Samstag, 16. Dezember 2017
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& die Container

Im Mittelpunkt: der Mensch
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Campus Berlin-Buch: Zufahrt

Berlin-Buch ist ein wichtiger Teil der Gesundheitsstadt Berlin. Mit dem Forschungscampus für Biomedizin und Medizintechnik wurde ein Leuchtturmprojekt geschaffen. Der weitere Ausbau und die erfolgreiche Ansiedlung von Firmen und vielen Wissenschaftlern und ihren Familien verlief bisher als harmonischer, aufbauender Prozeß.

Campus Berlin-Buch: Zufahrt
Campus Berlin-Buch: Zufahrt Karower Chaussee – unmittelbar rechts ist die Baufläche des Container-Dorfes

Doch die überraschende Ansiedlung eines Flüchtlingsheims in Form eines Container-Dorfes an der Karower Chaussee bringt nun viele Bürgerinnen und Bürger in Berlin-Buch auf. Auch in Kreisen von Firmen, Immobilienentwicklern und Investoren ist man verstimmt, ohne jedoch ein offenes Wort zu führen. Hauptgrund: die bisher mühsam aufgebaute Planungssicherheit für die miteinander verzahnten Vorhaben ist in Frage gestellt worden.
Hinter den Kulissen wurde noch Vieles versucht, um andere freie Objekte und Standorte zu offerieren – doch das vom LaGeSo vorbereitete Projekt war schon zu weit vorbereitet.

Provisorium vor der Haupteinfahrt zum Campus Buch

Städtebaulich wird nun ein Provisorium mitten in die Fläche gestellt und nachts geschützt und geschlossen, die eigentlich zum Dreh- und Angelpunkt einer städtebaulichen und sozialen Integration zwischen dem Campus Buch, dem Neubaugebiet an der Karower Chaussen und dem Zentrum am S-Banhof werden sollte.

Container-Unterkunft in Köpenick
Container-Unterkunft in Berlin-Köpenick

Planungsprozesse und Bürgerbeteiligung wurden in Vorjahren eingeleitet

Das Bezirksamt Pankow und namentlich der Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung Jens-Holger Kirchner haben in den letzten Jahren einvernehmlich versucht, die Bürgerinnen und Bürger stärker in die kommende Planung einzubeziehen.
Dabei sind im Ortsteil Buch viele städtebauliche Probleme zu bewältigen, die sich durch das weiträumige Nebeneinander von sehr unterschiedlichen Siedlungskomplexen bestehen.
Der Bucher Bürgerverein hat dabei viel ehrenamtliche Arbeit und Engagement gezeigt. In einer Befragung im letzten Jahr wurden im Bucher Bürgerfourm auch über 200 Vorschläge für die Verbesserung von Stadtentwicklung und Wohnumfeld gesammelt. Sie sollten ursprünglich im November mit einer Auswahl von 50 Vorschlägen öffentlich vorgestellt werden.

Besonders fatal: einige der Vorschläge und auch Investorenabsichten betreffen die Fläche entlang der Karower Chaussee, und sind nun mindestens teilweise obsolet geworden.

Das über die Bürgerbeteiligung aufgebaute Vertrauen ist durch die überraschende Entscheidung schwer enttäuscht worden.

Überraschende Planung für das Flüchtlingsheim

Die für Pankow überraschende Initiative des für Flüchtlingsunterbringung zuständigen Senators für Gesundheit und Soziales, Mario Czaja (CDU), in Buch ein weiteres Flüchtlingsheim einzurichten, hat sämtliche bereits begonnenen Abstimmungen und Planungen überlagert, aber auch die entstandenen Hoffnungen und Pläne der Akteure vor Ort enttäuscht.
Auch das Pankower Bezirksamt wurde zuerst überrascht, und die aufkommenden Proteste sorgten zuerst für ernste Besorgnis, wie die Lage vor Ort vernünftig zu regeln sei.

Die aus übergeordneten Gründen bestehende Pflicht für das Land Berlin, den notwendigen Bedarf für die Flüchtlingsunterbringung zu sichern, hat in Buch eine besonders schwierige Situation geschaffen.

