ist mehr! Ein schönes Buch, mit schönen und sinnreichen Illustrationen und Bildern, inszeniert von Frank Greno. Es ist auch ein Stück Lebensberatung, ein Buch, das vielleicht Abiturienten zum Schulabschluß geschenkt werden sollte – weil es viele lehrreiche Erkenntnisse zusammenfasst.

Hans Magnus Enzensberger: Immer das Geld
Hans Magnus Enzensberger: Immer das Geld: „Geld stellt den Menschen auf die Füße“ Talmud

Enzensberger hat das schwierige und umfassende Thema Geld in eine Romanform verpackt, der erzählerisch in der Form eines Jugendbuches spielt. Im Mittelpunkt steht die Abiturientin Felicitas als Erzeählerin, die in bisweilen naiver Erzählweise eine Zugang zum scheinbaren Allerweltsthema schafft.
Doch es werden dabei tiefsinnige und detaillierte Kenntnisse über Geld und Wirtschaftsleben verbreitet, die doch mit üblichen Gemeinplätzen gehörig aufräumen. „Wer sein Vermögen schützen will, glaubt gar nichts, sondern rechnet mit allem.“ – Dieses Zitat von Anmschel Mayer Rothschild ziert die Umschlagsrückseite – und enthält wohl auch das Wichtigste Fazit, das zum Umgang mit Geld gezogen werden muss. Das Buch ist gelungen, „ein subversiver Aufklärungskurs über Herkunft, Sinn und Wert des Geldes und unsere Art zu wirtschaften.“

Die Erzählung

Jedes Mal, wenn Tante Fé zu Besuch kommt, gerät der stinknormale Alltag der Familie Federmann aus den Fugen. Die uralte, muntere Dame hat es faustdick hinter den Ohren. Nach den Erfahrungen eines langen Lebens mit Inflationen, Erbschaften und Pleiten, mit Armut, Verschwendung und Exil ist sie jetzt reich und lebt allein in ihrer Villa am Genfer See.
Was aber will Tante Fé von den Federmanns, ihren einzigen Verwandten? Langweilen möchte sie sich auf keinen Fall. Deshalb lädt sie die drei Federmann-Kinder in das Luxushotel Vier Jahreszeiten ein, verwöhnt, verblüfft, begeistert sie.

Die drei Kinder sind: die kleine Fanny, der 14-jährige Gymnasiast Fabian und die 18-jährige Ich-Erzählerin Felicita.

Endlich fühlen sie sich ernstgenommen, erhalten sie Antworten auf Fragen wie: Woher kommt das Geld? Warum reichen selbst Milliarden und Billionen nie? Was denkt sich eine Zentralbank dabei, wenn sie Schulden druckt? Warum geht es nirgends ohne Schattenwirtschaft, ohne Schwarzmarkt, Schwarzgeld und Schwarzarbeit? Und warum hagelt es immerzu fette Boni in der Chefetage?
Tante Fé räumt mit dem Blabla der Börsianer auf. Ungerührt erklärt sie den Kindern das herrschende Betriebssystem der Gier und der Angst. Natürlich hat auch sie keine Patentrezepte zu bieten.

Tante Fé instruiert Fanny, Fabian und Felicitas über Sachen, die wichtiger sind als Latein und Chemie: etwa die Erfindung des Papiergelds, die Vorzüge der Arbeitsteilung, Inflation und Geldabwertung, Kredit und Hypothek, Zins und Tilgung, Konjunktur und Kartelle. – Das Buch wird so auch ein amüsant lesbares Lehrbuch, das ein wenig „Wirtschaftskompetenz“ erzeugen mag.

Zufall und Willkür regieren in der Welt des Geldes

„Aktionäre sind dumm und frech. Dumm, weil sie Aktien kaufen, und frech, weil sie dann noch Dividende haben wollen“, so zitiert Tante Fé den Bankier Fürstenberg und zieht die Summe ihrer eigenen Einsichten in die Ökonomie: „Alles Schwindel!“ – „Und auch Glaubenssache, was ja schon mit dem Geld selbst beginnt.“ – „Entscheidend ist, dass alle an des Wert des Geldes glauben.“. Und so hängt unser aller Leben von einer Fiktion ab, vor der selbst Grimms Märchen verblassen müssen.

Schön und flott erzählt – vergnüglich zu lesen

»Das Buch Immer das Geld! vermittelt … keine konkreten Spar- oder Anlagetipps. Vielmehr regt es dazu an, wach und kritisch zu bleiben und nur Personen, nicht aber Institutionen zu vertrauen. Eine Zukunft als Schullektüre und als Gesprächsanstoß zwischen Großeltern und Enkeln, Eltern und Kindern ist dem ›kleinen Wirtschaftsroman‹ zu wünschen.« Petra Plaum, Augsburger Allgemeine

Literaturhinweis:

Hans Magnus Enzensberger: Immer das Geld

Hans Magnus Enzensberger:
Immer das Geld!

Ein kleiner Wirtschaftsroman
inszeniert von Franz Greno

Suhrkamp Verlag, Berlin 2015
240 Seiten, 22,95 Euro
ISBN: 978-3-518-42489-6

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m/s