Freitag, 15. Dezember 2017
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Helmut Schmidt – der Lotse ist von Bord

Helmut Schmidt , Januar 2014

Helmut Schmidt ist am frühen Nachmittag des 10. November 2015 in seinem Haus in Hamburg-Langenhorn im Kreise seiner Angehörigen gestorben – ganz so wie es sein letzter Wille war. Ein großer Politiker, ein Staatsmann und vor allem ein großer Sozialdemokrat hat den letzten Weg begangen. Die Trauer ist übergroß, und eine große Welle der Anteilnahme ist zu spüren. Die Nachrichten und Zeitungen sind plötzlich voll von Bildern, Rückblicken, Kommentierungen und politischen Würdigungen.

Helmut Schmidt , Januar 2014
Helmut Schmidt auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Januar 2014 – Foto: Kleinschmidt CC 3.0 BY de

Die Trauer und Betroffenheit ist groß, vor allem weil hier ein Politiker aus der Zeit geht, der als geborener Hamburger auch ein besonderes Bild des besonnenen Hanseaten verkörperte. Ein Mann, der mit kühlem Kopf Krisen meisterte und Vernunft als Maßstab politischen Handels nahm.

Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich tief betroffen, und würdigte Schmidt in einer kurzen Rede.

Sozialdemokrat der ersten Nachkriegsgeneration

Helmut Schmidt hat die Erfahrungen des zweiten Weltkrieges als Soldat mitgemacht. Nach dem Krieg legte er mit dem Studium der Volksirtschaft und Staatswissenschaft das Fundament für seine weitere Laufbahn.
Aus heutiger Sicht ist es von Bedeutung, welche Vorbilder Schmidt in seiner eigenen Partei sah; unter anderem Max Brauer, Fritz Erler, Wilhelm Hoegner, Wilhelm Kaisen, Waldemar von Knoeringen, Heinz Kühn und Ernst Reuter. Es sind Köpfe, die Sozialdemokraten zur Volkspartei werden ließen.

Das Urmotiv seiner Führungskraft

Schmidt ist oft zu seiner Motivation befragt worden, sich politisch zu engagieren. Die deutlichste Aussage stammte aus dem Jahr 2008:

„Ehrgeiz ist ein Begriff, den ich auf mich nicht anwenden würde; natürlich lag mir an öffentlicher Anerkennung, aber die Antriebskraft lag woanders. Die Antriebskraft war typisch für die Generation, der ich angehört habe: Wir kamen aus dem Kriege, wir haben viel Elend und Scheiße erlebt im Kriege, und wir waren alle entschlossen, einen Beitrag dazu zu leisten, dass all diese grauenhaften Dinge sich niemals wiederholen sollten in Deutschland. Das war die eigentliche Antriebskraft.“

Dieser Aussage war wohl auch der Kern, weshalb er zeitlebens immmer einen umfassenden Verantwortungsbegriff vertrat, und sich mit seinen Gaben mit Klarheit, Umsicht, Besonnenheit und Führungsstärke in seinen Ämtern einsetzte.

Stationen die die Bundesrepublik Deutschland prägten

Ab 1961 war Schmidt Senator der Polizeibehörde in Hamburg. In der großen Sturmflut 1962 bewies er sich als Krisenmanager und gewann damit eine große Popularität. Von 1967 bis 1969 war er Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, 1969 bis 1972 Bundesminister der Verteidigung, 1972 war er für ein halbes Jahr gleichzeitig Bundesminister für Wirtschaft und Finanzen. Bis 1974 war er Bundesminister der Finanzen. 1974 wurde er zum Bundeskanzler gewählt. Gegen Ende seiner Amtszeit als Bundeskanzler leitete Schmidt, bedingt durch das Ausscheiden des Koalitionspartners FDP, für knapp zwei Wochen auch das Auswärtige Amt.
Von 1983 bis zu seinem Tod war er Mitherausgeber der Wochenzeitung Die Zeit.