Rechtsextremer Protest

Rechtsextreme Akteure versuchten hieraus Kapital zu schlagen und organisierten Protest, eröffneten Facebook-Seiten. Schon seit geraumer Zeit gibt es tätliche Angriffe gegen Informationsstände der Parteien. Sachbeschädigungen und Angriffe auf den Bauzaun wurden von einigen Aktivisten unternommen.

Anders als im dichtbesiedelten Ortsteil Pankow oder in Prenzlauer Berg, wo zwei gut vorbereitete Flüchtlingsheime eingerichtet und mit Hilfe von Unterstützerinitiativen integriert wurden, ist der Ortsteil Buch nur dünn besiedelt. So war es auch notwendig, dass die örtlichen Vertreter von SPD, Bündnis 90/Grüne, DIE LINKE und Piratenpartei Unterstützung aus allen Pankower Ortsteilen organisierten.

Zudem stellt sich heraus, dass die Polizei zu lange Anfahrtzeiten hat – die Polizeipräsenz reicht nun nicht mehr vor Ort aus.

Diebstahl der Kupferdachdeckung an der Schloßkirche

Der zweimalige dreiste Diebstahl von Teilen der Kupferdachdeckung der Schloßkirche hat im Jahr 2014 besondere Folgen, weil der jeweils angerichtete Schaden nicht nur materieller Natur ist. Ruhe und Sicherheitsgefühl sind damit zugleich empfindlich beschädigt worden.

Engagement der Parteien und fatale Wirkungen der Proteste

Die Aktivitäten einiger Neonazis haben in Berlin-Buch ein Klima ideologischer Auseinandersetzung geschaffen. Mehreren Aufzüge, Gegendemonstrationen und regelmässige Informationsstände der Parteien SPD, Bündnis 90/Grüne, DIE LINKE und Piratenpartei haben dazu beigetragen, dass die rechten Proteste abgeflaut sind.
Doch es gibt eine fatale Nebenwirkungen: Der Ruf von Berlin-Buch als Gesundheitsstandort und als Innovationszentrum droht damit durch einige wenige Extremisten immer wieder neue Schlagzeilen beschädigt zu werden. Buch wird plötzlich als Konfliktzone wahrgenommen.
Dabei wird leicht übersehen: die Aktivitäten der rechtsextremen Randgruppe von nur 5-10 Personen rücken einen ganzen Ortsteil in ein schiefes Licht, und gefährden das Investitionsklima und Arbeitsplätze.

Internationaler Wissenschaftsstandort

Berlin-Buch ist schon lange internationaler Wissenschaftsstandort, Tochterunternehmen in der ganzen Welt werden inzwischen von Buch aus geführt. Im Campus, und Kliniken und im MDC wird längst „Diversity-Management“ praktiziert: Wissenschaftler und Arbeitskräfte aus vielen verschiedenen Nationen sind hier verbunden, eingebunden und integriert – oder angestellt.
Auch in Kreisen der Investoren gibt es eine große Weltoffenheit – und so manche Familie kauft sich in Buch mit Wohnung oder Haus auch ein Stück neue Heimat, und möchte sich hier integrieren.

Die Debatte um das Flüchtlingsheim hat in Buch aufgrund der Proteste eine wichtige Debatte verhindert: „Ist es sinnvoll, ein Provisorium an zentraler Stelle an einem für ganz Berlin wichtigen Innovationsstandort zu errichten?

Das mühsam aufgebaute Leitbild von Berlin-Buch: „Im Mittelpunkt: der Mensch“ – droht nun durch tausend andere Dinge in Frage gestellt zu werden. Für die nächsten Jahre heißt es nun womöglich: „Im Mittelpunkt der Container – in dem Menschen untergebracht sind!“.

Standort der Container-Untekunft an der Karower Chaussee
Standort der Container-Untekunft an der Karower Chaussee vor der Rodung

Rodungsarbeiten haben begonnen

Die Rodungsarbeiten auf der Fläche an der Karower Chaussee haben am 7.1.2015 begonnen. Mitte Februar sollen nun drei Containerbauten errichtet werden, die im Grundriß so etwas wie einen „Campus-Charakter“ haben. Das Gelände soll tagsüber auch über die gewohnte Durchwegung des Fußweges zwischen Alt-Buch und dem Campus-Buch zugänglich sein. Nachts soll es aus Sicherheitsgründen geschlossen bleiben.

