Donnerstag, 19. Oktober 2017
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„Herrgottsbscheißerle“ auf dem Trottoir

„Herrgottsbscheißerle“ auf dem Trottoir

// Glosse //: Die Mönche des schwäbischen Zisterzienserklosters Maulbronn haben einst in der Fastenzeit Teigwaren anstatt mit Spinat, Kräutern und Gemüse einfach mit Fleisch gefüllt – und somit „vor den Augen Gottes“ versteckt. Die »Maultaschen« sind seitdem zu einer weltweit berühmten schwäbischen Leibspeise geworden.
Die gotteslästerliche Völlerei wurde im bayrischen Schwabenland augenzwinkernd und derb-liebevoll kritisch gewürdigt: dort heißen Maultaschen auch »Herrgottsbscheißerle«.
In Prenzlauer Berg hat just die „Schwabenguerilla“ wieder zugeschlagen, und an mehreren symbolischen Orten „Mauern aus „Herrgottsbscheißerle“ auf den Trottoir errichtet und für ihren Blog Free Schwabylon fotografiert.
Peinlich: die Bilder wurden aus einer Perspektive in Szene gesetzt, mit der üblicherweise in Berlin Hundegegner die tierischen Hinterlassenschaften der Vierbeiner auf Gehsteigen brandmarken und Abhilfe bei der Stadtreinigung einfordern.
Diese abermalige Verballhornung der schwäbischen Küche ist nun derart ehrenrührig, dass ernste Zweifel über die wahre Identität der immer noch anonym agierenden „Schwabenguerilla“ aufkommen müssen.
Stecken etwa „linke Gentrifizierungsgegner“ hinter dem Spektakel – und wollen die Schwaben in Berlin auf diese Weise noch vor „Fasnacht“ zum ganzjährigen „Narrenhästräger“ in Prenzlauer Berg machen?
Oder steckt etwa eine Werbeagentur dahinter, die ihre schwäbische Investorenklientel moralisch neu aufbauen möchte? Schlimmer noch: sind die Hintermänner gar übersättigte Schwaben, die die alte Fastnacht-Tradition fortführen, an Festen verderbliche Lebensmittel vor Beginn der Fastenzeit aufzubrauchen – diese Maultaschen aber nicht mehr essen mögen?
Oder sind echte „schwäbisch-allemannische Narren“ am Werk, die nach den alten augustinischen Lehren vom Zwei-Staaten-Modell hier in Prenzlauer Berg einen neuen „schwäbischen Gottesstaat“ namens „Schwabylon“ ausrufen wollen?
Bevor die „civitas dei suevica“ entstehen kann, muss erst die „civitas diaboli“ der Fastnacht ertragen werden. In jedem Fall wünschen sich die Schwabenguerilla selbst einen schwäbischen Frühling in Berlin! Es wäre schön, wenn man dann schwäbische Leibspeisen etwas appetitlicher anrichtet – und Stühle und gut gedeckte Tische aufstellt! „Ju-Hu-Hu-Hu“ und „Narri-Narro“! m/s

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m/s