Helmut Schmidt und die ökonomische Gesamtverantwortung

Nach dem Rücktritt Karl Schillers wurde der Volkswirt Mitte 1972 neuer Superminister. Schmidt war damit für die beiden gewichtigen Ressorts Wirtschaft und Finanzen gleichzeitig zuständig. Seine Prioritäten beschrieb Schmdit damals folgendermaßen:

„Ich lehne es ab, Stabilität oder Wirtschaftswachstum in einem höheren Rang zu sehen als Vollbeschäftigung.“ Und für alle, denen das nicht deutlich genug war, schob er nach: „Mir scheint, dass das deutsche Volk – zugespitzt – 5 Prozent Preisanstieg eher vertragen kann als 5 Prozent Arbeitslosigkeit. Schon 3 Prozent Arbeitslosigkeit würden für die Bundesrepublik unerträglich sein.“

Doch Schmidt hatte durchaus auch Stabilitätsbewusstsein, denn er sagte auch:

„Absoluter Vorrang gebührt heute der Preisstabilität – dies gilt für uns alle. Die Inflation hat unsere Welt wie eine Seuche überzogen.“

Tatsächlich verfolgte Schmidt die Prinzipien keynesianischer Konjunktursteuerung und das „magische“ Viereck war damals die wichtigste „wirtschaftspolitische Vision“: angemessenes und stetiges Wirtschaftswachstum, Preisniveaustabilität, hoher Beschäftigungsstand und außenwirtschaftliches Gleichgewicht.

Schmidt setzte damit das Konzept des unter Kanzler Ludwig Erhard 1967 beschlossenen „Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft“ um – ein Erfolgsrezept, das letztlich das „Modell Deutschland“ schuf.

Doch eine aus heutiger Sicht wichtige Zäsur wurde auch von Schmidt eingeleitet: im zweiten Kabinett Brandt gab Schmidt die Zuständigkeit für die Wirtschaft ab, und nahm die wichtige Abteilung Kredit und Kapital ins Finanzministerium mit. Auf einen Schlag war das einst mächtige Wirtschaftsressort amputiert, das unter Ägide von Kanzler Ludwig Erhard einst zum wohl wirkungsmächtigsten Ministerium der Bonner Republik wurde.

Diese Zäsur hat den Weg für eine „finanzkapitalistische Umgestaltung“ der Bonner Republik bereitet, die später unter Kanzler Helmut Kohl wirksam umgesetzt wurde – mit Folgen, die bis heute spürbar sind.

Für Volkswirtschaftler wäre es interessant herauszufinden, ob hier allein einer wachsenden Komplexität entsprochen wurden, oder ob die Aufgabe eines Paradigmas gesamtwirtschaftlicher Steuerung auch zu fatalen Selbstbeschränkungen von Wirtschaftspolitik geführt hat. Es spricht viel dafür, dass Schmidt sich hier als bekennender Anhänger von Sir Karl Poppers „Offener Gesellschaft“ zur Modernisierung wendete.

Bundeskanzler einer sozialliberalen Koalition

Von 1974 bis 1982 war Helmut Schmidt als Regierungschef einer sozialliberalen Koalition der fünfte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Zu Beginn seiner Amtszeit 1975 brach das Bretton-Woods-System fester Wechselkurse zusammen, die erste Ölkrise liess vor allem Deutschland und Frankreich zusammenrücken. Schmidt und Valéry Giscard d’Estaing legten die Grundlage für den Euro, als sie mit dem Ecu eine Bezugsgröße und Recheneinheit schufen, mit der Währungsschwankungen ausgeglichen werden konnten. Gleichzeitig initierte Schmidt die Weltwirtschaftsgipfel, die eine neue weltweite Ära der Gipfeldiplomatie einleiteten.
In diese Zeit fällt auch ein Wandel in der volkswirtschaftlichen Ökonomie, der die geldpolitische Steuerung der Wirtschaft immer mehr ins Zentrum schob.
Zur Zeit von Schmidts Kanzlerschaft entwickelte sich auch der Konflikt um die Finanzierbarkeit des Sozialstaates, der quasi an den Folgekosten eines erfolgreichen Aufbaus notleidend wird.
Im Konflikt zwischen SPD und Koalitionspartner FDP folgte schließlich 1982 der überraschende Bruch der sozialliberalen Koalition mit dem „Lambsdorff-Papier“ vom 9. September 1982.