Das Bezirksamt Pankow hat sich mit allen Stadträten in einem Brief an die Bucher Anwohnerinnen und Anwohner gewandt, und stellt sich nach anfänglicher Überraschung hinter die Inititive des LaGeSo, die Containerunterkunft am geplanten Standort zu errichten.

Das Bezirksamt Pankow hat unmittelbar zu Jahresbeginn ein Informationsschreiben – Link veröffentlicht.

In dem Schreiben wird noch einmal umfassend erklärt, warum die Unterkunfts errichtet werden muß. Zugleich wird um Unterstützung geworben.

Der Grundrißplan der Containerunterkunft wurde bereits in der aktuellen Ausgabe des Bucher Boten veröffentlicht (Top-Thema: Baubeginn im Januar).

Veränderte Planung erforderlich

Bisherige Planungen für die Fläche der ehemaligen Brunnengalerie werden durch den Bau der Containerunterkunft zumindest teilweise obsolet. Noch im letzten Jahr hatte Stadtrat Kirchner die Planungsabsichten in einem Interview geäußert. Als Nutzungen sollten „Gewerbegebiete, private oder öffentliche Grünflächen und Verkehrsflächen festgesetzt werden, und nur eine noch genauer zu bestimmende Teilfläche sollte für eine Überbauung mit Gebäuden zur Verfügung gestellt werden.

Kirchner sagte: „Da beziehe ich mich auch auf die städtebauliche Grundlagenuntersuchung und auf das darin entwickelte städtebauliche Leitbild. Es ist gewünscht, dass die neue Bebauung sich durchgängig linienhaft parallel zur Karower Chaussee entwickeln soll. Wegen eines vorhandenen nicht überbaubaren Leitungsbestandes der Berliner Wasserbetriebe soll sie ca. 45 bis 50 m von der Karower Chaussee zurücktreten.

Die »hintere« westliche Grenze der neuen Bebauung soll so gewählt werden, dass ein gebührender Abstand zur bestehenden Wohnbebauung bzw. zu den Kita-Grundstücksgrenzen entsteht. Die Höhe der Bebauung soll grundsätzlich auf vier Geschosse begrenzt werden. Bei Geschosshöhen von 3,5–4 m ergeben sich Gebäudehöhen zwischen 14,50 und 16,50 m. Damit könnte die neue Bebauung etwa
so hoch wie die angrenzenden 5-geschossigen Wohngebäude werden. Ausnahmen könnten die baulichen Schwerpunkte an den nördlichen und südlichen End-Punkten sowie der Mittel-Punkt der Gesamtanlage bilden, hier sind etwas höhere Gebäude denkbar. Insbesondere im Bebauungsplanverfahren, sollte der Rahmen konkreter bestimmt werden.

Auch zur Gestaltung der Grünflächen gab es Vorstellungen: „Entlang der Karower Chaussee ist ein unbebauter Freiraumstreifen geplant. Der auf der Fläche vorhandene Baum- und Gehölzbestand soll weitgehend erhalten bleiben.“

Die Container-Unterkunft stellt nun alle diese Überlegungen für eine ganze Zeit von 5-10 Jahren in Frage. Für das Zentrum von Berlin-Buch ergibt sich nun ein verändertes Bild: „Im Mittelpunkt: der Mensch & die Container“.

Die Frage, wie Investoren und Anrainer im Campus-Buch mit der veränderten Außenwirkung umgehen sollen, muß nun offen diskutiert werden. Es geht nicht nur um die Frage „Zukunft des Wissenschaftsstandortes“, sondern auch um sensible Fragen wie Vertrauensschutz und Planungssicherheit für Investitionen.

Auch wenn es derzeit massive Verärgerung gibt “ Wir sind fertig mit der Pankower Politik! (O-Ton), muß eine kreative Antwort gefunden werden, die neu in die Zukunft weist, und das „Bild vom Mensch“ wieder in den Mittelpnkt rückt.

Berlin-Buch: Vitruv "Der Mensch" und 1000 kleine Dinge
Berlin-Buch: Vitruv „Der Mensch“ und 1000 kleine Dinge

Vorinformation:
Der Bürgerverein Buch trifft sich am 21.1.2015

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m/s