Standpunkte und Zitate

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“ dieses Zitat hat Schmidt zuerst im SPIEGEL über Willy Brandts Visionen im Wahlkampf abgegeben. Dieses Zitat ist später ungezählte Male zum geflügelten Wort geworden, ein Wort, das Beharrungskräfte gegen Kreativität und Wandel mobilisiert hat.

Im ZEITmagazin erinnerte sich Schmidt 2010 später in einem Interview ungenau, auf eine ungenaue Frage, als er sich entschuldigend äußerte:

„ZEITmagazin: Wenn man Ihnen so zuhört, könnte man meinen, Sie hätten eine Vision. Dabei haben Sie doch mal gesagt: Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.

Schmidt: Diesen Satz habe ich ein einziges Mal gesagt, er ist aber tausendfach zitiert worden. Einmal hätte genügt.

ZEITmagazin: Wie ist er überhaupt in die Welt gekommen?

Schmidt: Das weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich habe ich ihn in einem Interview gesagt. Das muss mindestens 35 Jahre her sein, vielleicht 40. Da wurde ich gefragt: Wo ist Ihre große Vision? Und ich habe gesagt: Wer eine Vision hat, der soll zum Arzt gehen. Es war eine pampige Antwort auf eine dusselige Frage.

ZEITmagazin: Aber wenn eine atomwaffenfreie Welt keine große Vision ist, was ist sie dann?

Schmidt: Eine Zielsetzung, von der ich nicht glaube, dass sie erreicht werden kann. Es wäre schon viel wert, wenn die beiden großen Atommächte damit anfingen, die Zahl ihrer Waffen zu halbieren.“ (ZEIT | 4.3.2010 )

Internationale Anerkennung und Glaubwürdigkeit

Mit der Begründung der Weltwirtschaftsgipfel, der Härte beim NATO-Doppelbeschluß und seiner gleichzeitig kühlen und berechenbaren Art um Umgang mit den Gegnern jenseits des Eisernen Vorhangs hat Schmidt auch zur nachfolgenden Auflösung der Blöcke in Ost-West beigetragen und über die Gipfeldiplomatie zum Dialog mit Rußland beigetragen.

Als „elder statesman“ warnte Schmidt auch zu Letzt im März 2015 aufgrund der UKraine Krise vor Fehleinschätzungen. „Angesichts dieser Lage sei Putin die Zukunft der Ukraine „weniger wichtig“.

Schmidt meinte, Russland sei von den Beschlüssen der EU zur Ost-Erweiterung Anfang der Neunzigerjahre in einer „Wild-West-Periode“ unter dem damaligen Präsidenten Boris Jelzin überrascht worden. „Das rächt sich heute“, sagte Schmidt, denn Jelzins Nachfolger Putin habe Russland wieder internationale Beachtung verschafft. „Putins Politik muss uns nicht gefallen.
Aber wir müssen sie aus der Geschichte verstehen und ernst nehmen.“ ( SPIEGEL | 12.3.2015).

Eine internationale Presseschau zeigt auch, Schmidts Bild war von Außen betrachtet nicht unumstritten (Sueddeutsche.de | 11.11.2015 )

Helmut Schmidt hat die Bundesrepublik in langen Zeitläuften als Persönlichkeit mit geprägt. Ob als „Wirtschaftskanzler, Gipfelstürmer, Währungsreformer“ (FAZ 10.11.2015), oder später als Publizist und Mahner. Er hat viel für das Land, für Europa und für die Welt getan.

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